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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Die Urgeschichte der Bibel

Auf Grundlage des Ferienbibelseminars 1982
(Dekanat Reinheim)

Gen 1 Schöpfungsgeschichte

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Gliederung

Kommentar

1 Überschrift

2 Urzustand

3-5 Licht

6-10 Himmelsfeste, Land und Meer

11-13 Pflanzen

14-19 Himmelskörper

20-25 Tiere

25-31 Mensch

2,1-3a Abschluss

Woher weiß der Verfasser das alles?

 

Gliederung

Die Schöpfungsgeschichte ist in einzelne Schöpfungsabschnitte gegliedert:

            1 Urzustand

            2 Licht, Tag und Nacht

            3 das Weltgebäude: Himmel, Erde, Gewässer

            4 Einrichtung des Weltgebäudes:

                        Erde: Pflanzen

                        Himmel: Sterne

            5 Bewohner des Weltgebäudes:

                        Meerestiere und Lufttiere

                        Erde: Haustiere, Kleinlebewesen, wilde Tiere

            6 der Hausherr: Mensch

            7 die Vollendung im Sabbat.

Dieses Schöpfungswerk wurde nachträglich nach dem Siebentagesschema aufgeteilt:

            0 Urzustand

            1 Licht, Tag und Nacht, damit die Möglichkeit zur Gliederung

            2 die Himmelsfeste

                        a Festland und Meer

                        b die Pflanzen

            4 Sterne

            5 Wasser- und Lufttiere

            6 Bewohner der Erde.

                        a Tiere

                        b Mensch

            7 Sabbat.

Kommentar

1 Überschrift

  1 Am Anfang schuf Götter den Himmel und das Land.  

Beachtenswert ist, wie in diesem Kapitel Schöpfung verstanden wird. Es überkreuzen sich mehrere Vorstellungen:

  • Das Ergebnis der Schöpfung wird angedeutet mit den hebräischen Worten ברא bároʔ 'schaffen' und עשה ʕáśô 'machen'. Es fehlt in diesem Kapitel eine anschauliche Ausdrucksweise wie יצר jáṣôr 'formen' oder בנה bánô 'bauen', Wörter, die im 2. Kapitel vorkommen.

  • Gott erschafft nicht mit den Händen, sondern durch sein Wort – eine Vorstellung, die auch in der ägyptischen Theologie bekannt ist.

  • Ein wesentlicher Gesichtspunkt der Schöpfung ist die Überführung des anfänglichen Chaos in einen geordneten Zustand (Kosmos). [1] Daher die wissenschaftliche Klassifizierung der Schöpfungswerke.

  • Der Erzähler unterscheidet zwischen Gegenständen, die einfach da sind und solchen, die sich selbst vermehren und regenerieren. Der Schöpfer kann daher für die fortgeschritteneren Kreationen auf vorhandenes Material zurückgreifen: Die Erde lässt Pflanzen wachsen, Tier und Mensch sind fruchtbar und mehren sich. Das setzt sich im 2. Kapitel fort mit der Erschaffung von Mensch und Tier aus Lehm.

2 Urzustand

  2 Aber das Land, es war öde und blöde und Finsternis über dem Ozeane und Geisteshauch Götters flatternd über dem Wasser.  

"Öde und blöde", hbr. תהו ובהו tohû wa-bohû wurde zur sprichwörtlichen Redensart. Das Wort tohu wird an 20 Bibelstellen hauptsächlich zur Beschreibung von Wüsten und öden Landstrichen gebraucht. Bohû ist wohl nur ein Reimwort dazu. Wüst hat heute mehr den Klang von 'chaotisch'.

"Ozean" (hbr. תהום tehôm) ist ein Fachausdruck für der Urozean (griechisch Okeanos). Der Urzustand ist also Nacht, Wasser und Sturm.

"Geisthauch Gottes": Das hbr. Wort für 'Geist', רוח akann auch "Wind" bedeuten. Damit kann gemeint sein "der Geist Gottes schwebte über dem Wasser" und "ein Wind Gottes wehte darüber." Der Geist Gottes über dem Wasser deutet an, dass diesen Urchaos nicht ohne Gott ist. Gott ist schon da, bevor überhaupt etwas erschaffen ist.

