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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Pharisäer

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Die Pharisäer waren keine „Sekte“, sondern ein Verein, dessen ursprüngliche Zielsetzung darin bestand, freiwillig die zehnprozentige Mehrwertsteuer, den „Zehnten“, zu zahlen, die auf landwirtschaftlichen Produkten lag und dem Tempel zugute kam. Diese Steuer war eine Bringschuld, die nicht eingetrieben wurde; man konnte sich also straflos davor drücken, was viele auch ausnutzten. Fromme Menschen, die das nicht in Ordnung fanden, schlossen sich daher zu einem Verein der ‚Abgesonderten‘ zusammen [1] und schworen sich:

  • Wir zahlen selbst gewissenhaft den „Zehnten“ für unsere eigene Ernte.

  • Wir kaufen Agrarprodukte nur bei Pharisäern, weil wir sicher sind, dass diese den „Zehnten“ bezahlt haben.

  • Wenn wir bei Nicht-Pharisäern kaufen müssen, zahlen wir freiwillig ebenfalls dafür den „Zehnten“, gleichgültig ob der Lieferant selbst schon gezahlt hat oder nicht.

Die Frommen, die diesem Verein angehörten, hatten ihr eigenes religiöses Profil, das in etwa das Gegenteil von dem der Sadduzäer war:

  • Sie betrachteten nicht nur die Thora als Heilige Schrift, sondern alles, was wir heute Altes Testament nennen.

  • Sie glaubten an Engel und hofften auf die Totenauferstehung und das Kommen des Messias.

  • Sie lehnten die griechische Kultur und alles Ausländische ab und hassten also auch Römer und deren Parteigänger als Feinde des Glaubens.

  • Sie waren eine Laienbewegung, in deren Frömmigkeit der Tempel nur eine untergeordnete Rolle spielte. Wichtiger war ihnen die örtliche Synagoge, der Wortgottesdienst und die religiöse Gestaltung des Alltags.

Das Neue Testament lässt die Pharisäer in denkbar schlechtem Licht erscheinen: Sie denken so gesetzlich, dass sie vor lauter Kleinigkeiten das Wichtigste in der Thora vergessen, nämlich Liebe und Barmherzigkeit. Sie bilden sich ein, sie wären besser als andere und sind dabei scheinheilige Heuchler, die anderen predigen, was sie selbst nicht tun usw. Dieses schlechte Bild rührt wohl vor allem daher, dass in der Zeit nach Jesus Christen und nicht christliche Pharisäer hart aneinander gerieten. Nach dem Jüdischen Krieg, als der Tempel zerstört und die religiöse Ordnung der Judäer zusammengebrochen war, taten sich pharisäische Theologen auf der Synode von Jamnia zusammen, um eine neue Ordnung ohne Tempel festzulegen. Sie schufen damit die Grundlage des späteren Judentums.

Tatsächlich wirft aber die gesamte Überlieferung ein wesentlich besseres Bild auf diese Frommen: Sie waren im Vergleich zu den Sadduzäern geradezu liberal und human. Sie versuchten die Thora so auszulegen, dass sie damit leben konnten. [2] Ein Verbrecher konnte von Glück reden, wenn er es mit einem pharisäischen Richter zu tun bekam. Ein Sadduzäer verhängte gnadenlos die Todesstrafe, wenn sie für diese Tat vorgeschrieben war; der Pharisäer wendete alle Tricks der Auslegung an, um eine Hinrichtung zu vermeiden.

Auch im Neuen Testament kommen die Pharisäer nicht immer so schlecht weg, wie es zunächst den Anschein hat. Jesus behandelt sie oft mit einer gewissen Sympathie. Und es lässt sich nicht leugnen, dass er ihre religiösen Grundüberzeugungen teilt. Auch er erkennt das heutige Alte Testament an; auch er glaubt an Engel und rechnet mit einer Totenauferstehung und hatte ähnliche Vorstellungen von einem kommenden Erlöser. Er verstand aber die Thora nicht als eine Ansammlung von Paragraphen, sondern als eine Einheit, die man im Liebesgebot zusammenfassen kann. Er übertraf noch die humansten Pharisäer an Menschenfreundlichkeit. All das waren aber keine grundsätzlichen, sondern nur graduelle Unterschiede.


[1] aramäisch Perišajjê

[2] Im Talmud wird eine bezeichnende Geschichte erzählt: Es ist drückend heiß. Ein Rabbiner beklagt sich beim anderen über die Hitze: „Schade, dass man am Sabbat kein Wasser sprengen und sich dadurch Kühlung verschaffen kann.“ – „Ganz einfach: Stelle eine Schüssel Wasser in eine Zimmerecke und wasch dich. Dann wiederhole das in den anderen Ecken. Damit kühlst du dich schon mal selbst ab. Dass du dabei Wasser auf den Boden spritzt, lässt sich nicht vermeiden. So hast du den gewünschten Effekt, ohne das Gebot zu übertreten.“

 

 

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Übersicht

 

aus: Heinrich Tischner Jesus: Glaubwürdiges über Leben, Sühnetod, Auferstehung und Heilsbedeutung des Gottessohns S 5-7

Sprachecke 14.06.2011

 

Datum: 2004

Aktuell: 08.06.2011