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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Warum ich an die
Dreieinigkeit Gottes glaube

Gemeindebrief Gernsheim 1995-10

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Missverständnisse

Wie ist die Formel 1 = 3 aber sonst zu verstehen?

Person

Wesen

Credo, quia absurdum (Ich glaub dran, weil's Unsinn ist)

Überzeugend unlogisch

Ist die Lehre von der Dreieinigkeit aber auch biblisch?

Johannes:

Die Zweieinigkeit: Gott = Jesus

Der Geist als Ersatz für den abwesenden Jesus

"Gott ist Geist."

Mose: "Höre Israel: Jahwe, dein Gott; Jahwe / Einer"

Der Himmel ist voll.

Im Himmel ist trotzdem Platz.

 

Unter Beschuss geraten ist mal wieder die kirchliche Lehre von der Dreieinigkeit Gottes. Sekten wie die Zeugen Jehovas kreiden der Kirche diese Lehre als unbiblisch an, nichtchristliche Religionen wie der Islam schütteln nur verständnislos den Kopf oder belächeln nachsichtig oder besserwisserisch die mangelhaften Mathematikkenntnisse der Christen.
1 = 3, das widerspricht natürlich allen Regeln der Mathematik, was Luther zu dem Ausspruch hat hinreißen lassen, alle Mathematik sei ein Irrtum. Was hat es mit dieser Lehre von dem dreieinigen Gott auf sich?
Die Formel: "una substantia - tres personae" (1 = 3)
Diese klassische Aussage wurde in heißen Diskussionen im 4. Jahrhundert formuliert: Gott ist zwar eine Einheit (una substantia, 1 Wesenheit), tritt aber in drei Erscheinungsformen (tres personae, 3 Personen) auf, nämlich als Vater, Sohn und heiliger Geist.

Missverständnisse

Man könnte diese Formel so verstehen, als seien Vater, Sohn und heiliger Geist drei Wesen, die unter dem Oberbegriff Gott zusammengefasst werden, so wie man Kaspar, Melchior und Balthasar zusammen die "heiligen drei Könige" nennt oder Hunde, Katzen und Bären als "Raubtiere" zusammenfasst. So hat der Islam die christliche Lehre verstanden und wirft uns zu Unrecht Vielgötterei vor.
Beachte den Unterschied:

Hund; Katze; Bär: Raubtiere
Zeus; Baal; Wodan: Götter (Oberbegriff)

N (Äpfel, Birnen, Kirschen) = 3
N (olympische Götter) = 12
N (biblische Götter) = 1 ( Anzahl)

Heinz Müller (Kollege, Christ, Vater)
Gott (Vater, Sohn, heiliger Geist) (Person mit verschiedenen Rollen)

Wie ist die Formel 1 = 3 aber sonst zu verstehen?

Bei der Diskussion um die Formulierung ging es nicht darum, eine neue Lehre von Gott kirchenamtlich durchzusetzen, wie oft behauptet wird, sondern die inzwischen philosophisch geschulten christlichen Gelehrten versuchten, die überlieferten christlichen Vorstellungen auf eine ausgeklügelte Formel zu bringen. 1 = 3, das hört sich so einfach an und erinnert an Einsteins Weltformel e = mc2 (Energie = Masse mal Lichtgeschwindigkeit im Quadrat): eine einfache Formel aus wenigen Zeichen, die aber kaum jemand versteht.
Die Schwierigkeit bestand damals darin, dass es die uns geläufigen Begriffe Wesen und Person noch nicht gab und von den christlichen Philosophen neu gebildet werden mussten. Die Schwierigkeit besteht heute für uns darin, dass beide Ausdrücke inzwischen andere Bedeutungen angenommen haben.

Person

hat heute ungefähr die Bedeutung von 'unverwechselbares Individuum, Träger von Rechten und Pflichten'.
Gemeint war aber damals die 'Rolle', die jemand spielt, die 'Erscheinungsform', wie wir jemand erleben. Wir treffen beispielsweise einen Arbeitskollegen im Gottesdienst und anschließend mit seinen Kindern auf der Straße. Einmal erleben wir ihn als Kollegen, ein andermal als Mitchristen oder Vater. Jedes Mal begegnet er uns in einer anderen "Rolle" und vielleicht sogar in einem anderen "Gewand" oder mit einem anderen "Gesicht".
All das hatte man damals in dem neu gebildeten Begriff Person zusammengefasst, der aber inzwischen eine Bedeutungsverschiebung erfahren hat.

