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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Die Leidensgeschichte Jesu

C Kritische Würdigung der Evangeliendarstellung

Jesus stirbt

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14. Jesus wird zur Kreuzigung abgeführt

15. Jesus wird gekreuzigt und stirbt

a) Die Kreuzigung Jesu

b) Der Gekreuzigte wird verspottet

c) Jesus stirbt

d) Ereignisse nach dem Tod Jesu

e) Die Schächer werden erschlagen

f) Die Frauen unterm Kreuz

16. Die Grablegung Jesu

 

14. Jesus wird zur Kreuzigung abgeführt

(Markus 15,22‑32) Und sie führten ihn hinaus, um ihn zu kreuzigen. Und sie zwangen [1] einen Vorübergehenden, der vom Felde kam [2], einen gewissen Simon von Kyrene [3], den Vater von Alexander und Rufus [4], ihm das Kreuz zu tragen [5]

(Lukas 23,27‑31) Es folgte ihm aber eine große Menge des Volkes und viele Frauen, die ihn betrauerten und beklagten. [6] Jesus jedoch wandte sich zu ihnen um und sprach: "Ihr Töchter Jerusalems, weinet nicht über mich; weinet vielmehr über euch und eure Kinder! Denn siehe, es kommen Tage, wo man sagen wird: 'Selig sind die Unfruchtbaren und die Leiber, die nicht geboren haben, und die Brüste, die nicht gestillt haben'. Dann wird man anfangen, zu den Bergen zu sagen: 'Fallet auf uns!' Und zu den Hügeln: 'Bedecket uns!' Denn wenn man dies am grünen Holze tut, was soll am dürren geschehen?" [7]

   
   

[1] Der Ausdruck beschreibt eine rechtliche Möglichkeit der Besatzungstruppen, Zivilpersonen zu Transportleistungen heranzuziehen. Vgl. Matthäus 5,41. Da die Transportpflicht offenbar auf 1 Meile begrenzt, war, können wir daraus schließen, dass der Kreuzigungsweg auch nicht viel weiter gewesen ist.

Die heutige Via Dolorosa in Jerusalem, der angebliche Leidensweg Jesu, führt von der Burg Antonia (wo man das Praetorium vermutete) zur Grabeskirche. Die Straßenführung geht aber nicht bis ins Altertum zurück.

[2] Manche wollen aus dieser Notiz folgern, dass Jesus nicht am 1. Feiertag gekreuzigt wurde, sondern am Vortag: Feldarbeit am Feiertag war genauso verboten wie das Reisen; dagegen war Spazierengehen in Ortsnähe erlaubt.

[3] Stadt in Libyen, wo viele Juden lebten. Simon war zwar "Afrikaner", aber kein Neger, sondern "weißer" Jude. Seine Landsleute aus Afrika hatten in Jerusalem eine eigene Synagoge (Apostelgeschichte 6,9); sie scheinen also dort in größerer Zahl vertreten gewesen zu sein.

[4] beide wohl den Lesern des Markusevangeliums bekannt und nur hier genannt. Ein Rufus (ohne Vaterbezeichnung) wird Römer 16,13 als Gemeindeglied in Rom genannt; es handelt sich aber um einen geläufigen Namen.
Alexander ist uns auf andere Weise bekannt geworden: In der Nähe des Gartens Gethsemane wurde 1942 ein Gebeinkasten mit der Aufschrift "Alexander, Sohn des Simon von Kyrene" gefunden. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass es sich um den biblischen Alexander handelt. (Bibelreport 3/96 S. 4+5)

Der Name von Simon selbst kann eigentlich auch nur dadurch bekannt geworden sein, dass er Christ geworden ist. Er kommt damit neben Petrus als wichtigster Zeuge für die Passion in Frage.

[5] Dagegen Johannes 19,17 "indem er sein Kreuz selber trug": Johannes betont die Souveränität Jesu. Er braucht keinen Verräter und stellt sich selbst, und er braucht keinen Kreuzträger, sondern trägt sein Kreuz selbst. Wahrscheinlich hat Johannes aber nichts von Simon gewusst.
Beachte: "das Kreuz tragen" ist ein Kennzeichen der Nachfolge!

Man hat aus dieser Notiz geschlossen, dass Jesus durch die Geißelung schon zu sehr geschwächt war, so dass er den schweren Querbalken des Kreuzes nicht mehr tragen konnte. Es kann aber auch sein, dass die Soldaten meinten, ein "König" bräuchte dafür einen Diener. Das Kreuztragen des Simon wäre dann ebenso ein Teil der Verspottung wie die Kreuzigung zwischen zwei "Räubern": Der "König" inmitten seines Hofstaats.

[6] Lukas meint nicht die Frauen, die mit Jesus aus Galiläa gekommen waren, sondern Frauen aus Jerusalem. Manche denken an berufsmäßige Klageweiber. Es ist aus jüdischen Quellen überliefert, dass die vornehmen Frauen von Jerusalem es sich zur Pflicht gemacht hatten, Todeskandidaten einen Betäubungstrank zu spenden, damit sie die Qualen nicht spürten.

Die Legende erzählt, eine gewisse Veronika habe Jesus auf dem Weg zum Kreuz den Schweiß aus dem Gesicht gewischt; da habe sich wunderbarerweise sein Gesicht auf dem Tuch abgebildet. Diese Legende steht anscheinend in engem Zusammenhang mit dem Turiner Grabtuch und einer anderen Legende, wonach ein Künstler des Königs Abgar von Edessa in Syrien ein Porträt Jesu gemalt hätte. Das Bild soll sich später in der Kirche von Edessa befunden haben. Vielleicht hängt das sog. "Schweißtuch" auch mit einer Überlieferung zusammen, die in Johannes 20,7 erhalten ist, wonach man mit dem Schweißtuch anscheinend den Kopf des Toten bedeckt hatte Es lag wie die übrigen Grabtücher am Ostermorgen im Grab. Johannes könnte gewusst haben, dass das Tuch noch vorhanden war.

[7] Das Bild vom Holz erinnert wohl an das Kreuz. Sinn: Wenn man schon Unschuldige so behandelt, was wird mit den Schuldigen geschehen?
Jesus kündigt damit die Zerstörung von Jerusalem an. Das wohl frei überlieferte Jesuswort wurde wegen der Stichworte "weinen" und "Holz" von Lukas an dieser Stelle eingeordnet.

