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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Predigten

Matthäus 25,14-30

Datum: 09.08.2009 Anlass: 9. n. Trinitatis Ort: Hähnlein

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    I. Also ist es in Ordnung, dass auch Christen möglichst viel Geld scheffeln?

II. Die anvertrauten Zentner

1. Die Älteren wissen es noch: Ein Zentner sind 50 kg. Damals, zur Zeit Jesu, waren es nur 35 kg. Was die drei Knechte bekommen hatten, waren keine Gewichte, sondern eine bestimmte Menge Silbermünzen, die man der Einfachkeit halber gewogen hat.
Im Griechischen steht das Wort tálanton, daher kommt unser Talent, das wir aber ganz anders verstehen: Wenn jemand Talent hat, dann ist er für etwas begabt. Mein Vater hatte war ein praktischer Mann. Er hatte das Talent, einem Handwerker eine Stunde zuzusehen, und dann hat er's selber probiert. Und gekonnt. Er besaß noch nicht mal ein Pfund Silbermünzen, aber er hatte das Talent mit seinem wenigen Gelde auszukommen und hat uns keine Schulden hinterlassen.

2. So reden wir heute von Talenten. Was aber erwartet Jesus von uns, wenn er dieses Gleichnis erzählt?
a) Der Chef erwartet von seinen Leuten, dass sie mit dem anvertrauten Geld etwas anfangen. Der dritte Knecht wird getadelt, weil er das Geld nur in den Tresor gelegt hat. Auf der Bank hätte er wenigstens Zinsen bekommen. Die beiden anderen haben ihr Kapital verdoppelt, vielleicht als Kaufleute Geld gemacht, vielleicht in ein Unternehmen investiert.
b) Ich bin gewöhnt, die Geschichte so zu auszulegen: Gott hat jedem von uns Gaben und Fähigkeiten anvertraut, die sollen wir nutzen. Also zum Beispiel: Gott hat dem Sportler einen gesunden Körper und Spaß an Bewegung und Wettkampf geschenkt. Es wäre eine Schande, wenn er sein Talent verkümmern lassen würde. - In einer früheren Gemeinde hatten wir an der Kirche eine Anlage, die wurde von Leuten aus dem Gartenbauverein ehrenamtlich gepflegt. Gott hat ihnen das Talent zum Gärtnern geschenkt, das haben sie zum Wohl der Gemeinde angewendet. - Ich hatte einen Kollektenrechner, der war ein Finanzgenie. Der hat nicht nur ein Haus gebaut, ohne einen Pfennig Schulden zu machen, sondern er hat auch fast ein Drittel unsrer Orgelrenovierung dadurch finanziert, dass er die Spendengelder zinsgünstig angelegt hat – das waren damals noch andere Zeiten.
c) Am Ende kommt der Chef zurück und rechnet ab. Dann kommt's gar nicht mehr auf Einzelheiten an, ob der Knecht in dem und dem Jahr Gewinne oder Verluste gemacht hat. Nur das Endergebnis zählt.
d) So ist es auch bei den Beispielen, die ich genannt habe. Beim Sportler zählen nicht die Medaillen und Pokale, sondern dass er auch im hohen Alter fit ist, dass er nicht nur gewinnen kann, sondern auch ein guter Verlierer ist und gelernt hat fair zu sein. - Die Gartenpfleger haben ab und zu ihre Blumenpracht fotografiert, aber die Bilder wären mir heute gar nicht so wichtig, das sind nur schöne Erinnerungen. Wichtiger war mir, dass sie der Gemeinde dadurch einen wichtigen Dienst geleistet haben, und dass sie die Möglichkeit hatten, auf ihre Art mit der Kirche in Verbindung zu bleiben. - Die Orgel musste inzwischen schon wieder repariert werden. Wie das finanziert wurde, weiß ich nicht, aber ich schätze am damaligen Rechner, dass er sein Talent heute noch zum Nutzen der Gemeinde anwendet.

3. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Gott uns am Ende kleinlich unsre Sünden aufzählt und mit unsern Verdiensten verrechnet, sondern am Ende kommt's nur darauf an, dass wir wieder zu ihm zurückkommen. Und was aus uns geworden ist. Denn wir haben uns ja im Laufe unsres Lebens verändert. Das Leben schleift uns ab, und unsre Talente dienen dazu, dass wir uns selbst veredeln. Gott erwartet von uns, dass wir uns im Laufe unsres Lebens zu Persönlichkeiten entwickeln. Die zwei ersten Knechte haben nicht nur ihre Kapital verdoppelt, sondern sind dadurch innerlich selbst gewachsen. Der dritte Knecht gab seinen Geldsack ungebraucht zurück und hat sich selbst auch nicht verändert. Er hat nicht die Chance genutzt, aus seinem Leben etwas zu machen.

III. Rechenschaft

1. Die Moral von der Geschichte ist nicht, dass die Knechte oder wir möglichst viel Gewinn machen sollen, sondern dass wir eines Tages zur Rechenschaft gezogen werden.

2. Ich habe den Eindruck, dass es dem Chef gar nicht darauf ankam, sein Vermögen zu verdoppeln, das sollte nur eine Bewährung
b) Worauf's Jesus ankommt in seinem Gleichnis steht am Schluss: nicht die Beförderung, sondern das Festmahl, die Teilhabe am Reich Gottes.

