Startseite | Religion | Sprachwissenschaft | Geschichte | Humanwissenschaft | Naturwissenschaft | Kulturwissenschaft | Kulturschöpfungen

Quellen | Bibelwissenschaft | Systematische Theologie | Religionswissenschaft | Praxis

Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Die Urgeschichte der Bibel

Auf Grundlage des Ferienbibelseminars 1982
(Dekanat Reinheim)

Gen 4 Kain, Abel, Seth

Email:

Zum Charakter der Erzählung

4,11-16 Kains Brudermord

1+2 Kain und Abel

3+4 Kain opfert und Abel auch

4+5 Gott nimmt Kains Opfer nicht an.

6-7 Gott warnt Kain

8 Der Mord

9 Verhör

10 Überführung

11-12 Strafe

13 Der Einwand

15 Das Kainszeichen

16 Kain geht in die Verbannung

Sinn der Erzählung

4,17-24 Die Nachkommen Kains

17-19 von Kain bis Lamech

19-22 Die Nachkommen Lamechs

23+24 der Spruch Lamechs

4,25-26 Seth

 

Zum Charakter der Erzählung

Kapitel 4 ist die unmittelbare Fortsetzung von Kap 3 und soll zeigen, wie die Menschheitsgeschichte weiter geht: Auf den Sündenfall folgt der erste Mord, aber auch die Entfaltung der menschlichen Kultur. Stärker als in der Paradieses- und Sündenfallerzählung ist in Kap 4 zu erkennen, dass hier bereits die Urgeschichte in historische Geschichte übergreift; stärker schlägt hier der Sagencharakter durch. Beachte: Eine Sage ist nicht einfach eine erfundene Geschichte, sondern eine überlieferte Erzählung, die an einem bestimmten Orte- oder Personennamen anknüpft.

4,11-16 Kains Brudermord

1+2 Kain und Abel

 

1 Aber der Erdling, (er) erkannte Chawwa, seine Frau, und sie ward schwanger und gebar den Kain=Erwerb und sprach: "Erworben habe ich einen Mann mit JeHWH." 2 Und sie fuhr fort zu gebären, seinen Bruder, den Habel=Luft. Und Habel wurde (einer, der) Herde hütet, aber Kain wurde (einer, er) Ackererde bearbeitet.

 

"Erkennen" ist hier das verhüllende Wort für den Geschlechtsakt, wobei die Wortwahl ihren Sinn hat. Im Geschlechtsakt lernt Adam seine Frau wirklich kennen! [1]

Die Namen sind auch hier nicht des Klangs wegen gewählt, sondern haben eine Bedeutung:

Kain soll bedeuten "Erworben habe ich einen Mann (ḳánîtî) mit JeHWH". Der Sinn ist nicht ganz verständlich und die Deutung klingt recht gezwungen. Das zeigt, dass Kain kein erfundener Name ist, sondern dass eine alte Überlieferung zugrunde liegt.

Abel (hbr. häbel) [2]  dagegen scheint ein sprechender Name zu sein; er ist identisch mit den hebräischen Wort für 'Luft, Nichts', erinnert aber in seiner Bildung auffallend an die Kain-Nachkommen Jabal, Jubal und Tubal-Kain. Über die Geburt Abels wird nur kurz berichtet ohne Namensdeutung. Kain und Abel sind offenbar Zwillinge.

Ähnlich wie in der Geschichte von Esau und Jakob (Gern 25,19-34: Jäger und Hirt) ist der Bruderzwist eng verknüpft mit dem Gegensatz zwischen den beiden Berufen Bauer und Hirt. Dazu ist kulturgeschichtlich wichtig, dass Bauer anscheinend der ältere Beruf ist und der Hirtenberuf durch Spezialisierung entstanden ist. Ackerbau und Viehzucht gehörten von Anfang an zusammen; dann stellte man fest, dass in für Ackerbau ungeeigneten Gebieten trotzdem noch Viehzucht möglich ist.

3+4 Kain opfert und Abel auch

 

3 Und es war nach Ende von Tagen, und Kain brachte von den Früchten der Erde eine Opfergabe für JeHWH. 4 Aber Habel, auch er brachte dar von den Erstlingen seiner Herde und von ihrem Fett.