3-5 Licht

 

3 Und Götter sprach: "Es werde Licht!" Und es ward Licht. 4 Und Götter sah das Licht, dass es gut (war). Und Götter schied zwischen dem Lichte und zwischen der Finsternis. 5 Und Götter rief das Licht Tag, aber die Finsternis rief er Nacht. Und es ward Abend und es ward Morgen: Tag eins.

 

Es erscheint verwunderlich, dass das Licht lange vor den Sternen erschaffen wird. Licht ist für den Erzähler nötig, damit er seine Zeiteinteilung einbringen kann. Und zugleich deutet er an, dass das Licht zu den grundlegenden Erscheinungen der Welt gehört.

Die Einteilung der Schöpfungsgeschichte in "Tage" mündet in der Einsetzung des Sabbats, der nach jüdischem Verständnis die Krone der Schöpfung ist. Der Schöpfungsbericht scheint erst nachträglich nach diesem Schema gegliedert worden zu sein, wie die obige Übersicht zeigt.

Dahinter stecken aber auch ein paar wichtige Erkenntnisse, die unser Denken bis heute geprägt haben:

  • Schöpfung bedeutet nicht nur eine räumliche Ordnung "Himmel und Erde, Land und Meer", sondern auch eine zeitliche. Mit dem Licht schuf Gott auch die Zeit.

  • Die Schöpfung verläuft selbst in einer streng geregelten zeitlichen Reihenfolge. Ohne das Sieben-Tages-Schema könnte man das Kapitel auch als eine Art Systematik der Welt und des Lebens verstehen. Durch die straffe zeitliche Gliederung wird deutlich, dass die Entstehung der Welt ein historischer Prozess ist: Mit der Erschaffung des Lichts am Sonntag beginnt die Weltgeschichte.

  • Die sieben Tage deuten an, dass sich nicht nur die Geschichte der Menschheit, sondern auch die des Kosmos in Perioden einteilen lässt, so wie wir heute von "Karbon, Zeit der Saurier, Eiszeit" sprechen.
    Wir verstehen Welt eher räumlich ("Weltraum"), die Antike und auch die Bibel eher zeitlich: hbr. עולם ʕôlám, griech. αων aíōn, lat. saeculum, ahd. weralt  bezeichnen in erster Linie einen langen Zeitabschnitt und erst in 2. Linie das, was wir heute unter "Welt" verstehen.

 6-10 Himmelsfeste, Land und Meer

  6 Und Götter sprach: "Es werde ein Firmament inmitten der Wasser, und es werde eine Scheidewand zwischen den Wassern." 7 Und Götter machte das Firmament und schied zwischen dem Wasser, welches unter dem Firmamente, und dem Wasser, welches über dem Firmamente. 8 Und Götter rief das Firmament Himmel. Und es ward Abend und es ward Morgen: zweiter Tag.
9 Und Götter sprach: "Es sammle sich das Wasser unter dem Himmel an einem einzigen Orte, dass das Trockene sichtbar wird." Und es ward so. 10 Und Götter rief das Trockene Land, aber die Wasseransammlung rief er Meere. Und Götter sah, dass es gut war.
 

Nach dem alten Weltbild ist das Himmelsgewölbe wie eine "feste" Kuppel, die über die Erde gestülpt ist. Nach babylonischer Anschauung war über dem Himmel und unter der Erde Wasser (als Regen und Grundwasser). Die Erde aber schwamm nicht oben drauf, sondern war durch Säulen auf einem unvorstellbaren Untergrund sicher befestigt

Bisher handelt Gott so, dass er ein Machtwort "es werde" spricht, und damit entstehe die Dinge, die er haben will. (Psalm 33,9)

Dass der 2. Tag mit der Erschaffung des Firmaments endet und der 3. mit der Scheidung von Land und Meer weitergeht, ist keine Ungeschicklichkeit bei der Einteilung in Tage, sondern hat seinen Sinn: Mit dem "Dach" ist der "Rohbau" des Weltgebäudes fertig. Nun beginnt der "Innenausbau" mit der Einteilung in verschiedene "Räume". Dann kommt die "Inneneinrichtung" (Pflanzen und "Lampen") und schließlich ziehen die Bewohner von Wasser, Luft und Land ein. Der Erzählungsaufbau ist also gut durchdacht.

