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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Predigten

Matthäus 1,1-12

Datum: 12.01.97 Anlass: Epiphanias Ort: Allmendfeld, Gernsheim

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    I. Am Montag war der Gedenktag an die heiligen drei Könige
1. Vielleicht habt ihr die Sternsinger gesehen oder sogar von ihnen Besuch bekommen.
2. Einer von den dreien wird seit dem Spätmittelalter als Mohr = Schwarzer dargestellt. Er vertritt den Erdteil Afrika. Die zwei anderen sind weiß und sind die Vertreter von Asien und Europa. Dass wohl die meisten Asiaten nicht weiß, sondern gelb sind, wusste man damals noch nicht. Der schwarze und die zwei weißen Erdteile - das war vor Kolumbus die ganze Welt. Es soll also auf den alten Bildern ausgedrückt werden: Die Mächtigsten der ganzen Welt kommen und legen vor dem neugeborenen König der Juden ihre Kronen nieder; sie unterwerfen sich ihm - während der damals regierende König der Juden, der Herodes, nichts anderes im Kopf hat, als seine Herrschaft zu sichern.
3. Auf älteren Bilder sind alle drei Könige weiß, aber verschieden alt. Da ist ein ganz junger noch ohne Bart, ein ganz alter mit weißem Bart und einer dazwischen mit schwarzen Bart. Auch damit soll wohl gesagt werden: die König vertreten die gesamte Menschheit in ihren verschiedenen Altersstufen.
4. Auf eine ganz alte Überlieferung gehen die Namen der Könige zurück; schon damals, als die Namen aufkamen, dachte man an Vertreter verschiedener orientalischer Völker:
a) Kaspar ist persisch und bedeutet so was ähnliches wie 'Finanzminister' - Melchior ist hebräisch und bedeutet 'König des Lichts' und Balthasar ist ein häufiger babylonischer Name: Ein Perser, ein Jude und ein Babylonier haben sich also zusammengetan, um den neugeborenen König der Juden zu verehren.
b) Wahrscheinlich war damals, als die Namen aufkamen, noch nicht von Königen die Rede. Vielmehr waren die persischen Magier, die babylonischen Astrologen und die jüdischen Schriftgelehrten der Inbegriff orientalischer Weisheit.

II. Damit wären wir bei dem, was tatsächliche in der Bibel steht:
Luther: "Es kamen Weise aus dem Morgenland…"
1. Tatsächlich schreibt Matthäus nichts von "Weisen" oder "Gelehrten", sondern von "Magiern". Was ist ein Magier?
a. Ursprünglich waren die Magier die persische Priesterkaste. Das war kein Beruf, den man frei wählen konnte, sondern zum Magier wurde man geboren. Die Magier hatten im persischen Gottesdienst ihre speziellen Aufgaben und auch ein sehr umfangreiches Berufswissen. Sie beschäftigten sich nicht nur mit Fragen der Theologie, sondern auch mit Medizin und Naturwissenschaften, was man halt damals drunter verstand.
b. Damit bekam zur Zeit Jesu das Wort "Magier" eine neue Bedeutung: Ein Magier war einer, der mehr wusste als die anderen und geheimnisvolle Künste beherrschte. Vom Gelehrten bis zum Hexenmeister war alles drin und manche verdienten sich ihr Geld als Gaukler und Taschenspieler auf dem Jahrmarkt.
c. Um es auf unsere Verhältnisse zu übertragen: Ein Magier war nicht so was Ähnliches wie Albert Einstein, eher zu vergleichen mit dem mittelalterlichen Dr. Faust, der mit dem Teufel im Bunde stand, oder mit dem weisen Sarastro aus der Zauberflöte.
2a. Für die Juden waren die Magier keine ehrwürdigen Gelehrten, sondern Scharlatane und Betrüger. Wer von einem Magier was lernte, kam automatisch in Verdacht, er wolle vom rechten Glauben abfallen. Magie und biblische Religion vertragen sich nicht.
b. Auch die ehrlichen Magier und ihre größten Gelehrten waren schon in der Zeit vor Jesus für die Juden Vertreter einer fremden Religion, mit der man sich nicht abgeben durfte.
c. In der Zeit nach Jesus waren die Magier sozusagen die Apostel und Propheten des Mithrasglaubens, der zum schärfsten Konkurrenten für des junge Christentum wurde.
d. Hier bei Matthäus müssen wir uns die Magier als Astrologen vorstellen, als Menschen, die versuchen, aus dem Lauf der Planeten die Zukunft zu deuten, also einen Blick in die Zukunft zu werfen, was uns Gott normalerweise verwehrt hat. Schon der alte König Saul hatte als Wahrsager aus seinem Reich verbannt, weil er der Meinung war, biblischer Glaube und Wahrsagen vertragen sich nicht.
3. Ich erzähle des so ausführlich, weil Gott gerade diese seltsamen Gestalten den Weg zur Krippe finden ließ.
a) Wir erinnern uns: Auch die Hirten hatten an schlechten Ruf, galten als unzuverlässige Eigenbrötler und waren vor Gericht nicht als Zeugen zugelassen.
b) In was für eine Gesellschaft ist Jesus da geraten? Später wirft man Ihm vor, er mache mit anderen verrufenen Leuten wie Zöllnern und Sündern gemeinsame Sache. Früh krümmt sich, was ein Häkchen werden will!
c) Es ist auch merkwürdig, dass den hoch angesehenen und ehrbaren Schriftgelehrten in Jerusalem nicht einfällt, einen Spaziergang zum nahen Bethlehem zu machen und wie die hergelaufenen ausländischen Vertreter des Aberglaubens vor dem neugeborenen Jesus hinzuknien. Dass Herodes um sein Thron zittert und Mordgedanken schmiedet, kann man ja noch verstehen; aber warum kommen die Schriftgelehrten nicht?

