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Max und Moritz, Herkules und Frankenstein, Mickymaus
und Asterix kennt jedes Kind. Aber auch Jakob und Esau, Simson, Goliath,
Bileams Esel und Paulus?
Bibellesen leicht gemacht
Eine Fülle neuer Hilfsmittel wollen auch Kindern und
Anfängern im Glauben das tägliche Bibellesen erleichtern:
- Die Gute Nachricht, eine flüssig zu lesende
moderne Übersetzung, gut geeignet als Anfangslektüre.
- Die Bibel im Bild, die beliebten biblischen
Geschichten in Comic-Form
- Start in den Tag, eine Bibellese für junge Leute
(Bibelleseplan mit Anregungen und Erklärungen)
- Mit der Bibel durch das Jahr (Bibelleseplan mit
anregender Auslegung, empfehlenswert für Erwachsene)
Nähere Informationen:
www.dbg.de
Problem: Da sucht jemand einen Taufspruch für sein
Patenkind. "Wie war das noch? »Wir wissen, dass denen die Gott lieben,
alle Dinge zum besten dienen.« Wo steht das?" Lösung: Schlag nach in einer Konkordanz! Das ist ein Buch, in dem alle wichtigen Stichwörter der
Bibel mit Stellenangabe aufgeführt sind. Man sieht also nach unter dem
Stichwort "lieben" oder "dienen".
Auch die verständlichste Bibelübersetzung, auch die
modernsten Hilfsmittel können nicht alle Probleme der Bibel. lösen. (Es
wäre auch ein bisschen dürftig, wenn man die Bibel auf Anhieb verstehen
könnte; da steht halt mehr drin, als man beim ersten Mal kapieren kann.)
Wer sagt denn, dass man die Bibel allein lesen muss? Tu Dich mit anderen
zusammen und lest die Bibel gemeinsam!
Wichtig
ist, dass du den großen Zusammenhang verstehst. Dazu musst du gar nicht
alle Einzelheiten kennen. Manches verstehst du besser, wenn du andere
Stellen gelesen hast. Halte dich also nicht unnötig an unverständlichen
Versen auf! Auch nach 2000 Jahren ernster Bemühungen ist es den größten
Gelehrten nicht gelungen, jedes Wort der Bibel zu verstehen. Manches ist
und bleibt für uns dunkel.
Ein Fernkurs für Anfänger
Man hat heute manchmal den Eindruck, als müsste man
Theologieprofessor sein, um die Bibel verstehen zu können: Es komme drauf
an, die heilige Schrift aus ihrer damaligen Situation heraus zu verstehen.
Dazu muss man natürlich erst mal Professor sein, denn wer kennt sich denn
so genau in der Geschichte des Alten Orient aus? Wer kennt denn so genau
die Lebensumstände der damaligen Menschen?
Ich frage mich aber: Wozu der ganze wissenschaftliche Firlefanz? Hunderte
von Generationen vor uns haben die Bibel auch ohne dieses Wissen
verstanden, weil sie nicht gefragt haben: Was war damals?, sondern: Was
hat mir die Bibel heute zu sagen? – Es müsste also möglich sein, das Buch
der Bücher ohne gelehrtes Brimborium so zu lesen, dass mir klar wird: Hier
geht es nicht um Kain oder Saul oder Elia oder Johannes, sondern hier geht
es um mich.
Trotzdem gibt es einige Dinge, die hilfreich sind zu wissen, und die man
beim Bibellesen beachten sollte:
Gerade dem Anfänger empfiehlt es sich, nicht einfach
die Bibel aufzuschlagen und Kapitel für Kapitel durchzuackern, weil er
sonst leicht die Lust verliert, wenn er überhaupt nichts mehr versteht.
Denn nicht jedes Wort in der Bibel ist gleich wichtig.
Luther hat uns gelehrt, dass die Mitte der heiligen Schrift Jesus Christus
ist. Und wo eine Mitte ist, da gibt es auch einen Rand; manche biblischen
Bücher wie das Buch Esther oder der Prediger sind ziemlich weit von dieser
Mitte entfernt.
Außerdem müssen wir bedenken, dass Gott durch dieses Buch zu allen
Menschen reden will. Es gibt also durchaus wichtige Stellen, die mir
persönlich gar nichts sagen und für andere Menschen von höchster Bedeutung
sind. So tolerant sollten wir beim Bibellesen sein, dass wie dies
berücksichtigen: Gott redet nicht nur zu mir, sondern auch zu anderen; Er
redet nicht nur heute, sondern Er hat zu allen Zeiten gesprochen.