 

 

15. Jesus wird gekreuzigt und stirbt

a) Die Kreuzigung Jesu

(Markus 15,22‑28) Und sie brachten ihn auf den Platz Golgatha (das heißt übersetzt: Schädel). [8] Und sie gaben ihm mit Myrrhe [9] gewürzten Wein [10]; aber er nahm ihn nicht [11]. Und sie kreuzigten ihn [12] und verteilten seine Kleider unter sich [13], indem sie das Los über sie warfen, was jeder bekommen sollte. [14] Es war aber die dritte Stunde [15], als sie ihn kreuzigten. Und die Aufschrift mit der Angabe der Schuld lautete: "Der König der Juden". [16] Und mit ihm kreuzigten sie zwei Räuber [17], einen zu seiner Rechten und einen zu seiner Linken. [18]

   
   

[8] Der katholische Name Kalvarienberg stammt aus der lateinischen Bibel. Golgatha soll der Rest eines Felsen in einem ehemaligen Steinbruch gewesen sein. Dort wurden zur Zeit von Kaiser Konstantin in einer Zisterne Reste eines Kreuzes gefunden und die heutige Grabeskirche errichtet. Der ganze ehemalige Hügel wurde beim Bau der Kirche abgetragen bis auf die vermutliche Kreuzigungsstelle, die als stehen gebliebener Felsen heute noch existiert, und das heilige Grab, das während der Kreuzzüge von den Moslems zerstört wurde.

Der richtig übersetzte Name 'Schädel' wird klassisch als "Stätte der Schädel" verstanden, weil dort die Schädel der Hingerichteten gelegen hätten. Eine tiefsinnige Legende will wissen, dass dort der Schädel Adams begraben lag, eine andere, dass das Kreuz aus dem Holz von einem Nachkommen des Paradiesesbaumes gezimmert gewesen sei.

Heute denken manche eher daran, dass der Felsen die Form eines Schädels gehabt habe. In der Nähe des Damaskustors gibt es heute einen solchen Felsen mit zwei "Augenhöhlen", oben drauf ein Friedhof und an der Rückseite ein Felsengrab (das so genannte Gartengrab), das allerdings aus späterer Zeit stammt. Die Amerikaner halten dies für die echte Kreuzigungs‑ und Grabesstelle.

Es ist aber zu bedenken, dass 'Kopf' ein geläufiger Bergname ist.

[9] von Matthäus unverstanden nach Psalm 69,22 in "Galle" geändert; fehlt bei Lukas und Johannes.

[10] ein betäubendes Getränk.

[11] weil er mit klarem Bewusstsein sterben wollte!

[12] Der Verurteilte hatte nur den Querbalken zur Hinrichtungsstätte zu tragen; wurde am Boden liegend daran festgemacht und dann emporgezogen und am senkrechten Pfahl befestigt. Dass Jesus angenagelt wurde, können wir aus Lukas 24,39; Johannes 20,25 schließen. Man hat in Jerusalem einen Fußknochen gefunden, in dem noch der Nagel steckt; er hatte sich verbogen und konnte nicht mehr herausgezogen werden.

Da in der alten Kirche vor Konstantin Jesus am Kreuz nicht abgebildet wurde, und da seit Konstantin die Kreuzesstrafe abgeschafft ist, gibt es keine christlichen Kreuzigungsbilder, die diese barbarische Strafe noch aus eigener Anschauung darstellen. Es gibt aber ein Spottbild aus Rom, wo ein Mann mit erhobenen Händen neben einem Gekreuzigten mit Eselskopf steht. Die ungelenke griechische Inschrift lautet: "Alexamenos betet Gott an". Da hat ein kaiserlicher Sklave seinen christlichen Kameraden verspottet. Der Querbalken ist wie beim großen T auf den senkrechten Balken draufgesetzt; der Gekreuzigte steht mit parallel gerichteten Beinen auf einem waagrechten Strich (Art Stützbrett?). Die ausgebreiteten Arme hängen leicht durch.

Es gab wahrscheinlich keine Vorschrift, wie eine Kreuzigung durchgeführt werden musste, so dass man mit Variationen rechnen muss; außerdem werden sich die Sitten im Laufe der Jahrhunderte geändert haben. Die Legende bestätigt verschiedene Kreuzigungsarten: Petrus wurde angeblich mit dem Kopf nach unten, sein Bruder Andreas an einem nach ihm benannten Andreaskreuz (X) zu Tode gemartert. Auf alten Bildern ist Jesus immer angenagelt, während die beiden Mitgekreuzigten oft angebunden sind – sicher keine alte Überlieferung.

Wenn die Zeugen Jehovas behaupten, Jesus sei nicht an ein wie immer gestaltetes "Kreuz", sondern an einen Pfahl genagelt worden, so können wir ihnen also das Alexamenos‑Bild entgegenhalten. Sie berufen sich aber nicht auf archäologische Beweise, sondern auf das griechische Wort staurós, das eigentlich 'Pfahl' bedeutet, dann aber auch die Bedeutung des lateinischen crūx 'Kreuz, angenommen hat. Der tiefere Grund für diese Behauptung ist aber, dass für die Zeugen Jehovas das Kreuz ein Zeichen der Kirche ist, von dem sie sich durch ihre Pfahl‑Darstellung distanzieren wollen. Sie behaupten außerdem, das Kreuzeszeichen sei ein vorchristliches, "heidnisches" Symbol, das von der Kirche übernommen worden sei.
Die Beschränkung des griechischen Wortes staurós auf die Bedeutung Pfahl, ist also weiter nichts als eine Spitzfindigkeit, die zudem für Sprache kein Verständnis hat. Denn Bedeutungsübertragungen gibt es überall: Im Althochdeutschen wurde das lat. crux oft mit 'Galgen' übersetzt, obwohl jeder wusste, dass ein Galgen was anderes ist. Unser Wort faul 'vermodert; nicht fleißig' hat aus dem Englischen zusätzlich die Bedeutung 'unfair' übernommen, und unter einer Schau verstehen wird heute nicht mehr das 'Schauen' sondern wie im Englischen eine 'Vorführung'. Da kommt doch auch keiner auf die Idee, den Sportbegriff faul mit der älteren deutschen Bedeutung 'nicht fleißig, zu erklären.

