Startseite | Religion | Sprachwissenschaft | Logische Wissenschaft | Geschichte | Humanwissenschaft | Naturwissenschaft | Kulturwissenschaft | Kulturschöpfungen

Quellen | Bibelwissenschaft | Systematische Theologie | Religionswissenschaft | Praxis

Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Predigten

2 Kor 13,13

Datum: 10.6.1990 Anlass: Trinitatis Ort: Georgenhausen

Email:

    "Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des heiligen Geistes sei mit auch allen. Amen."

E Der Spruch, mit den ich sonst alls meine Predigt einleite, ist heute selber der Predigttext.

I In ihm wird das Thema des heutigen Sonntags angesprochen:
1a Trinitatis, 'Dreiheit', mit dem mittelalterlichen Wort 'Dreifaltigkeit', oder besser mit dem evangelischen Begriff 'Dreieinigkeit' übersetzt.
b Was ist damit gemeint? Der Schöpfer, Jesus Christus und der heilige Geist sind nicht drei Götter, sondern ein Gott. 3 x 1 = 1: ein komplizierter Rechenvorgang, vor dem auch der bessere Taschenrechner kapituliert, und der Luther zu der Behauptung getrieben hat, die Mathematik sei vom Teufel. Nicht die Rechenkunst überhaupt, sondern die Mathematik in Sachen Dreieinigkeit.
c 3 x 1 = 1, zu diesem Ergebnis kam die Kirche erst in nachbiblischer Zeit. Es hat viele heiße Diskussionen und Gehirnarbeit gebraucht, bis alle Christen in Europa dieses Rechenergebnis als richtig akzeptierten.
2a In der Bibel ist noch nicht ausdrücklich davon die Rede; es kommen aber Gott, Jesus und der hlg. Geist in verschiedenen Formeln vor, z.B. auch in diesem Spruch, den ich immer am Anfang der Predigt sage, auch im Taufbefehl "Tauft sie auf den Namen des Vaters, des Sohnes und des hlg. Geistes."
b Umgekehrt steht im Johannesevangelium wortwörtlich: Jesus behauptet: "Ich und der Vater sind eins." Und in der Geschichte von der Taufe Jesu lesen wir, dass der hlg. Geist auf Jesus herabgekommen ist und Ihn erfüllt hat. Da ist es ja nur logisch anzunehmen, dass Gott, Jesus und der Geist eins sind. Das steht zwar nicht wörtlich in der Bibel, ergibt sich aber aus dem, was in der Bibel steht. Man kann also nicht sagen, die Lehre von dem dreieinigen Gott sei unbiblisch.
3 Jetzt müssen wir uns doch noch etwas genauer damit beschäftigen. a Die Gleichung 3 x 1 = 1 ist nur ein Näherungswert und nicht einfach deswegen richtig, weil sie falsch ist. Wer von euch kennt die genaue Formel? Sie lautet: "Der dreieinige Gott offenbart sich in drei Personen, hat aber nur ein Wesen." Alles klar?
b Das mit den drei Personen haben manche Leute in die falsche Kehle bekommen. Sie sagen: Gorbatschow, Kohl und Bush haben auch nur ein Wesen: Sie sind Menschen, Weiße, alte Männer, führende Politiker; sie sind vielleicht ab und zu auch mal einig; aber es handelt sich doch um drei ganz verschiedene Personen, die wir nicht miteinander verwechseln dürfen und wahrscheinlich auch gar nicht verwechseln können.
c Was ist eine Person? Wir würden heute sagen: ein selbständiges Wesen, das Rechte und Pflichten hat und von anderen genau zu unterscheiden his. Aber als man die Formel von den drei Personen Gottes geprägt hat, da hat man was ganz anderes drunter verstanden: Der Schöpfer, Jesus Christus und der hlg. Geist sind eben keine selbständigen, voneinander unabhängigen Personen, die doch irgendwie eins sind, sondern drei Erscheinungsformen von einem und demselben Gott, sozusagen drei Rollen, in denen Gott aufgetreten ist, so wie derselbe Schauspieler bei einem Theaterstück ja auch in drei verschiedenen Rollen auftreten kann.
d Wir können uns das noch an einem anderen Bild klarmachen: Wir alle haben unsere Eltern in verschiedenen Rollen kennengelernt: einmal lieb, ein ander Mal böse. Und wir haben schon als kleine Kinder gelernt, dass die liebe und die böse Frau nicht zwei verschiedene Personen, sondern eine und dieselbe Mutter ist, die sich mal so, mal so äußert.
e Der Sinn von der Dreieinigkeitslehre ist doch ähnlich: Der Schöpfer der Welt ist derselbe Gott, der sich uns in Jesus Christus offenbart hat und der durch den hlg. Geist in unseren Herzen wohnt. Er spielt wie ein Schauspieler verschiedene Rollen: einmal "Mutter Natur" - einmal Vater und Sohn zugleich; einmal Mensch aus Fleisch und Blut - einmal unsichtbarer Geist; einmal streng - einmal freundlich: nicht verschiedene Götter, sondern ein Gott, der sich in verschiedenen Gestalten offenbart.
f Dafür hat man im Altertum "Person" gesagt. Wir merken: Das ist was anderes als das, was wir heute unter einer "Person" verstehen.