 

Kain und Abel sehen es als selbstverständlich an, dass sie opfern, wobei Kain mit dem Opfern anfängt und Abel es ihm dann gleichtut.

Das Opfer, das sie bringen, ist beide Male ein Erstlingsopfer: die ersten Früchte des Ackers – die ersten Jungen der Herde bzw. das Fett geschlachteter Schafe. Die Opfer sind zwar naturgemäß verschiedener Art, aber doch gleichwertig. Der allgemeine Ausdruck "Opfergabe", hbr. מנחה minḥâ,, besagt hier nichts über die Art der Darbringung. Verbrennen auf einem Altar, wie wir's und vorstellen, war nur eine von mehreren Möglichkeiten.

4+5 Gott nimmt Kains Opfer nicht an.

 

Und JeHWH schaute Abel und seine Opfergabe an. 5 Aber Kain und seine Opfergabe, (die) schaute er nicht an. Und den Kain regte es sehr auf und es fiel sein Gesicht.

 

Der ungewöhnliche Ausdruck "es fiel sein Gesicht" meint das Gegenteil von "er erhob sein Gesicht", also "er blickte finster zu Boden".

Man hat immer wieder daran herumgerätselt, warum Gott das Opfer Abels gnädig ansah und das Kains nicht, und woher Kain die Meinung Gottes wusste.

Natürlich lässt sich Gott keine Vorschriften machen, wie er ein Opfer ansehen soll, das ist klar. Aber es ist kaum anzunehmen, dass es ihm auf die Gesinnung de Opfernden ankam, zumal im Text von einer Gesinnung Kains und Abels nicht die Rede ist. Da klingt die Deutung von Josephus (Zeitgenosse der Apostel) schon einleuchtender, wenn er sagt: "An diesem Opfer der freigebigen Natur nun hatte Gott mehr Gefallen als an dem, was der habgierige Mensch mit seiner Kraft hervorgebracht." [3].Josephus ist also der Meinung, Gott habe dem Kain übel genommen, dass er als Bauer der Natur einen Ertrag herausgepresst habe, während der Hirt Abel sich einfach von der Natur beschenken ließ: Die Herde vermehrt sich ohne eigenes Zutun. Aber auch davon steht nichts im Text. Warum also Gott das eine Opfer gnädig ansah und das andere nicht, wissen wir nicht.

Wie aber hat Kain davon erfahren? In späteren Zeiten war es in Israel üblich, dass nur die Priester Opfer darbringen durften. Sie konnten ein Opfertier ablehnen, wenn es nicht den Vorschriften entsprach. Bei anderen Völkern gab es auch die Opferschau, d.h. die Priester versuchten an Einzelheiten des Opfers die Zustimmung oder Ablehnung der Götter zu erfahren. Bei Kain und Abel hatte man meist an das Verhalten des Opferrauchs gedacht. Aber von einem Feueropfer ist hier nicht die Rede.

Wenn man im Altertum geopfert hat, tat man das nicht aus reiner Selbstlosigkeit, sondern entweder, weil es Vorschrift war oder um Vorteile davon zu haben (lat. do ut des "ich gebe, damit du gibst"). Wenn die Brüder hier ihre Opfer darbringen, dann machen sie das ja doch wohl, damit Gott sich ihnen erkenntlich zeigt und ihrer weiteren Arbeit Erfolg verleiht. Sie opfern, um auch weiterhin ernten zu können, und damit die Herde sich auch weiterhin vermehrt. Wenn nun Gott das Opfer Abels gnädig anschaute und das Opfer Kains nicht, dann kann das eigentlich nur bedeuten, dass er die Arbeit Abels segnete und die Kains nicht. Kain hatte also weniger Erfolg als Abel. Warum Gott das so verschieden beurteilte, können wir so wenig wie Kain erklären. In seinen Augen Kains musste das als Ungerechtigkeit erscheinen.

6-7 Gott warnt Kain

 

6 Und JeHWH Götter sprach zu Kain: "Warum hat es dich aufgeregt und warum ist dein Gesicht gefallen? 7 Nicht wahr, wenn du gut tust, (ist) Erheben, aber wenn du nicht gut tust, vor der Tür … Sünde … lagernder, und nach dir (ist) ihr Verlangen, aber du wirst über sie herrschen."

