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Heinrich Tischner Fehlheimer Straße 63 64625 Bensheim |
Samuel, Saul, DavidDer historische Hintergrund der Samuelsbücher |
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I. Das deuteronomistische Geschichtswerk 2. Mündliche Überlieferung allgemein 3. Tendenziöse Geschichtsschreibung a. Die drei Abschnitte der Davidserzählung b. Unterschiedliche Interessen 1. Die Herausforderung durch die Philister c. Berufssoldaten statt Volkssturm d. Kavallerie statt Infanterie 2. Israel muss auf die Herausforderung reagieren. 3. Samuel, Saul und Jonathan – Konflikt zwischen alter und neuer Zeit |
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Im "Spiegel"
52/2002 "Der leere Thron" behauptet Matthias Schulz unter Berufung auf
neuere Veröffentlichungen, das Alte Testament sei wahrscheinlich erst in
der Zeit der Makkabäer (vorchristliches 2er-Jahrhundert) geschrieben und
die darin erzählte biblische Geschichte mehr oder weniger frei erfunden. I. Das deuteronomistische Geschichtswerk
Die ältere
Forschung behauptet, die Bücher Josua, Richter, Samuel, Könige seien unter
Verwendung älteren Materials im babylonischen Exil (5er-Jahrhundert) entstanden. Nach dem Untergang des jüdischen Staates und dem
Verlust des ersten Tempels hätten sich jüdische Gelehrte in Babylonien
gefragt, wie es denn zu dieser Katastrophe kommen konnte: Warum hat sich
Jahwe von seinem Bundesvolk abgewendet? Die Antwort lag auf der Hand: Weil
Israel wieder und wieder die Bundesvereinbarungen gebrochen hatte. Die
Propheten hatten ja lange genug gemahnt und die Katastrophe angekündigt. 1. Schriftliches MaterialDas Deuteronomistische Geschichtswerk ist nicht frei erfunden, sondern basiert auf älterem schriftlichem Material, das an einigen Stellen sogar ausdrücklich genannt wird wie das "Buch des Redlichen" (Jos 10,13) oder die offiziellen Königschroniken (z.B. 1. Kön 22,39). Leider sind uns diese Werke nicht mehr erhalten. Dagegen hat der moabitische König Mescha den in 2. Kön 3 berichteten Krieg auf einem eigenen Gedenkstein aus seiner Sicht verewigt und von König Jehu gibt es sogar ein Bild auf einer assyrischen Siegessäule. Das ist allerdings wenig im Verhältnis zu dem, was uns die biblische Überlieferung erzählt 2. Mündliche Überlieferung allgemeinEin großer Teil der israelitischen Geschichte beruht wohl auf mündlicher Überlieferung, die zum Teil märchen- oder sagenhaft ausgeschmückt ist. a. David und Goliat
Märchenhaft ist
die bekannten Erzählung von David und Goliat (1. Sam. 17): die
übertriebenen Angaben über die Größe des Philisters (über 3 m) und seine
Bewaffnung (7 kg Eisen an einer Waffe unbekannter Art) zeigen, dass die
Geschichte nicht ganz so geschehen sein kann, wie sie da steht. b. UnstimmigkeitenDass die Erzählungen des deuteronomistischen Geschichtswerkes nicht alle aus einem Guss sind, sehen wir an vielen Unstimmigkeiten. Beispiele:
Es gibt Menschen, die sehen in diesen Unstimmigkeiten einen Beweis dafür, dass die biblischen Erzählungen nicht wahr sind. Ich erkenne darin eher einen Beweis, dass das Deuteronomistische Geschichtswerk nicht in später Zeit von irgendeinem Märchenerzähler erfunden wurde, sondern dass es eine Menge altes, z. T. authentisches Material enthält, das von dem Geschichtsschreiber nur zusammengetragen und rezensiert wurde. 3. Tendenziöse Geschichtsschreibunga. Die drei Abschnitte der Davidserzählung
Der
Deuteronomist stilisiert David als Mann nach dem Herzen Gottes und
Idealkönig, der kompromisslos auf der Seite Gottes stand und mit dem Gott
