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Heinrich Tischner Fehlheimer Straße 63 64625 Bensheim |
Die Leidensgeschichte JesuI. Bibelkundliches |
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1. Die Leidensgeschichte Jesu ist uns in allen vier Evangelien überliefert. 2. Zu den einzelnen Evangelien: a) Die altkirchlicher Tradition behauptet folgendes: |
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1. Die Leidensgeschichte Jesu ist uns in allen vier Evangelien überliefert.Im Ablauf berichten alle Evangelisten in etwa dasselbe; sie weichen aber in Einzelheiten z. T. erheblich von einander ab. Man hat versucht, dieses Problem von zwei verschiedenen Seiten her anzugehen (das gilt auch für den übrigen Stoff der Evangelien): a) EvangelienharmonieDie älteste Lösung ist die Evangelienharmonie: Man nimmt an, die Darstellung aller Evangelisten ist sachlich richtig; sie ergänzen einander und man kann die vier Darstellungen zu einer Gesamtschau kombinieren. Danach wäre Jesus nacheinander dem Hannas, Kaiphas, Pilatus und Herodes vorgeführt worden und nach der Grablegung beinahe zweimal einbalsamiert worden, einmal von Josef und Nikodemus noch am Freitag (Johannes), und am Sonntag wollten die Frauen ihn nochmals salben. Eine Harmonisierung ist also nicht immer möglich, wie wir am zweiten Beispiel sehen. b) SynopseDaher verzichtet man heute meistens auf eine Harmonisierung und betrachtet jedes Evangelium für sich. Um die verschiedenen Berichte miteinander vergleichen zu können, schreibt man sie in vier Spalten nebeneinander und erhält dabei eine so genannte Synopse 'Zusammenschau'. Bei einem genaueren Vergleich stellt man schnell fest, dass Matthäus, Markus und Lukas oft untereinander übereinstimmen, während Johannes meist eigene Wege geht. Man nennt daher die ersten drei Evangelien auch Synoptiker, weil man mit ihnen leichter eine Synopse bilden kann als mit allen vier Evangelien. 2. Zu den einzelnen Evangelien:a) Die altkirchlicher Tradition behauptet folgendes:i. Matthäussei der Apostel gewesen; er habe ein hebräisches Evangelium an die Juden geschrieben. Tatsächlich gab es ein judenchristliches hebräisches erweitertes Matthäusevangelium, das allerdings aus dem Griechischen übersetzt ist. Der ursprüngliche Matthäus schreibt wie alle neutestamentlichen Schriftsteller griechisch; seine Sprache ist aber stark semitisch gefärbt. ii. Markussei der aus der Apostelgeschichte bekannte Johannes Markus aus Jerusalem gewesen, der Paulus bei der 1. Missionsreise davongelaufen war und später Petrus nach Rom begleitet und dort als Dolmetscher gedient hätte. Markus hätte in seinem Evangelium die Jesusüberlieferung des Petrus nach dessen Tod schriftlich festgehalten. Tatsächlich enthält das Markusevangelium eine Menge lateinischer Vokabeln, allerdings aus dem Militär‑ und Verwaltungsbereich, die man auch außerhalb von Italien hätte lernen können. Der Evangelist schreibt griechischen Slang, hat also anscheinend keine besondere Bildung. Er bringt zwar viele semitische Wörter aus dem Mund Jesu, scheint aber auch kein Semit zu sein, was man bei Johannes Markus voraussetzen müsste. iii. Lukassei der aus dem Kolosserbrief bekannte Arzt und Paulusbegleiter gewesen. Tatsächlich verwendet Lukas in der Apostelgeschichte den Reisebericht eines Mannes, der Paulus auf der 2. Missionsreise und auf der Fahrt nach Rom begleitet hat, so dass man den Eindruck bekommt, die ganze Apostelgeschichte und damit auch das Evangelium sei das Werk dieses Paulusbegleiters. Wie Lukas aber in seiner Einleitung andeutet, hat er Quellen studiert und zitiert, also wohl auch den Reisebericht. Lukas ist andrerseits ein gebildeter Mann, der ein ausgezeichnetes Griechisch schreibt, was für einen Arzt wohl passen könnte. iv. JohannesDie Traditionen über die fünf Johannesschriften (Evangelium, 3 Briefe, Offenbarung) lassen sich kaum miteinander in Einklang bringen. Der Grund für das Durcheinander ist nicht nur die Vielzahl von Schriften, sondern auch die Vielzahl namensgleicher Personen, die man nicht mehr voneinander unterscheiden konnte:
Diese vier Johannesse werden zum Teil miteinander kombiniert, zum Teil gegeneinander abgegrenzt, ohne dass sich ein eindeutiges Bild ergibt. Die Tradition weiß bereits, dass das Johannesevangelium das jüngste ist und in den 90er Jahren entstanden ist. Wenn eins der fünf Werke auf den Apostel zurückgeht, dann am ersten die Offenbarung. Der Lieblingsjünger ist möglicherweise das "bessere Ich" des Petrus und wird erst im Nachtrag Jh 21,24 mit dem Verfasser des Evangeliums gleichgesetzt. Der Evangelist scheint noch als junger Mann Jesus kennen gelernt zu haben. Er soll in hohem Alter gestorben sein, was Joh 21,20‑24 (Nachtrag nach dem Tod des Jüngers) nahe gelegt wird. Die sehr verschiedenen theologischen Sichtweisen, die im 4. Evangelium vertreten