 

In V 7 und 8 war wohl in eine sehr alten hebräische Textvorlage beschädigt oder absichtlich geändert, so dass im uns bekannten hebräischen Text Teile fehlen. Die griechische Bibel hat:

 

7 Nicht (wahr), wenn du richtig darbringst, du wirst aber nicht richtig durchziehen, hast du gesündigt? Ruhend, zu dir ist sein / ihr Wandel, und du sollst herrschen über ihn / sie. 8 Und Kain sprach zu seinem Bruder: "Gehen wir aufs Feld."

 

Der griechische Vers 7 ist ebenso unverständlich, hat also auch keine bessere Vorlage. Dagegen bringt V 8 den Wortlaut von dem, was Kain zu Abel gesagt hat (fehlt im hebräischen Text).

Gott meldet sich vor der Tat zu Wort und mahnt Kain zur Selbstbeherrschung. Allerdings müsste man sich fragen, warum diese Warnung so allgemein und unbestimmt gehalten ist. Hätte Gott dem Kain die Folgen seines Zorns nicht klarer vor Augen halten können?

Hinzu kommt, dass der Wortlaut der Rede Gottes schwer zu verstehen ist. Wörtlich: "Nicht wahr, wenn du gut tust, (ist) Erheben, aber wenn du nicht gut tust, vor der Tür … Sünde … lagernder, und nach dir (ist) ihr Verlangen, aber du wirst über sie herrschen."

Einige Ausleger nehmen an, dass mit dem "lagernden" ein Dämon (etwa der Totengeist Abels) gemeint ist, der sich des Mörders bemächtigen will. Der Erzähler hätte durch Zufügung des Wortes "Sünde" dem ganzen einen anderen Sinn gegeben: Gott warnt Kain nicht vor der Rache des Totengeistes, sondern vor der Sünde und mahnt ihn zur Selbstbeherrschung.

"nach dir (ist) ihr Verlangen, aber du wirst über sie herrschen." stimmt fast wortwörtlich mit dem Strafspruch über die Frau überein und zeigt, wie eng die beiden Erzählungen miteinander verflochten sind.

Mit der vorausgehenden und nachfolgenden Gottesrede meldet sich erstmals in der Menschheitsgeschichte das mahnende und strafende Gewissen zu Wort.

8 Der Mord

 

8 Und Kain sprach zu seinem Bruder Habel: "…" Und es war, als sie auf dem Feld waren, und Kain stand auf gegen seinen Bruder Habel und brachte ihn um.

 

Was Kain zu Abel gesagt hat, ist im hebräischen Text ausgefallen; es steht nur da: "Und Kain sprach zu seinem Bruder Habel: "…" Und es war...".

Im Unterschied zum "Biss in den Apfel" war der Mord bisher nicht ausdrücklich verboten. Während aber der Sinn den Verbots beim "Apfel" nicht einzusehen ist, ist im Falle Kains klar, dass der Brudermord ein widernatürliches Verbrechen ist. Gott braucht den Mord nicht ausdrücklich verbieten, weil diese Tat ein Verstoß gegen das ungeschriebene Naturrecht ist. Das Essen der verbotenen Frucht ist nur Sünde, weil es ausdrücklich verboten ist. Der Mord aber ist an sich Sünde, da braucht man gar nicht viel zu verbieten.

9 Verhör

 

9 Und JeHWH sprach zu Kain: "Wo ist dein Bruder Habel? Und er sprach: "Ich weiß nicht. (Bin) ich's, (der) meinen Bruder bewahrt?"

 

Das Verhör beginnt wie bei Adam mit der Frage "Wo?". Auch Kain versucht sich zunächst rauszureden, bis er überführt wird, und zwar mit einer frechen Antwort: "Abel ist Hirte und hütet Schafe. Soll ich den Abel hüten? Ist das nicht deine Sache?"

10 Überführung

 

10 Und er sprach: "Was hast du gemacht? Ein Schall der Blutlache deines Bruders, (sie) schreit zu mir von der Bluterde.

 

Kain verrät sich nicht selbst wie Adam, sondern das Blut des Ermordeten spricht für sich – eine uralte Vorstellung.

