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Heinrich Tischner Fehlheimer Straße 63 64625 Bensheim |
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I Geschwister leben nicht immer einträchtig beieinander. Das sehen wir an der Geschichte von Kain und seinem Bruder Luft.1 Es fängt damit an, dass sie geboren werden. a Sehr ausführlich berichtet der Erzähler über Kains Geburt. Sein Name wird extra begründet und drückt Freude aus: "Ich habe einen Mann gewonnen mit Gottes Hilfe." b Beim zweiten Kind geht alles ein bisschen schneller: "und dann bekam sie noch ein Kind, Kains Bruder Luft." Den Namen muss man nicht erklären;,er versteht sich von selbst. 2 Zwei Kinder, vielleicht Zwillinge, davon eine echte Errungenschaft, ein verhätscheltes Wunschkind namens Kain, und ein Mensch, der Luft heißt und Luft ist für andere, ein unerwünschtes, ungeliebtes Kind. 3 Die beiden Kinder entwickeln sich denn auch ganz verschieden: Kain wird Bauer und Abel Schäfer. a Das waren damals keine gleichwertige, ehrenhafte Berufe, sondern zwei gegensätzliche Lebensweisen: Der Bauer ein sesshafter, fleißiger Schaffer, der Schäfer ein Landstreicher, der ein paar Schafe besaß, von denen er sich ernähren konnte. b Wie kommt es zu dieser Verschiedenheit? Der ältere Kain hat den Bauernhof geerbt und kann daher von der Landwirtschaft leben. Der jüngere Abel wird mit ein paar Schafen abgefunden und muss ein Landstreicherleben führen.
II 1 Mit vieler Mühe hat Kain endlich seine Ernte eingebracht und feiert Erntedankfest.a Er weiß, dass er die Ernte nicht seiner eigenen Anstrengung, sondern dem Segen Gottes verdankt. Deshalb bringt er Gott ein Opfer dar von den Früchten des Feldes. b Er hat sein Feld nicht bis auf den letzten Halm abgeerntet, sondern am Rand einen Teil stehen lassen. Er wollte damit sagen: "Ich danke Dir, lieber Gott, dass du's hast wachsen lassen; ich nehme nicht alles für mich in Anspruch, sondern lasse einen Teil stehen, der ist für dich." Mose hat diesen Brauch beibehalten; aber er sagt: "Der stehen gebliebene Anstandsrest ist für die Armen, das ist ein Opfer, wie es Gott haben will. c Eine andere Art von Opfer bestand darin, dass Kain einen weiteren Teil seiner Ernte an Gott zurückgab. Er warf einen Teil seiner mühsam gewonnenen Getreidekörner auf den Acker und gab sie damit Gott zurück. Das macht jeder Landwirt heute genauso, nur dass er dass nicht als ein religiöses Opfer ansieht, sondern als eine wirtschaftliche Investition. Er redet auch nicht von Opfer, sondern von Saat. Mose hat auch diesen Opferbrauch beibehalten. 10 % des Ernteergebnisses müssen für religiöse und soziale Zwecke abgeliefert werden. 2 Luft hat auch "geerntet", nämlich Lämmer. Auch er gibt einen Teil an Gott zurück, der ihm dazu verholfen hat: Er schlachtet die ersten Lämmer aus jedem Wurf und opfert sie Gott, indem er sie auf einem Altar verbrennt. Und wenn er sonst ein Schaf schlachtet, dann bekommt Gott auch Seinen Teil, der verbrannt wird. Auch diesen Brauch haben die Israeliten in den Tempelopfern übernommen - alles also uralte Bräuche, die sie nicht erst auf Mose, sondern schon auf die ersten Menschen zurückführen. 