Der Judasbrief im Neuen Testament scheint für uns heute unwichtig zu sein;
es gab aber Zeiten, da war er höchst aktuell.
Ich darf also nicht meine eigenen Interessen zum alleinigen Maßstab für
den Wert der Bibel machen. Vielmehr will die Bibel der Maßstab für mich
selbst, mein Tun, Reden und Denken sein.
Weil das so ist, gibt es Bibellesepläne, sogar mit der katholischen Kirche
gemeinsam. Hier werden die wichtigsten Texte der Bibel aufgeführt, und
zwar so, dass die vier Evangelien in vierjährigem Wechsel drankommen, die
übrigen Bücher je nach Bedeutung mehr oder weniger oft. Auf diese Weise
kommt der treue Bibelleser im Laufe der Zeit auch durch die ganze Bibel,
ohne sich wochenlang mit schweren oder unwichtigen Texten herumquälen zu
müssen.
Da diese Bibellese-Pläne in gleicher Weise für alle Christen gelten, sind
wir auch im "stillen Kämmerlein" im Lesen der heiligen Schrift mit anderen
Christen verbunden und nicht auf uns allein gestellt.
Ältere Pläne, die heute noch gültige Abendlese und
die Herrnhuter Losungen lesen die biblischen Bücher nicht im Zusammenhang,
sondern behandeln wichtige Abschnitte oder Bibelverse als unabhängige
Einheiten.
Dies ist bei vielen Bibeltexten ohne weiteres möglich, weil zum Beispiel
die Worte der Propheten oder die Worte und Taten Jesu ursprünglich ohne
Zusammenhang mit anderen Sprüchen überliefert und erst spät in einem
biblischen Buch zusammengefasst wurden.
Tatsächlich aber kann man eine Bibelstelle nur aus ihrem Zusammenhang
heraus verstehen. Reißt man sie aus ihrem Zusammenhang heraus, entstehen
mitunter groteske Missverständnisse.
In einem alten Trauregister las ich bei der Trauung
eines Müllers mit einer Müllertochter als Trauspruch den Vers "Nimm die
Mühle und mahle Mehl." Für so einen Fall anscheinend der ideale
Trauspruch, dachte ich zuerst. Als ich aber die Stelle in der Bibel
nachschlug, sträubten sich mir die Haare: "Herunter, Jungfrau, du
Tochter Babel, setze dich in den Staub... Nimm die Mühle und mahle Mehl
... " Also keine Dienstanweisung für ein Müllerpaar, sondern eine tiefe
Demütigung: Die stolzen Einwohner von Babel müssen Sklavendienste
leisten. – Hoffentlich kam das Brautpaar nicht auf die Idee, ihren
Trauspruch in der Bibel nachzuschlagen. Sonst hätten sich ihnen auch die
Haare gesträubt.
i.
zuverlässige Übersetzung
Dieser alte Grundsatz der Reformatoren gilt auch
heute. Dazu braucht man also kein langwieriges Studium, keine teuren
Hilfsmittel, keine Kenntnis des neusten Forschungsstandes, sondern allein
eine zuverlässige und genaue Bibelübersetzung.
Zu diesem Zweck ist die "Gute Nachricht" wenig geeignet. Sie ist ein
hervorragendes, leicht verständliches Hilfsmittel zum ersten Kennenlernen
Für den, der tiefer in die Geheimnisse der heiligen Schrift eindringen
will, ist sie nicht genau genug. Hier ist die Lutherbibel brauchbarer; am
zuverlässigsten und genausten ist die reformierte Zürcher Übersetzung.
ii.
Bibelstellen vergleichen
Was besagt nun dieser Grundsatz "Die Bibel legt sich
selbst aus"? Man kann mit einiger Kenntnis den Sinn vieler
unverständlicher Bibelstellen mit anderen Bibelstellen verdeutlichen.
So kann man die oben erwähnte "Tochter Babel" mit der bekannteren "Tochter
Zion" vergleichen und kommt ganz schnell drauf, dass es sich nicht um
Mädchen, sondern um die Einwohnerschaft von Babel und Zion = Jerusalem
handelt.