Die hbr. Wörter für 'Blut' und 'Ackererde' אדמה ,דם dam, adámâ sind abgeleitet von אדם ádôm 'rot sein', also ein Wortspiel.

11-12 Strafe

 

11 Aber nun: Verflucht (bist) du, (weg) von der Ackererde, die ihren Mund aufgetan hat, die Blutlache deines Bruders aus deiner Hand aufzunehmen. 12 Wenn du die Ackererde bearbeiten wirst, wird sie nicht fortfahren dir ihre Kraft zu geben. ein Streuner und Stromer wirst du sein im Land."

 

Wie das Verbot war auch die Strafe über Adam und Eva willkürlich festgesetzt. Es gibt keinen einleuchtenden Grund, warum die Strafe so und nicht anders ausfallen muss.

Im Falle Kains ist es anders: Der blutbesudelte Acker weigert sich, dem Mörder noch weiter seinen Ertrag zu geben und den Mörder weiterhin auf sich zu dulden. Dem entspricht auch der uralte Rechtsbrauch, Verwandtenmörder nicht hinzurichten (wer hätte denn auch die Blutrache vollziehen sollen, ohne wieder einen weiteren Verwandtenmord zu begehen?), sondern den Mörder aus der Gemeinschaft auszuschließen und zu verbannen.

Die Strafe Kains geht noch über die Adams hinaus: Adams Acker trug zwar Dornen und Disteln, aber er brachte wenigsten noch Ertrag – Kains Acker trägt überhaupt nichts mehr. Auf die Vertreibung aus dem Paradies folgt die Vertreibung vom Ackerland. Kain wird zur Nichtsesshaftigkeit verurteilt: Zur Verbahnung des Brudermörders gehört, dass er auch von anderen Stämmen und Gruppen nicht aufgenommen wird.

Auch "Streuner und Stromer" ist ein Wortspiel, hbr. נע ונד náʕ wá-nád.

13 Der Einwand

 

13 Und Kain sprach zu JeHWH: "Zu groß, um (es) zu tragen, (ist) mein Unheil. 14 Da, du vertreibst mich heute von der Fläche der Ackererde und vor deinem Gesicht werde ich mich verbergen, und ich werde ein Streuner und Stromer sein im Land, und es wird sein: Allwer mich findet, wird mich umbringen."

 

Die Antwort Kains wurde von Luther ursprünglich so übersetzt: "Meine Sünde ist größer, denn dass sie mir vergeben werden möge." Der hebräische Ausdruck meint aber "Mein Unheil kann nicht aufgehoben werden".

Das Wort "Unheil", hbr. עון ʕáwôn,  bezeichnet sowohl die Tat ("Schuld") als auch ihre Folgen ("Strafe").

Wenn Gott sie aufhebt, tut er die Schuld beiseite und vergibt sie; wenn Kain sie aufhebt, nimmt er sie auf sich und büßt sie ab. Kain meint also auch nicht: "Das halt ich nicht aus", sondern: "Ich kann meine Schuld nicht abbüßen."

Kain wendet ein: Die Strafe der Verbannung wird dadurch verschärft, dass ich vogelfrei bin und ungestraft getötet werden kann. Davon hat Gott nichts gesagt, aber das schließt die Verbannung mit ein.

Außer Adam, Eva und Kain gibt's ja keine anderen Menschen. Wer soll denn da Kain töten können? Hier schimmert noch die ursprüngliche Stammessage durch, wonach Kain nicht der Sohn der ersten Menschen, sondern der Stammvater eines Stammes war. Dass es andere Menschen gibt, wird als selbstverständlich vorausgesetzt. Dasselbe gilt auch für die Frau, die Kain sich später genommen hat: Sie war keine Schwester Kains, sondern irgendeine Frau.

15 Das Kainszeichen

 

12 Und JeHWH sprach zu ihm: "Darum: Allwer Kain umbringt, (das) wird siebenfach gerächt werden." Und JeHWH setzte an Kain ein Zeichen, damit ihn nicht umbrächte, allwer ihn fände.

