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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Biblische Einsichten
zur Rolle der Geschlechter

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Was ist in der Bibel maßgeblich?

1. Was ist der Schöpfungswille Gottes?

2. Wie legt Jesus den Schöpfungswillen Gottes aus?

a. Jesu Auslegung durch seine Existenz

b. Jesu Auslegung durch sein Wort

c. Jesu Auslegung durch sein Beispiel

3. Darf eine Frau Leitungsfunktionen übernehmen?

 

2. Wie legt Jesus den Schöpfungswillen Gottes aus?

Es würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen, auf Mose und andere Autoritäten einzugehen. Ich beschränke mich daher auf die Autorität für uns, auf Jesus.

Jesus legt den Schöpfungswillen Gottes auf dreierlei Art aus: durch seine Existenz, durch sein Wort und durch sein Beispiel.

a. Jesu Auslegung durch seine Existenz

  • Hier wäre als erstes seine Geburt durch die Jungfrau zu nennen, ein Glaubensartikel, bei dem sich der naturwissenschaftlich denkende moderne Mensch so schwer tut.

Was hat dieser Glaubensartikel für einen Sinn?

  • ° Es soll damit gesagt sein, dass Jesus kein normaler Mensch ist, sondern durch einen Akt der Neuschöpfung entstanden ist. Wir erinnern uns an das, was über die Erschaffung der Frau gesagt ist: ein einmaliger, unvergleichlicher, unwiederholbarer Akt. Das hat aber nichts mit dem Thema zu tun.

  • ° Wichtiger ist, dass die Anwohner des Mittelmeers im Altertum ein großes Interesse an jungfräulichen Göttinnen und jungfräulichen Geburten hatten:

Athene wird aus dem Haupt des Zeus geboren: eine Verbildlichung des Gedankens, dass Geist nur vom Geist geboren werden kann. Und Athene verkörperte für die Griechen ebenso wie das Haupt des Zeus den Geist.

Nicht nur Athene, sondern auch die Naturgöttin Artemis galt als unberührte und unantastbare Jungfrau. Dahinter steckt zwar der Gedanke, dass Geist und fleischliche Gelüste nicht miteinander zu vereinbaren sind oder dass die Jungfrau Artemis die jungfräuliche, unberührte Natur symbolisiert.

Aber damit ist die Symbolik noch nicht erschöpft, zumal man Jungfräulichkeit auch anderen göttlichen Wesen nachgesagt hat. Die jungfräuliche Göttin wird für die Alten das Ideal einer Frau gewesen sein, die ihre Menschenwürde noch nicht verloren hat, die nicht vom Mann vergewaltigt und unterdrückt wurde. Wenigstens bei den Göttern, wird man sich gesagt haben, muss es so etwas noch geben.

Wenn also die Kirche so sehr an der Jungfräulichkeit Marias interessiert war, dass sie ihr über die Bibel hinaus die unbefleckte Empfängnis und die immerwährende Jungfrauenschaft nachgesagt hat, so mögen darin zwar heidnische Vorstellungen wiederaufgelebt sein. Wir verstehen aber das berechtigte Interesse der Menschen: Maria ist nicht nur das Ideal einer Mutter, sondern auch das Ideal einer Frau, die ihre Menschenwürde behalten hat.

  • ° Das betrifft nun freilich nicht Jesus selbst, sondern nur seine Mutter. Aber wie oben dargelegt, lebte Jesus ehelos, war also auch "jungfräulich". Damit verkörpert er als Mann das Ideal, das man in der göttlichen Jungfrau gesucht und später in seiner Mutter gefunden hat.

b. Jesu Auslegung durch sein Wort

i. Bei der Diskussion um die Ehescheidung (Mt 19,1‑12)

nimmt Jesus ein Gespräch mit Fachkollegen zum Anlass, um Grundsätzliches über die Ehe zu sagen: Weil Gott Mann und Frau zusammengefügt hat, ist eine Ehe vor Gott unauflöslich. Mann und Frau können sich zwar trennen, aber ihre Ehe besteht trotzdem weiter; sie dürfen daher nicht wieder heiraten.