war. i. Wie David König wurdeDer 1. Teil berichtet, wie seine steile Karriere am Hof plötzlich zu Ende ist. David muss fliehen, wird von Saul verfolgt und schlägt sich erst als Räuberhauptmann, dann als Söldner der Philister durch. Bis schließlich das Wirklichkeit wird, was mit seiner Salbung durch Samuel vorprogrammiert war, vergeht eine lange und frustrierende Zeit. ii. Wer soll Davids Nachfolger werden?Auf dem Höhepunkt seiner Kariere, passiert die unrühmliche Geschichte mit Urija und Batseba und dann beginnt schon wieder Davids Abstieg: Er hat mit seinen Söhnen Pech. Absalom ermordet den Thronfolger Amnon, wird verbannt und später begnadigt, macht einen Putsch und kommt dabei ums Leben. Kurz darauf putscht auch sein Bruder Adonija. Erst kurz vor seinem Tod lässt sich David dazu überreden, Salomo, den Sohn Batsebas, zum Nachfolger zu bestimmen. Im beiden Abschnitten erscheint David als gutmütiger Mensch, der Geduld hat – im zweiten sogar als Schwächling, der sich gegenüber seinen eigenen Söhnen und den Ministern nicht durchsetzen kann. iii. Wie schon David den Tempelbau vorbereiteteIn einem 3. Abschnitt wird berichtet, wie David Jerusalem zu seiner Hauptstadt machte, den Platz für den Tempel fand, den Tempelbau plante und die fast vergessene Bundeslade nach Jerusalem brachte. b. Unterschiedliche Interesseni. Deuteronmist
Ich könnte mir
vorstellen, dass der Deuteronomist und seine Zeitgenossen Interesse hatten
sowohl an der Königsgeschichte selbst als auch an der Geschichte, wie der
Tempel in Jerusalem entstanden ist. Denn beides hatten sie ja durch die
Katastrophe verloren. ii. zeitgenössischer Hofbiograph
In der
Geschichte von Davids Aufstieg wird gezeigt, wie der bereits zum König
gesalbte und unschuldig verfolgte David peinlichst alles unterlässt, was
den Eindruck zu erwecken könnte, er wolle an Sauls Stelle treten. Er
verschont ihn nicht nur in der Höhle, wo seine Kameraden meinten: "Heute
hat ihn Jahwe in deine Hand gegeben", sondern er will auch vermeiden, dass
er mit den Philistern gegen Saul kämpfen muss. Er dichtet ein Klagelied
nicht nur über seinen Freund Jonathan, sondern auch über Saul. Er lässt
den vorgeblichen Überbringer der Krone als Königsmörder hinrichten. Er
gewährt schließlich dem letzten überlebenden Sohn Sauls eine Rente. iii. Die Geschichten stammen wirklich aus dem 9er-Jahrhundert.Die Hofbiographen Davids und Salomos hatten ein verständliches Interesse, die Herrschaft der beiden Könige zu legitimieren. 500 Jahre später standen die historischen Fakten fest. Die Judäer konnten sich nicht mehr vorstellen, dass jemand anders als ein Nachkomme Davids auf dem Thron in Jerusalem saß. Seine Herrschaft galt als von Gott eingesetzt. Sogar die Babylonier respektierten diesen Glauben und setzten einen Nachkommen Davids als Statthalter ein. Was hätten also die Juden im Exil für Interesse gehabt, 500 Jahre später Argumente für einen längst anerkannten Zustand zu suchen? Das scheint mir tatsächlich dafür zu sprechen, dass die Geschichten vom Aufstieg Davids und von den Querelen um die Thronfolge schon zur Zeit Davids und Salomos niedergeschrieben wurden. Ich betrachte sie daher als Geschichtsquellen, die denselben historischen Wert haben wie Original-Inschriften auf Stein. II. Der historischen Kern1. Die Herausforderung durch die Philistera. Die Philister
Die Philister
gehörten zu den so genannten Seevölkern, die um 1200 aus der Ägäis in
Ägypten einfielen und von den Ägyptern in einer verlustreichen Seeschlacht
besiegt wurden. Die Philister setzten sich daraufhin mit ägyptischer
Erlaubnis in fünf Städten der südlichen Küstenebene (heutiger
Gaza-Streifen) fest. Ihre fünf Stadtkönige arbeiteten eng zusammen. Durch
ihren politischen Zusammenhalt und ihre überlegene Technologie waren sie
den bronzezeitlichen Ureinwohnern des Landes überlegen, die in einander
konkurrierenden Städten lebten. Auch die bronzezeitlichen israelitischen
