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Heinrich Tischner Fehlheimer Straße 63 64625 Bensheim |
Die Urgeschichte der BibelAuf Grundlage des Ferienbibelseminars 1982 Vergleich Gen 1 und Gen 2-3 |
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Die QuellentheorieDer auffallendste Unterschied zwischen beiden Geschichten ist, dass die Schöpfungsgeschichte von "Gott", die Paradiesesgeschichte von "Gott dem HERRN" (beziehungsweise "Jahwe Gott") redet. Man kann dieses Nebeneinander von der Bezeichnung "Gott" und dem Namen "Jahwe" durch alle fünf Bücher Mose verfolgen und hat an Hand dieser Beobachtung verschiedene Quellenschriften rekonstruiert: 1. Völlig aus dem Rahmen fällt das Deuteronomium, das eine selbständige Schrift ist und den Inhalt der vorherigen Bücher wiederholt (allerdings nur die Mosegeschichte). Dieses Buch ist wahrscheinlich im Nordreich Israel in levitischen Kreisen entstanden, wurde nach dem Ende des Nordreiches von Flüchtlingen nach Jerusalem gebracht und im Jahr 602 im Tempel aufgefunden und von König Josia feierlich in Geltung gesetzt. 2. Die ersten vier Bücher Mose sind dagegen keine Einheit, sondern enthalten verschiedenartige Überlieferungen, die im Laufe der Jahrhunderte zusammengearbeitet wurden. Der Kern dieser Bücher dürfte Esra im 4er-Jahrhundert vorgelegen haben, der sie nach der Rückkehr aus der babylonischen Gefangenschaft in Kraft setzte. a. Die ältere Forschung nimmt an, dass die älteste schriftliche Quelle zur Zeit Salomon in Jerusalem entstanden ist (9er-Jahrhundert). Man nennt den Verfasser nach dem von ihm verwendeten Gottesnamen Jahwist. Ihm schreibt man auch die Paradiesesgeschichte zu. Diese Quellenschrift ist der Meinung, dass der heilige Gottesname schon von Anbeginn der Welt bekannt war. [1] Der Erzähler kann sich auf südpalästinensische Überlieferungen berufen, wonach der heilige Gottesname wirklich schon vor Mose bekannt war. [2] b. Parallel dazu wurden auch im Nordreich die alten Geschichten gesammelt und aufgezeichnet. Man nennt diese Quellenschrift nach dem verwendeten Gottesnamen Älohîm (Gott) den Elohisten. Die Quellenschrift ist nur unvollständig erhalten. Der Verfasser der Mosebücher hat sie nur verwendet, wo sie etwas brachte, was in der jahwistischen Schrift fehlte. Im Nordreich war man der Meinung, dass der heilige Gottesname erst durch Mose bekannt geworden sei; daher redet der Verfasser in der Zeit vor Mose immer nur von Elohim "Gott". Er hat insofern Recht, als Israel diesen Namen (der anderen Stämmen schon vorher bekannt war), erst durch Mose kennen gelernt hat. c. Von der letzten Quellenschrift nimmt man an, dass sie in Priesterkreisen entstanden ist, und nennt sie deshalb Priesterschrift. Sie ist wahrscheinlich keine "Quelle" im üblichen Sinn, sondern die Priester, die die Mosebücher zusammenstellten, ergänzten ihre Quellen durch Listen, Zeitangaben und die eine oder andere Erzählung. Von ihnen stammt auch die Schöpfungsgeschichte Gen 1. Entstanden ist die sog. "Priesterschrift" während und nach der babylonischen Gefangenschaft, also um 500 in Babylonien. Man hat zu Beginn des 19er-Jahrhunderts auf die säuberliche Unterscheidung dieser Quellen sehr großen Wert gelegt, und hat nicht eher geruht, bis jedes Wort in den Mosebüchern einer bestimmten Quelle zugeteilt war. Dabei kam man allerdings zu ganz verschiedenen Ergebnissen und ist darum heute von der Quellenscheidung wieder abgekommen, Die Theorie hilft zu verstehen, wie die 5 Bücher Mose entstanden sind, trägt aber wenig zum Verständnis der Texte aus. Denn wenn wir die Texte auslegen, dann liegt uns ja nicht der Text des Jahwisten, Elohisten oder der Priesterschrift vor, sondern ein Bibeltext aus den 5 Büchern Mose. Und wir müssen uns daher fragen: Warum hat der Herausgeber dieser Bücher diese Geschichte so und nicht andere weitergegeben? Was bedeutet das also für Gen 1-3?Die Auskunft, dass Gen 1 eine Parallelgeschichte zu Gen 2+3 sei, lehrt uns also zwar verstehen, warum in 2,4 nach dem Abschluss: "So sind Himmel und Erde geworden, als sie geschaffen wurden" die Schöpfung noch einmal erzählt wird "Es war zu der Zeit, das Gott der HERR Erde und Himmel machte." Aber wir müssen uns fragen, warum diese beiden Geschichten in dieser Reihenfolge hintereinander stehen: Nur weil der Verfasser die ältere Überlieferung vom Paradies nicht weglassen wollte? Nein, die ersten drei Kapitel der Bibel sind trotz aller Unterschiede eine Einheit. Denn Kap 3, die Sündenfallgeschichte, erklärt, warum die Welt, die Gott nach Kap 1 gut erschaffen hat, heute nicht mehr so ist, wie sie sein soll. Nimmt man Kap 1 für sich, so kommt man zu der Überzeugung, die Welt sei gut – und wundert sich nachher bei der priesterschriftlichen Sintfluterzählung, wieso die Welt plötzlich so schlecht geworden ist, dass Gott es für ratsam hält, sie zu vernichten. Auch wenn in Kap 1 und 2 auf ganz verschiedene Weise erklärt wird, wie Mensch, Tier und Pflanze entstanden ist, müssen wir diese Kapitel als fortlaufende Einheit verstehen:
Trotz moderner Erkenntnisse wie der Quellentheorie ist die Bibel nach wie vor aus sich heraus verständlich. Nicht die Theorie, sondern der Text ist heilige Schrift, und wir müssen auch heute betonen, dass zum Verständnis der Bibel keine zusätzlichen wissenschaftlichen Hilfsmittel notwendig sind. Wenn wir der Meinung sind, dass der Bibeltext heilige Schrift ist, sollten wir es uns sowieso verbieten, diesen Text ehrfurchtslos zu behandeln und ihn rücksichtslos unter das Seziermesser der Wissenschaft zu legen. Wir nehmen die Ergebnisse der Quellenscheidung zur Kenntnis, aber die Ehrfurcht vor der Bibel verbietet uns, von uns aus den Text zu zerstückeln. Wir müssen ihn als Einheit betrachten. |
[1] vgl. Gen 4.26: Erster Jahweverehrer war Enosch, Adams Enkel, oder sein Vater Set. [2] Eine ägyptische Inschrift aus der 2. Hälfte des 14. Jahrhunderts nennt einen Beduinenstamm Šasu-Jhw, und man nimmt an, dass Jhw der Gottesname ist.
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Datum: 1982 / 2005 Aktuell: 14.07.2006 |
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