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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Lukas 2,1-15

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Beachte den Unterschied zwischen den Geburtsgeschichten bei Lukas und Matthäus (1,18-25):

  • Nach Lukas wohnen die Eltern in Nazareth und kommen durch die Steuerschätzung nach Bethlehem.

  • Nach Matthäus dagegen wohnen die Eltern in Bethlehem und kommen erst aus Furcht vor dem Herodes-Nachfolger Archelaus nach Nazareth.

Dieser Widerspruch zeigt, dass sich beide Evangelisten auf keine authentische Tradition berufen können.

Vorgegeben ist nur 1) der Beiname Jesus Nazoräer oder Nazarener sowie die Überlieferung, dass Jesus aus dem galiläischen Dorf Nazareth stammte und 2) das aus Mi 5,1 abgeleitete Dogma, dass der Messias aus dem judäischen Dorf Bethlehem, der Heimat Davids, stammen müsse. Vgl. Jh 1,46: "Kann aus Nazareth etwas Gutes kommen?".

Lukas und Matthäus versuchen also, jeder auf seine Weise, die Nazareth-Tradition mit dem Bethlehem-Dogma in Einklang zu bringen.

1+2  Die historischen Angaben[1] zeigen, dass Lukas Geschichte schreiben will. Jesus von Nazareth war nicht ein beliebiger Mensch, der zufällig im Jahr der "Schätzung" geboren ist; sondern sein ganzes Leben wird im weltgeschichtlichen Zusammenhang gesehen:

Augustus: römischer Kaiser von 31 v. bis 14 n. Chr., schenkte dem römischen Reich eine Ära inneren Friedens.

Cyrenius = Publius Sulpicius Quirinius, hatte zwischen 12 v. und 16 n. Chr. verschiedene Ämter im Orient inne. Unter anderem hat er die erste römische Steuererhebung in der neuen Provinz Judäa 6/ 7 n. Chr. organisiert, nicht als Statthalter, sondern als Sonderbeauftragter. Lukas berichtet sich in Apg 5,37 von einem Aufstand aus Anlass dieser Maßnahme. Er verwechselt diese erste Registrierung der Provinzbewohner (griech. apographḗ, lat. descriptio) mit einer routinemäßigen Steuerschätzung (lat. census aller römischer Bürger[2] im Jahr 8 v. Chr.

Lukas versucht also, ein Menschenleben später die Geburt Jesu zu datieren und hat sich dabei vertan. Man muss ihm zugute halten, dass es damals noch keine Geschichtsbücher gab, in denen er hätte nachschlagen können.

3      Jeder musste sich in seinem Geburtsort in die Steuerliste eintragen lassen. Somit erklärt sich, wie Jesu Eltern nach Bethlehem kamen.

4      Bethlehem war die Geburtsstadt Davids. Da Jesus als Nachkomme Davide galt,[3] mussten seine Eltern nach Bethlehem wandern (ca. 110 km Luftlinie).

7      Nach einer alten Tradition wurde Jesus in einer Höhle bei Bethlehem geboren, von denen es dort eine Anzahl gibt. Die Höhlen wurden auch als Notunterkünfte und Viehställe benutzt (daher die Krippe).

Im Jahr 326 unternahm die hl. Helena, die Mutter Konstantins d. Gr., eine Wallfahrt ins Heilige Land, wo sie den Bau der Geburtskirche in Bethlehem veranlasste, Diese Kirche soll an der Stelle gebaut sein, wo Jesus geboren ist. Das lässt sich natürlich nicht nachprüfen und ist wie alle Lokaltraditionen kritisch zu betrachten.

Dass in der Höhle bzw. dem Stall ein Ochs und ein Esel gewesen sein soll, geht auf Jer 1,3 zurück: "Der Ochse kennt seinen Meister und der Esel die Krippe seines Herrn; aber Israel hat keine Einsicht, mein Volk hat keinen Verstand" Diese Verse wurden später auf Jesus gedeutet.

Herberge: Griech. katályma 'Quartier auf einer Reise, Festsaal'[4] ist zu unterscheiden von der professionellen "Herberge des Barmherzigen Samariters" (pandokheîon), die von einem 'Wirt' (pandokheús) betrieben wurde.[5] Die Eltern Jesu waren also irgendwo untergekommen und mussten ihr Kind in die Krippe legen, weil in ihrem Quartier sonst kein Platz war.

Es heißt übrigens wörtlich nicht "in eine Krippe", sondern "in die Krippe". Das liest sich so, als hätten Lukas und seine Leser eine Vorstellung, worum es sich handelte.

