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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Biblische Statistik:

Wie sind die Zähl- und  Musterungsergebnisse zu verstehen?

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Die Zahlen aus Num 1 und 26 scheinen sehr hoch zu sein (ca. 600.000 waffenfähige Männer = ca. 2,5 Mio. Israeliten ziehen aus Ägypten aus und leben 40 Jahre in der Wüste), entsprechen aber der Zählung Davids (2. Sam 24:  1,3 Mio. Waffenfähige 4-5 Mio. Israeliten, etwa die Zahl der Bewohner von Israel und Westjordanien).

Nun könnte das Zählungsergebnis von David ja richtig überliefert sein, aber die Zahlen aus Numeri sind trotzdem viel zu hoch. Sie gehen also entweder nicht in die Mosezeit zurück und sind späteren Datums, oder aber die Zahlen sind anders zu deuten:

1. Mit "Tausend" und "Hundert" sind nicht Zahlen, sondern militärische Einheiten gemeint:

a. Äläf = Untereinheit, "Kohorte", Mea = Einheit, Zenturie. Denn bedeutet die Zahl 74.600 für Juda: 74 Kohorten, 6 Zenturien; Truppenstärke etwa 600 Mann, die Kohorte zu 12 Mann. Vergleicht man nun die anderen Stämme, so käme man auf eine Kohortenstärke von 8 (Gad, Asser) bis 20 Mann (Simeon). Das zeigt, dass die Deutung doch sehr unwahrscheinlich ist.

b) Auch andere Lösungsversuche scheitern an der Ungleichheit der Einheiten, z.B., Äläf = Einheit, Mea = Gesamtzahl, oder Äläf = Alluf "Offizier" und Mea "Mannschaft".

c) Die Deutung auf Einheiten oder Offiziere scheitert ferner daran, dass Äläf wie die Zahl 1000 ordnungsgemäß im Singular, Mea wie die Zahl 100 im Plural gebraucht wird. Und wenn Äläf tatsächlich 1000 heißt und Mea etwas anderes heißen sollte, so ändert sich an der Gesamtzahl nur wenig.

d) Außerdem zeigt die richtige Addition der Zahlen, dass schon die Herausgeber des Konsonantentextes die Angaben als Zehntausender-Zahlen und nicht anders verstanden haben wollten.

2. Die Zahlen wurden ursprünglich in Ziffern, nicht in Buchstaben geschrieben und wurden falsch gelesen:

a) 74.609 = hbr. 4 + 70 Äläf + 6 Meoth; geschrieben etwa aaa a bbb bbb bb ccc ccc (wobei die Bedeutung der Zeichen zunächst unbekannt ist). Das könnte, gelesen werden 476, was zweifellos zu wenig ist, oder 4 tausend 7 hundert 6zig, was etwa den    tatsächlichen Verhältnissen entsprochen haben mag (4760) oder schließlich  4 + 70 tausend 600 = 74600, wie es heute gelesen wird. Die Frage ist also, wo das Wort Äläf 'Tausend' hingehört.

b) Aber: Wenn man die letzte Null weglässt und die zwei ersten Ziffern vertauscht, so käme man bei Simeon auf 9.530 in Num 1, in Num 26 dagegen immer noch auf 2.220. Zwar mag die Stärke dieses Stamms tatsächlich drastisch abgenommen haben; aber er kann sich doch nicht innerhalb von 40 Jahren von 9,5 Tausend auf 2,2 Tausend verkleinert haben. - Bei Ephraim (40500) geht der Ziffernwechsel gar nicht. Damit trifft diese Erklärung auch nicht zu.

c) Es bleibt aber immer noch die Möglichkeit, dass das Äläf an die falsche Stelle geraten ist und die Zahlen eine Null weniger haben müssen. Ein Israel zur Mose oder Richterzeit von 60.355 kann man sich schon eher vorstellen. obwohl das immer noch eine riesengroße Menge ist.

i. Nach Ri 4,14 bot Barak ein Heer von 10.000 Mann aus Sebulon und Naphthali auf. Nach Num 1 hatten beide Stämme zusammen 110.800 Mann, also etwa zehnmal so viel.

ii. Nach Ri 18,11 stellten zwei danitische Orten zusammen 600 Krieger, auf, die die Stadt Lais eroberten. Die Zahl ist erstaunlich niedrig, klingt aber realistisch.

Wir nehmen nun an, dass eine Ortschaft 300 Krieger aufbringen konnte. Nach den Ortslisten von Josua 15-19 hatten. 

