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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Predigten

1 Joh 4,16

Gott ist Liebe,
und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.

Datum: 13.04.2008   Ort: Hähnlein

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Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.

Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben.

Ich will, anstatt an mich zu denken, ins Meer der Liebe mich versenken.

Die Liebe hört nimmer auf.

 

 

Ich möchte diesen Zentraltext der Bibel betrachten unter vier Gesichtspunkten:

 

I. "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst."

1. Ihr kennt sicher Menschen, die können sich selbst nicht leiden und andere auch nicht. Sie sind richtige Ekel. Wie soll man mit Anderen zurechtkommen, wenn man mit sich selbst Probleme hat?

a) Ich habe unzählige Male gehört und gelesen, dass man sich erst mal selbst lieben muss, bevor man mit der Nächstenliebe anfängt. Das verstehen manche Leute falsch, denn sich selbst lieben, das kriegen sie gerade noch so hin, aber zur Nächstenliebe reicht's dann nicht mehr.

b) Ich habe auch Menschen kennen gelernt, die haben gar nicht an sich gedacht, sondern haben sich für andere aufgeopfert. Viele Frauen und neuerdings auch Männer verzichten eine Zeitlang auf ihren Beruf und bleiben daheim, um Zeit für ihre Kinder zu haben. Ich kannte eine Frau, die hat ihre kranke Mutter gepflegt und in den Tod begleitet und hat danach auf einmal die Welt mit anderen Augen angesehen. Sie engagierte sich daraufhin in der Diakonie. Sie alle machen die Erfahrung: Wer sich nicht selbst in den Mittelpunkt stellt, vergibt sich nichts, sondern gewinnt.

c) Diese Erfahrung wird bestätigt durch das paradoxe Wort Jesu: "Wer sich selbst erhalten will, wird sich verlieren, und wer sich selbst verliert, wird sich finden."

d) Ich habe es selbst erfahren, dass ich am meisten davon profitiert habe, wo ich mich vorbehaltlos in meine Arbeit eingebracht habe, ohne dauernd auf die Uhr zu gucken oder mich zu schonen. Am schönsten war es immer da, wo ich am stärksten gefordert wurde.

2. Was bedeutet dann aber "wie dich selbst" sonst?

a) Manchmal ist es gut, wenn man einen Blick über den eigenen Gartenzaun wirft. Nicht in einer christlichen, sondern einer jüdischen Bibelerklärungen habe ich die Lösung gefunden. Da muss man eigentlich übersetzen nicht "wie dich selbst", sondern "Der Nächste ist wie du", also "Liebe deinen Nächsten wie deinesgleichen".

b) Ein Blick ins Alte Testament illustriert, wie das gemeint ist. Da steht: "Jonathan gewann David lieb wie sein eigenes Herz" (1 Sam 18,1), d.h. er liebte David, als wäre er ein Stück von ihm. "Wie" ist hier kein Maßstab, sondern ein Spiegel. Bei einem Maßstab gibt's "genau richtig, zu viel oder zu wenig". Im Spiegel erkennen wir uns selbst. Jonathan erkannte in David nicht einen fremden Menschen, sondern sich selbst. So betrachten wir auch unsre Lieben als einen Teil von uns selbst. Da gibt's überhaupt keine Diskussion, wo die Grenzen unsrer Liebe sind.

 

II. "Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben." (Lesung + Lied)

1. Bei den russischen Puppen ist es so, dass eine Puppe in der anderen steckt, die kleine in der großen, aber doch nicht die große in der kleinen.

2. Wie sollen wir uns das aber vorstellen "der bleibt in Gott und Gott in ihm"? Das zeigt uns das Gleichnis vom Weinstock:

a) Die Reben sind Teile der Pflanze. Derselbe Saft, der den Stock ernährt, fließt in die Reben weiter. Umgekehrt leidet nicht nur der Teil, der gerade von der Reblaus befallen ist, sondern das Ganze.

b) Mit unserm Körper ist's ja genauso: Da ist ein Zahn, der tut so richtig gemein weh. Das ist aber nicht nur seine Privatangelegenheit, sondern da hat der Mund keine Lust mehr zu essen oder zu reden, da haben die Füße keine Lust mehr zu laufen und das Gehirn keine Lust mehr zu denken.

c) Wie alle Körperteile mit dem Herzen verbunden sind und von ihm ernährt werden, so sind die Reben mit dem Weinstock verbunden. Wenn man sie abschneidet, sind sie genauso tot wie ein Zahn, der gezogen ist oder ein Blinddarm, der raus operiert ist. Kein Teil kann etwas tun, wenn er von der "Zentrale" abgetrennt ist.

