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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Frieden in der Bibel

Altes Testament

Propheten

veröffentlicht in der Mitarbeiterzeitschrift der Evangelischen Jugend im Dekanat Reinheim
"Team" 6-1981

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Zionstheologie

Messiastheologie

Heilsgut Friede von unserem Verhalten abhängig

Die Grenze: Frieden durch Vernichtung der Feinde

Šalom

Kein fauler Friede

 

Nicht die Gesetzgebung, sondern die Propheten haben in Israel ganz neue Gesichtspunkte in die Debatte geworfen, u. zw. zu einer Zeit,  als Israel den Krieg nicht als triumphierende Sieger, sondern als gedemütigte und zerschlagene Verlierer erfahren musste. Vielleicht war die ganze politische Entwicklung der beiden israelitischen Staaten bis hin zum Zusammenbruch notwendig. Anders hätten sie es nicht begriffen.

Zionstheologie

Ihre Wurzel hat die prophetische Friedenshoffnung teilweise in der "Zionstheologie": Gott wird seinen Tempel schon nicht im Stich lassen; weil Gottes Tempel in Jerusalem steht, ist die Stadt unantastbar, vgl. Ps. 46. Davon geht offenbar noch Jesaja aus, während Jeremia (Kap 7), diese Haltung als unverantwortlichen Leichtsinn ablehnt und auf das Schicksal des zerstörten Heiligtums in Silo verweist.
Immerhin hat diese Theologie den unvergleichlichen Zukunftsentwurf Jes 2 //
Mi 4 ("Schwerter zu Pflugscharen")
 hervorgebracht, der wohl der Gipfel von dem ist,  was das Alte Testament an Friedenshoffnung entwickelt. Das können wir uns besonders deutlich machen, wenn wir dieses Gedicht mit anderen Entwürfen vergleichen:

  • Jes 11, 1-9 (Messiastheologie): Hier wird der Messias den Frieden herstellen, indem er die Gottlosen und Gewalttäter vernichtet. Er greift zur Gewalt, um die Gewalt zu beseitigen - eine fragwürdige Methode.

In Jes 2 dagegen wird der Friede nicht durch Gewalt, sondern durch Überzeugung hergestellte. Die Völker finden das heilige Gottesrecht Israels für so gut, dass sie es übernehmen, freiwillig nach Jerusalem zu kommen und sich dort ihre Richtlinien geben zu lassen.
Dem entspricht eigentlich genau die historische Leistung des Christentums, dass es den in der Bibel aufgezeichneten Willen in der ganzen Welt bekanntgemacht hat und sich ein großer Teil der Menschheit wenigstens dem Namen nach an diese Vorschriften hält. Es bleibt natürlich die Frage, ob das schon der Zustand ist, den sich der Prophet vorgestellt hat. Interessanterweise rechnet er nämlich damit, dass kein Krieg mehr möglich ist, wenn alle Völker das Gottesrecht übernehmen,

  • 2.8.2.2 Psalm 46 (Zionstheologie): Der Psalm setzt naiv voraus, dass die Gottesstadt unangreifbar ist und rechnet wie Jes 2 mit einer allgemeinen Abrüstung. Allerdings wird diese Abrüstung ebenfalls durch einen Gewaltakt, jetzt seitens Gottes hergestellt. Aber die Abrüstung allein garantiert nicht den Frieden; man kann notfalls auch ohne Bogen, Spieße und Streitwagen kämpfen.

Jes 2 dagegen rechnet mit einer freiwilligen Abrüstung der Völker, die ihre Waffen nicht mehr brauchen und auch nicht mehr lernen, Krieg zu führen, weil es keinen Krieg mehr geben kann und alle Feindschaft zu Ende ist, wenn alle Menschen Gottes Willen tun. Sie werden also gar nicht auf die Idee kommen, mit Steinschleudern oder Sicheln aufeinander loszugehen.

Messiastheologie

Eine weitere Wurzel der Friedenshoffnung ist die Messiastheologie: Man erwartet von einem zukünftigen König Frieden und nationalen Aufstieg. Ein typisches Beispiel dafür ist Jes 11, 1-5. Die Erwartungen, die an so einen Idealkönig gestellt werden, sind im Laufe der Zeit so hoch gespannt worden, dass kein Mensch sie bisher erfüllen konnte. Die Juden warten daher heute noch auf den Messias. Wir Christen dagegen sehen in Jesus diese Hoffnung erfüllt, allerdings nicht so, wie manche sich das vorgestellt haben.