 

Städte

x 300

Num 1

Isaschar

16

4800

54400

Sebulon

12

3600

57400

Ruben

5

1500

46500

Simson

17

5100

59300

Gad

8

2400

45650

Benjamin

14

4p00

35400

Dan

17

5100

62700

Asser

22

6600

41500

Naphthali

19

5700

53400

 Bedenkt man, dass auch die Zahlen von Num 1 und 26 zum Teil stark schwanken, so erscheint obige Berechnung realistisch. Die niedrige Personenzahl von Gad und Ruben liegt in natürlich an der geringen Anzahl der Städte. Nach Deut 22,6 war Ruben ein sterbender Stamm, was auch für Gad gelten dürfte. Der ursprünglich starke Stamm verlor offenbar sein Stammesgebiet an Moab. Ähnlich dürfte es Simeon ergangen sein, dessen Zahl sich von 59.300 auf 22.200 verkleinerte: Er wurde inzwischen von Jude überlagert.

Damit bekommen wir auch Anhaltspunkte für die Zeit, in der die Listen entstanden sind: Num 1 dass die älteste Liste sein, entstanden vor der nach Josuas Tod erfolgten Landnahme Judas, also vor 1350 nach meiner Berechnung. Denn Juda hat sich im Stammesgebiet von Simeon niedergelassen und diesen Stamm überlagert. Auffallend ist auch, dass der später sehr große Stamm Manasse in Num 1 der kleinste ist, kleiner noch als Benjamin.

Num 26 wäre entsprechend später anzusetzen, also nach der Landnahme Judas, also nach 1300. Da hier die Seelenzahl Ephraims drastisch abgenommen und die Manasses dagegen zugenommen hat, wird man an die Zeit nach Jephthah (nach 1100) und seinem Gemetzel unter den Ephraimiten denken.

Die Städteliste schließlich, die die Städte größerer Stämme in Gruppen zusammenfasst, scheint in die Königszeit zurückzugehen. Es verwundert aber, dass Ruben und Gad überhaupt noch existieren, während von Ephraim und Manasse nur die Grenzen, aber keine Städte angegeben sind.: Also doch eine alte Liste vor der Ausweitung Manasses nach Osten? Juda wurde nicht mit aufgeführt, weil diesem Stamm 116 Städte zugeschrieben werden, was vielleicht für das spätere Reich Juda, nicht aber für den ursprünglichen Stamm zutreffen mag.

iii. Bei der Gideonsgeschichte ergeben sich dieselben Probleme wie bei den Zählungen: Gideon bietet 32.000 Mann aus Manasse, Naphthali und Asser auf (Sollstärke nach Num 1: 127.100), um 135.000 Midianiter zu bekämpfen, von denen am Schluss nur noch 15.000 übrig bleiben. - Zum Vergleich: In Sanheribs Heer fielen vor Jerusalem 185.000 der Pest zum Opfer. Die Midianiter müssten also ein Volk fast so stark und mächtig wie die Assyrer gewesen sein und den gesamten Orient beherrscht haben, um solch ein Riesenheer aufbieten zu können,. Außerdem fällt diese Zahl aus dem sonstigen Rahmen der Geschichte: Die Midianiter machen lediglich Raubüberfälle ins Kulturland und rauben den Bauern die Ernte.

Interessanterweise wird nun berichtet, Gideon habe seine Truppe von 32.000 auf 300 reduziert, was den tatsächlichen Verhältnissen besser entspricht. Wenn es auch nur 1350 Midianiter gewesen wären, wäre das doch eine beachtliche Übermacht.

d) Wenn Abraham nach Gen 14,14 mit 318 Mann die vereinigten Könige des Nordens nicht nur überfallen, sondern auch in die Flucht schlagen konnte; wenn Dan mit 600 Mann die Stadt Lais erobern konnte; wenn Gideon mit 300 die Midianiter vertreiben konnte, so gibt das vielleicht realistischere Zahlen von Truppenstärken der Vorkönigszeit.

e) Aber: antike Vergleichszahlen: Alexander zog mit 35.000 nach Persien, Hannibal mit 26.000 über die Alpen. An den Thermopylen widerstanden 5.900 Griechen den Persern; bei Cannae fielen 86.000 Römer, im Teutoburger Wald 3 Legionen = 15-18.000 - also die Heere militärisch starker Mächte, nicht die Wehrpflichtigen kleiner Stämme.

