|
Startseite | Religion | Sprachwissenschaft | Logische Wissenschaft | Geschichte | Humanwissenschaft | Naturwissenschaft | Kulturwissenschaft | Kulturschöpfungen Quellen | Bibelwissenschaft | Systematische Theologie | Religionswissenschaft | Praxis |
|||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
|
Heinrich Tischner Fehlheimer Straße 63 64625 Bensheim |
Die Urgeschichte der BibelAuf Grundlage des Ferienbibelseminars 1982 Gen 3 Sündenfall |
Email:
|
|||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
|
14-19 Die Strafen
20-24 Der alternative Schluss
|
|
Auslegung1 Die Schlange
Zum Lebensbaum gehört ein Fabelwesen (Drache), das den Baum bewacht. Dass also hier eine Schlange in der Paradiesesgeschichte vorkommt, braucht uns nicht zu wundern. Aber der Erzähler wählt hier den zoologischen Ausdruck "Schlange" (hbr. נחש náḥáš) und reiht die Schlange ein in die Sorte "Lebewesen des Feldes". Dabei hätte ihm durchaus ein Wort zur Verfügung gestanden, das ein Feuer speiendes Fabelwesen (Num 21,6; Deut 8,15) bezeichnet, das fliegen kann (Jes 14,29; 30,6), nämlich hbr. שרף śáráp. Er vermeidet also auch hier bewusst alle Erinnerungen an heidnische Geschichten und will auf jeden Fall den Eindruck vermeiden, als wolle er ein Märchen erzählen. Selbst im Paradies ging alles mit natürlichen Dingen zu. Erst nach der Vertreibung rücken die Fabelwesen ("Flügelgreife") ein. Die Schlange ist also ein Tier und kein Fabelwesen, selbst wenn sie sprechen kann (was allerdings ein Märchenmotiv ist); sie ist halt klüger als die anderen Tiere. Das hier gewählte Wort ist aber nicht hbr. חכם ḥákám (von der abgeklärten Lebenserfahrung: 'klug, weise'), sondern ערום ʕárûm (von der praktischen Intelligenz: 'schlau, listig'). Die Übersetzung "gewandt" versucht das Wortspiel mit ערםʕárum 'nackt, "gewandlos"' nachzubilden. Die Schlange ist ein Tier, also auch nicht eine Ausgeburt des Teufels. Die Gestalt des Teufels kennt der Erzähler noch nicht, zum Glück, müssen wir sagen. Denn er hätte sich die Frage nach der Herkunft des Bösen ja viel einfacher machen können, indem er gesagt hätte: Das Böse kommt vom Teufel. Der Teufel hat Eva verführt, und deshalb biss sie in den Apfel. Aber damit ist ja das Problem noch nicht gelöst. Denn woher kommt der Teufel? Der Erzähler sagt: Die Schlange, die Eva verführte, ist ein Geschöpf Gottes, keine Macht, die neben Gott steht. Die Möglichkeit, Böses zu tun, ist also in der Schöpfung vorgesehen. Gott hat Adam und Eva verboten, von der Frucht zu essen und ihnen im Falle eines Verstoßes gegen das Gebot den Tod angedroht. Gott rechnet also mit der Möglichkeit, dass die Menschen etwas anderes machen, als er will. Er hat ihnen die Freiheit gegeben, sich für oder gegen Seinen Willen zu entscheiden, Gott geht bewusst das Risiko eines Sündenfalls ein. Dieses Risiko war der Preis, den er dafür zahlte, dass er dem Menschen Freiheit gab. Wozu brauchte aber der Erzähler dann noch die Schlange? Ganz einfach, weil Eva ja noch nicht "klug" war. Sie hätte also gar nicht von sich aus auf die Idee kommen können, in den "Apfel" zu beißen. Die Schlange war also nicht nur klüger als die anderen Tiere, sondern auch klüger als die Menschen. 1-5 Die Verführung