Die Gekreuzigten sind nicht verblutet, sondern starben wahrscheinlich hauptsächlich an Kreislaufversagen. Wenn für uns neben dem Kreuz das Blut Christi ein wichtiges Symbol für seinen Sühnetod geworden ist, dann hängt das nicht mit dem tatsächlich vergossenen Blut zusammen, sondern ist abgeleitet von dem Begriff "Bundesblut" bei Mose.

[13] angeblich üblich.

[14] Das Verlosen der Kleider stammt aus Psalm 22,19.

Johannes 19,23‑17 wird noch deutlicher Bezug auf diesen Vers genommen. Das Wort "teilen" wird so ausgelegt, dass die Kleider in gleiche Teile zerrissen wurden; um das Hemd habe man jedoch gelost, weil es aus einem einzigen Stück Stoff gemacht war (Art Poncho, unter den Ärmeln zusammengenäht).

Johannes verbindet hier offenbar genauere Informationen mit Schriftauslegung. Er wusste zusätzlich:

  • Das Hinrichtungskommando bestand aus vier Mann.

  • Jesus besaß ein Hemd, das aus einem Stück gewebt war, was damaliger Mode zwar entsprach, sich aber nicht jeder leisten konnte. Die Ärmeren trugen zusammengesetzte oder geflickte Hemden.

Die Legende erzählt, der Hauptmann des Kommandos hätte diesen so genannten heiligen Rock an sich genommen (Rock in der alten unspezifischen Bedeutung 'Kleid') und sei später Christ geworden. Der heute im Trierer Dom aufbewahrte "heilige Rock" soll einen Teil dieses Originalhemds Jesu enthalten. Dieses wurde während der Kreuzzüge aus nach Europa gebracht, zerstückelt und die einzelnen Teile in verschiedenen Kirchen deponiert.

Anscheinend hat Johannes von mehreren Jesusreliquien gewusst, so auch von den Grabtüchern (Johannes 20,6).

[15] zwischen 8 und 9 Uhr

[16] Matthäus 27,37 Dies ist Jesus, der König der Juden; Lukas Dies ist der König der Juden. Die uns geläufige lateinische Abkürzung INRI Iesus Nazarenus Rex Iudaeorum stammt aus Johannes 19,20 Jesus der Nazoräer, der König der Juden und soll auf hebräisch, griechisch und lateinisch geschrieben gewesen sein, damit es garantiert auch jeder verstehen konnte.

Mittelalterliche Künstler wollten nicht abbilden, sondern darstellen. Ihnen genügte am Kreuz die Andeutung INRI, bei der ja jeder wusste, was das heißen sollte. Neuzeitliche Künstler haben sich oft bemüht, den dreisprachigen Text mit den verschiedenen Schriften auf dem kleinen Schild unterzubringen.

Johannes berichtet, die Priester hätten in dieser Aufschrift eine Provokation gesehen und Pilatus gebeten, die Aufschrift zu ändern. Er aber habe trotzig geantwortet: "Was ich geschrieben habe, habe ich geschrieben." (Johannes 19,2122). Auch Johannes weiß also von Spannungen zwischen Pilatus und den Priestern.

Worin soll die Provokation bestanden haben? Die Priester störten sich an dem Wort ist. Pilatus hatte – gedankenlos oder mit Absicht – die Aufschrift so formuliert, als ob Jesus wirklich der König der Juden gewesen sei. Tatsächlich hat er damit Jesus entweder zum König erklärt oder als König bestätigt. In seinen Augen konnte darin ein Hohn liegen: "So mache ich's mit euren Königen." In diesem Streit um die Kreuzesinschrift hat Johannes den Streit um das "ist" in den Abendmahlsworten vorweggenommen, denn da handelt es sich um genau das gleiche Problem.

[17] Die traditionelle Bezeichnung Schächer für die Mitgekreuzigten stammt wahrscheinlich aus der volkstümlichen mittelalterlichen Bibelerzählung. In der "Erlösung", einer gereimten Bibel‑Nacherzählung um 1300, wird Barabbas schecher (5215), die beiden Mitgekreuzigten zwēne schāchmann genannt (5215). Der alte Ausdruck ist gleichbedeutend mit 'Räuber'.

[18] wohl mit Absicht: der "König" inmitten seines "Hofstaats"

Einige lateinische Handschriften geben die Namen der Schächer an als Zoathas und C(h)amma (zu Matthäus 27,38; Markus 15,27) oder Joathas und Maggatras (zu Lukas 23,32). Nach dem Nikodemus‑Evangelium 9 dagegen hätten sie Dysmas und Gestas geheißen. Die Uneinigkeit der Überlieferung spricht für sich!

Wichtiger ist die Ergänzung, die einige Markushandschriften bringen: 28 Da wurde die Schriftstelle erfüllt, die sagt: Er wurde unter die Übeltäter gezählt. (Jes 53,12).

 

 

b) Der Gekreuzigte wird verspottet

(Markus 15,29‑32) Und die Vorübergehenden lästerten ihn, schüttelten die Köpfe [19] und sagten: "Ha, der du den Tempel zerstörst und in drei Tagen aufbaust, rette dich selbst und steige vom Kreuz herab." [20]

Ebenso spotteten die Hohenpriester samt den Schriftgelehrten untereinander und sagten: "Andere hat er gerettet, sich selbst kann er nicht retten. Der Christus, der König Israels [21], steige jetzt vom Kreuz herab, damit wir sehen und glauben!" [22]

   
   

[19] aus Psalm 22,8 "Alle, die mich sehen, verspotten mich, sperren das Maul auf und schütteln des Kopf." Die Fortsetzung, Psalm 22,9 findet sich Matthäus 27,43 als Lästerung der Ratsmitglieder: "Er klage es dem HERRN, der helfe ihm heraus und rette ihn, hat er Gefallen an ihm."

[20] Ein Problem der Nichtchristen: Wie kann einer mir helfen, der hilflos am Kreuz hängt?

[21] hier also der Kreuzestitel auf jüdisch

[22] Lukas 23,39‑43: Einer der beiden Schächer lästert auch und wird von dem anderen zurechtgewiesen. Der zweite wendet sich glaubend an Jesus: Jesus, gedenke meiner, wenn du in deine Königsherrschaft kommst und Jesus verspricht ihm. Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradiese sein. – Eine Einladung zur Umkehr, die noch in letzter Minute möglich ist und voll anerkannt wird.