 

Gott begnügt sich mit der Verbannung und stellt den Mörder unter seinen Schutz. Kain soll siebenfach gerächt werden, und zwar doch wohl von Gott, nicht von Kain selbst. Gott droht also dem Mörder Kains eine unvorstellbar hohe Strafe an – siebenfache Vergeltung, siebenfachen Tod! Als weiteren Schutz "setzt Gott AN Kain ein Zeichen". Diese ungewöhnliche Formulierung ist wohl so zu verstehen, dass Kain durch ein körperliches Merkmal (Kahlscheren, Tätowierung o. ä.) als Verbannter gekennzeichnet wird. Der Verbannte ist aber nicht vogelfrei, sondern untersteht dem Fluch Gottes. Gott selbst behält sich vor, die Strafe zu vollziehen. Daher hat also niemand das Recht, in das Strafgericht Gottes einzugreifen und Kain vorzeitig zu töten.

Dass Gott in bestimmten schwierigen Rechtsfällen selbst die Strafe vollzieht, war Allgemeingut in Israel. [4]

16 Kain geht in die Verbannung

 

16 Und Kain ging hinaus aus dem Gesicht JeHWHs und wohnte im Land Nod=Stromern, östlich von Eden.

 

Kain geht also in die Verbannung, Das Land Nod trägt wieder einen sprechenden Namen: Es ist das Land des "Stromerns", in dem Kain "unstet und flüchtig" (Luther) umherzieht.

Sinn der Erzählung

Viele Forscher nehmen an, dass Kain der Stammvater der nomadischen Keniter gewesen sei, die im Süden von Judäa lebten, nicht zu Israel gehörten, aber ebenfalls Jahwe verehrten. Sie hielten bis in die Königszeit an ihrer Lebensweise fest. Die Kainsgeschichte hätte also ursprünglich begründet, warum die Keniter keine Bauern waren.

Die Erzählung ist aber sicher nicht als Stammessage in die Bibel aufgenommen worden, sondern als Geschichte aus der Urzeit, die etwas über das Wesen der Menschen aussagt, Ähnliche Geschichten von den Söhnen der Gründer, von denen der ältere den jüngeren tötet, finden sich bei vielen Völkern, abgewandelt auch überhaupt Geschichten vom Konflikt zwischen Zwillingen (Jakob und Esau), der bis zum Mord führt (Romulus und Remus). Stoff für solche Geschichten bot das tägliche Leben in Hülle und Fülle. Wenn diese Geschichte in die Urzeit verlegt wird, dann wird sie als typisch für die Menschen überhaupt angesehen: Der Brudermord liegt dem Menschen im Blut.

Die Geschichte ist aber auch insofern urzeitlich, als sie von der kulturelle Weiterentwicklung erzählt:

  • Die Menschen konnten sich einst ohne Sorgen als Sammler und Jäger von dem ernähren, was die Natur ihnen bot (Paradies).

  • Dann mussten sie, durch die Umstände gezwungen, zur produzierenden Landwirtschaft übergehen (Sündenfall).

  • Durch Klimaverschlechterung und Erosion gaben die Böden im Orient nichts mehr her und zwangen zum Viehzucht und Nomadentum (Kain und Abel).

    Aus anderen Kulturen ist bekannt, dass man versuchte, die Fruchtbarkeit des Bodens durch magische Maßnahmen zu verbessern. Auch die Aussaat ist als magische Maßnahme zu verstehen: man opfert einen Teil der Ernte, um wieder ernten zu können. Manche Kulturen versuchten auch, den Erntesegen durch Blutopfer zu erzwingen. Der auch im alten Deutschland bekannte Brauch, bei der letzten Erntefuhre einen zufälligen Passanten gefangen zu nehmen, könnte Rest eines alten Opferbrauchs sein.
     

  • Nach dem Sesshaftwerden verschiedene Neuerungen wie Städtebau, Viehzucht, Musik, Metallverarbeitung,  wie im folgenden Abschnitt zu sehen.

4,17-24 Die Nachkommen Kains

Ahnentafeln spielen in Stammesgesellschaften eine wichtige Rolle. Mit der Ahnentafel kann der Einzelne seine Zugehörigkeit zu einer bestimmten Sippe und einem bestimmten Stamm nachweisen. Die Tafel diente als Ahnennachweis, nur dass sie aus praktischen Gründen nicht rückwärts, sondern vorwärts geführt wird: Man kann sie einfach den jeweiligen Verhältnissen anpassen, indem man sie am Ende ergänzt.