Wie findet man aber die dazugehörigen Stellen? Dazu
braucht man noch nicht mal eine Konkordanz, denn in jeder besseren
Bibel (auch in der "Guten Nachricht") stehen Angaben, wo man ähnliche
Aussagen findet (so genannte Parallelstellen).
Parallelstellen
Wie findet man Bibelstellen mit ähnlichem Inhalt? In
jeder besseren Bibelausgabe. stehen diese Stellen als sog. Parallelstellen
verzeichnet.
So stehen bei Mt
13,3-23 unter der Überschrift "Gleichnis vom vierfachen Ackerfeld" zwei
Stellen bei Markus und Lukas, Dort finden wir ebenfalls dieses Gleichnis
und können aus dem Vergleich der drei Fassungen wertvolle Erkenntnisse
gewinnen.
Weiter finden wir zu Vers 12 ("Wer da hat, dem wird gegeben werden") drei
weitere Stellenangaben, die zeigen, dass dieser Satz von Jesus bei
verschiedenen Anlässen gebraucht wurde.
Die Parallelstellen-Angaben sind also wertvolle
Hilfen für die Bibelauslegung.
Anhang der Bibel
Es empfiehlt sich auch, von Zeit zu Zeit einen Blick
in den Anhang zu werfen, der jeder Bibelausgabe beigefügt ist, und der
Worterklärungen, Landkarten und eine Zeittafel enthält und vieles besser
verstehen hilft. Zusätzliche kostspielige Hilfsmittel sind also für den
Anfänger im Bibellesen nicht nötig. In der Bibel selbst steht alles, was
man wissen muss, um sie zu verstehen.
aber nicht, um alles durchzustreichen, was dir nicht
passt, sondern um wichtige Stellen anzustreichen. Man braucht sich dann
nur noch ungefähr zu merken, wo der Vers steht, und findet ihn dann ohne
längeres Suchen. Das setzt natürlich bereits einige Übung voraus.
Die meisten Bibelausgaben kommen dem bereits dadurch entgegen, dass sie
wichtige Verse im Druck hervorheben. Das entbindet natürlich den
Bibelleser nicht von der Aufgabe, die Stellen zu unterstreichen, die er
persönlich für wichtig hält.
Auswendiglernen gehört leider nicht zu den Stärken
unserer Zivilisation. Für das Verständnis der Bibel, die sich ja selbst
auslegen soll, ist es aber unerlässlich, die einschlägigen Abschnitte
nicht nur einmal gelesen zu haben, sondern nach Möglichkeit wortwörtlich
aufsagen zu können.
Denn nur das, was wir auswendig können, kann uns wirklich in Fleisch und
Blut übergehen. Ein Bibeltext aber, der nur in der Bibel abgedruckt ist,
kann uns nicht helfen, wenn es drauf ankommt.
Es wird daher wichtig sein, uns solch eine eiserne Ration an Bibelversen
zuzulegen, wenn wir wirklich aus der Bibel leben wollen.
Um nun systematisch mit der Bibel arbeiten zu können,
empfiehlt es sich, beim Lesen in drei Schritten vorzugehen:
- Schritt: Was empfinde ich, wenn ich diesen Text
lese?
Was freut oder ärgert mich daran? Was verstehe ich nicht? Was halte ich
für besonders wichtig?
-
Schritt: Was steht denn
eigentlich da?
Hier muss ich mir die Mühe machen, herauszufinden, was mit diesem
Abschnitt gemeint ist. Wie erfahre ich das?
a. Text mehrmals lesen und dabei versuchen, die Fragen, die
mir gekommen sind, zu beantworten.
b. Parallelstellen aufschlagen und nachlesen. So wird
mir manches klar, was ich beim ersten Lesen nicht verstanden habe.
c. Im Anhang nachgucken. Stehen da Erläuterungen drin?
Wo liegen die Orte, von denen die Rede ist?
d. Zusammenhang beachten. Viele Bibelabschnitte stehen nicht
zusammenhanglos im Buch der Bücher sondern die hier beschriebene
Geschichte hat eine Vor- und Nachgeschichte.
Beispiel: Das Gleichnis vom Barmherzigen Samariter Lukas 10,30-35) ist
nach V. 25-29 Teil einer Unterweisung Jesu über das wichtigste Gebot
"Liebe Gott und deinen Nächsten". Gleich darauf folgt die Geschichte von
der nimmermüden Hausfrau Martha und der stillen Zuhörerin Maria, der Jesus
bestätigt, dass es nicht nur auf das Handeln, sondern auch aufs Hören
ankommt. Wie diese Maria ein Beispiel für die Gottesliebe ist, so ist der
Samariter ein Beispiel für die Nächstenliebe. Das erkennen wir aber nur,
wenn wir den Zusammenhang beachten.