Die Handschriften überliefern hier zum Teil in deine (wohin?), zum Teil in deiner (wo, womit?), wobei die älteste Handschrift, Papyrus 75, die erste Fassung hat. Das Griechische macht einen genauen Unterschied zwischen einem in auf die Frage "wo?" (en) und einem in auf die Frage "wohin?" (eis), vgl. engl. in und into. In / mit deiner Königsherrschaft würde bedeuten: 'am Jüngsten Tag'. – Das apokryphe Nikodemusevangelium 10 umgeht die Schwierigkeit, indem es schreibt: "Herr, gedenke mein in deinem Reich".

Das Wort des Schächers an Jesus kann im Sinne von Lukas nur bedeuten: "wenn du ins Paradies kommst", wobei Reich Gottes = Paradies im Jenseits wäre. Dies widerspricht aber dem ursprünglichen Sprachgebrauch Jesu und der Urgemeinde. Spätere Bibelabschreiber werden das bemerkt und eis (wohin?) durch en (wo?) ersetzt haben. Dann ergibt sich aber die Merkwürdigkeit, dass der Schächer sich zwar nach älterem Sprachgebrauch richtig ausdrückt "Wenn du am Jüngsten Tag wiederkommst", Jesus ihm aber nach jüngerem Sprachgebrauch versprochen hätte: "Du kommst heute mit mir ins Paradies." Es gibt also nur eine vernünftige Annahme, dass der ganze Abschnitt eine spätere erbauliche Erweiterung ist, die von Anfang an nicht an die Zukunft, sondern ans Jenseits gedacht hat.
Nun gibt es aber im apokryphen Petrusevangelium eine interessante Variante, wonach einer der Schächer nicht seinem Kameraden, sondern dem Publikum vorgehalten hätte, Jesus sei unschuldig ans Kreuz gekommen (4,13). Hat sich hier eine Erinnerung erhalten, dass einer der Schächer wirklich mit Jesus sympathisierte? Vorstellbar wäre es, wenn die so genannten "Räuber" in Wirklichkeit Freiheitskämpfer waren, die auf den Messias hofften und vielleicht sogar in Jesus den Messias sahen. Der Lukas‑Einschub muss also nicht ganz und gar unhistorisch sein.

 

 

c) Jesus stirbt

(Markus 15,33‑41) Und als die sechste Stunde [23] eingetreten war, kam eine Finsternis über die ganze Erde [24] bis zur neunten Stunde [25]. Und um die neunte Stunde rief Jesus laut "Elåhī, Elåhī, lemâ schabakthánī" (das heißt übersetzt "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?"). [26] Und als es einige von denen hörten, die dabeistanden, sagten sie: "Siehe, er ruft den Elija" [27] Einer aber lief, füllte einen Schwamm mit Essig [28], steckte ihn auf ein Rohr [29] und gab ihm zu trinken [30], indem er sagte: "Halt, lasset uns sehen, ob Elija kommt, um ihn herabzunehmen." Da stieß Jesus einen lauten Schrei aus und verschied. [31]

   
   

[23] zwischen 11 und 12 Uhr

[24] Eine totale Sonnenfinsternis soll im Jahr 33 gewesen sein, das könnte 14 Tage vor oder nach dem Todespassah gewesen sein. Jesus wäre demnach am 3.4. 33 (Freitag nach Frühlingsvollmond) gestorben.

Da Passah immer an Vollmond ist, kann an diesem Termin keine Sonnenfinsternis sein. Wir brauchen aber keine andere Ursache für die Finsternis zu suchen, wenn wir annehmen, dass die Überlieferung fälschlich glaubte, die Sonnenfinsternis sei genau am Karfreitag gewesen.

Sonnenfinsternis und Erdbeben (Mt 27,52) sind Zeichen das beginnenden Weltuntergangs und erinnern an Amos 8,8 (Erdbeben) und 8,9.10 (Sonnenfinsternis, verbunden mit der Trauer um den einzigen Sohn).

[25] zwischen 14 und 15 Uhr. Die Zeitangaben sind wegen ihrer Schematik verdächtig:

Früh am Morgen = 1. Stunde

Jesus zu Pilatus

3. Stunde

Jesus nach Golgatha

6. Stunde = Mittag!

Beginn der Finsternis

9. Stunde

Jesus stirbt

Sonnenuntergang = 12. Stunde

Beginn des Sabbat‑ und Grabesruhe

 

 

Johannes hat andere Uhrzeiten:

 

18,28 früh am Morgen

Jesus zu Pilatus

19,15 Passahrüsttag 6. Stunde

Pilatus spricht das Urteil

19,20 noch am Rüsttag

Grablegung

Das ist im Prinzip nicht anders, nur dass Johannes den Tag in zwei statt in vier Teile teilt. Wir wissen also bloß, dass Pilatusprozess, Kreuzigung, Tod und Beisetzung Jesu an jenem einen Freitag zwischen Sonnenauf‑ und Untergang stattfanden, ohne verlässliche genauere Zeitangaben zu haben. Wenn wir die Uhrzeiten bei Markus nicht streng wörtlich nehmen, scheint Markus allerdings den zeitlichen Ablauf ungefähr richtig wiedergegeben zu haben, während Johannes für den Prozess unverhältnismäßig viel Zeit rechnet. Er würde uns aber antworten: "Pilatus hat halt gründlich gearbeitet."

[26] Der Anfang des 22. Psalms, der hebräisch lautet Elī, Elī, lamā asabtáni. Der obige Text ist aramäisch. Die Handschriften bei Markus und Matthäus bringen die hebräischen und aramäischen Wörter in verschiedener Mischung. Das apokryphe Petrusevanglium hat stattdessen 5,15‑20 Meine Kraft, meine Kraft, du hast mich verlassen!, wobei Kraft wohl eine Umschreibung für 'Gott' im Sinn von 'Allmacht ist (vgl. Markus 14,62).

a) Der 22. Psalm wird an verschiedenen Stellen der Passionsgeschichte zitiert, hat also in der Urgemeinde eine ganz wichtige Rolle gespielt, als es darum ging, das schreckliche Geschehen zu begreifen. Wahrscheinlich hat sich schon Jesus mit diesem und anderen Psalmen beschäftigt und daraus das Leiden des Menschensohns gefolgert. So liegt es nahe, dass Jesus mit diesem Psalm auf den Lippen gestorben ist.