Die Schlange hat aber doch was Teuflisches an sich: Sie sät Misstrauen, indem sie raffiniert vorgibt, das ureigenste Interesse des Menschen zu vertreten. Sie schleicht sich in das Vertrauen Evas ein, indem sie ihr Gelegenheit gibt, Gott zu verteidigen (er hat nicht alle Bäume, sondern nur den einen verboten). Sie sät Zwietracht, indem sie Gott vorwirft, er würde den Menschen etwas Wesentliches vorenthalten: die Gottesebenbildlichkeit, bestehend in der Klugheit. (In Kap. 1 steht, Gott habe den Menschen von vorneherein zu seinem Ebenbild erschaffen). Ja warum hat's Gott eigentlich verboten? Etwa doch wegen des "Neides der Götter"? Dieser Vorwurf wird nirgends entkräftet. Auch der zweite Vorwurf der Schlange lässt sich nicht entkräften: Adam und Eva wurden zwar aus dem Paradies vertrieben, aber sie sind nicht "Sterben gestorben", sondern Adam erlebte das heute unvorstellbare Alter von 930 Jahren (Gen 5,5). Hat die Schlange Recht gehabt und hat Gott den Menschen was vorgemacht? "Sterben Sterben " bedeutet ja tatsächlich 'sofort sterben, als unmittelbare Folge der Tat oder als Strafe. In den Strafgesetzen bezeichnet dieser Ausdruck die Todesstrafe. Früher hat man gemeint, Gott habe sagen wollen: Wenn ihr das tut, verliert ihr eure Unsterblichkeit." Aber dass die Menschen ohne den Sündenfall auch hätten sterben müssen, sehen wir an V 22: Um unsterblich zu werden, hätten sie vom Lebensbaum essen müssen, Diese Möglichkeit haben sie sich durch den Sündenfall verscherzt. Von Natur aus war Adam immer sterblich gewesen, das zeigt schon seine Herkunft "aus Erde". Denn da er aus Erde ist, muss er wieder zu Erde werden – mit oder ohne Sündenfall. Wenn Gott den Menschen den Tod androht und sie nachher "nur" aus dem Paradies jagt, dann hat er also die angedrohte Strafe nicht vollzogen, sondern die mildere Strafe der Verbannung gewählt. Da Gott überhaupt eine Strafe vollzieht, können wir nicht sagen, dass er mit der Drohung nur geblufft hat. Er hat nicht gelogen, sondern Adam und Eva zur Verbannung begnadigt: der gnädige und barmherzige Gott also schon am Anfang der Menschheitsgeschichte! 6 Die Übertretung
Für "klug werden" steht hier שכל haśkîl 'einsichtig und erfolgreich sein'. Die raffinierte Taktik der Schlange führt zum gewünschten Erfolg: Die Frau beißt in die Frucht und gibt sie an ihren Mann weiter. Auffallend ist, dass die Schlange sich gerade an Eva heranmacht. Man hat das immer wieder gedeutet als Zeichen dafür, dass die Frau ein minderwertigen Wesen sei: Die Schlange habe bei Eva ein leichteres Spiel gehabt, an Adam habe sie sich gar nicht herangetraut. Aber: Auch Adam lässt sich verführen. Eva braucht gar nicht viel Raffinesse, um Adam zum Biss in die verbotene Frucht zu bewegen. Sie gibt ihm, und er beißt rein – ohne ein Wort. Adam ist also nicht der willensstarke Mann, gegen den die Schlange nicht ankommt, sondern ein willensschwacher Trottel, der macht, was seine Frau will. Die Schlange würdigt den Adam keines Wortes; sie verachtet ihn. So kann man die Sache jedenfalls auch sehen. Für den Wert des Mannes und den Unwert der Frau gibt die Stelle jedenfalls nichts her. Merkwürdig ist immerhin, dass Eva die Ansprechpartnerin der Schlange und Adam der Ansprechpartner Gottes ist: Gott sucht Adam und stellt ihn zuerst zur Rede. Wenn der Erzähler das so berichtet, dann sicher mit Absicht: Eva als Gesprächspartnerin der Schlange verkörpert eine andere Art Mensch als Adam als Partner Gottes. Worin besteht aber die Andersartigkeit? Sicher nicht in dem Unterschied zwischen emotional (Eva) und rational (Adam), denn der "rationale" Teil des Sündenfalls spielt sich im Gespräch zwischen Eva und der Schlange ab, und der emotionale Teil wird von Adam vertreten: Er lässt sich einfach durchs Beispiel verführen, er versteckt sich aus Angst, er schiebt der Frau die Schuld zu. Es geht also hier nicht um Rationales und Emotionales (Verstand und Gefühl). Vielmehr ist Adam der Ansprechpartner Gottes, weil Gott dem Adam und nicht der Eva den Baum verboten hat. Adam trägt also die Verantwortung, auch wenn Eva schuld ist. Die Andersartigkeit stellt also keinen Gegensatz dar, sondern zwei verschiedene Aspekte des Menschseins. Adam, der Mensch, der Gott verantwortlich ist – Eva der Mensch, der vernünftig argumentiert. Das eine schließt das andere nicht aus. 7 Die Folge
