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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Wissenswertes über die Offenbarung

Gemeindebrief Gernsheim Dezember 1994 / Februar 1995

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A. Wozu diese Geheimniskrämerei?

B. Wie ist dieses Rätselbuch zu verstehen?

Erfüllung in der Weltgeschichte

1. Zeitdeutung im Klartext

2. Zukunftsschau, Voraussage

3. Johannes schildert typische Vorgänge und Gestalten

 

Faszinierend und abschreckend- zugleich ist das letzte Buch der Bibel. Faszinierend, weil es uns den Blick in andere Welten öffnet und die Weltgeschichte deutet, abschreckend, weil die Aussichten alles andere als rosig sind, und weil der Verfasser seine Aussagen so verschlüsselt hat, dass sie nur für Eingeweihte verständlich sind.

A. Wozu diese Geheimniskrämerei?

Das Buch entstand Ende des 1. nachchristlichen Jahrhunderts in Anatolien (heute: Türkei). Der römische Staat verlangte auch von den Christen, dass sie den Kaiser als Gott verehrten. Die Christen verwiesen auf das 1. Gebot ("keine Götzen") und weigerten sich zu opfern. Der Kultusminister verhängte Beugehaft und Todesstrafe. Johannes, Dekan des Dekanats Ephesus, wurde auf eine einsame Insel verbannt. Dort erlebte er seine Visionen und schrieb seinen Mitchristen einen langen Brief, die Offenbarung, um ihnen in der Verfolgung den Rücken zu stärken.
Er konnte aus Sicherheitsgründen nicht im Klartext schreiben, was er sagen wollte, sondern musste seine Aussagen verschlüsseln. Er bediente sich daher der literarischen Form einer Apokalypse (griech. für 'Offenbarung'), einer modischen Literaturgattung, die damals bei Christen und Juden sehr beliebt war. Unter dem Vorwand, vor langer, langer Zeit geschrieben zu sein, befassen sich diese Bücher mit Fragen der Gegenwart und deuten die Gegenwart als Endzeit, als Vorstufe der Weltenwende, als Zeit des Gerichts und Vorabend der Heilszeit.
Johannes behauptet nicht, ein Heiliger der Vorzeit zu sein, sondern nennt seinen wahren Namen. Es spricht vieles dafür, dass es sich um den Apostel und Zebedäussohn Johannes handelt, der Feuer vom Himmel fallen lassen wollte und von Thronsesseln im Reich Gottes geträumt hat. Er ist zu unterscheiden vom Evangelisten und Verfasser der drei Johannes-Briefe.

B. Wie ist dieses Rätselbuch zu verstehen?

Erfüllung in der Weltgeschichte

Diese Deutung begründet sich auf der Beobachtung, dass die Kapitel 12-19 (Rom = Babylon) den Kern der Offenbarung enthalten. Für die furchtbaren Katastrophen brauchte Johannes keine Visionen; sie gehören zum Leben und standen damals in jedem apokalyptischen Handbuch. Für die letzten Kapitel von der Vollendung der Welt brauchte er auch keine Visionen, denn diese Hoffnung ist jüdisch-christliches Gemeingut.

1. Zeitdeutung im Klartext:

Der römische Kaiser ist kein Gott, sondern der "Antichrist" und ein Werkzeug des Teufels. Auch der Kultusminister, der euch zu Opfer und Anbetung zwingen will, ist ein Handlanger des Teufels. Die Welthauptstadt Rom ist ein buchstäbliches Sündenbabel und voll gestopft von Götzendienst, Geschäftemacherei, Gewalt und Lastern.

  • Verschlüsselt: Mutter = Kirche, Drache = Teufel, siebenköpfiger Drache = Römisches Reich, Tier mit zwei Hörnern Kultusminister, Hure Babylon = Rom.

  • 7. Kopf = 666 = K + A + I + S + E + R  +  N + E + R + O (griechische Buchstaben    = Ziffern), 10. Horn = Kaiser Domitian

2. Zukunftsschau, Voraussage:

Reiterscharen aus dem Osten (16,12-16) werden einen Weltkrieg entfesseln. Babylon = Rom wird untergehen (Kap, 17-19). Christus kommt als Sieger und herrscht mit den Heiligen 1000 Jahre lang. Der Teufel ist in dieser Zeit in der Hölle eingesperrt, kommt dann aber wieder frei und entfesselt einen neuen Weltkrieg, der die Endzeit einleitet.

a. Erfüllung in der vergangenen Geschichte:

i Hunneneinfall

Johannes um 100 denkt bei den Reitern aus dem Osten an die Parther, einen der Hauptfeinde Roms. Tatsächlich hat aber der Hunneneinfall (ab 375) und die damit ausgelöste Völkerwanderung das römischen Reich zerschlagen.

ii Ende des heidnischen Römertums

Schon vorher muss Kaiser Galerius, der letzte Christenverfolger, vor dem Christentum kapitulieren, und erlaubt 311 den Christen die freie Religionsausübung. Sein Nachfolger Konstantin stellt sich 312 auf die Seite der Christen und verlegt seiner Residenz nach Konstantinopel (Anatolien!). 391 wird das Christentum Staatsreligion: Christus siegt über das heidnische Römertum.

iii Christus und die Heiligen regieren…

An Stelle der heidnischen Götter und des heidnischen Gottkaisers (bzw. des Teufels und seiner Handlanger) treten Christus und die Heiligen. Sie erstehen zwar nicht leibhaftig auf, aber sie leben und regieren im Himmel. Der Teufel Heidentum ist unschädlich gemacht = in der Hölle.

iv …tausend Jahre.

