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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Predigten

Ex 34,4-10

Datum: 28.09.2008 Anlass: Silberne Konfirmation (19. n. Trinitatis) Ort: Georgenhausen

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    I. "Das ist grad, wie wenn man einem Ochsen ins Horn petzt."
1. So etwa mag es Mose vorgekommen sein, als er das Goldene Kalb sah: Da redet man sich den Mund fusselig: "Du sollst keine anderen Götter haben". Und kaum guckt man weg, dann opfern sie ihren Schmuck, basteln sich einen goldenen Ochsen, tanzen drum herum und beten ihn an. Merkt's euch doch endlich einmal: Ihr seid Rindviecher und Hornochsen, wenn ihr das Goldene Kalb anbetet.
2. Wir können heute die alten Israeliten verstehen: Religion braucht Symbole und Rituale. Sie will gelebt werden, sonst verkümmert sie und fristet nur noch ein Schattendasein in unserm Herzen. Die Israeliten schufen sich ein Symbol: Der Stier war das stärkste bekannte Tier. Gott ist mächtig und stark, dachten sie, also machen wir ein Stiersymbol, das uns an Gott erinnern soll. Wir nehmen dazu das Wertvollste was wir haben, unsern Schmuck, um auszudrücken, was Gott uns wert ist. Wir tanzen um dieses Symbol herum, damit nicht nur unser Kopf, sondern auch unser Körper merkt, dass Gott im Mittelpunkt unseres Lebens steht. Alles soll sich um ihn drehen. Das klingt doch nicht schlecht, oder?
3. Warum ärgert sich Mose denn so?
a) Erster Grund: Das Goldene Kalb verstieß gegen die Selbstverpflichtung, die sich Israel auferlegt hatte: 1. keine fremden Götter verehren und 2. keine Bilder anbeten. Mose zerbrach die Gesetzestafeln nicht aus Wut, sondern zum Zeichen dafür, dass die Vereinbarung gebrochen und daher nicht mehr gültig war.
b) Zweiter Grund: Götter fordern Opfer. Es fing damals ja ganz harmlos an: Die Israeliten sollten Schmuck opfern für ein Gottesbild. Es musste aus Gold sein, um Gott zu ehren – und um jedem vor Augen zu führen: "Wir können uns das leisten." Das Beste ist für Gott gerade gut genug. Und für unsere Image. Das war immer so. Im Mittelalter baute man immer höhere Kirchtürme zu Ehre Gottes, im Barock hat man alles vergoldet. Von heute will ich schweigen. Es blieb aber nicht bei den Ohrringen. Man opferte die ersten Früchte, die ersten Jungen aus der Herde, also Teile des Einkommens. Und schließlich die eigenen Kinder. Die Götter und ihre Priester stellten immer unverschämtere Forderungen.
Ihr glaubt's nicht? Das steht nicht nur in der Bibel, das geschieht doch auch heute. In den letzten Kriegen wurden die Kinder als "Kanonenfutter" dem Götzen Nationalismus geopfert. Die Islamisten bilden ihre Kinder als Selbstmordattentäter aus. Der Götze Mammon fordert immer größere Opfer. Banken gehen darüber kaputt, aber man wirft ihm immer noch Milliarden in den Rachen.
4. Zwar steht auch bei Mose, dass man opfern soll und prächtige Gotteshäuser bauen. Die Propheten aber behaupten, das habe Gott gar nicht gefordert. Grundtendenz der ganzen Bibel ist jedenfalls: Gott will keine Opfer, sondern Nächstenliebe, soziales Verhalten und Hilfe für die Schwachen.
Die Religionsfunktionäre haben ja immer gesagt, man solle das eine tun und das andere nicht lassen. Wenn alle in Wohlstand leben, warum soll man da keine prächtigen Kirchen bauen und Priester gut bezahlen? Warum soll man da nicht nur für Brot für die Welt sammeln, sondern auch für die Renovierung der Orgel?
5. Vielleicht ist das so, wie wir's bei den alten Leuten erleben. Wenn man fragt: "Oma, was wünschst du dir denn zum Geburtstag?", wird sie verlegen und sagt: "Ich habe doch alles und brauche nichts." Und ist dabei nicht etwa zu faul, einen Wunschzettel zu schreiben, sondern meint es wirklich so. Sie hat doch längst gemerkt, dass sie nicht glücklicher wird, wenn sie mehr hat. Aber vielleicht freut sie sich, wenn man sich Zeit nimmt für sie, mit ihr spricht und ihr zuhört.
Auch Gott hat doch alles und braucht nichts. Was könnten wir ihm denn schenken?

