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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Frieden in der Bibel

Altes Testament

Geschichtsbücher

veröffentlicht in der Mitarbeiterzeitschrift der Evangelischen Jugend im Dekanat Reinheim
"Team" 6-1981

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Urgeschichte

Stille sein und hoffen

Vernichtungskrieg – von Gott befohlen?

 

Urgeschichte

Mit dem Paradies ging auch der Friede den Menschen verloren. Das sehen wir schon daran, dass gleich nach der Geschichte vom Sündenfall die vom ersten Mord und von der Erfindung und Übersteigerung der Blutrache kommt. Hass und Gewalt nehmen dermaßen überhand, dass Gott die Menschheit durch die Sintflut vernichten muss.

Genauer gesehen beginnt der friedlose Zustand des Menschen schon im Paradies gleich nach dem Sündenfall:

  • Adam und Eva verlieren das Vertrauen zueinander, schämen sich voreinander und schieben ihre Schuld auf andere ab.

  • Zugleich verlieren sie das Vertrauen zu Gott und verstecken sich vor ihm.

  • Gott selbst stiftet Unfrieden zwischen Schlange und Mensch (und damit soll doch wohl noch etwas mehr als nur über das Verhältnis zu einer speziellen Tierart gesagt werden).

  • Gott selbst bestätigt das zerrüttete Verhältnis zwischen Mann und Frau, indem er die Unterdrückung der Frau als Folge des Sündenfalls er klärt.

Nachdem nun die dem Hass und der Gewalt total verfallene Menschheit durch die Sintflut ausgerottet ist, kann Gott mit den einzigen Überlebenden Gerechten eine neue Geschichte beginnen. Allerdings erinnert die Entfaltung der neuen Menschheit, wie sie in der Völkertafel dargestellt ist, nicht nur an den Segen, der hinter dieser Vermehrung steckt, sondern zugleich auch an die Konflikte, die sich durch das Vorhandensein vieler Völker ergeben. Dies wird exemplarisch dargestellt durch die Geschichte vom Turmbau: Offenbar ist das so gemeint, dass die sauber in Sem, Ham und Japhet geteilte Völkerweit bisher gut miteinander ausgekommen ist, jetzt aber durch den Turmbau sich entzweit hat und nicht mehr versteht. Weil sie ihre vorhandene Einheit und die Völkerverständigung, weil sie den Frieden sichern wollten, haben sie sich zerstritten und den Frieden verloren.

Gott muss also wieder von vorne anfangen, verzichtet aber auf eine neue Vernichtung, sondern wählt sich einen Mann aus: Abraham, der seine Friedensbereitschaft sogleich im Konflikt der Hirten unter Beweis stellt: Er verzichtet um des Friedens willen auf das bessere Land und überlässt es seinem jüngeren Neffen.
Dennoch wird auch Abraham in einen Krieg verwickelt, den "Krieg der Könige" (1. Mose 14), den ersten Krieg, über den die Bibel berichtet. Er ist zwar nicht selbst betroffen, sondern nur sein Neffe Lot, der von den verbündeten Königen gefangen genommen wurde. Abraham greift aktiv in das Kriegsgeschehen ein und haut Lot wieder heraus.

Stille sein und hoffen

Damit beginnt eine lange Reihe kriegerischer Ereignisse, die jetzt im einzelnen nicht genannt werden können und in die auch Israel hineingezogen wird. Schon in seiner frühesten Geschichte, beim Auszug aus Ägypten, macht Israel eine Erfahrung, die sich wie ein roter Faden durch alle späteren Erzählungen zieht: "Jahwe wird für euch streiten, und ihr werdet still sein" (2. Mose 14,14) beruhigt Mose sein Volk am Schilfmeer, als die mit modernsten Waffen ausgerüsteten Ägypter heranrücken und Israel mit Gewalt zurückholen wollen. Nach der ältesten Überlieferung der Schilfmeergeschichte bleibt Israel am Ufer stehen und sieht tatenlos mit zu, wie die Ägypter vom Meer verschlungen werden. Hätten sie in dieser Lage etwas unternommen, wären sie geflohen oder hätten sie gekämpft, so wäre das Wunder ausgeblieben. Es konnte nur stattfinden, weil Israel still blieb und gar nichts machte.

Obwohl die Israeliten in späterer Zeit auch Angriffskriege führten, kamen ihnen immer wieder Wunder zu Hilfe, so bei der Eroberung Jerichos (Josua 6: Einsturz der Mauern) oder beim Sieg Baraks gegen Siseras Streitwagenarmee ( Richter 4+5: Die Gegner kamen im plötzlich angeschwollenen Bach Kischon um, 5, 21). Göttliches und menschliches Wirken gehen da allerdings stärker Hand in Hand.

