Startseite | Religion | Sprachwissenschaft | Logische Wissenschaft | Geschichte | Humanwissenschaft | Naturwissenschaft | Kulturwissenschaft | Kulturschöpfungen

Quellen | Bibelwissenschaft | Systematische Theologie | Religionswissenschaft | Praxis

Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Predigten

Jakobus 1,12-15

Datum: 17.02.2002 Anlass: Invocavit Ort: Allmendfeld und Gernsheim

Email:

    I. Prüfungen
1. Bei der Konfirmandenprüfung 1975 antwortete doch tatsächlich einer auf eine Frage: "Das weiß ich nicht."
Sinn der Prüfung: Herausfinden, was einer kann und weiß. Unter normalen Umständen hätte dieser junge Mann die Prüfung nicht bestanden und hätte nicht konfirmiert werden dürfen.
2. Mathe-Abitur 1962:
a) Die Prüfer haben mich ganz schön ins Schwitzen gebracht. Sie hätten doch nach neun Jahren wissen müssen, dass ich in Mathe nicht so gut war. Aber sie haben mir eine Aufgabe gestellt, die viel zu schwer für mich war und die ich nicht lösen konnte. Und dann haben sie mir beim Vorrechnen mich mit Zwischenfragen noch ganz aus dem Konzept gebracht und sogar die Zeit noch weit überzogen, die ihnen für die Prüfung zur Verfügung stand. Was können Prüfer doch so grausam sein!
b) Ich war nachher ganz verwundert, dass ich mich von vier auf drei verbessert hatte. Ziel dieser Tortur war nicht, mich zu quälen oder zu blamieren, sondern herauszufinden, was ich weiß und was ich kann. Der Mathelehrer hielt mich für besser, als es den Anschein hatte. Deshalb hat er mir eine so schwer Aufgabe gegeben.
3. Auch außerhalb der Ausbildung werden wir geprüft.
a) Das hat schon auf dem Schulhof angefangen. Meine Mitschüler haben mir manchmal hart zugesetzt. Ich dachte zunächst, sie wollte mich ärgern. Erst später habe ich begriffen, dass auch sie mich geprüft haben: "Zeig mir doch mal, wie stark du bist. Beweise mir doch mal, dass du was aushältst und nicht gleich losheulst oder zum Lehrer rennst."
b) Kurz nachdem ich den Führerschein hatte, musste ich einmal rückwärts aus einer engen Hofeinfahrt heraus, in der ein anderes Auto stand. Es hat gerade so gereicht, aber ich kaum durch und habe auch diese Prüfung bestanden. Der Besitzer des anderen Autos hatte den Wagen nicht extra hingestellt, um mich zu ärgern oder zu prüfen. Die Prüfungsaufgabe hat mir nicht der andere Autofahrer gestellt, sondern sie ergab sich auf der Situation.
c) In solchen Situationen reden wir nicht von einer Prüfung, sondern von einer Herausforderung. Aus dem Hof herauszukommen war ganz schön schwer. Ich habe diese Herausforderung angenommen und es geschafft. Ein anderer hätte es vielleicht nicht gewagt oder Schaden angerichtet. Ich bin heute noch stolz auf mich.
4. Solche Herausforderungen brauchen wir nicht nur, um unsere Fähigkeiten zu beweisen.
a) Wir können unsere Fähigkeiten dadurch verbessern dass wir uns immer neuen Herausforderungen stellen. Je mehr wir unsere Muskel gebrauche, desto stärker werden wir, und je mehr wir unserer Gehirn anstrengen, desto intelligenter werden wir.
b) Umgekehrt verkümmern Muskeln und Gehirn, wenn wir keinen Gebrauch davon machen.
5. Ich habe vorhin von Erfahrungen auf dem Schulhof gesprochen und das hat sich vielleicht so angehört, als ob die anderen Schüler es ja eigentlich gut mit mir gemeint hätten und bloß mal testen wollten, wie stark ich bin. Das war aber nicht so, sondern die wollte mich wirklich ärgern.
a) Und manchmal haben sie versucht, mich zu irgendeiner Dummheit zu verleiten, für die ich dann bestraft worden wäre, entweder, weil sie nichts dabei fanden und dieselben Dummheiten auch machten, oder weil sie mich anführen wollten und sich dann auf meine Kosten amüsiert hätten.
b) Ich musste also rechtzeitig lernen Nein zu sagen und nicht überall bedenkenlos mitzumachen. Ich habe dann auch Nein sagen können, als es ums Rauchen und Trinken ging. Und meint ihr, ich wäre deshalb bei den anderen unten durch gewesen? Ich glaube, ich habe sogar noch an Achtung gewonnen, weil ich Nein sagen konnte und mich nicht verführen ließ.
6. Wir reden in diesem Zusammenhang nicht mehr von "prüfen" oder "testen", sondern von "versuchen" und "verführen." Jakobus gebraucht für beide Arten dasselbe Wort: "Wohl dem, der Prüfungen besteht und sich nicht verführen lässt."