Die Ahnentafel Kains besteht aus drei Teilen:

  • 17-19 von Kain bis Lamech (einlinig)

  • 20-22 Die Nachkommen Lamechs (verzweigt)

  • 23-24 das Lamechlied

17-19 von Kain bis Lamech

 

17 Und Kain erkannte seine Frau und sie ward schwanger und gebar den Chanok und er ward Erbauer einer Stadt und rief den Namen der Stadt wie den Namen seines Sohnes Chanok=Einweihung. 18 Und dem Chanok wurde Irad geboren, aber Irad zeugte Mechujael, aber Mechujael zeugte Metuschael, aber Metuschael zeugte Lamek. 19 Und Lamek nahm sich zwei Frauen, der Name der einen: Ada, und der Name der zweiten: Zilla.

 

Die hier genannten Namen erscheinen in ähnlicher Reihenfolge und ähnlichem Wortlaut auch in Kap. 5; es handelt sich also um zwei verschiedene Überlieferungen derselben Reihe, die aber in der Bibel dargestellt werden als zwei getrennte Geschlechterfolgen, die eine zurückgehend auf Kain, die andere auf Seth.

Man hat darin einen Hinweis auf zwei Menschheitsstämme gesehen, die bösen Kainiten und die guten Sethiten. Auffallend ist, dass der Kainitenstammbaum nicht weitergeführt wird, sondern mit Lamech endet, während der Sethitenstammbaum über Lamech zu Noah führt, der der Stammvater der nachsintflutlichen Menschheit wurde. Soll damit ausgedrückt werden, dass die Linie Kain die böse, von der Sintflut vernichtete Menschheit darstellt?

Die ursprüngliche Absicht des Kainitenstammbaums ist aber eine andere. Er will die Kulturentfaltung der jungen Menschheit zeigen, daher die Erwähnung der Stadtgründung und der verschiedenen Erfindungen.

Gen 4

Gen 5

Deutung

Adam

Adam

hbr. 'Mensch'

 

Seth

'Setzling' [5]

 

Enosch

aram. 'Mensch'

Kain

Kenan

'Sänger?'

Henoch

 

'Einweihung', Pers.-Name! [6]

Irad

 

?

Mehujael

Mahalalel

-el = Gott

 

Jared

?

 

Henoch

 

Methuschael   

Methuschelach [7]

Mann Gottes

Lamech

Lamech

griech. Lamakhos

Jabal, Jubal, Tubal

Noah

 

19-22 Die Nachkommen Lamechs

 

20 Und Ada gebar Jabal, der ward Vater des Zeltsassen mit Vieh. 21 Aber der Name seines Bruders: Jubal, er ward Vater jedes, der Lyra und Flöte anpackt. 22 Aber Zilla, auch sie gebar, den Tubal-Kain, den Dengler, jedweder Techniker in Bronze und Eisen. Aber die Schwester Tubal-Kains: Naama=Reizend.

 

Die ausführlichen Angaben über die Familienverhältnisse Lamechs sollen wohl zeigen, wie sich die Kultur weiter entwickelt hat: Nachdem Kain mit dem Ackerbau und Abel mit der Viehzucht angefangen und Henoch (?) die erste Stadt gebaut hat, haben später die Söhne Lamechs das Wanderhirtentum, die Musik und der Metallbearbeitung [8] begründet.

Nach dem biblischen Wortlaut sieht so es aus, als wären die Söhne Lamechs und ihre Nachkommen als wandernde Viehzüchter, "Schausteller und Scherenschleifer" durchs Land gezogen, also mit wenig geachteten Tätigkeiten. Von Erfindungen ist keine Rede. Da es sich aber um Nachkommen Adams handelt, muss der Leser annehmen, dass es vorher keine Musikinstrumente und Metallbearbeitung gab. Hat der biblische Erzähler diese Notizen selbst so verstanden?

Die Lamechsöhne der Kainitenliste gehören derselben Generation an wie der Lamechsohns Noah. Da dieser der einzige Überlebende der Sintflut war, muss die Schmiedekunst noch vor der Sintflut erfunden worden sein! Über das wirkliche Alter der Metallverarbeitung sind wir uns heute nicht im Klaren. Ältestes Zentrum scheint das östliche Kleinasien gewesen zu sein.