Die unerwartete Folge des Sündenfalls: Adam und Eva fallen nicht auf der Stelle tot um und werden auch nicht auf der Stelle ערום ʕárûm 'gewandt' – dazu gehört Übung und eine Menge Erfahrung. Adam und Eva fangen tatsächlich an zu erkennen: dass sie עירםʕêrom 'ungewandet, nackt' sind. Selbstverständlich gehört eine Menge Intelligenz dazu, dass einem etwas auffällt, was bisher immer so war. In der neuen Erkenntnis steckt auch der Gedanke, dass die natürliche Nacktheit für den Menschen nicht richtig ist. Menschsein beginnt also in der Bibel damit, dass der Mensch nicht mehr nackt herumläuft, sondern er unterscheidet sich vom Affen durch seine Kleider. Es ist bezeichnend für die Bibel, dass sie die Nacktheit des Menschen als etwas Negatives und die Scham als etwas Positives empfindet. Das hängt sicher mit der anspruchsvollen Sexualmoral der Bibel zusammen. Der Mensch unterscheidet sich also auch in seinem gesamten sexuellen Verhalten vom Tier, und das, was beim Tier natürlich und normal ist, muss deswegen nicht auch beim Menschen natürlich und normal sein. Man hat aus der Sündenfallgeschichte immer wieder herausgelesen, dass der Mensch da seine Sexualität entdeckt habe. Immerhin wird in Gen 4,1 für den geschlechtlichen Umgang dasselbe Wort für "erkennen" benutzt wie in der Sündenfallgeschichte. Mehr steht nicht da und es wird auch nicht an anderer Stelle in der Bibel angedeutet, der Sündenfall habe in der Entdeckung der Geschlechtlichkeit bestanden. Die Intelligenz der Menschen besteht nicht nur darin, dass sie etwas an sich entdecken, was nicht in Ordnung ist, sondern auch darin, dass sie ein Mittel zur Abhilfe, nämlich ein primitives Kleidungsstück erfinden: Sie machen sich חגרות ḥagorôt 'Umgürtungen' aus "zusammengenähten" Feigenblättern, sie haben wohl einfach Zweige abgerissen und so um die Hüften drapiert, dass die Blätter die Schamteile verdeckten – der Ausdruck Lendenschurz wäre viel zu fortschrittlich. Warum gerade aus Feigenblättern? Die einfachste Erklärung ist, dass der Erzähler sich den Erkenntnisbaum als Feigenbaum vorgestellt hat. Dann hätten Adam und Eva die erstbesten Blätter genommen, die sie fanden. 8 Gott im Garten
"Zum Tageswind": Gemeint ist der erfrischende Wind, der abends aufkommt. Nach dieser Deutung müssten wir uns Gott als sehr menschlich vorstellen: Er stöhnt unter der Hitze, macht seinen Mittagsschlaf und geht abends spazieren. War der Erzähler so primitiv, dass er das ernsthaft geglaubt hat? Oder wollte er mit der Formulierung "Zum Tageswind" nicht etwas anderes ausdrücken? Etwa "Gott ging in Gestalt von Wind = Geist durch den Garten"? Wir hatten ja schon in Kap 1 die unauflösliche Gleichung Wind = Geist kennen gelernt. Das hebräische Wort רוח rûaḥ bedeutet beides zugleich. 9-10 Die Entdeckung
Hier werden zwei verschiedene Reaktionen miteinander vermengt: die Scham wegen der Nacktheit (aber die Menschen waren ja nicht mehr nackt) und die Angst wegen der Übertretung. Adam begründet sein Verstecken damit: "Ich fürchtete mich, denn ich bin nackt." Er merkt dabei nicht, dass er sich selber verrät. Wenn man einen Fehler gemacht und erkannt hat, gibt es grundsätzlich zwei Möglichkeiten, wie man darauf reagieren kann: Man schämt sich vor den anderen (wie sich Adam und Eva voreinander schämen) oder man fürchtet sich vor der Strafe einer Autorität (wie sich Adam vor Gott fürchtet). Adam braucht sich nicht vor Eva zu fürchten, denn sie kann ihm nichts tun; aber er schämt sich vor ihr. Und er braucht sich nicht vor Gott zu schämen, denn der hat ihn ja so erschaffen; [2] aber Adam hat Angst vor Gott, weil Gott ihn bestrafen kann. 11-13 Das Verhör