Bauern, die
nur auf Stammesebene organisiert waren, bekamen bald die Übermacht ihrer
neuen Nachbarn zu spüren. b. Eisen statt BronzeDie Seevölkerwanderung war wohl durch eine Katastrophe ausgelöst worden, durch die auch der von den Kretern beherrschte Seehandel zusammenbrach. Da das für die Bronze benötigte Zinn aus Cornwall importiert werden musste, wurden die Rohstoffe knapp und die Menschen mussten sich nach und nach von Bronze auf Eisen umstellen. Die Philister kannten bereits das Eisen, als sie in Palästina einfielen und nahmen sofort das Eisenmonopol in Anspruch, wie aus 1. Sam 13,19-21 hervorgeht.
c. Berufssoldaten statt Volkssturm
Die Philister
bildeten in ihren fünf Städten wahrscheinlich nur die Oberschicht, während
die Masse der Bevölkerung aus Kanaanäern bestand. Von diesen Ureinwohnern
übernahmen die Philister die Sprache und die Stadtkultur; nur mit dem
Unterschied, dass die Städte zusammenhielten und dass die herrschende
Schicht wie in anderen indogermanischen Gemeinschaften aus berufsmäßigen
Kriegern bestand (vgl. 1. Sam 17,33). d. Kavallerie statt Infanterie
Die
pferdebespannten Streitwagen waren schon Mitte des 1er-Jahrtausends
eingeführt worden. Auch die kanaanäischen Städte setzten diese neue Waffe ein. Sie taugte
aber nur in der Ebene, nicht im Gebirge, wo die Israeliten lebten. Diese
konnten sich keine Kavallerie leisten und begnügten sich noch zur Zeit
Davids mit Fußtruppen. Noch David hatte keine Verwendung für erbeutete
Pferde und machte sie unbrauchbar, indem er ihnen die Fußsehnen
durchschneiden ließ (2. Sam 8,4). Erst Salomo führte die Kavallerie in
Israel ein. 2. Israel muss auf die Herausforderung reagieren.
Wie aus den
Büchern Josua und Richter hervorgeht, konnte Israel in der Frühzeit von
Fall zu Fall mit den überlegenen Truppen der Nachbarvölker fertig werden
und auch ein paar Mal eine Streitwagenarmee besiegen. 3. Samuel, Saul und Jonathan – Konflikt zwischen alter und neuer Zeita. SamuelWelche Rolle Samuel tatsächlich spielte, lässt sich schwer sagen. Die Quellen stellen ihn uns in unterschiedlicher Weise vor
Priester war er wohl, kaum, obwohl er am Heiligtum in Silo groß geworden
ist. b. SaulWie Saul König wurde, wird in mehreren Erzählungen ganz unterschiedlich dargestellt:
Dass Könige bei
Regierungsantritt öffentlich von einem Priester gesalbt wurden, war später
die Regel. Als dagegen der Offizier Jehu von einem ungenannten Propheten
heimlich zum König gesalbt wurde, kam es zu einem Staatsstreich. Jehu
besetzte die Hauptstadt, ließ die bisherige Dynastie ermorden und bestieg
selbst den Thron. (1. Kön 9+10) Im Nordreich Israel waren es immer wieder
oppositionelle Propheten, die ihre Favoriten salbten und solche Umstürze
anzettelten. Es könnte also sein, dass ein späterer Geschichtsschreiber
dachte, das sei auch bei Saul und David der Fall gewesen. Nur dass Saul
keinen Vorgänger hatte, den er hätte stürzen können, und dass David sich
peinlichst vor allem hütete, was nach einem Putsch aussah. c. Der KonfliktDer erste König Saul gerät in Konflikte mit den Vertretern der alten und der neuen Zeit:
Er gerät mit Samuel aneinander, weil sich Saul nicht mehr an die alten
Regeln der Kriegsführung hält und Beute macht statt alles, was ihm in die
Hände fällt, zu vernichten (1. Sam 15). Im alten Israel hatte diese Regel
einen guten Sinn, denn wenn man keine Beute machen darf, rentiert sich der
Krieg nicht. Daher hat sich Israel in der Richterzeit immer nur verteidigt
und keine Eroberungszüge gemacht. Saul gerät aber auch mit seinem Sohn Jonathan aneinander, weil er seine Kriegsführung noch weiter modernisiert und sich nicht um unsinnige Fastengelübde während der Schlacht kümmert und damit beinahe sein Leben riskiert. (1. Sam 14).
