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Heinrich Tischner Fehlheimer Straße 63 64625 Bensheim |
Die Urgeschichte der BibelAuf Grundlage des Ferienbibelseminars 1982 Gen 2 Paradies |
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Zur Eigenart der GeschichteDie Paradieseserzählung ist ein ganz anderer Typ von Geschichte als die Schöpfungsgeschichte. Die Schöpfungsgeschichte (Gen 1) hatten wir als eine Art wissenschaftlichen Bericht verstehen gelernt. Die Paradieseserzählung dagegen erhebt keinen Anspruch auf Wissenschaftlichkeit, sondern will mit zum Teil märchenhaften Zügen an Hand einer Geschichte Grundlegendes über den Menschen aussagen. Da der Erzähler hier die Form einer Geschichte wählt, kann er seine Aussagen wesentlich anschaulicher und eindrücklicher machen, als wenn er eine wissenschaftliche Abhandlung geschrieben hätte. Natürlich hat auch er hier Überliefertes verarbeitet und bringt sogar in seinem Exkurs über die Paradiesesströme Wissenschaftliches mit ins Spiel. Auslegung4-6 Urzustand
Dass die Paradiesgeschichte von der Schöpfungsgeschichte unabhängig ist, zeigt der Neueinsatz mit einem ganz anderen Urzustand: nicht der Urozean, sondern die nackte Erde ohne Pflanzen. Das "Nass" (hbr. אד éd) ist nötig, um der Erde die notwendige Geschmeidigkeit zu geben, damit man was draus formen kann. Gemeint ist wohl aufsteigendes Grundwasser, das dann auch den Paradiesesfluss speisen wird. Das hbr. Wort ist ein Lehnwort aus osemit. edû 'Wasserflut', dies aus sum. a-dé-a 'Flut aus der Tiefe'. 7 Der Mensch aus Erde und Odem
Nach biblischer Auffassung besteht der Mensch aus Leib und Seele bzw. Geist. Der Leib besteht aus Erde und zerfällt mit dem Tod wieder und wird zu Erde – die Seele ist der Atem Gottes. Wenn Gott ausatmet, entstehen neue Lebewesen, wenn er einatmet, nimmt er seinen Geist zurück, und die Lebewesen sterben (vergleiche Psalm 104.29+30 und Prediger 12.7). Nach der Zeichensetzung im hebräischen Text steht zwischen "Erdling" und "ACKERKRUME" eine Art Komma: Die Herausgeber des Textes (Massoreten) wollten damit die Aussage vermeiden, dass Gott den Menschen aus einem "Erdenkloß" (Luther) geformt hätte. Anders V 19, wo Gott die Tiere "aus Erde" formt. Die Beziehung zwischen Mensch (hbr. ádám, lat. homo) und Erde (hbr. adámâ, lat. humus) kommt schon in dem Wortspiel zum Ausdruck. Anders als in Kap. 1 ist hier das erste Geschöpf der Mensch. Für ihn wird der Rest der Welt geschaffen (Garten, Tiere, Frau). 8 Der Garten
Damit der Mensch eine Umwelt hat, legt Gott einen Garten an. Diesen Garten benennen wir mit einem persischen Wort Paradies: Das persische pairidaeza war eine Art Safaripark der persischen Könige, in dem sie wilde Tiere zum Jagen hielten. Der biblische Name diesea Gartens ist nicht Paradies, sondern Garten Eden. Hier aber ist Eden nicht der Name des Gartens, sondern einer Landschaft, in der der Garten lag. In dem Namen fallen mehrere Wörter zusammen:
Gott pflanzte den Garten מי־קדם mi-qädäm. מדם Qädäm bedeutet eigentlich 'was vorn ist: also geographisch der 'Osten', zeitlich 'die Vorzeit'. Das ist also keine geographische Angabe [1], sondern eine religiöse: Von Osten, von der Urzeit her kommt Gott, nach Osten war der Tempel geöffnet, von Osten erwarten wir die Erlösung, daher blicken wir in der Kirche in Richtung Osten. 9 Die Bäume
Der Garten, so erfahren wir jetzt, ist ein Baumgarten und zeichnet sich durch zwei besondere Gewächse aus, die in keinem Naturkundebuch verzeichnet sind:
Dass man sich den Paradiesesbaum als Apfelbaum vorstellt, ist also alt. Wie hat sich aber der biblische Erzähler den Erkenntnisbaum vorgestellt? Es gibt zwei jüdische Überlieferungen:
10-14 Exkurs: Die Flüsse
Wasser ist im Orient eine kostbare Seltenheit. Das Paradies in der Steppe muss also mit Wasser überreich gesegnet sein (für uns wäre das eher ein Alptraum). Der Erzähler macht hier einen geographischen Exkurs, dessen Vorgeschichte aber sehr verwickelt ist: Die überlieferten Namen sind:
Bedellion ist ein wohlriechendes Harz, das aus Arabien stammt. Nach dem jetzigen Text muss man also annehmen, dass Euphrat, Tigris, Nil und ein weiterer Fluss in derselben Gegend entspringen, eben im Paradies, was geographisch einfach nicht stimmt. Man nimmt daher meistens an, dass der Erzähler gar keine Landkarte vor Augen hat, sondern nur sagen will: Das Paradies liegt in der Mitte der Welt, und alles kostbare Wasser fließt in großen Strömen daraus hervor. Den Strömen gibt er irgendwelche Namen (interessanterweise ist die Jerusalemer Tempelquelle dabei), kümmert sich aber nicht um die wirklichen Verhältnisse. Außerdem ist ja die Welt durch den Sündenfall anders geworden. Das Paradies ist unzugänglich und mit geographischen Mitteln nicht zu beschreiben.
Nun zeigt aber die Karte, dass im Quellgebiet von Euphrat und Tigris (Armenien) auch die Flüsse Arax und Kura entspringen, die aber ins Kaspische oder Schwarze Meer münden und daher dem biblischen Erzähler nicht mehr bekannt waren, Wenn es aber wahr ist, dass die Vorfahren der Israeliten aus dem oberen Euphratgebiet kamen und dass das Land Eden in derselben Gegend lag, so ist anzunehmen, dass in der Notiz von den Paradiesesströmen eine Erinnerung an wirkliche geographische Verhältnisse enthalten ist. Der biblische Erzähler konnte damit aber nichts mehr anfangen und versuchte die überlieferten Namen auf die ihm bekannte Landkarte zu übertragen. 15-17 Aufgaben
Der Mensch bekommt (ähnlich wie Kap. 1,28) eine Aufgabe, und zwar auch hier einen Auftrag für seine Welt, nicht die Pflicht, Gott zu dienen! Auch hier bekommt er als Nahrung rein vegetarische Kost zugewiesen, wobei ihm der Erkenntnisbaum verboten wird. Das 1. Gebot, das Gott erlässt, ist also kein religiöses oder moralisches Gebot, sondern eine Speisevorschrift (wie später das Verbot, Schweinefleisch zu essen). Die angedrohte Todesstrafe (das ist mit der Formulierung "Sterben sterben" eindeutig gemeint) zeigt, dass auch der Erkenntnisbaum ein Lebensbaum ist, bloß mit anderen Vorzeichen:
Diese Beobachtung ist angesichts der heutigen Umweltproblematik erwähnenswert: Leben wird gewährt dadurch, dass wir nicht versuchen, die ganze Natur in Griff zu bekommen, sondern der unberührten Schöpfung ein eigenes Recht zugestehen. Der Mensch soll den Garten pflegen; er darf von den Früchten genießen, aber es gibt Bereiche, die für ihn tabu sind. Der verbotene Baum ist das "Holz der Erkenntnis des Guten und Bösen". Eva versteht den Namen in 3,6 so, dass der Genuss der Früchte "gewandt", intelligent macht. Aber es geht doch wohl nicht um Klugheit und Intelligenz, sondern um die Fähigkeit, selbst zu wissen und selbst zu entscheiden, was gut und böse ist, also um Autonomie. Dazu sind die ersten Menschen sicher noch nicht in der Lage. Sie sind noch wie kleine Kinder. Später gilt es als Zeichen des Erwachsenseins, dass man Gut und Böse unterscheiden kann (Jes 7,16), und Ziel des Weges Gottes mit den Menschen ist, dass der Wille Gottes in ihr Herz geschrieben ist, so dass ihnen niemand mehr Vorschriften machen muss (Jer 31,33 f). Man hat sich oft gefragt, warum Gott dem Menschen gerade den Erkenntnisbaum verbietet. Die Schlange deutet das Verbot später so, als wolle Gott dem Menschen die Gottesebenbildlichkeit vorenthalten. Die meisten Ausleger legen Wert darauf, dass sich Gott nicht in die Karten gucken und keine Vorschriften machen lässt, was er verbieten darf und was nicht. Dem biblischen Erzähler kommt es auch gar nicht auf das "Warum" an. Seine Fragestellung ist eine andere: Er fragt sich: Wie kommt es, dass Gott die Welt gut erschaffen hat, wo sie doch so, wie wir sie kennen, nicht gut ist? Antwort: Das kommt durch den Sündenfall. Menschliche Neugier und menschlicher Ungehorsam haben die ganze Schöpfung verdorben. Obwohl: Nach dem folgenden V 18 war die Welt auch vor dem Fall nicht vollkommen Wie kommt der Erzähler auf den Gedanken, dass die Menschen im Paradies sich nur von Früchten ernährt hätten?
18-25 Gesellschaft
Mit der Einrichtung des Gartens ist die Welt noch nicht vollkommen. Der Mensch braucht Gesellschaft. Die Erzählung von der Erschaffung der Tiere und der Frau liest sich gerade so, als hätte Gott nicht gewusst, was er jetzt machen muss. Er experimentiert herum und versucht dasselbe noch mal zu schaffen und aus Lehm nochmals einen Menschen herzustellen. Aber es klappt nicht. Der Mensch gibt allen neuen Geschöpfen einen Namen, aber er findet keinen zweiten Menschen darunter. Die bisherige Methode "Mensch aus Lehm" funktioniert also nicht mehr, und Gott muss sich eine neue Methode überlegen. Das alles klingt ein bisschen respektlos, entspricht aber doch irgendwie der Wirklichkeit: Denn hier ist bereits in der Bibel der moderne Entwicklungsgedanke vorbereitet: Schöpfung, das heißt nicht nur, einen vorgefassten Plan ausführen, sondern das heißt mit der Methode Versuch und Irrtum arbeiten, experimentieren, erfinden. Nach dieser Erzählung könnten wir fast sagen: Die Tiere sind die vergeblichen Resultate eines Versuchs, so etwas Ähnliches wie Menschen zu machen. Adam, das ist nicht nur der erste Mann und Eva die erste Frau, sondern Adam wäre hier das Vorbild, die Idee, die Gott vorschwebt, und Eva die Verwirklichung.