II. Jakobus geht es dabei nicht um irgendwelche Examina oder Herausforderungen, die wir bestehen müssen, sondern er macht uns darauf aufmerksam, dass auch unser Glaube Prüfungen bestehen und sich bewähren muss, u.zw. nicht nur in der Konfirmandenstunde..
1. Dafür verwendet Luther ein anderes Wort, nämlich "Anfechtungen". Wenn zur Zeit Luthers jemand angegriffen wurde und sich wehren musste, dann ging's oft nicht bloß mit bösen Worten oder den Fäusten ab, sondern da wurde manchmal das Schwert gezogen und so manche Auseinandersetzung musste durchgefochten werden, ganz wörtlich.
a) Damit kommt schön zum Ausdruck, was ich vorhin am Beispiel der Schulkinder gezeigt habe: Die anderen Kinder habe mich abgefochten. Wer sich zu Christus bekennt, kommt auch leicht in Gefahr, von anderen angegriffen, "angefochten" zu werden.
Zur Zeit des Apostels Jakobus war's lebensgefährlich Christ zu sein. Jakobus, der Bruder Jesu, musste das ausprobieren, was der Teufel in der Geschichte von vorhin Jesus empfohlen hatte: "Lass dich von der Tempelzinne herabfallen. Die Engel werde dich tragen. Steht ja so in der Bibel." Jakobus wurde dreißig Jahre später gar nicht freundlich gebeten, sondern gewaltsam hinuntergeworfen. Und da kam kein Engel, der ihn getragen hätte, sondern unten stand ein böser Mann mit einem Knüppel und schlug ihn vollends tot.
b) Für uns ist es nicht mehr lebensgefährlich, sich zu Christus zu bekennen, aber auch unser Glaube wird von anderen angefochten und in Frage gestellt.
i. Dabei will ich noch nicht mal von denen reden, die alles lächerlich machen und denen nichts heilig ist. Das sind arme Menschen, die nichts gelernt haben als den Clown zu spielen und andere zum Lachen zu bringen.
ii. Ich will auch nicht von denen reden, die sich nur dann wohl fühlen, wenn sie ander fertig machen können. Das sind auch arme Menschen, die sich aufblasen müssen, weil sie sie es nicht aushalten, so armselig zu sein, wie sie wirklich sind.
Mit beiden Arten von Anfeindungen müssen wir leben und können's nicht ändern.
iii. Und dann gibt es schließlich Anfeindungen von Menschen, die anderer Meinung sind und uns mit ihren Argumenten in die Klemme bringen. Wie gehen wir damit um?
c) Ich habe im Laufe meines Lebens drei Stufen der Auseinandersetzung kennengelernt.
i. Stufe: Es ist ja eigentlich egal was einer glaubt, darüber braucht man nicht zu diskutieren.
Aber als ich dann wirklich meinen eigenen Glauben gefunden hatte, kam ich zu Stufe
ii. Ich vertrat sehr selbstbewusst meine Meinung und bekam dann von meinen Klassenkameraden heftig contra.
Ergebnis: Ich habe weder sie noch sie mich bekehrt, aber wir haben gelernt, unsere gegensätzlichen Positionen zu verstehen und zu achten. Wir haben hart diskutiert und ich habe dabei manche Federn lassen müssen. In dem einen oder anderen Fall musste ich erkennen, dass ich mit meinen überspitzten Behauptungen im Unrecht war und dass nicht alles, was die anderen sagten, unchristlich war. Ich habe gelernt auf andere zu hören und andere zu verstehen. Geschadet hat das meinem Glaube nichts. Im Gegenteil, er hat dabei nur gewonnen und ist reifer geworden.
iii. Stufe: Ich habe gelernt, dass Glaube nichts Starres und Festes, sondern etwas sehr Elastisches und Flexibles ist.
2. Wenn wir heute von "Anfechtungen" sprechen, dann meinen wir aber weniger äußere Anfeindungen als vielmehr innere Unsicherheit, Zweifel, Bedenken. So hat es schon Luther verstanden.
a) Es gilt normalerweise als ein schlechtes Zeichen, wenn jemand unsicher ist und keine feste Meinung vertreten kann. Zweifel zu haben gilt auch als das Gegenteil von Glauben.
b) Ich habe aber die Erfahrung gemacht: So wenig wie Auseinandersetzung mit fremden Meinungen haben Zweifel meinem Glauben geschadet. Sondern wirkliche Gewissheit und Selbstsicherheit habe ich erst dadurch gewonnen, dass ich meine Zweifel ernst nahm und dadurch überwinden konnte.
Ich möchte euch Mut machen, über Glaubensfragen selbst nachzudenken und euren Zweifeln standzuhalten. Durch dieses Gehirntraining werdet ihr nicht nur intelligenter, sondern ihr werdet merken, dass euer Glaube dabei wächst und reift.
3. Das alles sind wie in der Schule Prüfungen, die uns Menschen auferlegen. Die eigentliche Herausforderung für unseren Glauben aber ist das Leben selbst. Gerade da, wo's uns schlecht geht, muss und kann sich unser Glaube bewähren. Gerade da dürfen wir erfahren, dass er uns Kraft gibt und weiterhilft. Alles andere, was ich vorher genannt habe, sind nur notwendige Vorübungen wie das Einmaleins oder die englischen Vokabeln, die der Lehrer abgehört hat. Das tatsächliche Leben bringt die eigentlichen Prüfungen.
  Hochzeit Trauung

nach oben

Übersicht

 

 

 

Datum: 2008

Aktuell: 10.02.2008