Sicher hat sich aus heutiger Sicht die priesterliche Tradition in manchem geirrt: dass die Sterne nicht gleich am Anfang da waren, dass sie die Pflanzen  nicht so richtig als Lebewesen erkannt werden. Das hat man vor 2500 Jahren halt noch nicht so richtig gewusst und wer weiß, was man in 2500 Jahre von unseren heutigen Vorstellungen halten wird.

Um so erstaunlicher sind aber die Erkenntnisse, die auch heute noch gelten: Dass Himmel und Erde selbst eine längere Entstehungsgeschichte haben, bevor es überhaupt Leben gab. Dass es eine zeitliche Abfolge in der Entstehung des Lebens gab, fast eine Art "Entwicklung", und dass die Tiere erst am Ende dieser Reihe stehen und dass der Mensch als eine Art Landtier das letzte der materiellen Geschöpfe ist.

11-13 Pflanzen

 

11 Und Götter sprach: "Es lasse grünen das Land Grün: Kraut, Samen säend; Fruchtgehölze, Frucht bringend nach seiner Art, mit ihren Samen darin, auf dem Lande." Und es ward so. 12 Und das Land brachte hervor Grün: Kraut, Samen säend nach seiner Art, und Gehölze, Frucht bringend, mit ihren Samen darin nach ihrer Art. Und Götter sah, dass es gut war. 13 Und es ward Abend und es ward Morgen: dritter Tag.

 

Ab Vers 11 schaltet Gott die Schöpfungskraft der Natur ein: "Es lasse grünen die Erde ..." Damit wird ein 2. Abschnitt begonnen: Bisher war die Schöpfung ein einmaliges Ereignis, beschränkt auf den Beginn der Welt. Die weiteren Schöpfungsakte wiederholen sich bis heute bei jedem neuen Aufsprießen von Pflanzen und bei jeder neuen Geburt.

Der Erzähler teilt die Pflanzen (Grün) in zwei Sorten ein: samentragende Stauden und fruchttragende Bäume. Hinter der Schöpfungsgeschichte steht also ein naturwissenschaftliches System, das von dem heute gebräuchlichen System Linnés abweicht.

Die Pflanzen und Tiere werden nicht durch ein Machtwort aus dem Nichts erschaffen, sondern der Schöpfungsbefehl richtet sich an die Erde, diese Lebewesen hervorzubringen (nicht ganz so deutlich bei den Tieren). Sobald sie aber da sind, vermehren sie sich selbst, d.h. die Reproduktion der Lebewesen bedarf keines weiteren Schöpfungsaktes.

14-19 Himmelskörper

 

14 Und Götter sprach: "Es werde Leuchter an dem Firmamente des Himmels, zu scheiden zwischen dem Tage und zwischen der Nacht und sie seien da zu Zeichen und zu Terminen und zu Tagen und zu Jahren 15 und seien da zu Leuchtern an dem Firmamente des Himmels, zu beleuchten über dem Lande." Und es ward so. 16 Und Götter machte die zwei großen Leuchter, der große Leuchter zur Beherrschung des Tages, und der kleine Leuchter zur Beherrschung der Nacht, und die Sterne. 17 Und Götter gab sie an das Firmament des Himmels, zu beleuchten über dem Lande 18 und zu herrschen über den Tag und über die Nacht und zu scheiden zwischen dem Lichte und zwischen der Finsternis. Und Götter sah, dass es gut war. 19 Und es ward Abend und es ward Morgen: vierter Tag.

 

Dass die Sterne erst so spät erschaffen werden, hat mehrere Gründe:

  1. Das ist eine kleine Bosheit gegen die babylonische Sternverehrung, nach deren Ansicht die Sterne Götter sind. Dagegen der Erzähler: Die Sterne sind keine Götter, sondern Lampen. Sie beherrschen auch nicht das Schicksal, sondern sie haben die Aufgabe, über Tag und Nacht zu "herrschen". Sie gab's auch nicht von Anfang an, sondern sie wurden erst am 4. Tag erschaffen.