f) Unter König Usia (um 750) gab es in Juda 2.600 "Häupter der Vaterhäuser" = Großfamilien. Rechnen wir pro Großfamilie 10 Waffenfähige, so wären das 26.000 (Vergleich: Saul, 1. Sam 11,8: 30.000). Nach 2 Chron 26,13 waren es aber 307.500, also wohl auch zehnfach überhöht.

g) Nach 2 Chron 28,6 töteten die Israeliten unter Pekah 120.000 Judäer und führten 200.000 Frauen und Kinder in die Gefangenschaft, das wäre fast die Hälfte der Streitmacht Usias.

h) 2 Chron 35,8: An Josias neu geregeltem Passa nahmen 30.000 Mann teil, also, je nach dem, alle waffenfähigen Männer oder nur 1/10 von ihnen. Welchen Grund hätten die anderen aber gehabt, daheim zu bleiben?

i) Nach dem Wortlaut von Esra 2,64 und Neh 7, 66 kehrten 42.360 Männer aus der Gefangenschaft zurück. Die Summe der Zahlen beträgt aber nach Esra nur 29.818, nach Nehemia 31.221.

Davon waren nach Nehemia: 16.731 Nachkommen von Jerusalemern, 8.807 judäischer Landbewohner, 4.289 Priester, 360 Leviten, 642 Laien unsicherer Herkunft, 2 (3?) Priester unsicherer Herkunft und 392 Tempelknechte. Dazu kamen noch 7.337 Sklaven und 245 Sänger und Sängerinnen (wohl aus dem Palast).

Nach Nehemia 11 wurden 10 % der Rückkehrer = 3008 in Jerusalem, der Rest auf dem Land angesiedelt; das wären 30.080 Rückkehrer.

Man sollte annehmen, dass ein beträchtlicher Teil der Gefangenen in Babel geblieben ist, und dass außerdem die Zahl der Weggeführten durch Kriegsverluste niedriger war als normal, was aber durch Zuwachs während der Gefangenschaft wieder ausgeglichen sein wird. Es ist aber auch anzunehmen, dass sich den gefangenen Judäern Reste der verschleppten Israeliten angeschlossen hatten, so dass die Zahl der Rückkehrer mit den Angaben der Königszeit übereinstimmt.

f) Wenn unter Saul und während der Königszeit also die Zahl der Judäer etwa 30.000 betrug, dann dass die Zählungsangabe von David (2. Sam. 24) mit 500.000 wiederum zu hoch angesetzt sein. Berücksichtigen wir, dass Judäa zur Zeit Davids auch den später wieder verlorenen Negev umfasste, und dass Benjamin mit zu Juda gerechnet wurde, so dass die richtige Zahl wohl 50.000 heißen.

g) Nach 2. Chronik 13 betrug zur Zeit Jerobeams und Abias (um 915) die Streitmacht Israel 800.000, die Judas 400.000 (Verhältnis 2:1); unter Asa standen aus Juda 300.000 und aus Benjamin 280.000 unter Waffen (2. Chr. 14,7). Das entspricht etwa dem Zählungsergebnis von David.

h) Nach 1. Kön 20,20 führt Ahab 7232 Mann gegen die Syrer ins Feld; bei einem weiteren Feldzug schlägt Ahab 100.000 Syrer und tötet 27.000 (Vers 29+30). Das zeigt, dass an den Zahlen etwas nicht stimmt. Die Zahl 7232 mag richtig sein; es wäre also nur etwa jeder zehnte zu den Waffen gerufen worden. (Vergleich: Bundeswehr- ca. 500.000 Mann, Bundesrepublik hat 61,5 Mio. Einwohner; ca. 200.000 Wehrpflichtige = 4:1).

i) Nach Num 1 beträgt das Verhältnis Juda + Benjamin : Israel 169.300 : 434.250, also etwa 1 : 2,5.

j) Nach Num 1 hatte Benjamin 35.400 Mann, nach Num 26 45.600, nach 2. Chron. 14,7 28C.000. Nach Richter 20 waren es 26.000 Benjaminiten. Der am Ende des Richterbuchs berichtete Vorfall müsste sich also zur Zeit Jephthahs zugetragen haben. Nach 2. Sam 19 hatte eine benjamitische Streitmacht nur 1000 Mann.

k) Nach 1. Sam 24 u. ö. war Sauls Streitmacht 3.000 Mann stark,(wohl auch nur eine Auswahl aus der Zahl der Waffenfähigen.