Es kann also keine Rede davon sein, dass Bethlehems Gasthäuser von Leuten überfüllt waren, die alle ihre Steuererklärung abgeben mussten, und dass Maria und Joseph mit einem Kuhstall vorlieb nehmen mussten. So wird es ja auf Bildern und in Krippenspielen dargestellt. Dennoch hat auch diese Deutung ihren tiefen Sinn: Sie ist die Illustration von Jh 1,11 "Er kam in sein Eigentum und die Seinen nahmen ihn nicht auf."

8      Die Hirten gehörten zum "Landvolk" (ʕam háʔáräṣ), dem Proletariat der damaligen Zeit. Sie waren nicht die Besitzer der Herden und mussten hart arbeiten. Sich mit dem Gesetz zu beschäftigen, hatten sie keine Zeit und wurden deshalb von den Frommen verachtet.[6] Außerdem galten die als Betrüger.

9      Der "Engel des Herrn" ist im Alten Testament eine Erscheinungsform Gottes. Er tritt überall da auf, wo der Erzähler Gott nicht direkt eingreifen lassen wollte.

"Herr" ist die jüdische Umschreibung des Gottesnamens Jahwe. Da der Missbrauch dieses Namens verboten war, hüteten die Juden sich auch vor dem Gebrauch des Namens und umschrieben ihn mit "Herr" (hbr. Adonáj, von Luther durch zwei Großbuchstaben gekennzeichnet: "der HErr"); aber auch mit "Himmel", "die Wohnung" (šekinâ) oder "der Name" (Še).

"Lichtglanz des Herrn" (Luthers Klarheit): griech dóxa, hbr. kábôd = 1) Ehre, Ruhm (Glorie), 2) Glorienschein. Die sonst gebräuchliche Übersetzung der biblischen Ausdrücke als Herrlichkeit[7] bezeichnet die sichtbaren Zeichen der Macht, etwa den zur Schau gestellten Reichtum, das große Aufgebot an Personal.

Lichtglanz ist im Alten Testament eine Begleiterscheinung Gottes.[8]

Der Heiligenschein (Nimbus), mit dem in der Kunst Gott, Christus, die Engel und Heiligen ausgestattet sind, stammt nicht aus dem Alten Testament sondern aus der heidnischen Kunst: die griechischen Götter und römischen Herrscher waren durch eine Strahlenkrone ausgezeichnet.

10    "Ich verkündige euch große Freude": hier steht im griech. Text euangelíżomai, ein Wort, das von euangélion 'Evangelium abgeleitet ist. Als Evangelium 'frohe Botschaft' galten im weltlichen Bereich z. B. eine Siegesbotschaft oder die Nachricht von dem Regierungsantritt eines Herrschers.

Im Neuen Test5ament hat euangélion zweierlei Bedeutungen: 1) Fachausdruck für das, was Jesus zu sagen hatte. 2) Bericht über das, was Jesus sagte und tat.

Heiland ist im heutigen Sprachgebrauch zu einem veralteten Beinamen Jesu erstarrt und wurde bis vor kurzem besonders im Umgang mit Kindern gebraucht. Ursprünglich bedeutete das Wort soviel wie 'der Heilende, Heil Schaffende'. Im griech. Text steht sōtḗr 'Retter'. Damit soll der Name Jesus[9] erläutert werden. Sōtḗr erinnert aber auch an den antiken Herrscherkult: es wurde teils als Beiname, teils als Ehrentitel der Herrscher verwendet. Insofern lag in der Anwendung auf Jesus eine Spitze gegen den Herrscherkult. Das bekamen die Christen dann auch zu spüren: Hauptanlass der alten Christenverfolgungen war, dass sich die Christusgläubigen weigerten, den Herrscherkult mitzumachen

Sachgemäße Übersetzung für sōtḗr wäre heute etwa Befreier. Dieses Wort kann politisch und religiös verstanden werden, während Retter zu sehr an den Helfer aus unmittelbarer Lebensgefahr erinnert.

Christus der Herr: Eines der ältesten Bekenntnisse der Christenheit heißt: "Herr ist Jesus"[10]. Damit ist nicht nur gesagt, dass die Kirche Jesus als höchste Autorität anerkennt. "Herr" ist auch ein Gottestitel, den man vielen Göttern zugelegt hat: nicht nur dem jüdischen Jahwe, sondern auch den heidnischen Fruchtbarkeitsgöttern Baal 'Herr, Besitzer' und Adonis 'Herr, Gebieter' und den verschiedenen Staatsgöttern. Auch der Kaiser maßte sich den Titel "Herr" an.