Heilsgut Friede von unserem Verhalten abhängig

Das ganze Alte Testament ist sich darüber einig, dass Friede eins der Heilsgüter Gottes ist, letztlich ein Geschenk. Menschen können den Frieden nicht herbeiführen - aber sie können durch ihr Verhalten dazu beitragen, dass Friede wird. Darum machen Gesetz und Propheten den Frieden vom rechten Verhalten abhängig, u. zw. nicht so, dass man sich den Frieden verdienen könnte, denn Friede kann nur da sein, wo Recht und Gerechtigkeit herrschen:

Jesaja 48, 18 O dass du auf meine Gebote gemerkt hättest, so würde dein Friede sein wie ein Wasser und deine Gerechtigkeit wie Meereswellen ... 22 ... Aber die Gottlosen haben keinen Frieden.

Frieden und Gerechtigkeit sind an dieser Stelle zu Synonymen geworden, und es wird ganz deutlich gesagt, dass das Halten der Gebote die Voraussetzung für Frieden und Gerechtigkeit ist. Die Gottlosen, die sich nicht um die Gebote halten, werden also keinen Frieden haben können.

Sacharja 8, 10 Vor diesen Tagen war der Menschen Arbeit vergebens, und auch der Tiere Arbeit erbrachte nichts; und vor lauter Feinden war kein Friede für die, die aus- und einzogen, und ich ließ alle Menschen aufeinander los ein Jeder gegen seinen Nächsten. (Das alles soll nun anders werden, Gott will Juda und Jerusalem wieder wohl tun.) 16 Das ist's aber, was ihr tun sollt: Rede einer mit dem anderen die Wahrheit und richtet recht, schafft Frieden in euren Toren, 17 und keiner ersinne Arges in seinem Herzen gegen seinen Nächsten, und liebt nicht falsche Eide; denn das alles hasse ich, spricht Jahwe.

Auch hier sind Frieden und Gerechtigkeit ein und dasselbe und ergeben sich beide aus dem Halten der Gebote. Hier wird auch deutlich,  dass Frieden nicht nur eine Sache der Außenpolitik ist: Der Prophet hebt den künftigen Frieden ab gegen den bisherigen Kampf aller gegen alle.

Die Grenze: Frieden durch Vernichtung der Feinde

Eine Grenze des Alten Testaments besteht darin,  dass sich viele biblische Autoren den Frieden nicht anders vorstellen können, als dass die äußeren Feinde besiegt und vernichtet werden. Daher enthalten die meisten Propheten Bücher auch Sprüche gegen fremde Völker, denen der Untergang angedroht wird.

Šalom

Es liegt im Wesen des biblischen Begriffs šalom, dass er umfassender ist als das, was wir unter Frieden verstehen. So müssen wir also auch Stellen berücksichtigen wie:

Jes 53, 5 Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt.

Hier ist an den Frieden mit Gott gedacht: Der Gottesknecht stirbt stellvertretend für die anderen, damit ihr Verhältnis zu Gott wieder in Ordnung kommen kann.

Jer 29, 7 Suchet der Stadt Bestes (šalom) ... ; denn wenn's ihr wohl geht, so geht's auch euch wohl (denn in ihrem šalom liegt eurer.)

Die deportierten Juden können natürlich in Babylonien nicht für Frieden sorgen; aber sie können, soweit es an ihnen liegt, dazu beitragen, dass es in ihrem Gastland und damit ihnen selbst "wohl geht". - In dieser Stelle klingt gleichzeitig auch etwas Feindesliebe an: Die Verschleppten sollen in eigenem Interesse für das Wohl ihrer Feinde arbeiten.

Kein fauler Friede

Die Propheten warnen vor einem faulen Frieden,  in dem äußere Ruhe und Ordnung die innere Ungerechtigkeit verschleiern, und bekämpfen falsche Propheten, die

heilen den Schaden meines Volkes nur oben hin, indem sie sagen "Friede, Friede!" und ist doch nicht Friede, Jer 6, 14; ähnlich 8, 11 und Hes 13, 10-16.

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Datum: 1981 / 2005

Aktuell: 14.07.2006