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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Predigten

Gen 2

Datum: 23.9.1990 Anlass: 15. n. Trin. Ort: Georgenhausen

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Der heutige Predigttext räumt mit einer ganzen Menge Vorurteile auf, die wir uns zu dieser Geschichte gebildet haben. Diese Vorurteile sind entstanden, weil sich kaum jemand die Mühe macht, die Geschichte richtig zu lesen. Wir überfliegen sie und glauben, wir wissen Bescheid. Wir wissen aber gar nichts.

Vorurteil 1: Gott hat den Menschen aus einem Klumpen Lehm gemacht.

1a Zugegeben: das ist eine uralte Vorstellung, die auch in die Bibel eingedrungen ist: Der Schöpfer nimmt einen Klumpen Lehm, krempelt die Ärmel hoch und formt daraus eine Figur. Die macht er am Ende lebendig.

b Dass der Mensch aus Erde ist, leuchtet uns nicht ein; für den Hebräer ist's selbstverständlich und ergibt sich schon aus dem Wort. Ich habe daher nicht "Mensch", sonder "Erdling" Übersetzt.

2 Hier steht aber nicht: "Gott formte den Menschen aus einem Klumpen Lehm". So lesen wir es hinterher über die Tiere: "Gott formte aus Erde alle Lebewesen." Vom Mensche aber steht was anderes da: "Gott formte den Menschen, Komma, Lehm von der Erde…" Der Mensch ist zwar Lehm; aber Gott hat ihn nicht aus vorhandenem Lehm geformt, sondern aus dem Nichts geschaffen. Das hat der biblische Erzähler vor 3000 Jahren schon gewusst.

Vorurteil 2: Hätte Eva nicht in den Apfel gebissen, bräuchten wir jetzt nicht zu sterben.

1 Im nächsten Kapitel lesen wir: "Der Erdling muss wieder zu Erde werden, aus der er gemacht ist." Der Lehm, aus dem wir bestehen, ist zerbrechlich. Irgendwann müssen wir kaputt gehen. Der Tod ist uns also schon in der Schöpfung einprogrammiert.

2 Andrerseits hätten die Menschen ja vielleicht die Gelegenheit gehabt, vom Lebensbaum zu essen, wenn sie nicht aus dem Paradies geflogen wären. Aber die Unsterblichkeit wäre uns auch dann nicht angeboren, sondern nachträglich erworben.

3 Wie ist es aber damit, dass Gott droht: "Wenn du davon isst, musst du sterben"? Da geht's nicht um sterblich oder unsterblich, sondern Gott droht die Todesstrafe an: "Wenn du davon isst, bring ich dich um." Das hat Gott dann aber doch nicht gemacht, sondern nur Adam und Eva begnadigt: Statt Tod die Verbannung

Vorurteil 3: Das Paradies war ein Schlaraffenland

1 Ich hätte dort nicht leben wollen. Ich hätte das viele rohe Obst sicher nicht vertragen und wäre auf die Dauer verhungert.

2 Das Paradies war auch deswegen kein Schlaraffenland, weil der Mensch dort arbeiten musste: Er sollte den Garten "bearbeiten und bewahren."

a Die Arbeit bestand sicher nicht nur im Äpfelpflücken. Was Gott den Menschen vorgegeben hatte, war ein Urwald, keine Kulturlandschaft. Gestrüpp und Brennnessel in allen Ecken, ein paar saure Holzäpfel dazwischen, das war der Garten Eden. Für zwei Menschen hat's gereicht, aber ich hätte dort nicht leben mögen.

b Die Arbeit für den Menschen bestand darin, aus diesem Urwald erst ein Paradies zu machen: eine schöne gepflegte Anlage mit Golden Delicious und Goldparmänen, auch Rosen und eine blumige Naturwiese, auch Holler und Brennnesseln, aber nicht kreuz und quer durch einander, sondern alles an seinem Ort. Die Schöpfung ist noch nicht fertig, sondern muss vom Menschen vollendet werden.

c Seine Tätigkeit hat aber seine Grenzen darin, dass der Garten Eden erhalten bleiben soll. Der Mensch soll nicht nur bearbeiten, sondern auch bewahren. Er darf zwar Bäume veredeln und neue Sorten züchten, er darf auslichten und umpflanzen, aber nicht den Garten roden und zur Wüste werden lassen. Er darf auch nicht einfach alles seinen Zwecken dienstbar machen. Der Erkenntnisbaum ist ein Beispiel dafür: ein Stück unberührte Natur, von dem der Mensch die Finger lassen soll.

3a Die Bibel deutet an, dass schon Adam und Eva in dieser Hinsicht versagt haben: Der Garten Eden wird hinterher nicht von Menschen, sondern von drachenähnlichen Cherubim bewahrt. Menschen haben dort nichts mehr verloren.

b Wieso haben die Menschen versagt? Weil sie der Schlange nicht rechtzeitig das Maul verboten haben. Sie haben sie reden lassen und damit das Böse in den Garten eingelassen. Nicht die Schlange war böse, sondern sie hat das Böse nur wie einen Bazillus eingeschleppt. Sie war vom Bösen infiziert und hat Adam und Eva damit angesteckt.