werden, müssen nicht auf verschiedene Quellen oder Bearbeiter zurückgehen. Das Evangelium muss nicht in kurzer Zeit in einem Zug geschrieben worden sein, sondern könnte auch das Ergebnis einer jahrzehntelangen Predigtarbeit des Evangelisten sein, der von einem naiven Wunderglauben ausgeht und in Auseinandersetzung mit der Gnosis und dem Judentum zu einem hoch entwickelten Christusglauben kommt. Seine Unkenntnis mancher Einzelheiten (er weiß z.B. nichts von Bethlehem) und Verwechslungen (er nennt die Mutter Jesu nie beim Namen, behauptet aber anscheinend 19,25, die Schwester der Mutter habe Maria geheißen) sprechen nicht gegen, sondern für einen Augenzeugen: Ein Augenzeuge hat das Recht, sich zu irren, weil er nicht Quellen zitiert, sondern aus der Erinnerung erzählt. b) Heutige Meinungi. Übersicht über die moderne Quellentheorie:
ii. Markus und die SynoptikerHeute wird meistens die Meinung vertreten: Das älteste Evangelium ist das von Markus; es wurde von Matthäus und Lukas benutzt; beide Evangelisten haben zusätzlich noch eine verlorene Sammlung von Jesusworten und weitere Informationen verwendet. Unser Markusevangelium ist aber anscheinend nicht das ursprüngliche, das Matthäus und Lukas verwendet haben. Auch scheint der ursprüngliche Schluss von Markus verloren gegangen zu sein. Matthäus und Lukas haben diesen Schluss bereits nicht mehr gekannt. Es ist nicht ausgeschlossen, dass der Urmarkus in den 60er Jahren, nach dem Tod des Petrus entstanden ist, wie es die Tradition will und wie es Qumranfunde nahe legen. Interessant ist, dass Matthäus wie Lukas unabhängig von einander eine Geburtsgeschichte vorschalten, in der sie in der Hauptsache übereinstimmen (Nachkomme Davids, Jungfrau Maria, verheiratet mit Josef, Geburt in Bethlehem, Heimatort Nazareth), in Einzelheiten aber erheblich voneinander abweichen. Es scheinen also die gleichen, authentischen Überlieferungsbausteine zugrunde zu liegen, die aber mit verschiedenem anderen Material ergänzt und vor allem unterschiedlich kombiniert worden sind. Unabhängig voneinander und mit etwas voneinander abweichendem Wortlaut zitieren beide Evangelisten das Vaterunser – offenbar jeder so, wie er's kennen gelernt hat. Das gilt auch von den Abendmahlsworten, bei denen Lukas sich an die Paulusüberlieferung anschließt – ein Zeichen, dass Lukas anscheinend wirklich aus der Paulusschule kommt. iii. Matthäusist ganz deutlich ein christlicher Schriftgelehrter. Er ergänzt seine Quellen um einige weitere Traditionsstücke und interpretiert die Überlieferung an Hand des Alten Testaments. Er geht mit seiner Markusvorlage sehr frei um, ordnet den Stoff anders an, schmückt ihn erbaulich aus und lässt sich andrerseits in der Passionsgeschichte ganz von der Markusvorlage leiten. Es stehen ihm also dafür offenbar keine zusätzlichen Informationen zur Verfügung. Die Art, wie Matthäus nachweislich mit seiner Markusquelle umgeht, macht uns skeptisch gegenüber seinem Umgang auch mit anderen Quellen, so dass sein Wert als historische Quelle gering ist. iv. Lukasdagegen hat ganz deutlich Ansätze zu einem Historiker. Das zeigt nicht nur sein Vorwort, sondern auch die Art, wie er mit dem Markusevangelium umgeht (er behält den Aufriss bei, zerstückelt das Evangelium nicht, sondern schiebt nur blockweise seine Ergänzungen ein. Änderungen gegenüber der Vorlage sind meist nur stilistische Verbesserungen). Das stärkt unser Vertrauen zu den sonstigen Angaben von Lukas. Er hat seine übrigen Quellen also auch wohl einigermaßen getreu übernommen. Und wenn er sachliche Korrekturen anbringt, dann hat er wohl die besseren Informationen gehabt. Das gilt besonders für die Passionsgeschichte. Hier hat Lukas den Stoff anders angeordnet als Markus. Hat er nur den Markustext umgestaltet – das würde seiner sonstigen Arbeitsweise nicht entsprechen – oder stand ihm eine weitere Quelle zur Verfügung? Andrerseits schmückt auch Lukas (aus einer Vorlage?) die Passionsgeschichte erbaulich aus. v. Das Johannesevangeliumhat einen völlig selbständigen Charakter. Johannes kennt wohl keins der anderen Evangelien, sondern schöpft aus anderen Quellen – möglicherweise teilweise aus Augenzeugenschaft. Was den zeitlichen Rahmen des Lebens Jesu angeht, so hat Johannes offenbar die besseren Informationen: Jesus wirkte drei Jahre und nicht ein Jahr lang, wie Markus uns glauben lässt; er wurde am 14. Nisan und nicht am 15. wie bei Markus gekreuzigt. Für die Passionsgeschichte hat also Johannes einen erheblichen historischen Wert, besonders wenn wir davon ausgehen, dass der Verfasser wenigstens einen Teil davon selbst miterlebt hat. 3. Synoptischer Abriss der Leidensgeschichtenach Peisker, Zürcher Evangelien‑Synopse
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Datum: 1989 / 2005 Aktuell: 14.07.2006 |
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