3. Die Moral für uns ist also: Unser Leben ist eine Bewährungsprobe und am Schluss kommt die Abrechnung.

a) Sicherlich werden wir am Ender unsres Lebens gefragt, was wir daraus gemacht haben. Als Jugendlicher las ich einmal die Geschichte von einem Dachdecker, der abstürzte, aber mit dem Leben davonkam. In den paar Sekunden, in denen er fiel, sei sein ganzes Leben wie in einem Film abgelaufen. Später habe ich noch mehr davon gehört. Da geht es nicht nur um einen Rückblick, sondern zugleich auch um eine kritische Beurteilung: Da und da habe ich Fehler gemacht, das war nicht gut.

b) Ich wurde mal gebeten, einer sterbenden Frau das Abendmahl zu geben. Dazu gehört auch das Beichtgebet, die Frage, ob sie ihre Sünden bereut und der Zuspruch der Vergebung. Die Frau sagte aber: "Sie dürfen mir glauben, ich habe nie gegen die 10 Gebote verstoßen." Was sollte ich dazu sagen?
Darauf kommt's aber am Ende des Lebens nicht an, nicht auf die Sünden, sondern auf die Fehler, die wir gemacht haben, Fehler in der Lebensführung, falsche Entscheidungen, die wir getroffen haben. Mir sagte einmal ein Sterbender, er hätte sich mehr um seine Familie kümmern müssen. Ein anderer muss sich vielleicht vorwerfen, dass er sich nur um seine Familie gekümmert hat und um nichts anderes. Das kann man nicht verallgemeinern. Gott erwartet nicht von allen dasselbe. Das sehen wir ja auch im Gleichnis: Der eine bekommt viel Geld, der andere wenig. Der Chef erwartet bei dem dritten ja gar nicht, dass er aus seinem einen Zentner zehn macht.

c) Spätestens am Ende unsres Lebens kommt die Abrechnung, oft aber schon früher. Der Dachdecker war ja nicht tot, als er unten ankam, sondern hat weiter gelebt. Wie's mit ihm weiter ging, stand nicht in der Zeitung. Ob er wohl seine Konsequenzen aus diesem Lebensfilm gezogen hat?

d) Mir ist es mehrmals so ergangen, dass ich in einer Krise oder am Ende eines Lebensabschnittes Bilanz zog. Ich habe mir sozusagen den Film selbst abgespielt und mir meine Gedanken darüber gemacht. Da gibt es so viele Dummheiten, die nicht aufgearbeitet sind, so viele Wunden und Verletzungen, die lange zurückliegen, aber immer noch nicht verheilt sind. Ich hoffe, dass wir das, was wir heute aufarbeiten, uns am Ende unsres Lebens erspart bleibt.
Ich habe das bei meiner Mutter gesehen, die hatte ein schweres Leben, das ganz anders verlaufen ist, als sie sich's gewünscht hatte. Als sie sich wieder einmal damit herumquälte, bat ich sie, ihre Erinnerungen aufzuschreiben, das hat sie gemacht und uns damit ein wertvolles Erbe hinterlassen. Beim Schreiben hat sie ihre damaligen Probleme verarbeitet. Als sie dann 20 Jahre später am Sterben lag, haben wir lange miteinander gesprochen. Was in den Memoiren stand, hat sie mit keinem Wort mehr erwähnt, dafür kamen ganz andere Dinge zu Sprache, die sie entweder nicht genannt hatte oder sich später ergeben hatten.
Für mich war das eine wertvolle Erfahrung, die ich euch weitergeben möchte: Scheut euch nicht, ab und zu mal selber Bilanz zu ziehen. Was ihr vorher verarbeitet und abgeschlossen habt, das erspart ihr euch auf dem Totenbett. Nur wenn wir immer wieder selber Bilanz ziehen, können wir aus unsern Fehlern lernen.

e) Abrechnung also nicht erst am Ende, sondern auch zwischendurch. Aber wie ist das mit dem Jüngsten Gericht am Ende der Zeit, wie wir's im Glaubensbekenntnis gesprochen haben?
Wenn ich sterbe, geht für mich die Welt unter, und bei euch wird es auch nicht anders sein. Die Uhr bleibt stehen und läuft nicht mehr weiter. Dann ist es egal, ob die Endabrechnung für mich kommt, wenn ich sterbe oder tausend Jahre später. Dann ist es auch egal, ob ich sofort am Festmahl Gottes teilnehmen darf oder noch tausend Jahre warten muss – das sind Gedanken, die wir Lebenden uns machen. Nach dem Tod und bei Gott gibt es keine Zeit mehr, daher ist es müßig sich darüber Gedanken zu machen, wann der Jüngste Tag ist.

IV. Das wichtigste unsrer Talente ist die Liebe, haben wir vorhin in der Lesung gehört. Ich möchte meine Predigt schließen mit einem Sinnspruch, der mir sehr wichtig geworden ist: "Das will ich mir schreiben in Herz und Sinn, dass ich nicht für mich auf Erden bin, dass ich die Liebe, von der ich leb, liebend an andere weitergeb."

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Datum: 2008

Aktuell: 09.08.2009