Indem Adam als Grund seiner Furcht angibt "er sei nackt", verrät er sich. Er will ja gerade verheimlichen, dass er das Verbot übertreten hat. Nachdem Gott ihn überführt hat, schiebt er kaltschnäuzig die Schuld auf Eva, und Eva auf die Schlange. Im Grunde ist Gott ja selbst schuld, warum gibt er ihm auch diese Frau! Adam ist also nicht fähig, die Verantwortung, die ihm Gott zumutet, auf sich zu nehmen. Aber Gott achtet die Verantwortlichkeit des Menschen so hoch, dass er sowohl den Mann als auch die Frau fragt, warum sie das gemacht haben. Die Schlange dagegen, sie kann noch so klug sein, ist eben doch bloß ein Tier, und wird ungefragt verurteilt. In den folgenden Versen werden eigentlich zwei Strafen über die Menschen verhängt: 1. Beschwerden der Schwangerschaft und Arbeit, 2. Vertreibung aus dem Paradies. Da auch am Schluss des Kapitels weitere Doppelungen kommen (Neubenennung der Frau, neue Kleider aus Fell, Lebensbaum neben dem Erkenntnisbaum), nimmt man allgemein an, dass der Erzähler zwei verschiedene Überlieferungen zu einer Geschichte verbunden hat. Dennoch müssten wir uns überlegen, warum der abweichende Schluss der nicht verwendeten Geschichte trotzdem weiter überliefert wurde. 14-19 Die StrafenDie drei Strafen sollen erklären, warum es heute diese Zustände gibt: Sie waren nicht in der Schöpfung vorgesehen, sondern wurden als Strafe wegen des Sündenfalls verhängt. Was also heute in der Welt nicht in Ordnung ist, das liegt nicht an der Schöpfung. Gottes Schöpfung vor dem Sündenfall war gut. Das Böse und Schlechte kam erst durch den Fall. Das klingt danach, als seien Eva, der Mensch, die Schlange oder Gott selbst daran schuld, dass die Schöpfung missraten ist. Mich befriedigt diese Antwort nicht. Wie aber kann eine Welt zugleich gut und schlecht sein? Verschiedene Denkansätze:
14+15 Die Strafe der Schlange
Der Sündenfall erklärt die Sonderstellung der Schlange, die von Mensch und Tier nicht gelitten wird und mit dem Menschen in ständiger Feindschaft lebt. Er erklärt auch die merkwürdige Lebensweise "auf dem Bauch gehend und Ackerkrume essend." Wie sie sich ursprünglich fortbewegt hat, darüber macht sich der Erzähler keine Gedanken. Möglicherweise hat er sie sich auch vorher beinlos vorgestellt, aber vielleicht aufrecht stehend. Dass die Schlange "Ackerkrume isst", ist sicher nicht einfach ein zoologischer Irrtum. In einem Land, in dem es viele Schlangen gibt, war sich der Erzähler sicher im Klaren, was Schlangen wirklich fressen. Wenn hier dennoch davon die Rede ist, dass die Schlange "Ackerkrume" fressen soll, so hat das seinen Sinn darin, dass die drei Strafsprüche kunstvoll aufeinander bezogen sind:
Die Schlange wird also zu einem ähnlichen Schicksal verurteilt wie Adam. Dabei ist der Unterschied zu beachten, dass die Schlange direkt Erde (Akkusativobjekt), Adam dagegen "von der Erde" essen soll (Präpositionalobjekt). Das erinnert merkwürdig an die Differenzierung, dass Gott den Menschen, "Ackerkrume aus der Erde", geformt hatte (2,7, Apposition zu "Mensch"), die Tiere dagegen und damit auch die Schlange "aus der Erde" (2,19, Materialangabe). Gemeint ist auf jeden Fall,. dass sich die Menschen von dem ernähren sollen, was aus der Erde heraus wächst. 15 Mensch und Schlange