-
Schritt: Was sagt mir dieser Abschnitt?
Die Frage kann ich erst jetzt richtig beantworten, wenn ich verstanden
habe, was überhaupt dasteht. Viele Fehler in der Auslegung werden
deshalb gemacht, weil der 2. Schritt übersprungen wird.
Wenn wir
versuchen, die 2. Frage zu beantworten, so merken wir immer wieder,
dass der Text in vielen Fällen nicht so wörtlich gemeint ist, wie er
dasteht.
-
Bekanntestes Beispiel sind die Gleichnisse
Jesu. Im Gleichnis vom Senfkorn (Mk 4, ,30-32) will Jesus keine botanischen oder
landwirtschaftlichen Kenntnisse vermitteln, sondern erklären, was es mit
dem Reich Gottes auf sich hat.
-
Jesus
erzählt nicht nur Gleichnisse, sondern Er liebt auch Übertreibungen.
Wenn Er zum Beispiel sagt, man solle einen, der die Kleinen ärgert, mit
einem Mühlstein um den Hals ins Meer werfen (Mt 18,8), so ist das
nicht wörtlich gemeint, sondern eine grotesk. übersteigerte Warnung vor
solchem Tun.
-
Schließlich
gibt es in der Bibel auch Ironie, d.h. es steht ziemlich genau
das Gegenteil da von dem, was gemeint ist. Beispiel: 2. Kor. 12,13
bittet Paulus scherzhaft um Vergebung, dass er der Gemeinde nicht zur
Last gefallen ist, obwohl er der Meinung ist, dass er richtig gehandelt
hatte.
Wir merken also, dass es verschiedene Möglichkeiten
zu verstehen gibt:
Sie ist das A und das O allen Umgangs mit der Bibel.
Ehe ich nicht weiß, was dasteht, kann ich keine Schlüsse für mich selbst
und andere ziehen.
Dabei müssen wir all das beachten, was in den bisherigen Folgen dieser
Serie gesagt war, wie: Zusammenhang berücksichtigen, unverständliche
Ausdrücke verstehen lernen usw.
Dazu kommen noch andere Gesichtspunkte:
i. Ist der
Text wörtlich zu verstehen?
Dies wird bei den meisten Erzählungen der Fall sein,
ferner bei Reden, die keine Bilder verwenden sowie bei den Briefen des
Neuen Testaments.
ii. Handelt es
sich um uneigentliche Redeweise?
Gebraucht die Bibel Bilder oder Vergleiche, meint sie
das ernst oder ironisch? Dies lässt sich nicht immer eindeutig sagen. Es
ist also möglich, manche Texte wörtlich
und im übertragenen Sinn zu verstehen.
Ein Beispiel dafür sind
die zusammenhängenden Geschichten von der Speisung der 5000 und vom
Seewandel Jesu (Markus 6,30-52), die man wörtlich verstehen kann als
Berichte von Wundern Jesu und in
übertragenem Sinn als ein Gleichnis für das christliche Leben: Jesus
verkündigt den Menschen die frohe Botschaft und teilt mit Brot und
Fischen, eine Art Abendmahl aus; dann "treibt" Er die Jünger aufs Meer =
vom Sonntag in den Alltag, wo sie gegen Schwierigkeiten ankämpfen müssen.
Jesus bleibt zurück, um auf einem Berg zu beten = Er ist im Himmel bei
Gott. Wenn Er den Jüngern auf dem Meer so begegnet, dass sie meinen, es
sei ein Gespenst, so ist damit bildlich ausgedrückt, dass Jesus zwar nicht
mehr körperlich, aber im Geist bei den Christen ist wobei man 'zwischen
'Geist' und 'Gespenst' deutlich unterscheiden muss.
Beide Deutungen, die
wörtliche und die bildliche, kann man nicht voneinander trennen. Man darf
die Geschichte nicht bloß bildlich verstehen, als seien die Wunder gar
nicht passiert. Aber wenn wir sie nur wörtlich nehmen und uns überlegen,
wie denn Brotvermehrung und Seewandel möglich sein können, kommen wir auf
Abwege und haben die beiden Geschichten nicht richtig verstanden.