  2. Da der Erzähler die Sterne als "Einrichtungsgegenstände" des Weltgebäudes versteht, hätte er sie auch gar nicht viel früher bringen können: Erst das Haus, dann die Einrichtung. Vom Hausbaugedanken her ist die Folge der Schöpfungswerke geradezu logisch.

Merkwürdig, dass die Bemerkung fehlt, Gott habe die beiden "Leuchten" Sonne und Mond genannt. Das bestätigt, dass die Gestirne schon nicht mehr als Teile des Weltgebäudes, sondern als "Einrichtungsgegenstände" verstanden werden.

20-25 Tiere

  20 Und Götter sprach: "Es wimmle das Wasser, ein Gewimmel lebenden Atems, und Geflügel fliege über dem Lande an der Fläche des Firmamentes des Himmels. 21 Und Götter schuf die großen Monster und allerlei lebender, zappelnder Atem, die das Wasser bewimmeln nach ihrer Art und allerlei Geflügel mit Fittich nach ihrer Art. Und Götter sah, dass es gut war. 22 Und Götter segnete sie und sprach, sprechend: "Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Wasser der Meere, aber das Geflügel mehre sich auf dem Lande." 23 Und es ward Abend und es ward Morgen: fünfter Tag.

24 Und Götter sprach: "Es bringe das Land hervor lebenden Atem nach seiner Art: Getier, Gewimmel und Lebewesen des Landes nach seiner Art. Und es ward so . 25 Und Götter machte das Lebewesen des Landes nach seiner Art und das Getier nach seiner Art und das Gewimmel der Erde nach seiner Art. Und Götter sah, dass es gut war.

 

Auch hier liegt ein naturwissenschaftliches System vor, das von dem modernen System erheblich abweicht:

  • Sorte 1: Wassertiere, u.a. die Monster, Meeresungeheuer (Luther: Walfische). Diese Ungetüme werden mit verschiedenem Namen (תנניםTanninim,לויתן Leviathan) an verschiedenen Stellen der Bibel erwähnt. In der Umwelt Israels verstand man darunter mythologische Fabelwesen (wie unsere Drachen und Seeschlangen); in der Bibel gelten sie als zoologische Unterarten. Bemerkenswert, wie schon die Bibel wissenschaftlich und nicht mythologisch denkt!

  • Sorte 2: Lufttiere, u.a. Vögel (weiter nicht ausgeführt)

  • Sorte 3: Landtiere.

    • Getier, hier = Haustiere.

    • Gewimmel = Kleinlebewesen auf dem Boden (nicht identisch mit unseren Kriechtieren, sondern z.B. auch Würmer, Schnecken, Insekten usw.)

    • Lebewesen, hier = wilde Tiere. Zu ihnen gehört nach Kap. 3,1 auch die Schlange.

"Götter segnete sie"

Der Segen Gottes ist eine Fortsetzung des wirkungsmächtigen Schöpfungswortes, das unverzüglich Wirklichkeit wird.

 

"Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde"

Dieses Wort gilt gleichermaßen den Tieren wie den Menschen. Es ist aber kein Befehl, der sklavisch befolgt werden muss, sondern Inhalt des Segens: Gott gibt den Lebewesen durch ein wirkungskräftiges Machtwort die Fähigkeit zu vermehren und die Erde zu füllen.

25-31 Mensch

 

26 Und Götter sprach: "Machen wir Erdlingsstamm mit unsrer Figur, wie unser Gleichbild! Und sie sollen gewaltig sein über den Fischstamm des Meeres  und über das Geflügel des Himmels und über das Getier und über alles [Lebewesen] des Landes und über alles Gewimmel, wimmelnd auf dem Lande." 27 Und Götter schuf den Erdlingsstamm mit seiner Figur, mit Götterfigur schuf er ihn, (als) Kerl und Weib schuf er sie. 28 Und Götter segnete sie und Götter sprach zu ihnen: "Seid fruchtbar und mehret euch und füllet das Land und unterwerfet es und seid gewaltig über den Fischstamm des Meeres und über das Geflügel des Himmels und über alles Lebewesen, wimmelnd auf dem Lande."