Die Lösung des Problems besteht nun darin, dass Gott ein Stück Adams nimmt, um Eva daraus zu erschaffen. Da er aus Lehm immer nur Tiere und keinen zweiten Menschen bekommt, hilft ihm nichts anderes, als dass er den zweiten Menschen aus einem "Ableger" des ersten heranwachsen lässt. Die Erschaffung Evas aus der Rippe erinnert auffallend an die Erzählungen von der ungeschlechtlichen Vermehrung des Urmenschen in anderen Kulturen. So wachsen dem germanischen Urmenschen Ymir ein Sohn und eine Tochter unter den Armen. Die Bibel hat aber auch hier alle Reste heidnischer Vorstellungen beseitigt: Eva entsteht nicht von selbst durch ungeschlechtliche Vermehrung, sondern wird wie Adam erschaffen, nur aus anderem Material. Hier ist aber nicht von "schaffen, machen, formen", sondern von "bauen" die Rede, eine ungewöhnliche Ausdrucksweise, die wohl auch das Außerordentliche dieser ungeschlechtlichen Vermehrung ausdrücken soll. Das hbr. בנה bánô wird sonst vom Errichten von Gebäuden gebraucht, aber auch wenn davon die Rede ist, dass Gott jemand "ein Haus baut", d.h. Nachkommen verschafft. "bauen" bedeutet also hier nicht 'konstruieren', sondern 'heranwachsen lassen'. Warum gerade aus einer Rippe? [2] Möglicherweise spielt dabei die Erinnerung an die alte Schwangerschaft "unter den Armen" eine Rolle. Und außerdem ist die Rippe der einzige Körperteil, von dem man annehmen kann, dass der Mensch ursprünglich mehr davon hatte. Es sei denn, der Erzähler hätte Adam irgendwelche heute nicht mehr vorhandenen Teile wie einen Rüssel, Höcker oder Schwanz angedichtet. Adam erkennt den zweiten Menschen endlich als ebenbürtig an, und zwar deshalb, weil er aus demselben Material ist, Das ist Erstaunlich, weil der Erzähler ja noch nicht gewusst hat, dass die Menschen sich nicht nur durch ihren typischen Körperbau, sondern auch durch eigene Eiweißarten, eigene Chromosomen usw. auszeichnen, also wirklich aus einem anderen Material bestehen als nichtmenschliche Lebewesen. Adam verleiht dem zweiten Menschen wie den Tieren einen Namen, und zwar einen Namen, der die Ebenbürtigkeit ausdrückt. Luther hat durch den Ausdruck "Männin" versucht, ein Wortspiel des Hebräischen wiederzugeben: אש îš Mann' – אשה iššâ 'Frau'. 24 Familie
Der Vers zeigt, dass hier uralte Überlieferungen weitergegeben werden: Denn im historischen Israel war es genau wie in unserer Vergangenheit üblich, dass die Frau in die Familie des Mannes aufgenommen wurde. Der biblische Erzähler weiß aber noch, dass es ursprünglich anders war: Der Mann wurde in die Familie der Frau aufgenommen (Mutterrecht). 25 nackt
Auch hier ist eine alte Erinnerung erhalten, dass die ersten Menschen keine Kleider hatten. Das klingt für uns selbstverständlich – aber wir wissen das vor allem aus dieser Geschichte. Woher wusste das aber der Erzähler? Weil wir nackt geboren werden (Hiob 1,21). Nacktheit ist also der Naturzustand des Menschen. Das lässt sich also ganz einfach erklären, ohne dass wir dafür geheimnisvolle Offenbarungen oder Urerinnerungen in Anspruch nehmen müssen. Dieser Vers leitet zugleich über zur Sündenfallgeschichte und birgt ein Wortspiel, das den Übergang zu Kap 3,1 deutlich macht: Für das 'nackt' wird in Kap. 3 das hbr. Wort ערום ʕérôm verwendet. Hier aber steht nicht ʕérom, sondern ערםʕárum 'nackig'. In 3,1 aber heißt es, die Schlange wäre klug gewesen, und das heißt auf hebräisch ערום ʕárûm. Wenn nachher die Menschen in die verbotene Frucht beißen, glauben sie, dass sie jetzt ʕárûm 'klug' wären, dabei merken sie bloß, dass sie ʕárum 'nackig' sind. Ich versuche, dieses Wortspiel mit "gewandlos" 'nackt' und "gewandt" 'klug' wiederzugeben, sicher nur ein dürftiger Ersatz. |
Zur Übersetzung
[1] Mesopotamien lag aus biblischer Sicht im Norden, weil der Weg dorthin erstmal nach Norden ging.
[2] Das hebräische Wort צלע ṣéláʕ bedeutet in der Bibel sonst nur 'Seite, Seitenteil'. hat aber Entsprechungen in anderen semitischen Sprachen, die 'Rippe' bedeuten. Der Ausdruck wirkt ungewöhnlich, aber es werden im Alten Testament sonst keine Rippen erwähnt, sodass wir annehmen können, das ṣéláʕ das gewöhnliche Wort für diese Knochen war. |
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Predigt Gen 2 (1990) |
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Datum: 1982 / 2005 Aktuell: 11.09.2011 |
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