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Heinrich Tischner Fehlheimer Straße 63 64625 Bensheim |
Offener Brief an eine Braut |
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5. "Aus Gottes Hand hinnehmen"
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Liebe Ramona, Nicht die Mitteilung, dass du geheiratet hast, hat mich heute im Laufe des Tages beschäftigt, sondern deine Gedanken über das Treuegelöbnis. Du bist nicht die Einzige, die sich Gedanken darüber macht, dass das Gelöbnis so oft wieder gebrochen und so selten gehalten wird, "bis der Tod euch scheidet". Meine Hochzeiter, die ich trauen soll, müssen sich ja auch mit diesem Thema beschäftigen. Jetzt will ich dir mal meine Meinung dazu schreiben: 1. Zusammenleben vor der Ehe?
Es gibt heute
kaum noch ein Paar, das vor der Eheschließung nicht schon längere Zeit
zusammen gelebt hat, und ich frage mich ernsthaft, welchen Sinn dann eine
Hochzeitsfeier noch hat. Es ändert sich durch die Trauung ja nur noch
formal etwas. Noch zu unsrer Zeit war es anders; wir sind erst nach der
Hochzeit zusammen gezogen und das haben andere Paare auch so gehalten.
Damals war die Hochzeitsfeier wirklich der Beginn eines gemeinsamen
Lebens. Heute haben sich nicht nur die Sitten, sondern auch die
allgemeinen Lebensumstände geändert. Die Ausbildung dauert wesentlich
länger als früher, deshalb heiratet man auch später. Andrerseits ist es
auch verständlich, wenn junge Menschen ab 20 endlich selbstständig sein
wollen und von zu Hause ausziehen. Und wenn man schon eng befreundet ist,
dann ist es auch sinnvoll, wenn man gleich zusammen zieht und einen
gemeinsamen Haushalt führt. Mit dem Heiraten wartet man aber wie bisher,
bis die Ausbildung abgeschlossen ist und man weiß, wie es weiter geht. Das
alles ist vernünftig und nichts dagegen zu sagen. 2. Wann beginnt die Ehe?Die Ehe beginnt nach meiner Meinung nicht erst auf dem Standesamt oder in der Kirche, sondern sobald die beide sich einig geworden sind. Die öffentliche Eheschließung ist nur ein formaler Akt, mit dem dieses Einverständnis öffentlich anerkannt wird. a) Der Staat hält für Verheiratete ein ganzes Paket von Rechten bereit, die man aber nur in Anspruch nehmen kann, wenn der Staat das auch weiß. Das ist der Sinn der standesamtlichen Eheschließung, die sich darin nicht von einer Vereins- oder Firmengründung unterscheidet. Die Eheschließung begründet ein Rechtsverhältnis, das auch wieder aufgehoben werden kann. b) Trotzdem ist Ehe was anderes als ein Verein oder eine Firma. Da spielt das menschliche Verhältnis eine Ausschlag gebende Rolle. Ich kann nicht einen Menschen lieben und später so tun, als ob nichts gewesen wäre. Ich bleibe zeitlebens dem Menschen verpflichtet, den ich einmal geliebt habe. Das ergibt sich aus dem Wesen der Liebe. Darum geht es bei der kirchlichen Trauung. c) Als Christen glauben wir, dass Gott Liebe ist. Damit wird die Liebe zu einem religiösen Akt und die Ehe zu einer Art Sakrament. Wer einen Menschen liebt, lässt ein Stück Gott in seinem Leben Wirklichkeit werden. Auch darum geht es bei der kirchlichen Trauung. 3. Ehe auf Dauer
Es liegt im
Wesen der Liebe, dass sie auf Dauer angelegt ist. Ich liebe entweder ganz
oder gar nicht. Lieben heißt vorbehaltlos Ja sagen zum Anderen. Und zwar
nicht nur jetzt in einer momentanen Anwandlung, sondern für immer. 4. Und die Scheidung?Wie gehen wir dann aber damit um, dass so viele Ehen wieder kaputt gehen (angeblich ein Drittel)? Ich sage dann meinen Hochzeitern:
Die lebenslange Treue
ist ein Ideal, das wir nicht vorschnell aufgeben dürfen, weil die Liebe
auf Dauer angelegt ist. Ein Ideal ist ein Ziel, das ich anstrebe, ohne
dass ich garantieren kann, dass ich es erreiche. Aber ich habe den guten
Willen dazu. Mehr kann man nicht verlangen. 5. "Aus Gottes Hand hinnehmen"
In der
Formulierung "aus Gottes Hand hinnehmen" steckt noch ein weiterer Gedanke,
der mir selbst oft weiter geholfen hat. Dass ihr beide euch gefunden habt,
ist kein Zufall. Ihr seid geführt worden, ja ihr seid für einander
geschaffen.
Viele liebe
Grüße, auch an Gregor, dein Heinrich Tischner Nachschrift:Dieser Brief war "an eine Braut" und ihren Bräutigam gerichtet, die schon ihre Hochzeit planten. Euch, die ihr nicht so weit seid, empfehle ich dringend zu prüfen, ob ihr wirklich füreinander geschaffen seid, bevor ihr euch das Ja-Wort gebt. Deshalb will ich euch noch ein paar Punkte nennen, die ihr beachten müsst:
1. Die sexuelle Begeisterung füreinander
lässt mit der Zeit nach.
2. Passt ihr in eurer Lebensweise und
Lebensauffassung zusammen?
3. Passt ihr gesellschaftlich zusammen?
4. Könnt ihr einander ergänzen? |
Hochzeit Trauung Ehe Eheschließung | ||
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Datum: 1997 / 2005 Aktuell: 14.07.2006 |
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