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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Die Urgeschichte der Bibel

Auf Grundlage des Ferienbibelseminars 1982
(Dekanat Reinheim)

Gen 6,1-4 Vermischung
von Göttern und Menschen

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Einzelauslegung

Welchen Sinn hat die Geschichte in der Bibel

Verbot der Vermischung

 

 

1 Und es ward, dass der Erdling anfing sich zu vermehren auf der Fläche der Erde und ihnen Töchter geboren wurden. 2 Und die Göttersöhne sahen die Erdlingstöchter, dass sie schön (waren), und nahmen sich Frauen von allen, die sie sich auswählten. 3 Und JeHWH Götter sprach: "Mein Geisteshauch wird nicht im Erdling auf Weltzeit …en, zumal er Fleisch (ist), und es werden seine Tage 120 Jahre sein. 4 Die Gefallenen, (sie) waren im Land in diesen Tagen und auch danach, als die Göttersöhne eingingen zu den Erdlingstöchtern und sie ihnen gebaren. Sie (waren) die Starken, die aus der Urwelt, die Männer von Namen.

 

Diese Verse sind die schwierigsten der ganzen Urgeschichte. Das zeigt die Einzelauslegung, und das zeigt auch die Frage nach dem Sinn des Abschnitts.

Einzelauslegung

"Göttersöhne" sind wohl göttliche Wesen oder Götter überhaupt. Israel hat sich Gott vorgestellt als König, der von einem himmlischen Hofstaat umgeben ist (vgl. 1. Kön 22.18-23; dort heißen die Mitglieder des Hofstaates "Geister"); später hat man an "Engel" gedacht, so schon die alten Übersetzungen.

Die Aussage der ersten beiden Verse ist klar: Die Göttersöhne lassen sich von der Schönheit der Menschentöchter betören und gehen mit ihnen Ehen ein. Was jetzt zu erwarten wäre, ist dass aus diesen Ehen Kinder geboren werden, mit der Angabe, es habe sich um Halbgötter, Übermenschen o. ä. gehandelt. Diese Fortsetzung findet sich aber erst in V.4.

Stattdessen wird in V. 3 zunächst von einer Maßnahme des höchsten Gottes berichtet, die sich gegen die Menschen richtet: Gott hält es für unangemessen, dass sein Geist im Fleischwesen Mensch für immer wohnt (das Wortes ידון jádôn kommt nur an dieser Stelle vor, Bedeutung unbekannt), und deshalb beschließt Gott: "Und es werden seine Tage 120 Jahre sein". Augustin, Luther u.a. haben die Stelle so verstanden, als wollte Gott den Menschen ein Ultimatum von 120 Jahren setzen, dann käme die Sintflut. Die Schwierigkeit ist bei dieser Deutung, was Gott durch das Ultimatum erreichen will: dass sich die Menschen bessern, also keine weiteren Ehen dieser Art mehr eingehen?

Neuere Ausleger dagegen übersetzen: "Ich will ihm als Lebenszeit geben 120 Jahre", d.h. die phantastisch hohen Lebensalter der Urväter soll es nicht mehr geben; die Lebenszeit des Menschen wird auf 120 Jahre begrenzt. Diese Deutung kommt dem Wortlaut des Satzes am nächsten; sie hat außerdem den Vorteil, dass diese Einschränkung das Ergebnis der Vermischung von Göttern und Menschen betrifft: Wenn die Lebenskraft der unvermischten Urväter schon so hoch war, wie groß muss sie wohl bei den Mischlingen gewesen sein? Gott macht diese vermehrte Kraft dadurch zunichte, dass er die Lebenszeit auf 120 Jahre begrenzt. Sinn der Erzählung wäre also, zu begründen, warum die heutigen Menschen nicht mehr so lange leben.

Man kann sich natürlich fragen, was die Menschentöchter dafür können, dass die Göttersöhne sie zu Frauen nehmen. Hätte Gott nicht die Himmlischen bestrafen müssen? Darüber macht sich die Geschichte aber keine Gedanken; es geht ja um das Schicksal der Menschen, nicht der Götter.

Die Mischlinge dieser Ehen werden mit zwei Ausdrücken beschrieben: als "Gefallene" (hbr. נפילהם nepilîm) und als "Helden der Urwelt, die Männer von Namen" (hbr. גברים gibborîm). Als Deutung des Ausdrucks Nepilîm zieht man Hesekiel 32,27 heran: "(Die Gefallenen der Nachbarvölker) liegen nicht bei den Helden [1], die in der Vorzeit gefallen [2] und mit ihrer Kriegswehr zu den Toten gefahren sind, denen man ihre Schwerter unter ihre Häupter gelegt und ihre Schilde über ihre Gebeine gedeckt hat ..." Sie erhielten also eine würdige Kriegerbestattung, im Gegensatz zu den kürzlich Gefallenen der Nachbarvölker.
נפילהם nepilîm im Sinne Hesekiels sind also die gefallenen Krieger vergangener Zeiten, die man mit ihren Waffen beigesetzt hat – nach uralten Bräuchen der vorisraelitischen Bevölkerung. Wahrscheinlich spielt Hesekiel auf Grabfunde in megalithischen Gräbern an,

