|
Startseite | Religion | Sprachwissenschaft | Logische Wissenschaft | Geschichte | Humanwissenschaft | Naturwissenschaft | Kulturwissenschaft | Kulturschöpfungen Quellen | Bibelwissenschaft | Systematische Theologie | Religionswissenschaft | Praxis |
||||
|
Heinrich Tischner Fehlheimer Straße 63 64625 Bensheim |
Die Urgeschichte der BibelAuf Grundlage des Ferienbibelseminars 1982 Wie ist die Paradieses- und Sündenfallgeschichte zu verstehen? |
Email:
|
||
|
|
Der Erzähler hat sicher nicht einfach seiner Phantasie freien Lauf gelassen, sondern historische Erinnerungen aufgearbeitet. Dennoch erhebt die Geschichte keinen Anspruch darauf, ein historisches Ereignis nachzuerzählen. Wir könnten allerdings nach dem Gesamtzusammenhang der Erzählung den Eindruck bekommen, als sei die Geschichte vom Sündenfall tatsächlich vor ungefähr 6000 Jahren im Land Eden am oberen Euphrat geschehen, als hätten Adam und Eva tatsächlich dort gelebt. Dann aber wäre die Geschichte keine Urgeschichte vom Anfang der Menschheit, sondern lediglich eine Stammessage von der Entstehung eines Volkes. Der biblische Erzähler will aber keine Stammessagen, sondern Urgeschichte erzählen. Darum ist es ihm eigentlich trotz aller genauen Angaben gleichgültig, wann und wo die Geschichte passiert ist. Darum kann er sich's auch leisten, mit seiner Angabe über die Paradiesesflüsse alle geographischen Erkenntnisse auf den Kopf zu stellen und alle großen Ströme der Welt an derselben Stelle entspringen zu lassen. Seine Geschichte ist also keine Sage. Denn eine Sage ist eine Erzählung, die mit einem bestimmten Orts- oder Personennamen verbunden ist. Und die Namen, die hier vorkommen: Eden, Adam und Eva sind nicht nur Orts- und Personennamen, sondern sprechende Namen, bei denen die Wortbedeutung wichtiger ist als Erinnerungen an Gegenden, Personen oder Stämme: Hbr. ʕédän heißt 'Wonne', ádám 'Mensch' und Eva (Ḥawwâ) erinnert an hbr. ḥaj "Leben". Die Namen könnten also frei erfunden sein. Wenn man aus einer Sage die Namen herauslässt, hat man ein Märchen. Die Sage vom Drachentöter Georg wird zum Märchen von den zwei Brüdern, wenn man den Namen Georg herauslässt. Da aber hier Namen vorkommen, und wenn es erfundene Namen sein mögen, ist diese Geschichte aber noch kein Märchen. Ein Märchen spielt irgendwo irgendwann und beginnt mit "Es war einmal" – der Zeitpunkt ist gleichgültig. Es kann gestern oder vor tausend Jahren gewesen sein. Der Ort ist auch gleichgültig. Das Ereignis kann überall geschehen sein. Dies ist aber bei unserer Erzählung nicht der Fall. Auch wenn man sich über die genaue Datierung streiten kann: Die Geschichte spielt am Anfang der Menschheitsgeschichte, und ihr Ort ist das Paradies, auch wenn dieses auf keiner Landkarte aufgezeichnet ist, Ja, die Erzählung will sogar erklären, warum keiner weiß, wo das Paradies liegt: weil der Weg dorthin versperrt ist, und weil es unmöglich ist, zurückzukehren. Die Erzählung ist also weder Sage noch Märchen, sondern ein Mythus. Dieser Ausdruck ist etwas in Verruf gekommen, als sei ein Mythus eine altertümliche Erzählung, deren merkwürdige Denkweise der moderne Mensch nicht mehr versteht. Im Gegenteil: Die Bilder, die der Mythus gebraucht, sind uraltes Überlieferungsgut und auf Anhieb auch dem modernen Menschen verständlich, wenn er nur in der Lage ist, sie als Bilder zu begreifen. Man neigt heute sogar zu der Auffassung, dass diese Urbilder uns angeboren sind. Das können wir uns ganz einfach klar machen, wenn wir uns darauf besinnen, dass Schöpfungsgeschichten, Erzählungen von Lebensbäumen, Geschichten vom Verlust des ewigen Lebens usw. bei vielen Völkern in Umlauf waren. Wenn die Griechen gleichlautend mit der Bibel von einem Lebensbaum berichten, der von Fabelwesen bewacht ist, dann ist das kein Beweis, dass es diesen Baum wirklich gegeben hat, sondern Bibel und Griechen kennen dasselbe angeborene Bild, das auch heute noch in Träumen immer wieder vorkommt. |
|
||
|
|
|
|
Datum: 1982 / 2005 Aktuell: 29.12.2010 |
|