Dann hat er aber den hebräischen Text gebetet. Darauf weist auch der folgende Abschnitt mit dem Elija-Missverständnis.

Woher kommt aber der aramäische Text? Er kann eigentlich nur aus der Urgemeinde stammen, die den Psalmvers Jesu in ihre Umgangssprache übersetzt hat. Von ihr hat ihn Markus übernommen, der ja auch andere Jesusworte im aramäischen Wortlaut bringt.

Es ist übrigens das einzige semitische Bibelzitat im Neuen Testament. Die meisten Zitate beruhen auf der griechischen Bibel. Wir wissen also nicht, ob die aramäische Urgemeinde den schriftlich vorliegenden hebräischen Bibeltext oder die mündliche aramäische Übersetzung benutzt hat.

Neben diesem "formalen Verständnis" des letzten Wortes Jesu (er starb mit einem Gebet auf den Lippen) gibt es nun auch Versuche, das Wort inhaltlich zu verstehen:

b) Doketistische Christen  konnten es so verstehen, dass der Gott Christus den Menschen Jesus verlassen hatte. Ähnlich vielleicht auch das Petrusevangelium, welches das Wort Gott durch Kraft ersetzt. – Über diese Auslegung brauchen wir keine Worte zu verlieren.

c) Heute behaupten manche, Jesus sei mit einem Schrei der Verzweiflung gestorben. Er habe bis zum Schluss gehofft, Gott würde ihm helfen, und habe dann erkannt, dass er sich getäuscht hatte.

Dagegen spricht folgendes:

  • Der hebräische Text scheint der ältere zu sein. Dann aber war Jesus nicht verzweifelt, sondern hat vertrauensvoll gebetet. Man muss den ganzen Psalm lesen, nicht nur den Anfang, um zu verstehen, warum Jesus gerade dieses Gebet gewählt hat!

  • Wenn Jesus frei formuliert hätte, hätte er mit Sicherheit nicht gerufen mein Gott, sondern Vater oder eine Umschreibung gebraucht. Auch das aramäische Elåhî hätte dem damaligen jüdischen Sprachgebrauch nicht entsprochen.

  • Wenn Jesus wirklich sein Leiden und Sterben vorausgesagt hat, wieso soll er dann enttäuscht und verzweifelt gewesen sein, als es so weit war?

Damit ist noch nicht erwiesen, dass Psalm 22,2 wirklich das letzte Wort Jesu war. Denn Lukas und Johannes überliefern andere letzte Worte:

  • Johannes 19,28 Mich dürstet.

  • Johannes 19,30 Es ist vollbracht.

  • Lukas 23,46 Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist. (Psalm 31,6).  Das apokryphe Nikodemus‑Evangelium 11 überliefert die aramäische Übersetzung des Psalms: Vater, baddach ephkid ruel – letzteres verschrieben für rūchī

Man hat also den Eindruck, als ob die Urgemeinde Jesus verschiedene passende Psalmzitate in den Mund gelegt hätte. Dann aber ist es sinnlos, über die seelische Verfassung Jesu am Kreuz zu spekulieren.

Vielleicht kommt Markus 15,37 der Wahrheit am nächsten, wenn er als letzte Äußerung Jesu einen unartikulierten Schrei angibt.

[27] als endzeitlichen Propheten, der das Ende der Welt ankündigt? Die zweite Bemerkung setzt einen volkstümlichen Glauben voraus, dass man in Not zu Elija beten kann wie zu einem mittelalterlichen Heiligen.

[28]  normales Erfrischungsgetränk des Legionärs. Den Schwamm mit Haltestäbchen hatte er wahrscheinlich an Stelle von Toilettenpapier in seinem Gepäck.

[29] Am Rohr will man erkennen, dass Jesus erhöht hing, so dass man nicht mit der Hand an den Mund reichen konnte. Es kann aber auch sein, dass es sich um das normale Haltestäbchen handelte, das zum Schwamm gehörte. Johannes deutet auf einen Ysopstängel, wie er für kultische Besprengungen benutzt wurde.

[30] Die Essigtränkung mit Schwamm und Stab kennt auch Johannes, also eine echte Erinnerung!

Die Essigtränkung ist merkwürdig verkoppelt mit dem Missverständnis, Jesus hätte nach Elija gerufen. Nun gibt es in Psalm 22 tatsächlich eine Stelle, die man so verstehen könnte: Vers 11 Du bist mein Gott heißt hebräisch Elî attâ. Dies hätte man auch böswillig oder aus Unkenntnis als aramäisch Elijá ta = 'Eljia, komm!' verstehen können.

Wir können dann folgenden Ablauf rekonstruieren: Jesus betete Psalm 22,1‑11. Diesen Vers deuteten einige auf Elija. Inzwischen kam Jesus zu Vers 16 "Meine Zunge klebt mir am Gaumen", so dass ein Soldat verstand, Jesus hätte Durst, und ihn mit einem Schluck aus der Feldflasche so lange am Leben halten wollte, bis Elija kam. (Nach Matthäus hätte der Soldat aus Mitleid gehandelt und die anderen hätten ihn dran hindern wollen, weil sie immer noch auf Elija warteten.)

Lukas übergeht die Essigtränkung. Johannes begründet sie damit, dass Jesus gesagt hätte "mich dürstet."

[31] Eine Kriegserfahrung lehrt, dass es für Schwerverletzte tödlich sein kann, wenn man ihnen zu trinken gibt. War der plötzliche Tod Jesu eine Folge der Essigtränkung? Hat der Mann mit dem Essig gewusst, was er damit bewirkte?

Falls keine echte Erinnerung, vielleicht herausgesponnen aus Psalm 22,2: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Ich schreie, aber meine Hilfe ist ferne.

Das letzte Wort Jesu nach Lukas 23,46 lautete "Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist" (aus Psalm 31,6) und erinnert an das Martyrium des Stephanus (Apostelgeschichte 7,59). Vielleicht schien Lukas dieser Psalmvers frömmer und besser geeignet.