Die geläufige Übersetzung "Riesen" oder "Hünen" beruht auf Num 13.33. Dort berichten die Kundschafter: "Wir sahen dort Enaks Söhne (ansonsten als Riesen bekannt) aus dem Geschlecht der nepilîm, und wir waren in unseren Augen wie Heuschrecken und waren es auch in ihren Augen (d.h. im Vergleich zu ihnen winzig)". Die Kundschafter setzen also die historischen großwüchsigen Enakiter mit den prähistorischen Nepilîm gleich. Wie kommt man aber drauf, dass die Nepilîm Riesen gewesen seien? Sicher nicht durch Skelettreste der alten Krieger, eher wohl durch ihre Großsteingräber. [3] Man konnte sich nicht vorstellen, wie normalwüchsige Menschen solche Riesenbauten errichtet hatten. "Das mussten Riesen gewesen sein". [4]

Welchen Sinn hat die Geschichte in der Bibel?

Der Erzähler hat hier einen sehr problematischen heidnischen Mythos von Halbgöttern aufgegriffen, der in der Umwelt Israels weit verbreitet war, und in seine Urgeschichte eingebaut. Er verstand die Vermischung zwischen Göttern und Menschen nicht wie die Heiden als Möglichkeit, das Menschsein zu steigern und die Fähigkeiten des Menschen zu verbessern, sondern als Frevel ähnlich wie der des Turmbau zu Babel: Der Mensch überschreitet die ihm gesetzte Grenze und versucht mal wieder zu werden "wie Gott". Dass die Menschentöchter die Gottessöhne verführen, wird ihnen als Sünde angerechnet, deshalb werden sie bestraft. Die Parallele zum Turmbau ist bemerkenswert: Hier wie da versuchen die Menschen, ein bestimmtes Ziel zu erreichen (Steigerung der menschlichen Lebenskraft – verhindern, dass die Einheit zerfällt); hier wie da besteht die Strafe darin, dass sie das, was sie hatten, verlieren und am Ende noch ärmer da stehen (statt Steigerung der Lebenskraft Einschränkung des Lebensalters – statt Einheit Zerstreuung und Sprachverwirrung).

Warum steht die Geschichte an dieser Stelle? Weil sie zur Urgeschichte gehört, und weil wegen des fortlaufenden Zusammenhangs (Kains Brudermord – die Kainiten – die Sethiten) keine andere Möglichkeit war, die Geschichte unterzubringen. Zugleich deutet sie mit der Begrenzung des urzeitlichen Lebensalters ein Ende der Urzeit an – ohne auf die Sintflut anzuspielen. Der Frevel der Menschentöchter mag allerdings als Illustration dienen, weshalb Gott die Menschen als böse betrachtet.

Unklar ist noch, wie sich dieser Abschnitt zum vorangegangenen verhält: Soll etwa damit gesagt sein, dass die hohen Lebensalter der Urväter auf diese Weise zustande gekommen sind? Wohl kaum. Denn der Mensch hat sein Leben dadurch, dass er Gottes Odem oder Geist in sich hat. Das Alter der Urväter ist also einem Übermaß an göttlichem Geist zu verdanken, nicht der Vermischung mit Göttern. Die Menschentöchter wollten ihre Lebenskraft durch die Vermischung noch zusätzlich steigern und erreichten gerade das Gegenteil.

Verbot der Vermischung

Interessanterweise ist bereits im Alten Testament und erst recht in der späteren jüdischen Tradition jede Art von Vermischung verboten. Man darf z.B. nicht Milch und Fleisch zusammen genießen, keine Kleider aus zweierlei Faden tragen oder Äcker mit zweierlei Samen besäen. Sinn dieses Verbote könnte sein, dass dadurch die Schöpfungsordnung durcheinander gebracht wird. Denn Schöpfung besteht ja nach 1. Mose 1 darin, dass Gott die Mischung des Chaos aufhob und die einzelnen Elemente voneinander schied.

  Zur Übersetzung

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

[1] גברים gibborîm

[2] נפילהם nepilîm abgeleitet von נפל nápôl 'fallen'

 

 

 

 

 

 

[3] Nach 5. Mose 3,11 war der "Sarg" des Königs Ohne von Baschan 9 Ellen lang und 4 Ellen breit; der König galt daher als "Riese".

[4] Ähnlich erklärte die Sage die Überreste der Megalithkultur in Deutschland als Werk von Riesen, zum Beispiel bei den Hünengräbern.,

 

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Übersicht

 

 

 

Datum: 1982 / 2005

Aktuell: 14.07.2006