III. Als Matthäus diese Geschichte hörte, wird er sich wohl seine Gedanken drüber gemacht haben:
1. Was da erzählt wird, nimmt schon einen Teil des Schicksals Jesu voraus:
a) Ich hatte schon gesagt, dass man auch dem erwachsenen Jesus vorgeworfen hat, Er würde sich mit allem möglichen Gesocks abgeben.
b) Noch deutlicher ist der Bogen von der Krippe zum Kreuz: Wen suchten die Weisen in Bethlehem? Nicht den Heiland wie die Hirten, sondern einen König der Juden. König der Juden ist Jesus nie geworden - aber überm Kreuz hing eine Tafel mit der Aufschrift: "Das ist der König der Juden".
c) Der Sohn des alten König Herodes, der so genannte Viertelfürst Herodes von Galiläa, hat Johannes den Täufer köpfen lassen und war auch hinter Jesus her. Sein Vater hatte ihm ja schon mit dem Kindermord von Bethlehem gezeigt, wie man's machen muss, um oben zu bleiben.
d) Die Prominenz der eigenen Landsleute hält sich vornehm zurück und kümmert sich nicht um das historische Ereignis von Bethlehem. Die überhaupt was davon merken, sind eine Hand voll Hilfsarbeiter (die Hirten), der Rentner Simeon und die Sozialhilfeempfängerin Hanna. Immerhin kommen ein paar Magier von weit her, um dabei zu sein. Damit zeichnet sich schon ab, was die ersten Christen stark beschäftigt hat: Jesus wurde von Seinen eigenen Landsleuten und Glaubensbrüdern abgelehnt, während Menschen fremder Herkunft und fremder Religion Ihn anerkannten.

IV. Damit sind wir wieder bei den heiligen drei Königen:
1. Wenn die mittelalterliche Legende aus den Magiern Könige macht, dann ist des nicht etwa Dummheit, als müsse man König sein, um Gold verschenken zu können. Sondern die mittelalterlichen Christen sehen damit etwas erfüllt, was im Alten Testament angekündigt ist: "Könige aus fernen Ländern werden kommen und dem Gott Israels Geschenke bringen."
2a. Ein König hatte es normalerweise nicht nötig, Geschenke zu machen; er hatte umgekehrt den Anspruch darauf, dass ihm seine Untertanen etwas schenkten, d. h. Steuer zahlten und er verlangte von seinen besiegten Nachbarkollegen, dass sie ihm ebenfalls Geschenke brachten, d. h. Tribut zahlten.
b. Wenn also ein König einem anderen Geschenke macht, ist dass ein Zeichen der Unterwerfung. Ein anderes Zeichen der Unterwerfung ist, wenn sich die Weisen vor dem Kind niederwerfen - da unterwerfen sie sich buchstäblich - und wenn die mittelalterlichen Maler darstellen, wie sie ihre Kronen vor Jesus absetzen. Das ist nicht eine Geste der Höflichkeit, so wie wir heute den Hut ziehen, sondern wenn sie ihre Kronen Jesus zu Füßen legen, bringen sie damit zum Ausdruck: Wir geben unsere Macht auf. Du bist unser Chef.
3. Gerade aus dieser Geschichte wird deutlich: Die Magier verehren nicht bloß des Kind in der Krippe, sondern sehen in Ihm bereits den erwachsenen Menschen, den man ernst nehmen muss. Sie nehmen die Unannehmlichkeiten der weiten Reise auf sich und stürzen sich in Unkosten, um Geschenke bringen zu können. Was ist uns Jesus und unser Glaube wert?
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Übersicht

 

Auslegung

 

Datum: 2008

Aktuell: 26.03.2016