Johannes 19,28‑30: Da Jesus wusste, dass nunmehr alles vollbracht war, sagte er weiter, damit die Schrift vollständig erfüllt würde: "Mich dürstet" ... Als nun Jesus den Essig genommen hatte, sprach er: "Es ist vollbracht," und neigte sein Haupt und gab den Geist auf. Johannes sieht also in Mich dürstet die Erfüllung eines Schriftzitats. Er hat schwerlich an Psalm 22,16 Meine Zunge klebt mir am Gaumen gedacht, eher an Psalm 63,1 Gott, du bist mein Gott (Elî attâ / Elijá ta), den ich suche. Es dürstet meine Seele nach dir.  – Das letzte Wort "Es ist vollbracht" bezieht sich deutlich auf die Erfüllung des Willens Gottes nach der Schrift.

Die syrische Übersetzung bringt an dieser Stelle ein schönes Wortspiel

  Johannes 19,28: dass ... vollendet war: ischtallam
  Johannes 19,30: Es ist vollbracht:   meschallam
    gab ... auf: we'aschläm

Das zugrunde liegende Wort sch-l-m kann außer 'vollenden, beenden' auch 'bezahlen, Genugtuung leisten' bedeuten.

Johannes hat in Sachen Essigtrunk den kürzesten und einleuchtendsten Text – ohne das Elija‑Missverständnis und vielleicht auch ursprünglich ohne Bezug auf die Schrift. Es ist denkbar, dass die Urgemeinde dieses "mich dürstet" zunächst auf Psalm 63,1 bezog, daraus das Missverständnis entwickelte und schließlich Jesus den Leidenspsalm 22 beten ließ, in dem man Elija und den Durst wieder finden kann. Das macht uns vorsichtig gegenüber einem voreiligen "Wissen", was Jesus am Kreuz gebetet hat. Dass aber Jesus gebetet hat, ist sehr wahrscheinlich, da dies auch von anderen christlichen und jüdischen Märtyrern berichtet und sogar von jüdischen Forschern wie Pinchas Lapide angenommen wird.

 

 

d) Ereignisse nach dem Tod Jesu

(Markus 15,38‑40) Und der Vorhang im Tempel zerriss in zwei Stücke von oben bis unten. [32] Als aber der Hauptmann, der ihm gegenüber in der Nähe stand, sah, dass er auf diese Weise verschieden war [33], sprach er: "Dieser Mensch war in Wahrheit Gottes Sohn." [34]

   
   

[32] Das eigentliche Tempelgebäude bestand aus zwei Teilen, dem Heiligen, das nur die Priester betreten durften, und dem Allerheiligsten. Dies war ein dunkler, leerer Raum, in dem nur der Hohepriester einmal im Jahr am Versöhnungstag Zutritt hatte (3. Mose 16,2). Zwischen beiden Räumen hing ein Vorhang, der schon 2. Mose 26,31‑33 beschrieben wird. Ein weiterer Vorhang soll vor dem Tempeleingang gehangen haben. Nach jüdischen Quellen hätte es insgesamt 13 Vorhänge im Tempel gegeben.

Da die heutige Grabeskirche = Golgatha westlich vom Tempel liegt, der Zugang zum Tempelgebäude aber auf der Ostseite, konnte man wohl von Golgatha aus keine Vorhänge sehen. Das Zerreißen des inneren Vorhangs hätte ohnehin nur ein Priester beobachten können.

Matthäus erwähnt im Anschluss an Mk 15,38 ein Erdbeben, in seinem Sinn ein Vorzeichen des kommenden Weltuntergangs.
Am Rest des Golgathafelsens in der Grabeskirche zeigt man heute einen Riss, der bei diesem Erdbeben entstanden sein soll.

[33] bezieht sich wohl nicht auf den Tempelvorhang, sondern auf die vorher genannten Umstände des Todes. Das will in einem erdbebenreichen Land freilich nichts heißen!

[34] stattdessen Lukas 23,47: "Dieser Mensch war wirklich ein Gerechter", was im biblischen Sinn sowohl 'fromm' als auch 'unschuldig' bedeutet.

Nach der Legende soll der Hauptmann Christ geworden sein – wahrscheinlich aus dieser Stelle herausgesponnen.

 

 

e) Die Schächer werden erschlagen

Eine Sonderüberlieferung von Johannes 19,31‑34, angeblich Augenzeugenbericht.

Weil es nun Rüsttag [35] war, richteten die Juden, damit die Leiber nicht über den Sabbat am Kreuze blieben [36] – jener Sabbattag war nämlich ein großer [37] – an Pilatus die Bitte, dass ihnen die Schenkel zerschlagen und sie herabgenommen würden. [38] So kamen denn die Soldaten, und dem ersten zerschlugen sie die Schenkel und [ebenso] dem anderen, der mit ihm gekreuzigt worden war. Als sie aber an Jesus kamen, zerschlugen sie ihm die Schenkel nicht, da sie sahen, dass er schon gestorben war [39], sondern einer der Soldaten stach ihn mit einer Lanze in die Seite [40], und alsbald kam Blut und Wasser heraus.[41]

   
   

[35] Vorbereitungstag auf den Sabbat, der zugleich 1. Feiertag ist. Der Sabbat beginnt mit Einbruch der Nacht.

[36] Die Juden kannten selbst eine Strafe des Aufhängens, die als Strafverschärfung zur Todesstrafe dazu kam: Die Leiche wurde zur Abschreckung aufgehängt, musste allerdings am Abend wieder abgenommen werden, weil sie sonst das Land entweiht hätte (5. Mose 21,22‑23). Ähnlich wird man die Kreuzigung empfunden haben, hatte aber normalerweise keine Möglichkeit, die Gekreuzigten noch am selben Abend abzunehmen.

[37] Er fiel auf den Hauptfeiertag des Festes.

[38] Wenn der Gekreuzigte sich hängen ließ, bekam er Atemnot. Er versuchte sich daher an den Füßen aufzurichten und die Arme zu entlasten, hielt das aber nicht lange durch. Wenn man ihm die Beinknochen brach, kannte er sich nicht mehr aufrichten. Das Gehirn wurde dann nicht mehr genügend durchblutet; er fiel in Ohnmacht und starb ganz schnell.

[39] Johannes fühlt sich dabei an 2. Mose 12,46 erinnert, dass dem Passahlamm kein Knochen zerbrochen werden soll.