Auch ohne Wunder hat Israel seine Kriege oft so geführt, dass mit einem Minimum an Aufwand möglichst viel erreicht wurde. Das zeigt etwa Gideons Überrumpelung der Midianiter mit einer Handvoll Leute (Richter 7) oder Davids Sieg über Goliath (l. Sam. 17: Der Hirtenbub besiegt mit einer primitiven Schleuder den schwer bewaffneten Riesen).

Wunderbare Ereignisse beeinflussen selbst in der Königszeit das politische Geschehen, wenn wir etwa an die Elisa-Geschichten denken: 2. Könige 6 Elisa "blendet" eine Abteilung der Aramäer und spielt sie seinem König in die Hände. Der behandelt sie anständig, gibt ihnen zu essen und lässt sie wieder laufen. Kap. 7 Die Aramäer belagern Samaria und ziehen plötzlich von Panik ergriffen ab.

Ein ähnliches Ereignis wird selbst noch in der späten Königszeit berichtet: 2. Könige 19, 35-37 Der Assyrerkönig Sanherib belagert Jerusalem; durch ein Wunder kommen in einer Nacht 185.000 Assyrer um und Sanherib muss abziehen.

Dem entspricht genau, dass Jesaja zu dieser Zeit die alte Forderung des Stilleseins wieder aufnahm: "Wenn ihr umkehrtet und stille bliebet, so würde euch geholfen; durch Stillesein und Hoffen würdet ihr stark sein". Jes. 30,15. Das bedeutet für Jesaja konkret: Verzicht auf Bündnispolitik und militärische Absicherung. Neutralität ist in seiner Lage eine bessere Sicherheitsgarantie im Konflikt der Großmächte Ägypten und Assyrien als der Anschluss an den einen oder anderen Machtblock.

In dieselbe Kerbe schlägt später Jeremia, der seinem König rät, sich dem babylonischen König zu unterwerfen und ja keinen Widerstand zu leisten, um wenigstens am Leben zu bleiben. Der König hat nicht darauf gehört, und die Geschichte hat dem Propheten Recht gegeben.

Die Parole vom Stillesein schließt also folgendes ein:

  • Gottvertrauen ist die wichtigste Voraussetzung zum Überleben. Wer kein Gottvertrauen hat, hat Angst und braucht dann alle möglichen Hilfsmittel, die ihm doch nichts nützen.

  • Verzicht auf technische und zahlenmäßige Überlegenheit über den Gegner. Mit Gottvertrauen und bescheidenen Mitteln kann man auch mit einem überlegenen Gegner fertig werden, siehe David und Goliath.

  • Verzicht auf Bündnispolitik und freiwillige Anbindung an eine Großmacht, weil man von ihr automatisch in Konflikte hineingezogen wird und der anderen Großmacht Anlass zum Angriff gibt.

  • Jeremia macht uns klar: Das Leben ist wichtiger als die Unabhängigkeit. Man kann als Volk Gottes genauso unterm eignen wie unter einem fremden König leben.

Vernichtungskrieg – von Gott befohlen?

Es bleibt das Ärgernis, dass Israel nicht nur Verteidigungs-, sondern sogar Angriffs- und Vernichtungskriege geführt hat, und dies im Namen Gottes.

Es ist in der Forschung umstritten, inwiefern die Landnahme in Palästina eine planmäßige Eroberung war (wie uns das Buch Josua klarmachen will) und nicht viel stärker ein friedliches Einsickern und Sesshaftwerden nomadischer Gruppen, wie moderne Forscher wie Noth behaupten, Wahrscheinlich lief beides parallel; die Geschichte von Abraham zeigt das Beispiel einer friedlichen Landnahme; es lässt sich angesichts der Ausgrabungsfunde aber auch nicht leugnen, dass am Ende der Bronzezeit eine systematische Eroberungswelle über viele kanaanäische Städte hinweggegangen ist. Daneben zeigt etwa Josua 6 (Anschluss der Stadt Gibeon an Israel) oder Richter 3.12-30 (Attentat Ehuds auf den Moabiterkönig), dass die Alternative friedliche Einwanderung oder gewaltsame Eroberung falsch ist; es konnten sich ganze Städte durch Vertrag den Einwanderern anschließen, und es gab die Möglichkeit, die Herrscher durch ein Attentat zu beseitigen (und das sicher nicht immer gegen den Willen der Bevölkerung).

Sicher scheint jedenfalls nach Richter 1-3 zu sein, dass eine restlose Ausrottung der Urbevölkerung nicht gelungen und vielleicht noch nicht einmal beabsichtigt war. Dementsprechende Forderungen, die Urbevölkerung auszurotten blieben nicht als Forderungen, die nicht erfüllt wurden, auch wenn man sich angesichts der religiösen Konflikte in späterer Zeit gesagt haben mag, es wäre vielleicht besser gewesen, das zu tun.