Das klingt in unseren Ohren vertraut, war aber für die damalige Zeit etwas revolutionär Neues:

  • Nach damaligem Recht "nahm" der Mann die Frau und wurde ihr "Besitzer" (בעל baal: 'Herr, Besitzer, Ehemann'). Zwar wurde die Ehe von den beteiligten Familien ausgehandelt; der junge Mann durfte aber mitreden; die auserkorene Braut hatte Glück, wenn sie überhaupt gefragt wurde, ob sie wollte. Genauso lief die Scheidung ab: Der Mann verstieß die Frau und gab ihr's schriftlich, damit sie von einem anderen "genommen" werden konnte. Die Frau hatte allerdings auch das Recht, die Entlassung einzuklagen, wenn ihr eine Fortführung der Ehe nicht zugemutet werden konnte. Der Mann war jedenfalls eindeutig im Vorteil.

  • Jesus dagegen sagt: Nicht der Mann "nimmt" die Frau, sondern Gott hat Mann und Frau zusammengeführt. Hier stehen beide auf einer Ebene, sind gleichwertig, nicht einander über- und untergeordnet. Und das Scheidungsverbot beschnitt sicherlich die Rechte des Mannes und gab der Frau größere Sicherheit: Sie konnte nicht mehr einfach fortgejagt werden, wenn sie das Essen hatte anbrennen lassen oder nicht mehr schön genug war (so lax legten manche Gelehrte die Vorschriften aus!).

Aus der Stellungnahme Jesu zur Ehe wird also deutlich, dass Er die Frau neben und nicht unter den Mann stellt.

ii. In der Geschichte von Maria und Martha (Lk 12, 38‑42)

entbindet Jesus Maria von ihren Hausfrauenpflichten und gibt ihr das Recht, zu seinen Füßen zu sitzen (Fachausdruck für 'bei ihm zu studieren') und Ihm zuzuhören. Jesus erlaubt ihr also, seine Schülerin, Jüngerin zu sein, oder, wie wir es heute ausdrücken würden: Theologie zu studieren: "Maria hat das gute Teil erwählt, und das soll nicht von ihr genommen werden."

Freilich hätte auch die Hausfrau Martha die Möglichkeit, bei Jesus zu lernen, aber sie hat zuviel anderes im Kopf. "Martha, Martha, du machst dir Sorgen und Unruhe über vieles, aber nur eines ist Not". Sie ist eben in Gefahr, vor lauter Rennen und Schaffen das eine, was Not ist, zu versäumen.

Dass die Frau das Recht hat zu lernen, bestreitet auch der Apostel nicht; er verbietet ihr nur zu lehren (1. Tim. 2,11.12; vgl. 1. Kor. 14,34.35 "Wollen sie aber etwas lernen, so sollen sie daheim ihre Männer fragen"). Hier hinkt der Apostel deutlich ein ganzes Stück hinter seinem Meister her.

Wieso ist die Meinung des Apostels für uns nicht maßgebend?

  • Er kann der Frau nicht verbieten, was ihr Christus erlaubt hat (siehe auch zum Folgenden).

  • Er widerspricht sich selbst mit dem Verbot, in der Gemeindeversammlung zu reden, denn in 1. Kor. 11,5 setzt er als selbstverständlich voraus, dass die Frau im Gottesdienst laut betet oder prophetisch redet, befiehlt ihr bloß, dabei ihren Kopf zu bedecken.

  • Die Argumente für das Schleiergebot und das Redeverbot sind äußerst schwach: Es ist so üblich in den anderen Gemeinden, und ihr habt das Wort Gottes nicht mit Löffeln gefressen, dass ihr aus der Reihe tanzen könnt. Auf das Wort Gottes kann sich Paulus aber in diesem Fall nicht berufen.

c. Jesu Auslegung durch sein Beispiel

i. Hat die Frau das Recht zur Verkündigung?

Jesus hatte zwar eine Reihe weiblicher Jünger, hat aber keinen einzigen weiblichen Apostel berufen. Hat er damit eine Grundsatzentscheidung gefällt, dass eine Frau kein Recht habe zur Verkündigung?