29 Und Götter sprach: "Da, ich habe euch gegeben alles Kraut des Feldes, Samen säend, welches auf der Fläche allen Landes, und alles Gehölze mit Gehölzefrucht daran, Samen säend, das sei euch zum Essen, 30 aber allem Lebewesen des Landes und allem Geflügel des Himmels und allem Gewimmel auf dem Lande mit Lebensatem darin. alles Grün des Krautes zum Essen. Und so ward es. 31 Und Götter sah an alles, was er gemacht hatte, und da, es war sehr gut. Und es ward Abend und es ward Morgen: sechster Tag

 

Der Mensch wird am selben Tag erschaffen wie die Tiere. Er steht also mit den Landtieren auf gleicher Stufe. Und dennoch ist er was Besonderes. Das zeigt V 26, wo Gott einen förmlichen Beschluss herbeiführt: "Lasset uns Menschen machen".

"Lasset uns" ist kein Majetätsplural ("Wir Ludewig I."). Gott spricht zu seiner himmlischen Ratsversammlung (vgl. 1. Kön 22,19-23). Eine echte Parallele ist die Berufungsvision von Jesaja, wo Gott zu den Seraphim spricht: "Wen soll ich senden? Wer will unser Bote sein?" (6,8)

Was den Menschen auszeichnet, ist die Gottesebenbildlichkeit. Was damit gemeint ist, darüber gibt es eine Fülle von Meinungen:

  • Gott nimmt sich selbst zum Muster = der Mensch sieht aus wie Gott.

  • Der Mensch hat Eigenschaften mit Gott gemeinsam (und z.T. wieder durch den Sündenfall verloren).

  • Im alten Orient galt der König als Ebenbild und Stellvertreter Gottes auf Erden (Demokratisierung der alten Vorstellung).

  • der Mensch ist noch nicht Ebenbild Gottes, sondern muss es erst werden.

  • der Mensch betätigt sich selbst als Schöpfer.

Gott schuf den Menschen "männlich und weiblich", d.h. es ist von vornherein gedacht, dass es Menschen nur als Mann oder Frau gibt; der Mann kann sich also (im Unterschied zu Kap. 2) nicht drauf berufen, er sei eher da gewesen und wichtiger als die Frau (klassische Stelle für die Gleichberechtigung).

Nach Kap 2,21.22 war der Urmensch kein Mann, sondern enthielt in sich beide Geschlechter. Ob wir "männlich und weiblich" auch in diesem Sinne verstehen müssen? Dagegen scheint der Plural "männlich und weiblich schuf er sie" zu sprechen, nachdem vorher die Rede davon war, dass er "den Erdling" erschaffen hatte.

Wichtig ist auch: Gott hat nur den Unterschied zwischen den  Geschlechtern gewollt, keine Unterschiede nach Klassen oder Rassen. Das kommt im folgenden Kapitel noch deutlicher zum Ausdruck und wurde zu Beginn der Neuzeit zu einem wichtigen Beweggrund der Demokratisierung: "Als Adam grub und Eva spann, wo war denn da der Rittersmann?"

Nach nordgermanischer Überlieferung dagegen wurden die Menschen als jarl, karl und þrall 'Edler, Freier und Knecht' erschaffen.

Auch der Mensch erhält den Vermehrungssegen und wird gleichzeitig beauftragt, im Namen Gottes "das Land (und sein Gewächs) zu unterwerfen" und die Tiere zu "bezwingen" – zwei ziemlich aggressive Vokabeln.

Für die Juden sind Speisevorschriften von wichtiger Bedeutung, so bereits im Schöpfungssegen: Gott hatte ursprünglich vorgesehen, dass die Menschen sich von Früchten und die Tiere von Blättern ernähren. Dies wird auch in der Paradiesesgeschichte vorausgesetzt: Der Mensch darf alles essen, was auf den Bäumen wächst, mit zwei Ausnahmen. Das zeigt, wie eng Kap. 1 und 2 miteinander verwoben sind. Erst nach der Sintflut (Kap. 9,3) gibt Gott neue Speisegebote: Dann wird auch Fleisch erlaubt sein, aber ohne Blut.

Nachdem Gott nach jedem Schöpfungswerk festgestellt hat: "Es ist gut", macht er jetzt die abschließende Feststellung: "Sehr gut". Mit der Erschaffung des Menschen ist die Schöpfung vollendet. Sollte man meinen.