Saul ist aber
wohl nicht an diesem Konflikt gescheitert, sondern er hatte auf die Dauer
gegen die Philister kein Glück und kam schließlich samt seinen Söhnen bei
einer schweren Niederlage um. 4. Davida. Sein LebenAuch von David werden mehrere Geschichten erzählt, wie es dazu kam, dass er König wurde:
Ganz schnell
schlägt aber die anfängliche Sympathie in Hass um und David muss in die
judäische Wüste fliehen. Dort wird er Anführer einer Schar von Desperados
(1. Sam 22,2) und erpresst von den Bauern im Grenzgebiet Schutzgelder (1.
Sam 25). Dass Saul ihn jetzt als Räuber und Terrorist jagt, kann man
verstehen. David fühlt sich bald auch in der Wüste nicht mehr sicher und
heuert mit seiner Räuberbande bei den Philistern als Söldner an. Er führt
künftig seine Raubzüge nicht mehr auf eigene Rechnung, sondern im Dienst
der Philister, versäumt es aber nicht, die Ältesten von Juda an der Beute
zu beteiligen. Als es dann schließlich zum Krieg gegen Saul kommt, trauen
die Philister ihrem Vasallen nicht und verzichten auf seine Mithilfe. b. Zweifel an David
Nicht nur in
dem Spiegelartikel wurden Zweifel laut, ob es dieses Großreich von David
und Salomo tatsächlich gab und ob die beiden Könige überhaupt gelebt
hätten. i. Archäologische Gegenbeweise
Es ist also falsch, dass es keine archäologischen Beweise für David und Salomo gebe. ii. Historische Gegenargumente
Es ist doch
merkwürdig, dass Israel ein Land beansprucht, dass es nur zur Zeit Davids
und Salomos in diesem Umfang besessen hat. Wie kommt es aber auf diese
Gebietsansprüche, wenn es das Großreich Davids gar nicht gab? Fragen wir uns weiter: Wieso konnte David ein solches Großreich aufbauen, das es erst wieder unter Herodes d. Gr. gab? Das Heilige Land liegt in einem Gebiet, das in vorchristlicher Zeit sowohl von Ägypten als auch von den Großmächten in Mesopotamien (Assyrien, Babylonien, Persien) beansprucht wurde. Um 1.000 (Zeit Davids) waren aber beide Großmächte geschwächt, so dass David und Salomo die einmalige historische Chance nutzen konnten, ein eigenes Reich zu gründen. iii. Abstriche am überlieferten Geschichtsbild
Wahrscheinlich
müssen wir einige Abstriche am überlieferten Geschichtsbild machen. David
hat sicher nicht die Nachbarvölker so unterworfen, wie wir's uns heute
vorstellen, dass er die Länder besetzt und seinem eigenen Reich
einverleibt hätte. Vielmehr hat er sie in mehreren Kriegen besiegt und gezwungen, Tributleitungen zu entrichten. Bei der nächsten Gelegenheit
fielen sie wieder ab und stellten die Zahlungen ein. Mehr hat die
Oberherrschaft ja gar nicht bedeutet. |
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Datum: 2003 / 2005 Aktuell: 11.07.2010 |
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