Was Mensch und Schlange einander antun, treten und beißen, wird mit demselben Wort beschrieben, was sich im Deutschen kaum adäquat wiedergeben lässt. Christliche Ausleger haben in diesem Strafspruch die erste Verheißung gesehen, deswegen ist dieser Vers auch in vielen Bibelausgaben als besonders wichtig im Druck hervorgehoben: Da man die Schlange mit dem Teufel gleichsetzte, konnte m an verstehen: Ein Nachkomme Evas wird der Schlange den Kopf zertreten, nämlich Christus. Der Gedanke ergibt sich zwar nicht aus dem Text (da ist der ewige Kampf zwischen Mensch und dem Schlangentier gemeint), hat aber vom Neuen Testament her seine Berechtigung. Der hebräische Text selbst ist sehr hintergründig formuliert, sein genauer Sinn nicht einfach zu verstehen, was ich ja auch mit meiner Übersetzung zeigen will. 16 Strafe der Frau
Dass die Frau unter Schmerzen Kinder auf die Welt bringt, wird also nicht als der Schöpfungsordnung gemäß angesehen. Normal müsste sein die schmerzfreie Geburt. Es ist auffallend, dass gerade der Mensch bei der Geburt solche Schwierigkeiten hat. Das ist keine Zivilisationskrankheit, sondern der Preis, den wir für unseren aufrechten Gang und unser großes Hirn zahlen, denn das führt zur Verkrampfung der Beckenmuskulatur und zu einem erschwerten Austritt aus dem Geburtskanal und damit zu Schmerzen bei der Geburt. Dass der Mann die Frau unterdrückt, entspricht ebenso nicht der Schöpfungsordnung, sondern ist erst eine Folge des Sündenfalls. Die Frau ist zwar verurteilt, vom Mann beherrscht zu werden; aber damit hat der Mann keine Handhabe. Wenn er die Frau unterdrückt, kann er sich nicht auf die Bibel berufen, denn es gibt keinen Unterdrückungsbefehl. Beachte: Hier steht das normale "milde" Wort משל mášôl 'herrschen', in 1,14.16 von den Himmelskörpern gesagt, nicht die mehr gewaltsamen Ausdrücke "gewaltig sein, unterwerfen", wie der Mensch über Tiere und Erde herrschen soll (1,26.27). "Er wird über dich herrschen" sagt Gott zu Eva und kündigt damit eine Folge ihres Tuns an. Hingegen sagt er später mit denselben Worten zu Kain (4,7): "Nach dir hat sie Verlangen, du aber herrsche über sie" – gemeint ist aber nicht die Frau, sondern die Sünde. 17-19 Strafe des Mannes
"Weil du auf die Stimme deiner Frau gehörst hast": Deshalb kehrt Gott die Verhältnisse um. Die Herrschaft über die Frau soll ausgeübt werden von einem Mann, der bisher unselbständig war und einfach gemacht hat, was seine Frau wollte. Adam wird verurteilt nicht, weil er gegessen hat, sondern weil er gehorcht hat. Seine Strafe besteht in mühevoller Arbeit; uns wundert, dass dieses Wort (ʕabodâ, gleichbedeutend mit 'Sklaverei') hier nicht gebraucht wird. Weil er vom Baum gegessen hat, soll er jetzt vom Acker bzw. das Kraut des Feldes essen, wobei ihm gleich gesagt wird, dass nun das bequeme Leben ein Ende hat. Der verfluchte Acker wird ihm den gewünschten Ertrag verweigern, stattdessen werden Dornen und Disteln drauf wachsen, und nur mit großer Anstrengung wird Adam überleben. Man hat in diesen Worten die Überheblichkeit eines Erzählers aus dem Nomadenmilieu sehen wollen, der die mühsame Arbeit des Bauern verachtet, weil er, der Nomade, ja ein viel leichteres und einfacheren Leben führt. Das ist wahrscheinlich falsch gesehen. Vielmehr verbirgt sich hinter diesen Worten eine alte kulturgeschichtliche Erinnerung; und damit kommen wir zu der Frage:
"Bis du wieder zu Erde zurückkehrst": Adam, der Erdling ist aus Erde, isst von der Erde und wird wieder zu Erde. Sein Wesen ist von der Erde bestimmt und in seinem Namen ausgedrückt. Man hat aus dieser Stelle herauslesen wollen, dass Adam durch den Sündenfall sterblich geworden sei. Dass dem nicht so ist, haben wir bereits gesehen, und das zeigen auch die folgenden Verse. Vielmehr ist hier gemeint: "Du musst schwer arbeiten bis zu deinem bitteren Ende." 20-24 Der alternative Schluss