3. So ist es auch mit der Liebe: Gott ist Liebe. Daher ist unsre Liebe nicht etwas, was wir selbst machen, sondern unsre Liebe ist ein Stück von Gottes Liebe. Wie der Saft vom Weinstock in die Reben strömt und sie fähig macht, Trauben wachsen zu lassen, so strömt die Liebe Gottes in uns und durch uns hindurch und macht uns fähig andere Menschen zu lieben.

4. Wenn wir lieben, dann sind wir mit Gott verbunden, unsre Wurzeln stecken in Gott. Und zugleich ist auch Gott in uns – durch die Liebe, die uns durchströmt.

 

III. "Ich will, anstatt an mich zu denken, ins Meer der Liebe mich versenken."

1. Normalerweise denken wir, das ist keine christliche Angelegenheit, Versenkung oder Meditation. Das überlassen wir den Indern und den Jogis und den Buddhisten. Und dann brauchen wir uns als Kirche aber auch nicht zu wundern, wenn uns die Leute fortlaufen, weil die Asiaten etwas zu bieten haben, was bei uns nicht auf dem Programm steht.

2. Und dabei gab es Versenkung doch schon in der Bibel. Das will ich an zwei Beispielen zeigen:

a) Als Elija auf dem Karmel mit den Baalspriestern wettete, welcher Gott sein eigenes Opfer anstecken kann, hat er gewonnen. Aber eigentlich ging's um nicht um einen Wettstreit der Religionen, sondern um ein Überlebensproblem: Es hatte schon ewig nicht mehr geregnet und Elija sollte veranlassen, dass es wieder regnet. Was tat er? Er stellte sich nicht hin und betete: "Lieber Gott, mach, dass es wieder regnet", sondern was lesen wir? "Er bückte sich zur Erde und hielt seinen Kopf zwischen seine Knie", er hat also nicht gebetet, sondern meditiert. Er tat nichts und sagte nichts und saß nur so da und hat sich in Gott versenkt, ist mit Gott eins geworden.

b) Von Jesus lesen wir öfter, dass er sich zurückzog, um die ganze Nacht zu beten. Wie er das gemacht hat, steht nicht da. Ich stelle mir das so vor, dass auch er in dieser Zeit mit Gott eins geworden ist. Psalmen aufsagen oder ein Gespräch mit Gott führen ist ja nur die eine Hälfte. Die zweite Hälfte ist, dass wir still werden und Gott reden lassen.

Versenkung, Meditation ist also kein Privileg der Asiaten. Das sehen wir auch an dem Lied "Ich bete an die Macht der Liebe". Als Gerhard Tersteegen das gedichtet hat, da wusste er  noch nichts von Joga oder Buddhismus. Das ist auf christlichem Boden und aus einem christlichen Herzen gewachsen.

3. Was ich vorhin mit einem anderen Bild beschrieben habe, "Unsre Wurzeln stecken in Gott", nennt  Tersteegen "ins Meer der Liebe mich versenken". Wir brauchen gar nichts selbst zu tun außer uns fallen zu lassen. Wenn wir ins Wasser springen und untertauchen, werden wir nur äußerlich nass. Wenn wir wieder raus kommen, trocknen wir uns ab und alles ist so wie vorher. Wenn wir uns aber ins Meer der Liebe versenken, dann berührt die Liebe nicht nur unsre Haut, sondern durchdringt uns, und wenn wir wieder auftauchen, ist in uns und mit uns etwas anders geworden.

 

IV. "Die Liebe hört nimmer auf."

1. Wir denken heute an zwei Gemeindeglieder, die von uns gegangen sind. Sie haben uns geliebt und wir haben sie geliebt. Damit ist es jetzt vorbei. Sie können nicht mehr und unsre Liebe hat keinen Gegenstand mehr. Wir können um sie trauern, sie vermissen, in Ehren halten, Blumen aufs Grab stellen, aber Liebe im eigentlichen Sinn ist das nicht mehr.

2. Wieso sagt dann aber die Bibel: "Die Liebe hört nimmer auf"? Weil es nicht um unsere, menschliche Liebe geht, sondern um Gottes Liebe.

a) Gott ist ewig, darum kann seine Liebe gar nicht aufhören.

b) Er sieht die Welt aus einer anderen Perspektive, von oben. Für ihn sind die Toten nicht vergangenen, sondern ebenso vorhanden wie die Lebendigen.

c) "Wir in Gott und Gott in uns", das gilt auch für die beiden Verstorbenen. Neulich bekam ich eine Nachricht von einem Todesfall im Bekanntenkreis. Der Brief schloss mit den Worten: "Wir wissen ihn geboren in Gottes Hand". Man hätte auch schreiben können: "geborgen in Gottes Liebe". Das  ist tröstlich zu wissen.

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Datum: 2008

Aktuell: 13.04.2008