3a Das Lieblingskind Kain hat also geopfert und der Bruder Luft auch. Jeder hat sein Bestes gegeben, und man sollte annehmen, dass Gott gerechter ist als die Menschen und die Bemühungen beider honoriert. b Aber nein, nichts von Gleichheit vor Gott, sondern "Gott achtete auf Luft und sein Geschenk, aber auf Kain und sein Geschenk achtete Er nicht." Auch Gott macht also Unterschiede, aber andere als die Menschen. Er zeigt sich gerade für das Opfer des benachteiligten Luft erkenntlich und nicht für das des bevorzugten Kain. 5a Das zeigte sich darin, dass im nächsten Jahr Lufts Herde noch mehr Zuwachs erhielt und wurde von Jahr zu Jahr größer und größer. Gott hat sich also für das Opfer erkenntlich gezeigt und Lufts Herde gedeihen lassen. b Kain dagegen wurde vom Pech verfolgt: Der Acker brachte von Jahr zu Jahr weniger Ertrag und am Schluss gab er gar nichts mehr her. Und dabei hat er doch genauso mit frommer Gesinnung geopfert wie sein Bruder. Ist Gott ungerecht, dass Er die Menschen so verschieden behandelt? c Heute wissen wir: Man darf nicht jahrelang auf demselben Acker Getreide anbauen, sondern man muss abwechselnd verschiedenes pflanzen und außerdem düngen. Tatsächlich haben die ersten Bauern mit ihren primitiven Methoden die Böden ruiniert und ganze Landstriche im Orient zur Wüste gemacht. Das hat nichts mit Religion zu tun, sondern ist eine Frage der Ackerbautechnik. Aber das konnte Kain noch nicht ahnen.
III Die eigentliche Tragik kommt aber noch: Kain gibt nicht Gott, sondern seinem Bruder die Schuld und bringt ihn um.1 Gott verhält sich in dieser Geschichte sehr merkwürdig: a Er sagt dem Kain nicht: "Du sollst nicht töten", sondern hält ihm nur einen sehr allgemeinen Vortrag über Wut und Selbstbeherrschung und warnt mit keinem Wort vor einem Mord. b Hat Kain etwas gemacht, was Gott nicht für möglich gehalten hätte, dass nämlich ein Mensch den anderen, ein Bruder den anderen umbringt? Wir müssen bedenken: Es war ja bisher noch niemand gestorben. Der erste Todesfall in der biblischen Menschheitsgeschichte ist ein Mord! 2 Ich kannte mal einen Grundschüler, der hat immer wieder den lateinischen Spruch zitiert: "Homo homini lupus - der Mensch ist für den Menschen ein Wolf." Das war offenbar alles, was er an Moral aus seinem Elternhaus mitbrachte. Wenn man die Geschichte von Kains Brudermord liest, könnte man fast glauben, dass es so ist. Vom Brudermord zum Terrorismus, Krieg und Völkermord ist nur ein Schritt. 3 Zum Glück ist damit noch nicht das letzte Wort gesprochen. a Gott ist kein Mörder. Er bringt den Mörder Kain nicht um, sondern begnadigt ihn zur Verbannung. Die Entwicklung, die mit Adam und Eva begonnen hat, wird damit fortgesetzt: Die Landschaft wandelt sich vom blühenden Garten Eden zur Kultursteppe und von der Kultursteppe zur Halbwüste, wo gerade noch Viehzucht möglich ist. b Gott lässt sich von dem unvorhersehbaren Brudermord nicht aus dem Konzept bringen. Er stellt der menschlichen Mordlust das erste Gesetz, die Blutrache, entgegen, das zunächst mal Tausende von Jahre seinen Zweck erfüllt hat. c Später kommen die 10 Gebot und andere Gesetze dazu. Und als die Menschen dann anfingen, sich in juristische Spitzfindigkeiten zu verwickeln, hat Jesus schließlich das "königliche Gesetz" der Liebe verkündigt, die die einzig sinnvolle Art zu leben überhaupt ist. 4 Wir dürfen also nicht nach der Geschichte von Kain und Abel die Bibel zumachen und sagen: "Schade, homo homini lupus", sondern müssen weiter lesen über Noah, Mose und die Propheten bis zu Jesus. Wir erfahren dabei immer wieder: Gott gibt Seine Schöpfung nicht verloren, sondern weiß sich immer wieder zu helfen, weil Er die Schöpfung und die Menschen und dich und mich liebt. |
Hochzeit Trauung | |||||||||
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Datum: 1994 / 2005 Aktuell: 11.09.2011 |
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