Wesen

Wenn wir heute Wesen hören, denken an den 'Charakter' oder an 'ein Ding, das lebt,' und sagen etwa "sie hat ein gutmütiges Wesen" oder bilden die Zusammensetzung Lebewesen.
Gemeint war aber ursprünglich 'etwas, das es gibt, ein Seiendes, eine Wesenheit, ein Ding oder Lebewesen, ein Individuum', also eher das, was wir heute unter Person verstehen.

Versuchen wir also, die alte Formel "ein Wesen, drei Personen" in unsere heutige Begriffssprache zu übersetzen, so müssten wir formulieren: "Gott ist zwar eine einheitliche Person, aber er hat im Laufe der Weltgeschichte drei verschiedene Rollen gespielt":

  1. als Vater = Schöpfer und Erhalter der Welt

  2. als Sohn = Welterlöser, -Herrscher und -Richter Jesus Christus

  3. als heiliger Geist = das göttliche Leben schaffende Element, das uns erfüllt, der Gott, der nicht im Himmel, sondern in und bei uns ist.

Wenn wir das so betrachten, klingt das nicht mehr nach philosophischen Spitzfindigkeiten, die kein Mensch versteht, sondern dann ist das die bekannte Meinung der Bibel. Das Problem liegt also lediglich darin, dass die Formel 1 = 3 unverständlich ist und die Begriffe "Wesen" und "Person" heute etwas anderes bedeuten. Diesen Bedeutungswandel können wir aber den Theologen der Alten Kirche nicht anlasten. Sie haben umgekehrt mit ihrer neuen Begriffsbildung dem abendländischen Denken einen wichtigen Dienst geleistet.

Credo, quia absurdum (Ich glaub dran, weil's Unsinn ist)

Überzeugend unlogisch

Ich liebe übrigens diese Formel, weil sie der genialste Ausdruck dafür ist, dass Gott nicht einfach in unsere menschlichen Gehirne passt und auch mit der spitzfindigsten Philosophie nicht zu begreifen ist. Die Formel ist "absurd", so richtig, dass sie falsch ist. Im Islam ist alles logisch und einfach; auch Allah ist leicht zu begreifen. Da ist für solche Widersprüche kein Platz. Das ist mir zu billig. Gott lässt sich nicht auf einen mathematischen oder logischen Nenner bringen. Das zeigt die geniale Dreieinigkeitsformel 1 = 3.
Die kirchliche Dreieinigkeitslehre ist also überzeugend unlogisch und entspricht damit dem unfassbaren Charakter Gottes.

Ist die Lehre von der Dreieinigkeit aber auch biblisch?

Christliche Gegner der Dreieinigkeitslehre haben immer wieder drauf hingewiesen, dass dieser Glaube in der Bibel nicht verankert sei. Ich gebe ja selbst zu, dass die Formel erst im 3er-Jahrhundert geprägt wurde. Aber nicht ohne Rückhalt in der Bibel:

Johannes:

Die Zweieinigkeit: Gott = Jesus

Johannes 10,30 sagt Jesus: "Ich und der Vater sind eins." Das ist nicht etwa eine willkürlich herangezogene Bibelstelle (man kann, wenn man will, mit Bibelversen ja alles beweisen), sondern die durchgängige Meinung des Johannesevangeliums, die an dieser Stelle nur zu einer Formel zusammengefasst ist. Damit meint Jesus weder "Ich bin ein Gott" noch "Gott und ich sind einig, einer Meinung", sondern ähnlich wie später die Dreieinigkeitslehre: "Ich bin eine Erscheinungsform Gottes, nämlich das Mensch gewordene Schöpfungswort Gottes" (siehe Johannes 1,14)
Ähnliche Vorstellungen finden wir schon im Alten Testament, wo sich Gott selbst in Gestalt eines Boten Jahwes, uns bekannt als Engel des HERRN, den Menschen offenbart. Dieser "Engel" ist kein selbständiges himmlisches Wesen, wie wir uns einen Engel vorstellen, sondern die Meinung ist: Wenn Gott mit den Menschen in Verbindung tritt, dann nimmt er die Gestalt eines "Engels" an.

Der Geist als Ersatz für den abwesenden Jesus

Ebenfalls im Johannesevangelium (14,16; 15,26; 16,7) ist vom heiligen Geist die Rede, der hier Beistand (Luther: Tröster) genannt wird. Grundgedanke ist: Jesus muss von den Jüngern Abschied nehmen. Sie sind aber nicht allein gelassen, sondern an die Stelle ihres irdischen, sichtbaren Meisters tritt der heilige Geist, der den verwaisten Jüngern helfend zur Seite steht.
Hier werden also der zu Gott erhöhte Christus mit dem heiligen Geist gleichgesetzt. Nach den allgemeinen Grundsätzen der Logik aber gilt: "Sind zwei Größen einer dritten gleich, so sind sie untereinander gleich": Wenn also Jesus = Gott und Jesus = Geist ist, dann muss auch Gott = Geist sein. Das bringt Johannes 4,24 schließlich mit der Formel zum Ausdruck:

"Gott ist Geist."