II Das war jetzt graue Theorie. Was fangen wir heute damit an?
Wir können daraus dreierlei lernen:
1. für unseren Glauben
a. Es lohnt sich, über Gott nachzudenken. Wer glauben will, muss nicht irgendwelches unbeweisbare Zeugs für wahr halten, das wir nicht verstehen, sondern Gott hat uns unseren Verstand gegeben, und wir dürfen ihn gebrauchen, um besser verstehen zu können, wie Gott ist.
b. Die Dreieinigkeitslehre ist dafür ein schönes Beispiel: Es hat keiner behauptet, dass sie von einer Himmelsstimme oder von einem Engel offenbart wurde. Es hat auch keiner behauptet, sie hätte in einem geheimnisvollen Buch gestanden, das vom Himmel gefallen war. Sondern unsere Vorfahren haben nie einen Hehl daraus gemacht, dass diese Lehre in heißen Diskussionen erarbeitet und als richtig anerkannt wurde.
c. Wenn wir daran glauben wollen, wäre es genau das Verkehrte, einfach zu sagen: "Das kann man nicht verstehen, dass muss man halt glauben." Unsere Väter, die diese Lehre formuliert haben, haben sie ja auch verstanden, und sie muten uns zu, dass wir ihre Formulierungen nicht gedankenlos nachplappern, sondern uns auch darüber Gedanken machen.
d. Das gilt nicht nur für die Dreieinigkeitslehre, sondern für unseren Glauben überhaupt. Es waren nicht die dummen Nachplapperer, sondern die gescheitesten Denken ihrer Zeit, die die Grundlagen unseres Glaubens gelegt haben: Abraham, Mose, die Propheten, Jesus, Paulus, Augustin, die Reformatoren usw. Sie haben uns den Glauben vorgedacht, damit wir drüber nachdenken und uns selber drüber Gedanken machen.
2. Das hat Folgen aber auch für unser Denken.
a. Nun gab's aber auch genauso gescheite Menschen, die nicht an Gott glauben wollten oder nicht dran glauben konnten. Wir sehen daran, dass Glaube nicht eine Frage der Intelligenz ist.
b. Vielmehr wird uns dabei deutlich: Es ist immer eine Frage des Standpunktes: Der eine glaubt an Gott und macht sich Gedanken drüber und lernt Gott besser verstehen - der andere geht davon aus, dass es Gott nicht gibt und macht sich Gedanken drüber und findet Beweise, warum es Gott nicht geben kann.
c Wir merken: Wer glaubt, der fällt eine Grundsatzentscheidung: Ich stell mich auf die Seite Gottes. Und dann fängt er an nachzudenken. Das Denken kann uns nicht zum Glauben verhelfen, aber es hilft uns verstehen und noch fester glauben.
3. für unsere Umgang mit anderen Menschen
a. Wir können aber noch was anderes aus der Dreieinigkeitslehre lernen: Wir lernen dabei, hinter die Kulissen zu sehen. Gott äußert sich mal so, mal so. Die alten Heiden dachten, das sind verschiedene Götter. Wir haben gelernt, hinter die Kulissen zu sehen und zu erkennen, dass die verschiedenen Rollen alle vom selben Schauspieler gespielt werden.
b. Diese Erkenntnis können wir jetzt ohne weiteres auf unseren Umgang mit anderen Menschen anwenden. Denn bei ihnen ist das ja auch so: Sie äußern sich verschieden. Sie sind mal lieb, mal böse, mal ekelhaft, mal nett. Wie sind sie denn wirklich? Wir müssen doch auch hier lernen, hinter die Kulissen zu sehen und zu erkennen, was für ein Mensch hinter all diesen verschiedenen Äußerungen steckt.
c. Und auch hier kommt's auf eine Grundsatzentscheidung an: Wenn wir einen Menschen lieben, dann legen wir alles zu seinen Gunsten aus: Ist er lieb, dann entspricht das seinem Wesen. Ist er nicht lieb, sondern gereizt und ungenießbar, dann liegt das daran, dass er müde und überarbeitet ist. Wenn wir einen nicht leiden können, dann ist alles umgekehrt: Ist er lieb, dann tut er nur so; ist er böse, dann zeigt er seine wahre Natur.
d. Jesus hat uns gelehrt, einander mit den Augen Gottes zu sehen, der die Liebe ist, Gnade walten lässt und Gemeinschaft stiftet.
  Hochzeit Trauung

nach oben

Übersicht

 

 

 

Datum: 1990 / 2008

Aktuell: 11.09.2011