Ergebnis: Nach all dem dass Juda zur späten Königszeit etwa 30.000 waffenfähige Männer gehabt haben. Dieselbe Zahl wird auch bei Saul genannt, so dass sich die Bevölkerung Judäas in den 600 Jahren kaum verändert hätte. Für Samaria müssten wir dementsprechend etwa 80.000 annehmen, für Gesamtisrael also 110.000.

Die Zahlen von Num 1 und 26 müssten also auf etwa 60.000 = 45.00+15.000 reduziert werden.

Sie hätte sich also von den beiden Zählungen bis David nahezu verdoppelt und wäre seit David etwa konstant geblieben.

Wie ist das zu erklären?

a) Mit 60.000 waren die Möglichkeiten des Landes erschöpft. Bis David konnte sich Israel hemmungslos vermehren; seitdem hatte das Wachstum ein Ende. Dies ist ziemlich unwahrscheinlich, da mit David eine Zeit wirtschaftlicher Blüte und zudem politischer Sicherheit folgte. In der Richterzeit wurde, trotz der Vermehrung die Zahl der Israeliten durch dauernde gefährliche Kriege ständig dezimiert.

Gehen wir trotzdem von einem stetigen Bevölkerungswachstum zwischen Jakob und David aus, so liegen zwischen beiden 10 gleichlangen Perioden, in denen sich die Bevölkerungszahl verdoppelte. Gehen wir weiter davon aus, dass Jakob im Jahr 1654 mit 70 Männern nach Ägypten kam. Von Jakob bis David sind es rund 650 Jahre à 10 Perioden: danach müsste sich die Bevölkerungszahl etwa alle 65 Jahre verdoppeln; dies entspricht einem Wachstum von weniger als 2 %. Demnach müssten die beiden Numerizählungen kurz hintereinander um 1060 vorgenommen worden sein. Gehen wir dagegen vom Jahr 1872 aus, so hat eine Periode etwa 87 Jahre; das wäre dann um 1870, was auch nicht einfacher zu erklären ist.

Vor allem müsste dann erklärt werden, wieso seit David das Wachstum zum Stillstand gekommen ist. Und das ist nicht möglich.

b) Die Bevölkerung hat sich bereits während der Richterzeit stabilisiert und betrug auch schon bei der Einwanderung der letzten Gruppen um 1220 etwa 100.000 Mann. Die Verdopplung von Numeri zum Stand von 1200 ist nicht auf natürliche Vermehrung, sondern durch Zuzug zurückzuführen, so dass die Zahl 60.000 schon zur Zeit Josuas erreicht war. Dann aber müsste erklärt werden, wieso die 60.000 sich aus der Summe aller zwölf Stämme und nicht eines Teils errechnet.

c) David hat nicht nur Israel, sondern die Gesamtbevölkerung Palästinas, also auch die Wehrfähigen der unterworfenen Kanaanäerstädte mitgezählt. Da diese noch ein beträchtliches Territorium besaßen, könnte dies die richtige Lösung sein. Nach Ri 1 waren es 24 kanaanäische Städte; gehen wir davon auch, dass jede dieser Städte nicht nur 300 Bewaffnete, sondern 600 stellen konnte, so ergeben sich aber nur 14.400 Mann mehr. Aber immerhin kommen wir damit der Lösung schon näher. Es dass nämlich auch berücksichtigt werden. dass das Gebiet von Juda zur Zeit Davids größer war also das ursprüngliche Gebiet von Juda und Simeon zusammen, und dass die Stämme des Südens auch der Herrschaft Davids unterstanden.

Die Zahlen aus Nun 26 geben also wahrscheinlich den Bevölkerungsstand um 1200 an, als alle Stämme bereits im Land wohnten. Dazu passt, dass Baraks Aufgebot mit 10.000 fast genau der reduzierte Summe von Sebulon und Naphthali (10.590) entspricht. Die Zahlen aus Num 1 dagegen scheinen aus der Zeit nach der Landnahme Judas entstanden zu sein, als der Stamm Juda die Simeoniten noch nicht überlagert hatten. Allerdings hat Juda kaum zugenommen; die großen Bevölkerungsgewinne haben dagegen Isaschar, Manasse, Benjamin und Asser gemacht.

Wie groß war nun die Gruppe, die 1442 aus Ägypten zog? Nehmen wir an, dass es sich nur um die Josefstämme gehandelt hat, so ist die Frage nach Num 1 leicht zu beantworten: Ephraim à 4.500 + Manasse à 3.220 = 7.720 waffenfähige Männer = ca. 30.000 Angehörige

 

 

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Datum: 1983 / 2010

Aktuell: 05.01.2014