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Heinrich Tischner Fehlheimer Straße 63 64625 Bensheim |
Frieden in der BibelAltes TestamentGeschichtsbücherveröffentlicht in der Mitarbeiterzeitschrift
der Evangelischen Jugend im Dekanat Reinheim |
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Urgeschichte
Mit
dem Paradies ging auch der Friede den Menschen verloren. Das sehen wir schon
daran, dass gleich nach der Geschichte vom Sündenfall
die vom ersten Mord und von der Erfindung und Übersteigerung der Blutrache
kommt. Hass und Gewalt nehmen dermaßen überhand, dass Gott die Menschheit durch
die Sintflut vernichten muss.
Genauer gesehen beginnt der friedlose Zustand des Menschen schon im Paradies gleich nach dem Sündenfall:
Nachdem nun die dem Hass und der Gewalt total verfallene Menschheit durch die
Sintflut ausgerottet ist, kann Gott mit den einzigen Überlebenden Gerechten
eine neue Geschichte beginnen. Allerdings erinnert die Entfaltung der neuen
Menschheit, wie sie in der Völkertafel dargestellt ist, nicht nur an den Segen,
der hinter dieser Vermehrung steckt, sondern zugleich auch an die Konflikte,
die sich durch das Vorhandensein vieler Völker ergeben. Dies wird exemplarisch
dargestellt durch die Geschichte vom
Turmbau: Offenbar ist das so gemeint, dass die sauber in Sem, Ham und Japhet
geteilte Völkerweit bisher gut miteinander ausgekommen ist, jetzt aber durch
den Turmbau sich entzweit hat und nicht mehr versteht. Weil sie ihre vorhandene
Einheit und die Völkerverständigung, weil sie den Frieden sichern wollten,
haben sie sich zerstritten und den Frieden verloren.
Gott
muss also wieder von vorne anfangen, verzichtet aber auf eine neue Vernichtung,
sondern wählt sich einen Mann aus: Abraham, der seine Friedensbereitschaft
sogleich im Konflikt der Hirten unter Beweis stellt: Er verzichtet um des
Friedens willen auf das bessere Land und überlässt es seinem jüngeren Neffen. Stille sein und hoffen
Damit beginnt eine lange Reihe
kriegerischer Ereignisse, die jetzt im einzelnen nicht genannt werden
können und in die auch Israel hineingezogen wird. Schon in seiner frühesten
Geschichte, beim Auszug aus Ägypten, macht Israel eine Erfahrung, die sich wie
ein roter Faden durch alle späteren Erzählungen zieht: "Jahwe wird für
euch streiten, und ihr werdet still sein" (2. Mose 14,14) beruhigt Mose
sein Volk am Schilfmeer, als die mit modernsten Waffen ausgerüsteten Ägypter
heranrücken und Israel mit Gewalt zurückholen wollen. Nach der ältesten
Überlieferung der Schilfmeergeschichte bleibt Israel am Ufer stehen und sieht
tatenlos mit zu, wie die Ägypter vom Meer verschlungen werden. Hätten sie in dieser
Lage etwas unternommen, wären sie geflohen oder hätten sie gekämpft, so wäre
das Wunder ausgeblieben. Es konnte nur stattfinden, weil Israel still blieb und
gar nichts machte.
Obwohl die Israeliten in späterer Zeit auch
Angriffskriege führten, kamen ihnen immer wieder Wunder zu Hilfe, so bei der
Eroberung Jerichos (Josua 6: Einsturz der Mauern) oder beim Sieg Baraks gegen
Siseras Streitwagenarmee ( Richter 4+5: Die Gegner kamen im plötzlich
angeschwollenen Bach Kischon um, 5, 21). Göttliches und menschliches Wirken gehen
da allerdings stärker Hand in Hand.
Auch ohne Wunder hat Israel seine Kriege oft so geführt, dass mit einem Minimum an Aufwand möglichst viel
erreicht wurde. Das zeigt etwa Gideons Überrumpelung der Midianiter mit einer
Handvoll Leute (Richter 7) oder Davids Sieg über Goliath (l. Sam. 17: Der
Hirtenbub besiegt mit einer primitiven Schleuder den schwer bewaffneten Riesen).
Wunderbare Ereignisse beeinflussen selbst in der
Königszeit das politische Geschehen, wenn wir etwa an die Elisa-Geschichten
denken: 2. Könige 6 Elisa "blendet" eine Abteilung der Aramäer und spielt sie
seinem König in die Hände. Der behandelt sie anständig, gibt ihnen zu essen und
lässt sie wieder laufen. Kap. 7 Die Aramäer belagern Samaria und ziehen plötzlich
von Panik ergriffen ab.
Ein ähnliches Ereignis wird selbst noch in der späten Königszeit berichtet: 2.
Könige 19, 35-37 Der Assyrerkönig Sanherib
belagert Jerusalem; durch ein Wunder kommen in einer Nacht 185.000 Assyrer um
und Sanherib muss abziehen.
Dem entspricht genau, dass Jesaja zu
dieser Zeit die alte Forderung des Stilleseins wieder aufnahm: "Wenn ihr
umkehrtet und stille bliebet, so würde euch geholfen; durch Stillesein und
Hoffen würdet ihr stark sein". Jes. 30,15. Das bedeutet für Jesaja
konkret: Verzicht auf Bündnispolitik und militärische Absicherung. Neutralität
ist in seiner Lage eine bessere Sicherheitsgarantie im Konflikt der Großmächte
Ägypten und Assyrien als der Anschluss an den einen oder anderen Machtblock.