[40] Vgl. Sacharja 12,10 "Sie werden hinschauen auf den, den sie durchbohrt haben." Der Lanzenstich ist aber wohl nicht aus dieser Stelle erschlossen. Man fragt sich aber, warum Jesus hier eine Sonderbehandlung bekommt. Um sicher zu sein, dass Jesus wirklich tot war, hätte man ihm ja auch die Beine zerschlagen können. Wollte ein mitleidiger Soldat Jesus ein längeres Leiden ersparen? Der Lanzenstich könnte bestätigen, dass der Hauptmann wirklich gemerkt hatte, dass Jesus etwas Besonderes war. – Im Sinne von Johannes soll der Stich aber wohl den Beweis bringen, dass Jesus wirklich tot ist.

[41] eine Besonderheit, die Johannes symbolisch ausdeutet, wie der folgende Vers nahe legt. Johannes verrät uns aber nicht, was er sich gedacht hat – etwa eine Verbindung von Sühnetod und Taufe?

Ähnlich verstanden die Kirchenväter die Stelle: Aus dem geöffneten Leib Christi entspringen Taufe und Abendmahl. Beide Sakramente werden wirksam erst durch den Tod Christi.

Für 'Seite' wird hier im griechischen Text dasselbe Wort pleura verwendet wie im Bericht über die Erschaffung der Eva (1. Mose 2,21). Nach der griechischen Übersetzung wurde Eva nicht aus eine der "Rippen" (lat. costa), sondern aus einer der "Seiten" (griech. pleura) erschaffen. Sieht der Evangelist da einen Zusammenhang: Jesus als der neue Adam, aus dessen Seite die neue Menschheit erschaffen wird, geboren aus Taufe und Abendmahl?

Eine ähnliche Vorstellung (wiedergeboren aus Wasser und Geist) finden wir Johannes 3,5.

Bei dem "Wasser" handelt es sich vielleicht um Zellflüssigkeit. Durch die brutale Behandlung wurde vielen Körperzellen zerquetscht. Das Wasser sammelte sich in den Körperhöhlen und floss durch den Stichkanal aus.

Andere denken an Blutflüssigkeit, ein Zeichen dafür, dass das Blut schon teilweise geronnen war, vielleicht in den äußeren Schichten des Körpers. Das Wasser würde also beweisen, dass Jesus tot war, das Blut dagegen, dass der Tod noch nicht lange eingetreten war.

 

 

f) Die Frauen unterm Kreuz

(Markus 15,40‑41) Es sahen aber auch Frauen [42] von ferne [43] zu, unter ihnen auch Maria aus Magdala [44] und Maria, die Mutter von Jakobus dem Jüngeren [45] und von Joses [46] und Salome [47], die ihm, als er in Galiläa war, folgten und dienten, und viele andere, die mit ihm nach Jerusalem hinaufgezogen waren.

   
   

[42] Die männlichen Jünger waren ja geflohen.

[43] Johannes lässt sie unter dem Kreuz stehen, damit sie hören können, was Jesus sagt.

[44] lat. Magdalena. Sie stammt aus einem Ort am See Genezareth und ist die einzige, deren Name in der Passions-‑ und Ostergeschichte aller Evangelien genannt wird. Lukas 8,2 nennt sie ebenfalls an erster Stelle unter den Frauen, die er gesund gemacht hatte von bösen Geistern und Krankheiten. Sie war also eine ehemalige Patientin Jesu. Lukas will wissen, aus ihr seien gleich sieben böse Geister ausgefahren. Sie wird dann noch als wichtigste Zeugin der Kreuzigung, Grablegung und des leeren Grabs genannt. Das ist alles, was wir über diese Frau wissen.

Dass sie die große Sünderin aus Lukas 7 gewesen sei, behauptet erst die Legende, vielleicht weil Maria unmittelbar nach der Salbungsgeschichte genannt wird. Dass sie eine Schülerin Jesu gewesen sei, also eine weibliche Theologiestudentin, wird nirgends gesagt, vielmehr hätten sie und die anderen Jesus mit ihrer Habe gedient, d.h. materiell unterstützt.

[45] wörtlich: dem kleineren, später mit dem Apostel und Sohn des Alphäus gleichgesetzt. Der älteste der Jesusbrüder hieß aber auch Jakobus und hatte einen Bruder namens Joses und eine Mutter namens Maria. Da Markus von den Familienverhältnissen Jesu weiß (Markus 6,3) und den Apostel, Sohn des Alphäus kennt (Markus 3,18), wird er kaum der Meinung gewesen sein, es habe sich um einen diese beiden Jakobusse gehandelt. Es ist auch kaum vorzustellen, dass seine Tradition an den Jesusbruder gedacht hätte, der doch so bekannt wie Petrus war.

Nun weiß auch Johannes 19,25 von einer zweiten Maria, die er aber [Frau] des Klopas nennt. Manche haben daher versucht, diesen Klopas mit Alphäus (eigentlich Chalpai) und den Sohn Jakobus mit dem Apostel gleichzusetzen, aber das ist unwahrscheinlich, weil Klopas doch wohl eher = Kleopas ist. Es wäre aber möglich, dass dieser Klopas bei Johannes der Vater von Jakobus und Joses nach Markus ist.

[46] Geläufige Kurzform von Josef.

[47] bei Matthäus ist die dritte Frau die Mutter der Zebedäussöhne Johannes und Jakobus.

Bei Johannes dagegen wird an erster Stelle die Mutter Jesu genannt und behauptet, sie sei die Schwester der Klopasfrau Maria gewesen. Das ist ja wohl kaum vorstellbar, dass Maria eine Schwester gleichen Namens hatte. Johannes hat also Salome durch die Mutter Jesu ersetzt, u.zw. wegen seiner Szene mit dem Lieblingsjünger: Jesus stiftet ein Mutter‑Sohn‑Verhältnis zwischen Maria und dem besseren Ich des Petrus und macht damit Petrus zu seinem Bruder.