Womit nachgewiesen ist, dass die Grundgedanken der späteren Dreieinigkeitslehre schon im Johannesevangelium enthalten sind, wenn auch noch nicht so ausformuliert wie im 3er-Jahrhundert.

Mose: "Höre Israel: Jahwe, dein Gott; Jahwe / Einer"

Der Himmel ist voll.

5. Mose 6,4: Mit diesen Worten beginnt das jüdische Glaubensbekenntnis. Der Text ist nicht leicht zu verstehen, weil im Hebräischen das ist weggelassen wird, so dass wir hier beim Übersetzen nicht wissen, wo's hingehört. Ich habe daher bei der obigen Übersetzung versucht, die hebräischen Satzzeichen in deutsche umzusetzen. Gemeint ist wahrscheinlich: "Jahwe, dein Gott, (ist) ein einziger, einheitlicher Jahwe".
Das ist was anderes, als wenn Mose sagen würde: "Jahwe, dein Gott, ist der einzige Gott". Mose legt Wert darauf, dass Jahwe in sich einheitlich ist. Gleichgültig, wie er sich offenbart hat und wo er verehrt wird, wir haben es nicht mit verschiedenen Göttern oder Engeln, sondern immer mit demselben einheitlichen biblischen Gott zu tun. Alles, was es an religiöser Erfahrung gibt, ist Offenbarung Jahwes. Der große Himmel ist so voll von Jahwe, dass für andere Wesen wie Engel, Götter oder Heilige kein Platz ist. Was manche Menschen früher in Unkenntnis für selbständige Wesenheiten gehalten haben, waren in Wirklichkeit nur Offenbarungen des einen Gottes. Dazu muss man wissen, dass bis ins vierte vorchristliche Jahrhundert die Idee von einem Gegengott namens Teufel noch unbekannt war. Für David oder Hiob kommt auch das Böse von Gott und nicht vom Teufel.
Auch der himmlische Christus und der heilige Geist können nach Mose also keine selbständigen Wesen sein, die man separat anbeten und verehren kann, sondern sie sind Erscheinungsformen des einen Jahwe, von dessen Herrlichkeit Himmel und Erde so voll sind, dass für nichts anderes Platz ist.

Im Himmel ist trotzdem Platz.

Ich stelle mir das vor wie bei einem Meer. Dort können wir verschiedene Wellen beobachten. Fachleute haben ihnen auch unterschiedliche Namen gegeben wie Welle, Woge, Brandung, Dünung, Brecher, Seegang, und doch sind diese Wellen nur Erscheinungsformen desselben Elementes H2O, genauso wie die Eisschollen und Eisberge des Nordmeeres oder der Wasserdampf, der oft sichtbar als Nebel über dem Meer liegt. Auch das Wasser erfüllt die Ozeanbecken in einer Menge, dass eigentlich nichts anderes darin Platz haben kann. Auch "das Wasser der Meere, o Seemann, ist H2O / Eines", müssten wir das Mosewort umformulieren, um es auf unser Beispiel anzuwenden.
Und trotzdem weiß jeder: Der Ozean wimmelt von unzähligen Lebewesen, Treibgut, Schiffen und Chemikalien, die trotz der allumfassenden und alles durchdringenden Wirklichkeit des Wassers dort durchaus Platz haben und sich sogar bewegen können. So ist auch im Himmel durchaus trotz der alles erfüllenden einheitlichen Allgegenwart Jahwes Platz für Myriaden von Engeln, den heiligen Geist, Jesus, Maria und alle Heiligen, unsere seligen Lieben - und für uns selbst.
Johannes hat dafür wiederum eine geniale Formulierung: "Ihr in Mir und Ich in euch", Gott und Jesus, wir und Gott, wir und Jesus durchdringen einander und bilden eine unauflösliche Einheit.
Ich scheine mir damit selbst zu widersprechen. Aber credo, quia absurdum, ich glaube, gerade weil sich's widerspricht. Denn die göttliche Wahrheit lässt sich nur in widersprüchlichen Aussagen einigermaßen zutreffend erfassen.

   

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Übersicht

 

Sprachecke 24.05.2011

 

Datum: 1995 / 2005

Aktuell: 29.10.2013