In
dieselbe Kerbe schlägt später Jeremia,
der seinem König rät, sich dem babylonischen König zu unterwerfen und ja keinen
Widerstand zu leisten, um wenigstens am Leben zu bleiben. Der König hat nicht
darauf gehört, und die Geschichte hat dem Propheten Recht gegeben.
Die Parole vom Stillesein schließt
also folgendes ein:
Vernichtungskrieg – von Gott befohlen?
Es
bleibt das Ärgernis, dass Israel nicht nur Verteidigungs-, sondern sogar Angriffs- und Vernichtungskriege geführt
hat, und dies im Namen Gottes.
Es
ist in der Forschung umstritten, inwiefern die Landnahme in Palästina eine planmäßige Eroberung war (wie uns das
Buch Josua klarmachen will) und nicht viel stärker ein friedliches Einsickern
und Sesshaftwerden nomadischer Gruppen, wie moderne Forscher wie Noth behaupten,
Wahrscheinlich lief beides parallel; die Geschichte von Abraham zeigt das
Beispiel einer friedlichen Landnahme; es lässt sich angesichts der
Ausgrabungsfunde aber auch nicht leugnen, dass am Ende der Bronzezeit eine
systematische Eroberungswelle über viele kanaanäische Städte hinweggegangen
ist. Daneben zeigt etwa Josua 6 (Anschluss der Stadt Gibeon an Israel) oder
Richter 3.12-30 (Attentat Ehuds auf den Moabiterkönig), dass die Alternative
friedliche Einwanderung oder gewaltsame Eroberung falsch ist; es konnten sich
ganze Städte durch Vertrag den Einwanderern anschließen, und es gab die
Möglichkeit, die Herrscher durch ein Attentat zu beseitigen (und das sicher
nicht immer gegen den Willen der Bevölkerung).
Sicher scheint jedenfalls nach Richter 1-3 zu sein, dass eine restlose Ausrottung der Urbevölkerung nicht
gelungen und vielleicht noch nicht einmal beabsichtigt war. Dementsprechende
Forderungen, die Urbevölkerung auszurotten blieben nicht als Forderungen, die
nicht erfüllt wurden, auch wenn man sich angesichts der religiösen Konflikte in
späterer Zeit gesagt haben mag, es wäre vielleicht besser gewesen, das zu tun.
Von Josua wird nun allerdings
berichtet, dass er seinen Feldzug als Vernichtungskrieg geführt hätte: Er
zerstörte die eroberten Städte und vollstreckte an der Bevölkerung den
"Bann", d.h. er rottete sie restlos aus, wobei es jedesmal erwähnt
wird, dass das Vieh als Beute am Leben blieb und die Könige zunächst
gefangen genommen und später extra hingerichtet wurden.
Der letzte dieser "heiligen Kriege" war Sauls Feldzug gegen die Amalekiter (1. Samuel 15, ein
Rachefeldzug, der schon zur Zeit von Mose geplant war (5. Mose 25,17-19).
Dieser Feldzug wird der Anlass zum Bruch zwischen Saul und Samuel, denn Saul
lässt nach dem bisherigen Brauch das Vieh und die Häuptlinge am Leben, während
Samuel auch deren Vernichtung gefordert hatte.
Es
ist für uns Heutigen schwer verständlich, wieso Gott solche Grausamkeiten geboten haben kann. Es ist kaum
anzunehmen, dass Israel das bloß deswegen getan hat, weil solche grausamen
Feldzüge damals üblich waren und weil die völlige Vernichtung eines Feindes die
einfachste Möglichkeit ist, mit ihm fertigzuwerden.
Es
muss daher noch eine andere Antwort auf
diese Frage geben: In dem Bericht über Josuas Feldzug heißt es ausdrücklich
immer wieder, Josua habe den Bann vollzogen, wie es ihm Gott befohlen habe.
Wenn wir aber die ausführliche Erzählung vom Amalekiterfeldzug Sauls
heranziehen, wird uns etwas anderes deutlich: Es soll hier keinesfalls darum gehen, Gott Vorschriften zu machen,
was er zu wollen hat oder einen "lieben" Gott zu konstruieren, der in
unsere Vorstellungen passt. Es soll auch nicht abgestritten werden, dass Gott
auch gottlose Menschen für seine Pläne als Werkzeug gebrauchen kann, Darin
zeigt sich seine souveräne Meisterschaft in Sachen Weltgeschichte. Aber wenn es
um unser eigenes Handeln geht, brauchen wir eindeutige Aussagen, was der Wille
Gottes ist Gott kann von uns nicht
verlangen, dass wir in einigen besonders gelagerten Fällen genau das tun, was er
sonst verboten hat. Er kann uns nicht das Töten verbieten und den Krieg
erlauben bzw. sogar den Völkermord befehlen. Wenn also Gottesmänner des Alten
Testaments dergleichen im Namen Gottes befohlen haben, müssen wir uns fragen,
mit welchem Recht sie sich dabei auf Gott beriefen. Hier wäre auch die heilige Schrift mit den Augen Luthers zu lesen, für den nicht jede Schriftstelle den gleichen Wert hatte. Wichtig für ihn war vielmehr das, "was Christentum treibet." Genauso müssten wir nun an Hand eindeutiger Aussagen zusammenstellen, was Gottes Wille ist, und was Samuel hätte wissen müssen. |
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Datum: 1981 / 2005 Aktuell: 14.07.2006 |
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