 

 

16. Die Grablegung Jesu

(Markus 15,42‑47) Und als es schon Abend [48] geworden war, (es war nämlich Rüsttag, das ist der Tag vor dem Sabbat), kam Josef aus Arimathäa [49], ein angesehener Ratsherr [50], der ebenfalls auf das Reich Gottes wartete [51] und wagte es, ging zu Pilatus hin ein und erbat sich den Leib Jesu. [52] Pilatus aber verwunderte sich, dass er schon tot sein sollte [53], ließ den Hauptmann zu sich rufen und fragte ihn, ob er schon lange gestorben sei. Und als er es vom Hauptmann erfahren hatte [54], schenkte er dem Josef den Leichnam. Dieser kaufte [55] Leinwand, nahm ihn herab, hüllte ihn in die Leinwand [56], legte ihn in eine Gruft, die in den Felsen gehauen war [57], und wälzten einen Stein vor die Türe der Gruft. [58] Maria aus Magdala  und die Maria des Joses  sahen, wo er hingelegt worden war. [59]

   
   

[48] d.h. wohl: später Nachmittag

[49] an der Nordwestgrenze von Judäa

[50] Mitglied des Hohen Rats. Lukas 23,51 will wissen, dass Josef nicht bei der Verurteilung Jesu mitgestimmt hatte. Nur ein Mann mit Rang und Namen kann wegen einer Freigabe der Leiche bei Pilatus vorsprechen.

[51] Josef war anscheinend kein Christ, sondern nur ein Sympathisant. Matthäus 27,57 und Johannes 19,38 behaupten freilich, er sei ein Jünger gewesen. Wahrscheinlich haben Matthäus, Lukas und Johannes aus der Bezeichnung "Sympathisant" geschlossen, dass Josef Christ war und gegen die Verurteilung gestimmt hätte. Vielleicht ist aber die Einstellung Josefs auch nur aus dem erschlossen, was er getan hat. Da alle Evangelisten Josef den Lesern vorstellen, wird ihn keiner gekannt haben.

Denkbar wäre allerdings auch, dass Josef nur aus Pflichtbewusstsein oder im Auftrag des Hohen Rats gehandelt hat: Die Leichen der Gekreuzigten mussten noch vor Sonnenuntergang bestattet werden

[52] Es bestand wahrscheinlich die Möglichkeit, dass die Leichen der Gekreuzigten auf Wunsch von Angehörigen beigesetzt werden durften.

[53] Bei Jesus ging es ja wirklich sehr schnell. Gekreuzigte haben wohl manchmal noch tagelang gelebt.

Man darf aber nicht folgern, Jesus sei gar nicht tot gewesen, und Josef hätte ihn überstürzt ins Grab gelegt, um ihn zu retten. Trotz der folgenden Ostergeschichten ist die Auferstehung doch wohl etwas anderes gewesen als die Wiederbelebung eines Halbtoten, sondern ein geistiger Akt. Worauf es ankommt, ist, dass Jesus als der kommende Menschensohn zur Rechten Gottes sitzt (vgl. das Stephanusbekenntnis Apostelgeschichte 7,56). Dazu braucht er aber keinen Körper.

[54] Die Befragung des Hauptmanns fehlt bei Matthäus und Lukas, die diese Verse also nicht im Urmarkus gelesen haben. Ein Einschub, der beweisen soll, dass Jesus tatsächlich tot war – gegen die Behauptung, Jesus sei nur scheintot gewesen.

[55] Ein Hinweis, dass Jesus trotz der Datierung von Markus nicht am 1. Feiertag gekreuzigt worden ist: Josef hätte an diesem Tag keine Leinwand bekommen.

[56] ohne ihn einzubalsamieren! Dagegen Johannes: Er wurde einbalsamiert mit Salben, die der aus Johannes 3 bekannte Nikodemus besorgt hatte.

[57] Matthäus 27,60, Lukas 23,53 und Johannes 19,41 betonen, dass es eine bisher nicht benutzte neue Gruft war. Man hat also spätestens in den 80er Jahren ein unbenutztes Grab in Jerusalem als Beweis für die Auferstehung gezeigt. Dieses Grab muss es wirklich gegeben haben, denn man hat versucht, mit allen möglichen Argumenten zu erklären, warum das Grab leer war; es hat aber keiner behauptet, das Grab sei gar nicht leer gewesen. Das jetzt in der Grabeskirche verehrte heilige Grab war also wohl schon um 80 n. Chr. bekannt. Wenn Markus nicht betont, dass das Grab "neu" war, dann beweist das zunächst nur, dass ihm dieses Argument noch nicht wichtig war.

Man muss sich natürlich fragen, seit wann das Grab als Beweisstück gedient hat.

Matthäus 27,60 (vgl. Petrusevangelium VI 24) will wissen, dass es sich um ein Grab gehandelt hat, das Josef für sich selbst hatte machen lassen. Nach Johannes 19,41 lag das Grab in einem Garten, der nach dem Petrusevangelium. Josefs Garten genannt wurde. Die Lage des Grabes im Garten und der Name des Grundstücks könnte überliefert sein; dass das Grab für Josefs vorgesehen war, ist wohl eine Vermutung.

[58] Höhlengräber mit Rollsteinen sind bei Jerusalem nachgewiesen, auch unter der Grabeskirche. Diese aufwendigen Anlagen konnten sich nur Reiche leisten und dienten als Familiengräber. Die Toten wurden in Tücher gehüllt auf einer Art Bank niedergelegt und verwesten ziemlich rasch. Nach einiger Zeit sammelte man die Knochen und setzte sie in einem Steinsarg bei. Später scheint jeder Tote eigenen Sarkophag bekommen zu haben.

[59] Matthäus fügt hier eine ziemlich verwickelte Geschichte ein: Am Sabbat hätten die Priester Pilatus um eine Wache gebeten, weil sie in weiser Voraussicht ahnten, dass die Christen behaupten würden, Jesus sei auferstanden. Die Wache sollte verhindern, dass die Leiche gestohlen wurde. Die Wache konnte trotzdem die Auferstehung nicht verhindern und erstattete den Priestern Bericht. Diese bestachen sie, sie sollten überall erzählen: "Während wir schliefen, kamen die Jünger und haben die Leiche gestohlen." Man erkennt hier leicht die verschiedenen Argumente, die in der Diskussion um das leere Grab gebraucht wurden, und merkt, dass das Grab keinerlei Beweiskraft hat.

   

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Übersicht

 

Predigt Joh 19,16-24.28-30 (1991)

 

Datum: 1989 / 2005

Aktuell: 21.03.2008