23+24 der Spruch Lamechs

 

23 Und Lamek sprach zu seinen Frauen Ada und Zilla: "Hört meine Stimme, Frauen Lameks, lauscht meinem Spruch: Denn einen Mann brachte ich um für meine Wunde und ein Kind für meine Schramme. 24 Denn Kain wird siebenfach gerächt, aber Lamech siebenundsiebzig (mal)."

 

Die Liste schließt mit dem sog. Lamechlied, über dessen Sinn es verschiedene Auffassungen gibt:

  • Älteste Auslegung: Die siebenfache Rache Kains wird als siebenfache Blutrache verstanden (nicht als siebenfacher Schutz Gottes); Lamech steigert seine Rachegelüste ins Maßlose: 49fache Vergeltung (wobei das 49fache nach dem Wortlaut des Textes bedeutet: "Wer Lamech verletzt, wird getötet." Man wollte daran erkennen, wie böse die Kainiten inzwischen geworden sind.

  • Preislied auf die Erfindung des Schwertes: Lamech kann problemlos jeden töten, der ihm was tut. Vom Schwert ist aber keine Rede.

  • Lamech brüstet sich vor seinen Weibern mit seinen Heldentaten und singt ein Prahllied. Dies würde zur Erfindung der Musik passen.

Der ursprüngliche Sinn, weshalb dieser Spruch angeführt wird, scheint in der Tat ein positiver gewesen zu sein, denn die Neuerungen der Lamechsöhne sind ja doch auch wohl als etwas Gutes anzusehen. War Lamech der ersten Dichter?

Im jetzigen Zusammenhang der Urgeschichte aber bekommt dieses Prahllied einen negativen Akzent: Der Kainit Lamech übertrifft an Mordlust seinen Stammvater Kain. So tief ist die Menschheit gesunken. Die alte Deutung kommt der Sache immer noch am nächsten.

4,25-26 Seth

 

25 Und Adam erkannte nochmals seine Frau und sie gebar einen Sohn und sie rief seinen Namen Schet=Setzling, denn "Götter hat mir einen anderen Samen gesetzt an Stelle Habels, den ja Kain umgebracht hat." 26 Aber auch dem Schet wurde ein Sohn geboren und er rief seinen Namen Enosch= Mensch. Damals wurde angefangen, beim Namen JeHWHs zu rufen.

 

Die beiden Verse sollen die zwei Geschlechtsregister miteinander verkoppeln. Sie greifen zurück auf den Brudermord und stellen Seth als Ersatz für den ermordeten Abel dar.

Merkwürdig ist, dass die Liste nicht über Enosch hinausgeführt wird. Und man fragt sich, warum die beiden Verse überhaupt dastehen, wo doch in Kap 5 dasselbe noch einmal erzählt wird. Sind die Namen Seth und Enosch in Kap 5 einfach zugefügt, um die Sethitenlisten von der Kainitenliste unterscheiden zu können?

Ziel der beiden Verse ist ganz deutlich der letzte Satz: "Damals wurde angefangen, beim Namen JeHWHs an- oder auszu rufen." Zur Entwicklung der materiellen Kultur gehört die Entwicklung der Religion. Sie wird vom Erzähler auf eine ganz andere Linie der Menschheit zurückgeführt, und man merkt in Kap. 5, wie die Frömmigkeit Fortschritte macht!

Der Erzähler ist also der Meinung: Der Glaube an den einzigen Gott geht zwar bis auf die Urzeit der Menschheit zurück, die Erinnerung daran wurde aber nur von einem bestimmten Zweig der Menschheit weitergegeben. Dies jedenfalls scheint die Meinung der Genesis zu sein. Wenn auch in Josua 2,4 die Ansicht geäußert wird, die Väter hätten in Ägypten und Mesopotamien andere Götter verehrt, so geht aus der Genesis nicht hervor, dass Abraham und seine Vorfahren vor Abrahame Berufung an einen anderen Gott als den einzigen geglaubt hätten. Der Glaube an den einen Gott geht also in lückenloser Traditionsreihe von Abraham über Noah und Seth bis auf Adam zurück. Das Ende des V. 26 und die Notiz über Henochs Frömmigkeit soll doch wohl andeuten, dass die Liste von Adam zu Noah nicht nur ein Geschlechtsregister, sondern die Liste der Tradenten des wahren Glaubens ist.

