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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Frieden in der Bibel

Neues Testament

Jesus:

veröffentlicht in der Mitarbeiterzeitschrift der Evangelischen Jugend im Dekanat Reinheim
"Team" 6-1981

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Leidensgeschichte

Jesus und der gewaltlose Widerstand

 

Leidensgeschichte

Interessant wird die Haltung Jesu besonders in der Leidensgeschichte. Alle Umstände sprechen dafür, dass Jesus mit seiner Verhaftung gerechnet hat - nicht nur die wiederholten Leidensankündigungen zeigen das, sondern auch in besonderer Weise sein Verhalten in den letzten Tagen: Er traut sich nicht mehr nach Jerusalem und betritt die Stadt erst nach Anbruch der Dunkelheit. Die Vorbereitungen für das Passamahl werden von den Jüngern heimlich getroffen; mit einem Jerusalemer Bürger wurde ein Geheimzeichen (Mann mit Wasserkrug) vereinbart. Alles, was Jesus vorher über sein Leiden gesagt hat, hätte man ihm auch nachträglich in den Mund legen können; aber dieses merkwürdige Verhalten spricht für sich.

Der merkwürdige Abschnitt Lk 22, 35-38 gibt Anlass zu Vermutungen, dass Jesus mit dem Gedanken an bewaffneten Widerstand gespielt hat, wenn er seinen Jüngern empfiehlt, den Mantel zu verkaufen und ein Schwert zu kaufen. Er würgt aber den Hinweis, es seien ja zwei Schwerter (für die ganze Jüngerschaft!) vorhanden, mit den Worten ab "Es ist genug." Das ist sicher nicht so zu verstehen: "Mehr brauchen wir nicht", sondern: "Genug davon, das war nicht so wörtlich gemeint."

Der Bericht von Jesu Gefangennahme zeigt, dass das mit den zwei Schwertern von den Jüngern durchaus ernst genommen, wurde; sie waren anscheinend auf einen Gewaltakt gefasst, haben aber zu diesem Zeitpunkt wohl nicht mit gerechnet, sondern wurden von Judas und seinen Leuten überrumpelt, so dass es nur zu einer Andeutung von Widerstand kam. Auch die Feinde Jesu müssen mit Widerstand gerechnet haben, sonst wären sie nicht so schwer bewaffnet unter Vorsichtsmaßregeln losgezogen.

Man hat sich immer wieder und schon sehr früh darüber gewundert, dass sich Jesus tatsächlich nicht gewehrt hat. Das zeigen folgende Züge der Passionserzählungen:

  • Mk 14,47 sagt Jesus keinen Ton zu dem Verteidigungsversuch - Mt 26, 51-53 antwortet Jesus dem unerwünschten Verteidiger: Wer das Schwert nimmt, der soll durchs Schwert umkommen und Wenn ich wollte, könnte ich mich selbst verteidigen, aber ich will nicht.

  • Mk 15, 29-32 verspotten die Juden den Gekreuzigten: Er will Gottes Sohn sein und kann noch nicht mal vom Kreuz herabsteigen.

Es wäre natürlich die Frage, ob Jesus nach seine Verhaftung noch etwas hätte unternehmen können zu seiner Befreiung. Es bleibt aber auffällig, dass er selbst offenbar vorher keine Maßnahmen ergriffen hat, um seine Verhaftung zu verhindern, mit der er ja wohl rechnete. Es gibt wohl keine andere Möglichkeit der Erklärung als die, die uns die Evangelisten in der Gethsemane-Geschichte bieten: Jesus hat sich dazu durchgerungen, das bevorstehende Leiden aus Gottes Hand hinzunehmen.

Das wäre ihm sicher schwerer gefallen, wenn er nicht schon vorher wiederholt seinen Jüngern gesagt hätte, sie sollten sich auf Schwierigkeiten gefasst machen und tapfer das Kreuz auf sich nehmen. Er hat ihnen nicht den bewaffneten, auch nicht den sog. gewaltlosen Widerstand,  sondern das widerstandslose Leiden als einzig angemessene Waffe in der Verfolgung empfohlen.

Jesus und der gewaltlose Widerstand

Zur Terminologie:

  • Im gewaltlosen Widerstand gebe ich dem Gegner zu erkennen, dass ich mit seiner Handlungsweise nicht einverstanden bin, und dass ich möchte, dass er das nicht mehr so, sondern anders macht. Ich verzichte zwar auf Gewalt, d, h. auf Mittel, die ihm selbst oder seinem Eigentum Schaden zufügen, aber ich tue oder unterlasse etwas, was ihm unangenehm ist, um ihn zu einem anderen Verhalten zu zwingen, z.B. durch Boykott ("ich brauche dich nicht"),  Nicht-Zusammenarbeit, demonstrativen Verstoß gegen seine Forderungen, Behinderung seiner Tätigkeit durch "Besetzen" usw. Oder ich übe moralischen Druck auf ihn aus durch die Drohung, mir selbst Schaden zuzufügen, an dem er dann schuld wäre (z.B. Hungerstreik). Diese Methode verzichtet also darauf, den Gegner zu verletzen, setzt ihn aber trotzdem unter Druck. Wenn der Gegner trotzdem Gewalt gegen mich ausübt, setzt er sich ins Unrecht (ich habe ihm ja nichts angetan); und ich lasse diese Gewalt widerstandslos über mich ergehen. Ich verzichte also auch da auf Gewalt, wo ich mich selbst retten könnte.