Vorurteil 4: Gott hat zuerst den Mann und dann ganz am Schluss die Frau erschaffen.

1 Beim oberflächlichen Lesen steht's ja auch so da. Aber wir müssen genau hingucken, bevor wir was Falsches behaupten.

a Aus was hat Gott die Eva gemacht? Luther übersetzt nach alter Tradition "aus einer Rippe", also einem unbedeutenden Körperteil, von dem wir eine ganze Menge haben. Aber das Wort, das hier steht, bedeutet sonst immer nur "Seite, Seitenteil". Das liest sich fast so, als sei das ein Körperteil gewesen, den wir nicht mehr haben, weil er ja wegoperiert ist.

b Was hat Gott mit diesem Teil gemacht? Er hat daraus nicht eine Frau "gemacht" oder "geformt, sondern da steht das seltsame Wort "gebaut". Mit einer einzelnen Rippe kann man nicht viel bauen. Aber wenn das ein größeres Organ gewesen wäre, dann könnte man das ja vielleicht umbauen, also ein bisschen anders konstruieren.

2a Ich hab fast den Eindruck, dass der Erzähler sagen will: Der Urmensch war so eine Art siamesischer Zwilling, den Gott in zwei Teile geteilt hat. Beim einen Teil musste Er nur die Schnittwunde verheilen lassen, beim anderen Teil musste Er noch ein paar zusätzliche Operationen vornehmen, dass er lebensfähig blieb.

b Wenn dann am Ende des Kapitels steht, dass der Mann seine Eltern verlässt und sich an seine Frau hängt, dann ist das nicht nur eine banale Feststellung, was die jungen Leute halt mal so machen, sondern eine Erkenntnis: Die beiden haben sich wieder gefunden. Es sind die zwei getrennten Hälften des Urmenschen, die sich wieder vereinigen. Das "eine Fleisch" ist nicht erst das Kind, sondern entsteht schon dann, wo die beiden sich ganz fest in den Arm nehmen. So ähnlich muss der Urmensch ausgesehen haben.

3 Es ist also nicht so, wie man Jahrtausendelang behauptet hat: Erst war der Adam, und ganz am Schluss hat Gott aus einer winzigen Rippe die Eva gemacht - so 'ne Art Blinddarmoperation, die Adam nichts ausmachte –

a sondern wenn uns Menschen die Trennung nicht bewusst wäre, wenn wir den amputierten Teil nicht vermissen würden, dann würden wir nicht so aufgeregt danach suchen.

b Und Adam war auch kein Mann, sondern nur der siamesische Urmensch. Von Mann und Frau ist erst nach der Operation die Rede. Wer's nicht glaubt, kann's in, jeder Bibel nachlesen.

c Die Frau ist also kein Abfallprodukt des Manns, der Mann kein Prototyp des Menschen, sondern Mann und Frau sind Spaltprodukte des Urmenschen. Adam - Frau = Mann; Adam - Mann = Frau; Mann + Frau Adam.

Vorurteil 5: Wenn Eva nicht in den Apfel gebissen hätte, wären wir jetzt noch im Paradies,

1 Dass der Garten Eden gar nicht so paradiesisch war, haben wir schon festgestellt.

2 Die Bibel deutet aber selber an, dass es auch im Paradies Mängel gab:

a Dass der Urmensch allein ist, empfindet Gott als einen Mangel und hat Mühe, für ihn die passende Gesellschaft zu finden.

b Er muss schon den ersten Menschen was verbieten. Die waren also auch keine Engel, sondern Gott traut ihnen zu, dass sie Blödsinn machen.

c Dass die ersten Menschen nackt waren, war auch nicht gut. Das hat Gott erst gemerkt, als sie anfingen sich zu schämen, und hat ihnen dann bessere Kleider verpasst als die notdürftig zusammengeflickten Feigenblätter.

d Die Menschen waren aber nicht nur nackt, sondern auch dumm. Das hängt beides miteinander zusammen. Der Erzähler drückt das in einem Wortspiel aus, das wir kaum nachmachen können: "Die Menschen waren ungewandet, die Schlange gewandter als alle Lebewesen und auch die Menschen."

e Gescheit werden die Menschen erst durch den Biss in den Apfel. War das gut oder schlecht?

f Ich bin froh, dass das so gekommen ist. Denn ohne Sündenfall würden wir heute noch nackt wie die Affen im Urwald rumlaufen und rohes Obst essen. Die ersten Menschen waren wie die Affen. Da hat Darwin Recht.

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Übersicht

 

Auslegung

 

Datum: 1990 / 2015

Aktuell: 26.03.2016