Startseite | Religion | Sprachwissenschaft | Geschichte | Humanwissenschaft | Naturwissenschaft | Kulturwissenschaft | Kulturschöpfungen

Quellen | Bibelwissenschaft | Systematische Theologie | Religionswissenschaft | Praxis

Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Heilige Schriften im Papierkorb?

Warum stehen nur 66 Bücher in der Bibel?

Kirche am Ort Februar 1986

Email:

Altes Testament

Apokryphen

Neues Testament

Nichtbiblisches Schrifttum

 

66 ist eigentlich schon eine ganz stattliche Anzahl, und es soll Leute geben, denen diese 66 schon zuviel sind. Dennoch hört man in neuerer Zeit auch Stimmen, die behaupten, die Kirche hätte wichtige Schriften unterschlagen, die ihr nicht ins Konzept gepasst hätten. Was hat es damit auf sich?

Altes Testament

Was das Alte Testament anbetrifft, so war da schon zur Zeit Jesu das Problem, dass die griechische Bibel dicker war als die hebräische. Das hing einfach damit zusammen, dass die jüngsten Schriften wie die Makkabäerbuch oder das Buch Judith von Anfang an in griechischer Sprache geschrieben waren und deshalb nicht in der hebräischen Bibel stehen konnten. Weil die Christen die griechische Bibel benutzten, distanzierten sich die Juden davon und erklärten die hebräische für allein maßgeblich. Dies war ums Jahr 90 n. Chr. Bei dieser Entscheidung gab es heftige Auseinandersetzungen über einige biblische Schriften wie Esther oder das Hohelied, die kaum religiösen Inhalt haben. Der Kern des Alten Testaments, das Gesetz (1.-5. Mose), dagegen stand nie zur Diskussion. Sie wurden trotz dem in die Bibel aufgenommen, weil man lieber ein umstrittenes Buch mehr drin haben wollte als ein wertvolles zu wenig.

Apokryphen

Die Christen blieben dem dickeren griechischen Alten Testament treu und übersetzten es in seinem ganzen Umfang ins Lateinische. Dabei unterschied man freilich schon früh zwischen der eigentlichen (hebräischen) heiligen Schrift und den Apokryphen, die nicht im Gottesdienst, aber im Unterricht benutzt werden sollten.

Luther machte schließlich in seiner Bibelübersetzung mit dieser Unterscheidung ernst, indem er eine dreiteilige Bibel herausgab Altes Testament - Apokryphen - Neues Testament.

Das außerbiblische religiöse Schrifttum der Juden zur Zeit Jesu ist uns heute zum größten Teil wieder zugänglich, auch in deutscher Übersetzung. Wer sich damit befasst, wird leicht feststellen, dass diese Bücher nicht wert waren, in die Bibel. aufgenommen zu werden.

Neues Testament

Auch der Umfang des Neuen Testaments stand nicht von Anfang an fest. Die neutestamentlichen Schriftsteller wie Lukas oder Paulus hatten nicht vor, eine Fortsetzung der Bibel zu schreiben. Dass ihre Schriften in die Bibel kamen, lag daran, dass man sie für so wichtig hielt, dass man sie immer wieder im Gottesdienst vorlas.

Etwa ab 100 n. Chr. machte man sich Gedanken über die Abgrenzungen des Neuen Testaments. Der Grundsatz stand von vornherein fest: Ins Neue Testament gehört die Überlieferung von Jesus sowie das, was die Apostel hinterlassen hatten. Andere Schriften, und wären sie noch so gut, kamen nie in Frage. Es hat aber nochmals über 250 Jahre gedauert, bis sich die Christen einig waren. Über die vier Evangelien, die Apostelgeschichte und die Paulusbriefe gab es keine Diskussion, wohl aber um den Hebräerbrief (von Paulus oder nicht?) und die Offenbarung, die in manchen Gegenden noch um 900 nicht anerkannt war. Die Abgrenzung des Neuen Testaments, unterlag einem demokratischen Entscheidungsprozeß. Päpste und Konzilien haben darin nur eine untergeordnete Rolle gespielt. Als Papst Damasus 382 für die römische Kirche die Liste der neutestamentlichen Bücher in ihrem jetzigen Umfang feststellte, war die Diskussion noch lange nicht beendet und wurde durch die Reformation wieder aufgenommen (Widerspricht der Jakobusbrief dem Gesamtinhalt des Neuen Testaments?). Man kann also nicht sagen, dass die Kirche missliebige Bücher nicht in die Bibel aufgenommen hätte. Beim Alten Testament hatte sie nicht viel mitzureden und ins Neue Testament wurden außer den 4 Evangelien nur Schriften aufgenommen, von denen man glaubte, dass sie von Aposteln geschrieben wurden. Dabei ist uns bewusst, dass einige Paulusbriefe in früher Zeit verloren gingen; ein "Brief an die Laodizener", der im Anhang der lateinischen Bibel abgedruckt ist, stammt wohl nicht von Paulus.

Nichtbiblisches Schrifttum

Wohl die meisten frühchristlicher Schriften sind erhalten und heute in deutscher Übersetzung zugänglich. Einige stehen sogar heute noch in hohem Ansehen.

Ein anderes Problem ist, dass die Kirche sich bis in die Gegenwart hinein mit inner- und außerkirchlichen Geistesströmungen auseinandersetzen und Abgrenzungen schaffen muss. So hat sich 1933 die Barmer Bekenntnissynode gegen die deutschen Christen abgegrenzt, die sich zu stark von nationalsozialistischem Gedankengut beeinflussen ließen. Ihre Schriften sind wie die der NS­-Ideologen heute kaum noch zu bekommen.

Ähnliches geschah in der Urkirche immer wieder. Die Schriften der Gegner gingen verloren. Aber wir wissen aus den kirchlichen Darstellungen einigermaßen, worum es ging. Und es ist heute noch möglich, sich darüber zu informieren und sich den Eindruck zu verschaffen, dass es kein Verlust ist, diese Bücher nicht zu kennen. Für die Bibel wären sie sowieso nicht in Frage gekommen, weil sie nicht von Aposteln stammten.

Wir halten also daran fest: Alles, was heilsnotwendig ist zu wissen: dass ich ein Sünder bin, und das

   

nach oben

Übersicht

 

 

 

Datum: 1986 / 2015

Aktuell: 18.10.2017