  • Jesus dagegen predigt nicht den gewaltlosen Widerstand, sondern das widerstandslose Hinnehmen des Unrechts: Ihr sollt nicht widerstreben dem Bösen (Mt 5.39). Wir sollen also auch auf gewaltlosen Widerstand verzichten. Das könnte man nun so verstehen, als wolle Jesus damit, sagen: Beachtet das Böse einfach nicht, das euch angetan wird. Aber er fährt dann fort: Wenn dir jemand auf die rechte Backe haut, dann halt ihm auch die andere hin. Streng genommen heißt das ja dann, dass wir den Gegner zu weiterem Unrecht provozieren. Es mag aber zugegeben werden, dass Jesus solche drastischen Redensweisen liebt, vgl. das Kamel, das durchs Nadelöhr gehen soll. Wenn wir das berücksichtigen, hätte Jesus eigentlich nur sagen wollen: Verzichtet unter allen Umständen auf Widerstand.
    Oder hat die Provokation des Gegners durchs Hinhalten des anderen Backe doch einen taktischen Sinn? Etwa, damit er die Möglichkeit hat, sich's noch mal zu überlegen, oder damit das Maß voll wird? Leider ist uns keine Begründung für diese Forderung überliefert.

Dagegen bieten uns die anderen neutestamentlichen Schriften die einzige einleuchtende und sinnvolle Begründung, wie wir sie z.B. Petr 2, 23 lesen: Christus wehrte sich nicht gegen seine Kreuzigung; er stellte es aber dem anheim,  der da recht richtet. Nur im Vertrauen darauf ist ein solcher rigoroser Verzicht auf Wider stand bis hin zur Selbstaufgabe sinnvoll, nur mit einem absoluten und unerschütterlichen Gottvertrauen ist er überhaupt möglich. Wenn wir das im Hintergrund sehen, müssen wir Jesu Forderung, die andere Backe hinzuhalten, wirklich wörtlich so verstehen, wie sie dasteht, ohne Wenn und Aber.

Gottvertrauen im Sinn des Neuen Testaments heißt nun allerdings etwas anderes als die vage Hoffnung: "Es wird schon gut gehen." Denn das Neue Testament richtet unsere Hoffnung nicht auf innerweltliche Veränderung,  sondern auf das Reich Gottes und das ewige Leben. Die Märtyrer der alten Kirche konnten Jesu Forderung deshalb ernst nehmen, weil sie ihr Heil nicht in dieser Welt suchten. Sie konnten nur deshalb alle Leiden dieses Lebens geduldig ertragen, weil ihnen das ewige Leben vor Augen stand.

Damit ist also klar, dass das Neue Testament praktisch auch jede christliche Bestätigung zur Weltveränderung, ja sogar politische Aktivität überhaupt ausschließt. Denn dazu braucht man mindestens den Zwang, wenn nicht sogar die Gewalt. Jesus hat seine Jünger nicht aufgerufen, die Welt zu verändern (also etwa die Armut zu beseitigen, den Ausbeutern und Menschenschindern das Handwerk zu legen und korrupte Beamte ihres Amtes zu entheben), sondern inmitten einer unmöglichen, ungerechten und gottlosen Welt schlicht und einfach Gottes Willen zu tun.

Nun könnte man die Bergpredigt allerdings so auslegen, als wolle Jesus zur Nachgiebigkeit ermahnen, vgl. Stellen wie Mt 5, 25 Vertrage dich mit deinem Gegner, damit er dich nicht dem Richter ausliefert oder 5, 24 Gib dem, der dich bittet.... Hier wurden an Jesusworte (oder an weisheitliche Lebensregeln) mit Anweisungen für das Privatleben grundsätzlichen Ausführungen Jesu angehängt. Diese Worte sind mit den vorigen nur durch die Ähnlichkeit des Themas verbunden, haben aber mit dem, was Jesus an dieser Stelle will, nichts zu tun. Dass Jesus gerade nicht zur Nachgiebigkeit aufgerufen hat, sehen wir an der Auslegung der Märtyrer: Sie nahmen Jesu Verbot des Widerstands ernst und ließen sich foltern und abschlachten, ohne mit der Wimper zu zucken. Aber sie ließen sich durch die Folter auch nicht dazu bewegen, ihrem Glauben abzuschwören oder ihre Brüder zu verraten. Verzicht auf Widerstand ist also noch nicht Nachgiebigkeit!

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Datum: 1981 / 2005

Aktuell: 14.07.2006