Der christliche Kaiser regiert nicht selbstherrlich, sondern von Gottes Gnaden, und unterstellt sich den christlichen Geboten. Tatsächlich beginnt seit 311 für die Christen in Anatolien eine tausendjährige Friedenszeit, in der sie nicht nur geduldet werden, sondern sogar politische Macht ausüben.
Den Himmel auf Erden stellen wir uns allerdings anders vor und das tausendjährige Reich wird in anderen Farben gemalt. Aber wenn Gott auf der Erde Wirklichkeit wird, dann geschieht das unter irdischen, nicht himmlischen Bedingungen. Auch Jesus war nur ein Mensch. Er war nicht unverletzlich, hatte Feinde und wurde zu Tode gemartert.

v Der Teufel kommt wieder los.

Tausend Jahre später schreiben wir das Jahr 1311. Inzwischen ist ein neues Reitervolk aus dem Osten im Vormarsch: die Türken. Schritt für Schritt erobern sie den Orient und dringen jetzt auch in Anatolien ein. Nach langen Kämpfen fällt 1453 schließlich Konstantinopel den Türken in die Hände: Ende des oströmischen Reiches. Das Christentum ist wieder eine unterdrückte Minderheit in Anatolien - bis zum heutigen Tag.
Johannes hat diese Entwicklung für die Christen in Anatolien über einen Zeitraum von über 1300 Jahren richtig vorausgesagt - eine erstaunliche und meines Wissens unübertroffene Leistung. Auch darin unterscheidet er sich von den übrigen Apokalypsen, die Vergangenheit und Gegenwart deuten und nicht wirklich Zukunft voraussagen. Die nachprüfbaren Ereignisse enden mit Kapitel 20,8. Danach wird Johannes ungenau. Der Krieg um die "geliebte Stadt" (20,9) hat so nicht stattgefunden und steht wohl noch aus.
Seither ist mehr als ein halbes Jahrtausend verstrichen. das Christentum hat auch in Europa seinen Einfluss verloren. Der Teufel ist wieder los.

b. Erfüllung am Ende der Geschichte

Die herkömmliche Deutung geht aber nicht vom Mittelpunkt des Buches, sondern von seinem Ende aus: der Wiederkunft Christi und der Erneuerung der Welt. Alles, was zwischen Kapitel 4 und 19 steht, ist Vorspiel zum Weltuntergang. Dazu gehören die Katastrophen genauso wie der Antichrist, der gottwidrige Weltherrscher.
Johannes macht aber durch den Aufbau seines Buches klar: Man kann die Wiederkunft des Herrn nicht voraussagen. Die Geschichte strebt nicht gradlinig auf ihr Ende zu, sondern in vielen verwickelten Windungen. Die Katastrophen (7 Siegel, Posaunen, Zornesschalen) wiederholen sich und werden immer furchtbarer, aber sie sind nicht das Ende. Schon 6,2 (Sieger auf dem weißen Pferd) sollte man an den wiederkommenden Christus denken. Er ist es aber nicht und kommt erst 19,11-16.

Daher gehört zu diesem Verständnis einer gradlinigen Entwicklung noch ein ganz anderes:

3. Johannes schildert typische Vorgänge und Gestalten.

a. Weltuntergang

muss nicht heißen, dass das Universum zusammenbricht oder der Globus explodiert. "Welt" ist auch der "Kosmos", das Ineinander von Kultur und Umwelt, das unsere Lebensgrundlage bildet. Dieser Kosmos ist seit Johannes schon oft untergegangen, für uns beim "Zusammenbruch" 1945, aber auch bei der "Wende" 1989.

b. Antichristen

Gottfeindliche Herrscher und ihre "Propheten" hat es seither viele gegeben, nicht nur die römischen Kaiser Nero, Domitian und Diokletian, nicht nur nach Luthers Empfinden der Papst im 16. Jahrhundert, sondern z.B. auch Hitler und Goebbels.

c. Endzeit

ist Krisenzeit, wo jeder gefordert ist und unser Glaube sich im täglichen Leben bewähren muss. Auch unsere Zeit ist Krisenzeit. Mit dem Zusammenbruch des gottlosen Kommunismus hat der genauso gottlose Kapitalismus scheinbar gewonnen. Es ist aber nur eine Frage der Zeit, wann unsere Industriegesellschaft sich selber ruiniert hat. Wer wird die führende Kraft im 3. Jahrtausend sein? Die Weißen, die Gelben oder die Schwarzen? Der Islam, die religionslose Ideologie des Westens - oder der Christusglaube? Wieder einmal stehen wir vor der Frage, ob Christus als Sieger kommt oder als Verlierer gehen muss. Wieder einmal sind auch wir gefordert.

Die Ermutigung, die Johannes seinen Schwestern und Brüdern zuspricht, gilt daher nicht nur für die Christgläubigen im Dekanat Ephesus Ende des 1. Jahrhunderts, sondern auch für uns: Die Herren dieser Welt gehen - unser Herr kommt.

   

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Übersicht

 

Sprachecke 22.11.2011

 

Datum: 1994 / 2005

Aktuell: 29.08.2013