Christus ist hier nicht Eigenname, sondern ebenfalls Titel: griech. kʰrīstós = aram. mešîḥâ = griech. messías = der Gesalbte. Dies war ein Königstitel (vgl. die Inschrift am Kreuz). In besonderer Weise gebrauchte man diesen Titel von einem noch zu erwartenden Herrscher, der den Staat Israel zu neuer Blüte bringen und ein Friedensreich auf Erden schaffen wird. Messias nannten sich verschiedene Anführer von jüdischen Befreiungsbewegungen; die bekanntesten sind Simon Barkochba (um 100 n. Chr. gegen die Römer) und Sabbatai Zewi (16"-Jh. gegen die Türken). Dies zeigt deutlich, wie der Messiastitel zu verstehen ist.

Auch Jesus hat man den Messias genannt, was auf irgendwelche politischen Erwartungen hindeutet. Dieses Wort bekam aber bald den allgemeinen Sinn 'Heilbringer'. Wollte man Christus übersetzen, müsste man sagen "Jesus der Heiland."

Die Juden erkennen heute keinen der vielen Messiasse an, weil diese alle gescheitert sind, und warten immer noch auf den Messias. Jesus kann in ihren Augen nicht der Messias sein, weil das kirchliche Jesusbild ganz und gar unpolitisch ist und Jesus auch nicht den Erfolg hatte, den man von einem Messias erwartet.

Manche Ausleger nehmen an, dass statt der in diesem Zusammenhang etwas ungewöhnlichen Wendung "Christus der Herr" zu lesen sein müsste: "der Gesalbte des Herrn" (Gottes).

12    Zeichen: 1) Die Jesus beigelegten Titel "Messias", "Befreier", "Herr" geben vielleicht Anlass zu falschen Vorstellungen. Darum ist das "Zeichen" nötig" Der lang ersehnte Heilsbringer ist ein ganz gewöhnliches Baby in armseligen Verhältnissen und auf einer Reise geboren.

2) Das Zeichen erinnert aber auch an Jes 7,14: Ein neugeborenes Kind soll das Zeichen dafür sein, dass Gott zu seinem Wort steht. – Das von Jesaja angekündigte Zeichen ist also in der Person Jesu da.

13    Die "himmlischen Heerscharen" sind eigentlich nicht die Engel, sondern die Sterne. Lukas erwähnt Apg 7,42 das "Heer des Himmels", dem die alten Israeliten in ihrer Abgötterei gedient hatten. In der Weihnachtsgeschichte hat das himmlische Heer eine positive Bedeutung: Sie loben Gott.[11]

Das "Gloria" ist Bestandteil der Liturgie. Eine ähnliche Wendung finden wir Kap. 19,38: "Im Himmel(?) Frieden und Ehre in den Höhen".

Der Wortlaut des Glorias ist nicht eindeutig. In der katholischen Übersetzung stand früher am Schluss: "den Menschen, die guten Willens sind," heute in der Einheitsübersetzung "bei den Menschen seiner Gnade". Wörtlich: "bei den Menschen des Wohlgefallens" oder nach anderer Textüberlieferung "den Menschen ein Wohlgefallen," so auch die Lutherübersetzung.

Der ursprüngliche Sinn dieser Wendung lässt sich aus den Qumrantexten erschließen: Dort meint aramäisch benê reʕûtâ, 'die Söhne des Wohlgefallens', die Israeliten oder die Qumranleute.

In der Weihnachtsgeschichte konnten sich die Hirten mit diesem Ausdruck angesprochen fühlen: Aramäisch ráʕê 'Hirten' klang ähnlich wie reʕûtâ 'Wohlgefallen'

Auch die grammatische Konstruktion ist nicht klar. Heißt es: "Ehre sei Gott in der Höhe und auf der Erde / Friede den Menschen des Wohlgefallens" oder: "... in der Höhe / und Frieden auf Erden den Menschen…"?

15    In der religiösen Kunst wird Maria oft sitzend oder stehend mit dem Kind auf dem Arm dargestellt. Vorbild dafür ist die ägyptische Göttin Isis mit dem Horusknaben. Die oft dabei mit abgebildeten Sterne im Hintergrund, auf dem Mantel oder in der Krone sind keine Anklänge an die Weihnachtsgeschichte, sondern Attribute der "Himmelskönigin", des Venussterns.[12]

 

 

 

[1] vgl. Kp. 3,1

[2] Lukas: im ganzen Reich (oikouménē), Luther "alle Welt"

[3] 1,32+33 und 3,23-38

[4] Mk 14,14; Lk 22,11

[5] Lk 10,34+35

[6] Jh 7,49

[7] Das deutsche Wort ist abgeleitet nicht von Herr, sondern von hehr 'ehrwürdig'

[8] Hes 1,4, Ps 104,2

[9] Lk 1,31

[10] 1Kor 12,3

[11] Vgl. Ps 148,3

[12] Vgl. auch Offb 12.

 

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Datum: 1969 / 2011

Aktuell: 17.05.2013