II. Die Geschichte vom Goldenen Kalb wird mit mehreren Fortsetzungen erzählt:
a) Mose macht nicht nur die Gesetzestafeln, sondern auch die Figur kaputt. Das war wohl nicht mehr als recht und billig.
b) Mose reagiert so, wie jeder Tyrann reagiert hätte: Er schickt seine Truppen und die bringen 3000 Mann um. Wahllos, wen gerade das Schwert traf. Das hielt irgendein Erzähler für die angemessene Strafe.
c) Eigentlich müsste man aber erwarten, dass Gott die Übeltäter gestraft hätte. Es wird auch erzählt, Gott habe vorgehabt, alle Israeliten umzubringen und mit Mose eine neue Geschichte anzufangen.
2. Mal ehrlich: Das passt uns modernen Menschen ja überhaupt nicht. Was ist das für ein Gott, der wütend wird und um sich schlägt, wenn man in Sachen Gottesverehrung nicht genau seinen Geschmack getroffen hat? Schon mal was von Toleranz gehört? Warum kann denn nicht jeder auf seine Art Gott dienen und nach seiner Fasson selig werden?
3. Nach der Bibel ist Gott eifersüchtig und duldet nicht, dass wir uns mit etwas anderem beschäftigen als mit ihm.
a) Das lässt sich nicht so einfach wegdisputieren, dass wir sagen: "Das hat man sich damals halt so vorgestellt. Wir stellen uns vor, dass Gott sehr tolerant und großzügig ist." Ist er das wirklich? Ich habe manchmal das Empfinden, dass er mir und zu auf die Finger haut, wenn ich nicht mache, was er will
b) Ich kann das mit der Eifersucht Gottes gut nachempfinden: Die seelische Energie, die wir unseren falschen Göttern widmen, geht dem wahren Gott verloren und damit schaden wir uns selbst.
4. Ein einfaches Beispiel: Was macht ihr, wenn euch der blanke Hass entgegenschlägt? Lasst ihr euch anstecken und vergeudet ihr eure Zeit mit Verteidigungsstrategien? Lasst ihr zu, dass auch bei euch der Hass die Seele zerfrisst und euch kaputt macht? Wenn es wahr ist, dass Gottes Wesen Liebe ist, dann darf der Hass keine Macht über mich gewinnen. Dann macht es Liebe auch mal notwendig, zu leiden und in einem Konflikt den Kürzeren zu ziehen. Wer wirklich sich von Gottes Liebe getragen fühlt, der geht dabei nicht kaputt. Das durfte auch ich erfahren.
So verrückt es klingt: Auch Liebe kann intolerant sein. Sie verträgt sich nicht mit dem Hass. Aber sie lässt sich auf keine Auseinandersetzung mit ihm ein und vergeudet damit keine Zeit und Kraft.
5. Ich komme zurück auf Mose: Die Bibel erzählt, er habe Gott widersprochen, als er die Israeliten vernichten wollte, und habe ein gutes Wort für sie eingelegt. Das imponiert mir an diesem Mann: Nicht weil er den Mut hatte, den falschen Götzen zu entlarven und zu vernichten, nicht weil er angeblich Truppen eingesetzt hat, sondern weil er für die Übeltäter ein gutes Wort eingelegt hat.

III. Davon handelt der heutige Predigttext. Im Zentrum steht, dass das Wesen Gottes die Barmherzigkeit ist und dass er vergibt. Er schenkt uns immer wieder einen neuen Anfang.
1. Wir feiern heute silberne Konfirmation. Was hat sich in den 25 Jahren seither alles ereignet! Ihr seid erwachsen geworden und steht jetzt hoffentlich vor den Gipfel eures Lebens.
a) Viele messen den Wert eines Lebens an Leistung und Erfolg. Und an dem, was man sich leisten kann. Aber wenn ich mich richtig erinnere, zeichnete sich schon damals ab, dass es schwer sein würde, einen Ausbildungsplatz und eine Stelle zu bekommen. Es bekam gar nicht jeder eine Chance.
b) Welchen Wert haben Leistung und Erfolg denn tatsächlich? Wir sehen's beim Sport: Der Rekord von heute wird schon morgen gebrochen. Erfolg hält immer nur kurze Zeit an und schreit nach mehr, und irgendwann können wir nicht noch mehr leisten. Dann gehören wir zum "alten Eisen", das nichts mehr wert ist, oder?
c) Wie gehen wir mit Misserfolgen und Versagen um? Ihr kennt den Spruch: "Ich darf mir keine Blöße geben, mein Gesicht nicht verlieren." Wenn wir nur nach dem fragen was die Leute über uns denken, müssen wir ja wirklich unser Gesicht wahren, unsre Fehler vertuschen und die Scherben untern Teppich kehren.
d) Fragt nicht, was die Leute über euch denken, sondern was Gott von euch hält. Seine Meinung ist klar und das hat schon Mose gewusst: Gott ist gnädig und bereit zu vergeben. Wenn er mich so akzeptiert, wie ich bin, brauche ich mich nicht zu verstellen. Dann kann ich ehrlich sein, aus meinen Fehlern lernen und zu meinem Versagen stehen. Das macht bei den Mitmenschen mehr Eindruck, als wenn ich ihnen was vorspiele.

IV. Mit diesem Spruch über Barmherzigkeit und Vergebung befinden wir uns in der Mitte der Bibel. So hat es Jesus auch gesehen. Wenn ihr euch darauf konzentriert, kann euer weiteres Leben gelingen.
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Datum: 2008

Aktuell: 11.09.2011