Es zeugt von der unerschöpflichen Weisheit Gottes,
wenn ein Bibeltext nicht eindeutig zu erklären ist und mehrere
Möglichkeiten offen lässt. Das ist keine Schwäche, keine mangelnde
Ausdrucksfähigkeit, sondern Absicht. Gott ist nun mal größer als unser
Verstand und lässt sich nicht auf eine einfache Formel bringen.
iii. Handelt
es sich um verschlüsselte Bilder?
Wenn Jesus in Mt. 6 von Vögeln und Blumen redet,
so ist leicht einzusehen, dass Er sie in ihrer Sorglosigkeit als Vorbild für
uns hinstellt.
Sehr viel schwerer sind die Bilder zu deuten, die z.B. die Offenbarung
gebraucht. Hier handelt es sich nicht um einleuchtende Vergleiche, sondern
um verschlüsselte Bilder, die nur Eingeweihten verständlich sind. Wie in
einer Fremdsprache braucht man fast ein Wörterbuch, damit man die Bilder
verstehen kann. Das zugehörige Lexikon ist das Alte Testament.
So ist das in Offenbarung
13,1-10 beschriebene "Tier" kein Fall für Zoologen, sondern wie in Daniel
7 Symbol für ein Weltreich, in diesem Fall für das römische. Oder mit
'Babel' in Offenbarung 17 ist nicht die sprichwörtlich sündige Stadt am
Euphrat, sondern das gottlose heidnische Rom gemeint.
So etwas kann man nicht ahnen, das muss man wissen.
Es ist daher dringend davon abzuraten, die Offenbarung ohne Sachkenntnis
auf eigene Faust auszulegen, weil sonst die Gefahr besteht, dass man der
Phantasie zu sehr freien Lauf lässt und die Grundlage für eine neue Sekte
legt, als ob es nicht schon viel zu viele davon gäbe. Die Offenbarung ist
das einzige Buch der Bibel, dessen Deutung man Fachleuten überlassen muss.
Selbst Luther hat vor diesem schweren Buch kapituliert.
Oft wird im Neuen Testament eine Stelle des Alten so
ausgelegt, als sei da von Christus die Rede. Als Christen können wir
das Alte Testament nur im Lichte der Christus-Offenbarung verstehen und
nicht so tun, als wüssten wir davon nichts und als müssten wir den ersten
Teil der Bibel aus sich selbst heraus verstehen.
Luther sagt sogar, Christus sei die Mitte der ganzen heiligen Schrift, und
beurteilt auch die einzelnen Schriften des Neuen Testaments danach, ob sie
"Christum treibet" oder nicht.
Für ihn ist daher nicht jedes Bibelwort gleich wichtig. Es gibt wichtige
und unwichtige Verse, wichtige und unwichtige Bücher. Zu den wichtigen
Schriften gehört für Luther der Römerbrief, zu den unwichtigen der
Jakobusbrief (weil er dem Römerbrief widerspricht), der Judasbrief (weil
er bloß über Irrlehrer schimpft) und die Offenbarung (weil sie nicht den
gnädigen, sondern den zornigen Gott verkündigt).
Wir müssten uns also bei jedem Bibeltext fragen: Ist in ihm von Christus
und der durch Christus offenbarten Liebe Gottes die Rede? Wohin muss ich
diesen Text einordnen: in die Mitte oder an den Rand?
Maßstab für wichtig und unwichtig in der Bibel ist also nicht unser
Geschmack und unser Urteil, sondern allein die Frage, ob Christus und die
Liebe Gottes zur Sprache kommen.
Jede Bibellektüre muss damit enden, dass ich mich
frage: "Was will Gott mir damit sagen?" Anders habe ich den Text nicht
verstanden, denn er will nicht von vergangenen Zeiten erzählen, sondern
durch ihn will Gott zu mir sprechen.
Und was ist, wenn ich die Stimme Gottes nicht höre? Dann muss das nicht
daran liegen, dass Gott mir nichts sagt; eher ist anzunehmen, dass ich
nicht genau genug hingehört habe. Hatte ich den Kopf so voll mit anderen
Sachen, dass ich gar nicht merkte, dass Gott von mir was wollte? Gott
redet nicht mit Donnerstimme, sondern so leise, dass man ganz genau
hinhören muss. |