Von Josua wird nun allerdings berichtet, dass er seinen Feldzug als Vernichtungskrieg geführt hätte: Er zerstörte die eroberten Städte und vollstreckte an der Bevölkerung den "Bann", d.h. er rottete sie restlos aus, wobei es jedesmal erwähnt wird, dass das Vieh als Beute am Leben blieb und die Könige zunächst gefangen genommen und später extra hingerichtet wurden.

Der letzte dieser "heiligen Kriege" war Sauls Feldzug gegen die Amalekiter (1. Samuel 15, ein Rachefeldzug, der schon zur Zeit von Mose geplant war (5. Mose 25,17-19). Dieser Feldzug wird der Anlass zum Bruch zwischen Saul und Samuel, denn Saul lässt nach dem bisherigen Brauch das Vieh und die Häuptlinge am Leben, während Samuel auch deren Vernichtung gefordert hatte.

Es ist für uns Heutigen schwer verständlich, wieso Gott solche Grausamkeiten geboten haben kann. Es ist kaum anzunehmen, dass Israel das bloß deswegen getan hat, weil solche grausamen Feldzüge damals üblich waren und weil die völlige Vernichtung eines Feindes die einfachste Möglichkeit ist, mit ihm fertigzuwerden.
Vielmehr werden diese heiligen Kriege auf einen ausdrücklichen Befehl Gottes zurückgeführt. Gott benutzt offenbar Israel in diesem Fall als ein Werkzeug seines Gerichts, so wie er später etwa die Assyrer als Gerichtswerkzeug gegen Israel selbst benutzt (Jes 1095+6). Aber es ist ja doch wohl ein Unterschied, ob Jesaja in der assyrischen Bedrohung ein Strafgericht Gottes über Israel erkennt, oder ob sich Josua als Gerichtsvollzieher Gottes versteht. Hätte das nicht Hitler von sich auch behaupten können? Die Grenze zwischen Erwählungsbewusstsein und Anmaßung ist da sehr fließend.

Es muss daher noch eine andere Antwort auf diese Frage geben: In dem Bericht über Josuas Feldzug heißt es ausdrücklich immer wieder, Josua habe den Bann vollzogen, wie es ihm Gott befohlen habe. Wenn wir aber die ausführliche Erzählung vom Amalekiterfeldzug Sauls heranziehen, wird uns etwas anderes deutlich:
Samuel begründet seinen Vernichtungsbefehl mit einem wörtlich zitierten Gotteswort (1. Sam 15,2+3). Dies kann man so verstehen, als ob Samuel nach Art der späteren Propheten eine persönliche Offenbarung erhalten habe. Man kann das aber auch so sehen, dass Gott in diesem Fall gar nicht direkt zu Samuel gesprochen hat, sondern dass sich der Gottesmann nur auf die Tradition beruft, wonach Gott geboten habe, die Amalekiter auszurotten (vgl. 5. Mose 25, 17-19). Ähnlich haben auch die falschen Propheten zur Zeit Jeremias argumentiert: Sie zitierten keine eigenen Offenbarungen, sondern überlieferte Gottesworte. Und sogar wenn Samuel selbst eine Offenbarung empfangen hätte: Wer sagt denn, dass da Gott mit ihm und nicht ein "Lügengeist" gesprochen hat (1. Könige 22.22)? Da Saul Erfolg hatte, nahm man selbstverständlich an, der Befehl sei von Gott gekommen. Aber hatte Samuel in diesem Fall wirklich verstanden, was Gott wollte?

Es soll hier keinesfalls darum gehen, Gott Vorschriften zu machen, was er zu wollen hat oder einen "lieben" Gott zu konstruieren, der in unsere Vorstellungen passt. Es soll auch nicht abgestritten werden, dass Gott auch gottlose Menschen für seine Pläne als Werkzeug gebrauchen kann, Darin zeigt sich seine souveräne Meisterschaft in Sachen Weltgeschichte. Aber wenn es um unser eigenes Handeln geht, brauchen wir eindeutige Aussagen, was der Wille Gottes ist Gott kann von uns nicht verlangen, dass wir in einigen besonders gelagerten Fällen genau das tun, was er sonst verboten hat. Er kann uns nicht das Töten verbieten und den Krieg erlauben bzw. sogar den Völkermord befehlen. Wenn also Gottesmänner des Alten Testaments dergleichen im Namen Gottes befohlen haben, müssen wir uns fragen, mit welchem Recht sie sich dabei auf Gott beriefen.

Hier wäre auch die heilige Schrift mit den Augen Luthers zu lesen, für den nicht jede Schriftstelle den gleichen Wert hatte. Wichtig für ihn war vielmehr das, "was Christentum treibet." Genauso müssten wir nun an Hand eindeutiger Aussagen zusammenstellen, was Gottes Wille ist, und was Samuel hätte wissen müssen.

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Datum: 1981 / 2005

Aktuell: 14.07.2006