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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Frieden in der Bibel

Altes Testament

Das Fünfte Gebot

veröffentlicht in der Mitarbeiterzeitschrift der Evangelischen Jugend im Dekanat Reinheim
"Team" 6-1981

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Töten oder morden?

Was hat Gott gemeint?

Die Kirche darf und muss das Gebot erweitern.

 

Töten oder morden?

Das 5. Gebot in seiner Urfassung verbietet nicht das Töten überhaupt, sondern das eigenmächtige illegale Töten von Menschen:

2. Mose 20,13; 5. Mose 5,17 hbr לא תרצח ( tirṣaḥ) Du sollst nicht morden.

Das hbr Wort רצח  (ṣôḥ) kommt vor allem in Gesetzestexten wie 4. Mose 35 oder 5. Mose 19 vor und verbietet das, was der heutige Gesetzgeber Mord oder Totschlag nennt.

Das übliche hbr. Wort für töten, הרג  (hárôg) dagegen ist umfassender; es kann bezeichnen:

  • den Mord, 1. Mose 4,8 (Kain und Abel)
  • das Töten im Krieg, 1. Kön 9,16
  • die Todesstrafe 3. Mose 20,16
  • das Töten durch Gott 1. Mose 20,4
  • das Schlachten von Tieren Jes. 22,13
  • das Vernichten von Pflanzen durch Hagel, Ps 78,47

Man kann also das 5. Gebot so auslegen, dass damit nicht das Töten überhaupt (= הרנ hárôg), sondern Mord und Totschlag (רצח ṣôḥ) verboten sind. Das Töten im Krieg wird dagegen z.B. 5. Mose 20, die Todesstrafe z.B. 2. Mose 21,12 nicht nur erlaubt, sondern sogar geboten.

Was hat Gott gemeint?

Tun wir aber damit dem eigentlichen Willen Gottes Genüge? Denn ein Gebot kann und darf man nicht nur nach der Methode der historisch-kritischen Auslegung erklären, die nur danach fragt: Was war ursprünglich damit gemeint? Gebote müssen nach den Regeln der Jurisprudenz ausgelegt werden, die nicht nur nach der ursprünglichen Bedeutung fragt, sondern danach, wie der entsprechende Paragraph anzuwenden ist. Der Gesetzgeber kann unmöglich alle Sonderfälle, die im Laufe der Zeit eintreten können, berücksichtigen; er muss daher sein Gesetz so allgemein wie möglich formulieren, und es bleibt dann Aufgabe der späteren Generationen, dieses Gesetz auszulegen und auf spätere Situationen anzuwenden.

So haben die jüdischen Gesetzeslehrer ihre Tätigkeit verstanden, wenn sie z.B. beim 3. Gebot erläuterten, was unter "Arbeit" zu verstehen sei, und dabei 39 Tätigkeiten benannten. Jesus gibt Petrus und seinen Jüngern in Matth. 17,19 dasselbe Recht:

Alles, was du auf Erden binden wirst, soll auch im Himmel gebunden sein, und alles, was du auf Erden lösen wirst, soll auch im Himmel los sein.

Binden und Lösen bezieht sich nicht auf die Sündenvergebung, wie es Matth 18,18 nahelegt, sondern auf die Gesetzesauslegung und den Erlass neuer Bestimmungen. Dies zeigt eine kleine grammatische Feinheit: "alles, was" ist Neutrum! Jesus sagt nicht "Jeden, den ihr ..."

Die Kirche darf und muss das Gebot erweitern.

Die Kirche hat also wie die jüdischen Gelehrten das Recht und die Pflicht das Gesetz und die Gebote auszulegen und die Bestimmungen zu verschärfen (binden) oder zu mildern (lösen). Sie ist also auch befugt zu sagen: Das 5. Gebot bezieht sich auch auf das Töten im Krieg; es verbietet damit den Krieg.

Die Entscheidung ist bereits gefallen in der offiziellen Lutherübersetzung:

Du sollst nicht töten.

Dadurch, dass Luther dieses allgemeine und nicht das spezielle Wort "morden" gewählt hat, hat er uns Anlass gegeben, darüber nachzudenken, ob nicht auch das Töten im Krieg mit gemeint sein könne. Von daher ist es bedauerlich, dass moderne Übersetzungen wie die Einheitsübersetzung in falscher Historisierung schreiben "nicht morden."

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Datum: 1981 / 2015

Aktuell: 26.03.2016