Alle vier Evangelien berichten übereinstimmend in den Ostergeschichten, dass nicht Männer, sondern Frauen die ersten Zeugen für das Osterwunder gewesen seien. Sie hätten ihre Erkenntnis auch nicht aus weiblicher Schwatzhaftigkeit weitergegeben, sondern auf ausdrücklichen Befehl: "Geht eilends hin und sagt Seinen Jüngern, dass Er auferstanden ist." (Mt 28,7). Dieser Auftrag des Engels wird Joh. 20,17 dem Auferstandenen selbst in den Mund gelegt.

Wir müssen uns also fragen: Wenn Frauen den Auftrag bekommen, die Osterbotschaft weiterzusagen ‑ gilt das nur für diesen Sonderfall, oder haben Frauen damit grundsätzlich auch heute das Recht, dies zu tun? Blieb die Kirche mit ihrer Verweigerung des Rechts der öffentlichen Rede für Frauen nicht hinter dem Beispiel zurück, das Jesus selbst gegeben hat?

ii. Der unmännliche Mann

Obwohl Jesus unzweifelhaft männlichen Geschlechts war, weigert Er sich, männlichen Rollenerwartungen zu entsprechen: Er nimmt keine Frau und hat auch keine "Freundin" ‑ er zeugt keine Kinder ‑ er kämpft nicht um Macht und Ansehen ‑ er verteidigt sich nicht in Lebensgefahr. Ja, er weigert sich sogar, wenigstens insofern eine männliche Rolle zu übernehmen, als er weiterhin seinem bürgerlichen Zimmermannsberuf nachgeht, und wenn schon nicht Frau und Kinder, dann doch wenigstens seine alte Mutter ernährt. Vielmehr hat er offenbar seinen Beruf aufgegeben und erwartet dasselbe auch von seinen Jüngern.

Wenn man später Jesus vielleicht auch manche idealen Eigenschaften angedichtet hat (seine scharfen Auseinandersetzungen mit den Pharisäern und die Tempelreinigung zeigen z.B., dass er nicht immer sanftmütig war), lässt sich doch nicht leugnen, dass vieles von dem, was von ihm überliefert ist, ausgesprochen unmännliche Züge trägt.

Damit warnt er uns, einfach herkömmliche Klischeevorstellungen zu übernehmen. Es kommt nicht darauf an, die herkömmliche Rolle als Mann oder Frau möglichst perfekt zu spielen, sondern dem Bild Gottes ähnlich zu werden, das Gott bei der Schöpfung vorgeschwebt hat.

iii. Jesus und die Frauen

Zu Frauen hat Jesus ein sehr ungewöhnliches Verhältnis gehabt:

Anders als die Schriftgelehrten seiner Zeit lässt er Frauen zum Theologiestudium zu.

  • Unter seinen Nachfolgern befanden sich eine Anzahl von Frauen ‑ obwohl sittenstrenge Rabbiner meinten, man solle um Frauen einen großen Bogen machen und sie auch auf der Straße nicht ansehen, damit man nicht auf dumme Gedanken kommt.

  • Jesus lässt es sich gefallen, dass eine Frau entgegen den guten Sitten einen Raum betritt, in dem Männer essen (Lk 7,36‑50).

  • Jesus findet nichts dabei, eine fremde Frau, um deren schlechten Ruf er weiß, und die zudem eine Samariterin ist, ohne Zeugen anzusprechen (Jh 4), was die Jünger, die später dazu kommen, sehr wundert (V. 27), weil das nicht den guten Sitten entsprach.

Man kann nun freilich nicht behaupten, dass Jesus sich besonders um die Emanzipation der Frau bemüht hätte; sondern er behandelte einfach alle, mit denen er zu tun hatte, als vollwertige Menschen und machte keinen Unterschied zwischen Wesen erster und zweiter Klasse. Das gilt nicht nur für Frauen, sondern auch für Kinder, Aussätzige, Zöllner, Sünder - und sogar für Feinde.

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Datum: 2015

Aktuell: 07.12.2017