Diese Verse sind offenbar der Schluss einer anderen Art von Paradieseserzählung. Dass hier etwas Anderes beginnt, sehen wir daran, dass Adam überhaupt keine Reaktion auf die soeben verhängte Strafe zeigt, sondern doch mit einigem Stolz seiner Frau einen neuen Namen verleiht: Eva, hbr. חוה Ḥawwa, weil sie die Mutter allen Lebens (hbr. חי ḥaj) wurde. Dies liest sich so, als sei der Sündenfall in der Tat mit der Entdeckung der Sexualität verbunden gewesen. Wenn das in der ursprünglichen Geschichte gestanden haben könnte, so hat jedenfalls der Erzähler dieses Motiv mit Bedacht aus der jetzigen Erzählung herausgenommen. Wenn wir die Geschichte unbefangen lesen, kommen wir vielmehr zu einem ganz anderen Ergebnis: Adam gibt seiner Frau einen neuen Namen, weil ja Gott im 2. Strafspruch angedeutet hat, dass Eva Kinder bekommen wird. Die ganze Strafpredigt hätte also auf Adam überhaupt keinen Eindruck gemacht. 21 also doch Kleider
Gott gibt im Grunde den Menschen Recht, wenn sie etwas anziehen, und stattet sie daher mit zweckmäßigerer Kleidung aus. Wir erinnern uns, dass die Menschen noch kein Recht haben, Tiere zu töten. – Die alte Vorstellung, die Urmenschen seien mit Fellen bekleidet gewesen, ist sicher wesentlich von dieser Bibelstelle her bestimmt. Beobachtungen bei primitiven Völkern zeigen, dass pflanzliches Material ("Feigenblätter") für die Bekleidung eine größere Rolle spielt als Felle. [5] 22-23 Die Vertreibung
Gott bestätigt, dass die Schlange Recht hatte: Der Mensch ist geworden wie Gott und weiß, was gut und böse ist. Die Vertreibung wird dargestellt nicht als Strafe, sondern als vorbeugende Maßnahme: Der Mensch soll nicht vom Lebensbaum essen, weil er sonst Gott noch ähnlicher würde, indem er ewig lebte. Auch hier schimmert die Gnade Gottes durch: Denn nach der Verurteilung Adams zu lebenslanger Arbeit wäre das ewige Leben ja eine unerträgliche Strafverschärfung; da wäre aus der zeitlichen Strafe eine ewige Strafe geworden. Das hat Gott nicht beabsichtigt; deshalb versagt er dem Menschen den Zugang zum Lebensbaum. 24 Die Wächter
Um eine Rückkehr zu verhindern, lässt Gott den Zugang zum Paradies bewachen durch "die Flügelgreife (Cherubim) und das Lodern des Schwertes, des sich windenden". Das sich windende, schlängelnde Feuerschwert erinnert an die Seraphim, die "Brandschlangen" aus Jesaja 6. Was aber sind Cherubim? Geflügelte Fabelwesen , etwa mit einer Sphinx oder einem Greifen zu vergleichen: Tierleib, Menschenkopf und Flügel. Hier erscheinen also endlich die Fabelwesen, die den Lebensbaum bewachen, die uns aus der außerbiblischen Überlieferung vertraut sind. Die spätere Überlieferung hat aus diesen Mischwesen einen dräuenden Erzengel mit einem Flammenschwert in der Hand gemacht, der die Menschen aus dem Paradies weist. |
Zur Übersetzung
[2] Dennoch galt es als unschicklich, wenn ein Priester ohne "Unterhosen" die Stufen zum Altar hinaufgeschritten wäre; kultische Nacktheit kennt die Bibel im Unterschied zu anderen Religionen nicht, auch vor Gott zieht man was an!
[5] Von der Bibel her wissen wir auch, dass die Urmenschen nackt waren. Wenn es wahr ist, dass der Mensch vom Affen abstammt, kann es auch gar nicht anders gewesen sein. Aber die Bibel kannte noch keine Affen. Woher hat sie ihr Wissen? Weil wir nackt geboren wurden (Hiob 1,27)!
|
||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
|
|
|
Datum: 1982 / 2005 Aktuell: 11.09.2011 |
|||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||