Es bleibt noch zu fragen, was mit "damals" gemeint ist. Die Angabe bezeichnet wohl nicht die Zeit von Enosch, sondern meint die Urzeit überhaupt. Nach dem Opfer von Kain und Abel schien es ja klar, dass die ersten Menschen die Religion bereits kannten. Aber damals hatte ja Seth noch nicht gelebt. Er muss also die Religion neu entdecken, und er übt sie aus nicht als Opfer, sondern indem er "den Namen des HERRN ruft." Opfern ist eine allgemeine Erscheinung, die sich in vielen Religionen finden. Im Ausrufen des Namens Jahwe unterscheidet sich der "Rechtgläubige" vom "Heiden".

  Zur Übersetzung

 

 

 

 

 

 

 

[1] Merkwürdig das Nebeneinander von deutsch kennen und Kind, das schon in den japhetitischen Sprachen seinen Ursprung hat: *jen- kann 'zeugen, gebären' und 'erkennen, wissen' bedeuten.

 

 

 

 

 

 

 

[2] Häbäl lautet am Ende des Satzteiles Hábäl. Die griechische und hebräische Bibel bevorzugt diese so genannten Pausaformen mit [a].

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


 

 

[3] Jüdische Altertümer I 2,1

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

[4] Das ist wohl mit der "Ausrottung" gemeint, die für bestimmte Verbrechen in der Thora angedroht wird: Gott lässt den Täter nicht 'alt und lebenssatt' sterben, sondern straft ihn mit einem frühen Tod.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

[5] In 4. Mose 24,17 werden die Moabiter oder ein benachbarter Stamm "Söhne Seths" genannt; wir hätten also hier zwei ähnliche Stammbäume verschiedener Stämme, etwa der Keniter und der Moabiter. Die Bibel zieht also außerisraelitische Überlieferungen heran, um die Urzeit darzustellen; auffallenderweise hält sich Israel für ein sehr junges Volk, das erst lange nach der Sintflut entstanden ist.

[6] Die interessanteste Figur beider Reihen ist. zweifellos Henoch u. zw. deswegen, weil beide Reihen bestimmte Erinnerungen mit dem Namen Henoch verbinden:

4,17 Nach Henoch ist eine Stadt benannt, wobei aus dem Text nicht eindeutig hervorgeht, wer die Stadt gebaut hat: Hat Henoch die Stadt gebaut und Kain sie benannt, oder hat Kain die Stadt gebaut und benannt? – Kain der Städtergründer passt aber gar nicht zu dem unsteten und flüchtigen Kain der Brudermordgeschichte. Der Geschichte wurde also anscheinend eine selbständige Ahnentafel Kains angehängt.

5,21-24 Henoch wurde wegen seiner besonderen Frömmigkeit direkt in den Himmel entrückt, er ist also wie Elia nicht gestorben. Henoch scheint eine außerisraelitische Patriarchenfigur vom Schlag Abrahams gewesen zu sein. Sein Name erscheint auch in der Geschlechtertafel der Midianiter (Gen 25,4) und des israelitischen Stammes Ruben (Gen 46,9).

[7] Die bekannte Form Methusalem ist wohl keine Umdeutung auf šálém 'Frieden', sondern eine anderwärts zu beobachtende griechische Gewohnheit, das Ḥet am Ende als /m/ zu sprechen (Siloam statt Šîlôaḥ)

[8]

Das hebräische Wort לטש láṭôš bedeutet sonst 'wetzen, schärfen', in  den anderen semitischen Sprachen auch 'hämmern'. Hier wird es dargestellt als ein altertümliches Wort, das durch חרש ḥoréš 'Techniker in Bronze und Eisen' erklärt wird.

Das Wort "Vater der…" fehlt bei Tubal-Kain und scheint einem Texteingriff zum Opfer gefallen sein, der "Vater" durch "Dengler" ersetzt hat.

nach oben

Übersicht

 

Predigt: Gen 4,1-16 (1994)

 

Datum: 1982 / 2015

Aktuell: 26.03.2016