2,1-4a Abschluss

 

1 Und es wurden vollendet der Himmel und das Land und all ihr Heer. 2 Und Götter vollendete am <sechsten> [2] Tage seiner Beschäftigung, die er gemacht hatte, und feierte am siebenten Tage von aller seiner Arbeit, die er gemacht hatte. 3 Und Götter segnete den siebten Tag und heiligte ihn. Denn an ihm hatte er gefeiert von all seiner Beschäftigung, die Götter schuf zu machen .

4 Dies (waren) die Geschlechter des Himmels und der Erde bei ihrer Erschaffung.

 

Aber Kap 2,2 heißt es in der jüdischen Bibel: "Götter vollendete die Schöpfung am siebenten Tage." Nicht der Mensch, sondern der Sabbat ist die Krone der Schöpfung. Schöpfung ohne Feier, Arbeit ohne Ruhe, der homo faber (Mensch als Arbeitstier) ohne den homo ludens (Mensch als spielendes Wesen), eine Welt ohne Sabbat wäre in der Tat unvollkommen. In der Sabbatruhe erhält der Mensch erst seine Gottesebenbildlichkeit.

Woher weiß der Verfasser das alles?

Man nimmt heute an, dass dieses Kapitel von jüdischen Priestern verfasst wurde, die nach Babylonien verschleppt worden waren. Man spürt beim Lesen deutlich, dass die Schöpfungsgeschichte das Ergebnis einer langen Überlieferung und einer intensiven Auseinandersetzung mit babylonischen Lehren ist:

  • Hinter dem Aufriss der Geschichte steht ein gut durchdachtes naturwissenschaftliches System, das die Welt und Lebewesen in verschiedene Klassen oder Sorten einteilt – sicher das Ergebnis Jahrhunderte langer naturwissenschaftlicher Beobachtungen.

  • Die Verfasser nehmen babylonische Anregungen auf (z.B. Weltbild, das Fachwort תהום tehôm 'Ozean', die Sterne als Regenten) und passen sie in ihr biblisches Weltbild ein (z.B. Sterne sind keine Götter und regieren nur Tag und Nacht).

  • Das einzig Religiöse an dieser wissenschaftlichen Abhandlung ist der Glaube, dass Gott hinter allem steht und die Welt geschaffen hat. Alles andere, was in der Umwelt Israels einen religiösen Anhauch hatte, ist radikal aus der Geschichte gestrichen: Die תהום tehôm ist kein gottähnliches Ungeheuer, mit dem Gott kämpfen muss wie in Babel, sondern ein durch die Schöpfung aufgelöster Urbestandteil der Welt. Die Sterne sind keine Götter, sondern Lampen. Die תנניםTanninim  sind keine Ungeheuer von göttlichem Rang, sondern Geschöpfe, "Walfische", wie die Tradition versteht. Der Mensch wird nicht dazu erschaffen, Gott oder den Göttern zu dienen, sondern um über die Erde zu herrschen. Gott hat bei seiner Schöpfung keine Helfer und keine Gegner, sondern er schafft die Welt im Alleingang. Er macht es nicht wie der babylonische Marduk, der das Ur-Ungeheuer Tiamat (תהום tehôm) besiegt und aus dessen Überresten die Welt erbaut, sondern er "spricht, so geschieht's". Er braucht kein Material, sondern er schafft die Welt aus dem Nichts, allein durch sein Wort. Die Verfasser haben also nicht einfach Überlieferungen nacherzählt, sondern sie haben sich selbst Gedanken gemacht und Überliefertes kritisch durchleuchtet.

  Zur Übersetzung

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

[1] Die Begriffe Chaos und Kosmos, 'Unordnung' und 'Ordnung', stammen aus dem Griechischen. Auch die Griechen konnten Schöpfung verstehen unter dem Gesichtspunkt des Ordnens.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

[2] In der samaritanische, griechische und syrische Bibel steht "am sechsten Tage", in der jüdischen "am siebten". Hier haben also die Juden den ursprünglichen Text geändert, um den neuen Gedanken einzubringen, dass der Sabbat die Krone der Schöpfung ist.
 

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Übersicht

 

Predigt Gen 1,26-28 (1966)

 

Datum: 1982 / 2005

Aktuell: 11.09.2011