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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Predigten

Offenbarung 22,20+21

Datum: 21.12.2008 Anlass: 4. Advent Ort: Hähnlein

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    I. Der Adventskranz
1. Wir zünden nach und nach vier Kerzen an.
a) Heute sind wir's umgekehrt gewohnt. Wenn wir etwas erwarten, zählen wir rückwärts.
* Aus der Raumfahrt kennen wir das Count down: "zehn, neun, acht…" Bei "Null" startet die Rakete.
* Gefangene, die vor der Entlassung stehen, schneiden von einem Maßband jeden Tag einen Zentimeter ab: "Es klingt wie eine Sage, nur noch 14 Tage." So haben wir's vor unsrer Hochzeit gemacht und vor meiner Pensionierung.
b) Bei den Adventskerzen zählen wir vorwärts und drücken damit eine Steigerung aus. Der Höhepunkt ist dann der Weihnachtsbaum mit sehr vielen Kerzen. So wenig sich das schwache Licht der vier Adventskerzen mit der Lichterglanz der Weihnachtsbaums vergleichen lassen, so wenig lässt sich das, was wir uns vorstellen können, vergleichen mit dem, was Gott uns schenken will.
2. Beim Rückwärtszählen ist klar: Der angestrebte Zeitpunkt steht unwiderruflich fest. Bei "Null" fliegt die Rakete los. Bei unserm Leben ist es umgekehrt: Wir zählen unsre Jahre vorwärts. Erst sind wir stolz, dass wir "schon fünf" sind. Dann nehmen wir es als selbstverständlich hin, dass wir jedes Jahr eine Kerze mehr anzünden. Und schließlich empfinden wir jeden neuen Tag, den wir noch leben dürfen, als ein Geschenk.
3. Auch bei unsrer Zeitrechnung zählen wir vorwärts: 2008 n. Chr. Wir betrachten die Jahre, Jahrhunderte, Jahrtausende als geschenkte Zeit.
4. Der Adventskranz ist aber nicht nur ein Zeitmesser wie die Geburtstagskerzen. Er will uns darauf aufmerksame machen: Unser Herr kommt. Er kommt aber nicht so wie die Entlassung, die Hochzeit oder die Pensionierung. Darüber möchte ich mir in der Predigt Gedanken machen.

II. An das Kommen des Herrn erinnert uns auch der lateinische Name der Festzeit. Das müsste eigentlich jeder Christ wissen: Adventus heißt 'Ankunft': Wir warten auf die Ankunft unseres Herrn Christus.
Das ist schön gesagt und leicht gefeiert. Aber wie wird das in unserem Leben Wirklichkeit?
1a. Die nahe liegende Antwort: Wir warten auf die Ankunft unseres Herrn Christus an Weihnachten. Daran erinnert uns ja das Kinderlied "Alle Jahre wieder kommt das Christuskind auf die Erde nieder, wo wir Menschen sind." Aber können wir Erwachsene diesen Kinderglauben noch teilen?
b. Richtiger ist wohl das, was in vielen Adventsliedern besungen wird und was wir traditionell am Ende von jedem Adventsgottesdienst singen: "Komm, o mein Heiland Jesu Christ, meins Herzens Tür dir offen ist…": Christus soll in unseren Herzen Einkehr halten und in unserem Leben Wirklichkeit werden. Das ist freilich mit dem Singen nicht getan; es genügt auch keine einmalige Bekehrung, sondern das ist eine Lebensaufgabe, Christus immer wieder neu in unserem Herzen aufzunehmen und Ihm einen Platz in unserem Leben zu geben.
2a. Aber eigentlich war mit der "Ankunft unseres Herrn Christus" was Anderes gemeint. Auch davon singen wir in einem Adventslied: "Er kommt zum Weltgerichte…", nämlich am Jüngsten Tag.
b. Ihr werdet sagen: "Das behaupten doch die Zeugen Jehovas und andere Sekten. Was geht uns das an?" Dass Jesus am Jüngsten Tag wiederkommt, ist aber ein Grundbaustein unseres Glaubens und nicht bloß ein Spezialthema für die Sekten.
c. Was uns von den Sekten unterscheidet, ist der Adventskranz: Sie zählen rückwärts und warten darauf, dass es kracht. Wir zählen vorwärts wie beim Adventskranz und unsern Lebensjahren. Es wird zwar irgendwann "krachen", aber wir betrachten jeden neuen Tag als ein Geschenk. Christus kommt auch dadurch in unsre Welt und unser Leben, dass wir jeden Tag neu mit ihm Ernst machen.
3. Damit möchte mich im letzten Teil der Predigt beschäftigen.

III. Wenn wir bekennen: Christus kommt wieder, dann hat das zur Folge, dass wir Christen Idealisten sind.
1. Ich habe mich mit vielen Menschen darüber gestritten, ob es Sinn hat, an Ideale zu glauben. Viele halten Idealisten für weltfremde Phantasten, die mit der Wirklichkeit nicht zurechtkommen. Man wirft ihnen vor, sie würden sich in eine Scheinwelt flüchten. Der moderne Mensch, sagt man, braucht keinen weltfremden Idealen nachzuhängen, weil er ein Realist ist.
2. Wie sieht dieser Realismus aus?
a) In einer früheren Gemeinde hatte ich ein Plakat an der Tür hängen mit dem Spruch aus der Bergpredigt "Selig sind die Gewaltlosen, denn sie werden die Erde besitzen." Das war zur Zeit des Kalten Kriegs. Unser Architekt sprach mich darauf hin an und meinte, das sei doch so eine weltfremde Spinnerei, mit der man nicht weit komme. Gerade der christliche Glaube sei vom Kommunismus bedroht und könne nur so geschützt werden, dass wir den Kommunisten die Zähne zeigen. – Die Geschichte hat erwiesen, was aus diesem Zähnezeigen geworden ist. Ich will nicht weiter drauf eingehen.
b) Ein Kollege hat mich mal gefragt, ob es denn sinnvoll sei, ein Brautpaar zu frage, ob sie zusammenbleiben wollten, "bis der Tod euch scheidet." So eine Forderung sei doch unrealistisch, wo doch heute so viele Ehen geschieden werden. – Aber was wird, wenn wir dieses Ideal aufgeben? Dann werden wahrscheinlich noch mehr Ehen geschieden! Man muss es doch wenigstens mal probieren. Wenn wir realistisch sein wollten, müssten wir auch die zehn Gebote abschaffen. Es wird ja doch die gemordet und die Ehe gebrochen und gestohlen. Aber wo kommen wir da hin, wenn wir Realisten sein wollten?
3a) In beiden Fällen hieß es also: "Da gibt es gewisse Sachzwänge und Gesetzmäßigkeiten, denen wir folgen müssen. Das Leben ist nun mal so, da können wir nichts dran ändern. Wenn wir Träumen und Idealen nachhängen, dann kommen wir nicht mit der tatsächlichen Welt zurecht. Wer unter Wölfen leben will muss mit den Wölfen heulen."
b) Wer so denkt, kann sich nicht mehr vorstellen, dass die Welt anders sein könnte. Er hat nicht nur seine Ideale, sondern auch seine Hoffnung verloren. Er kann sich Zukunft nur noch so vorstellen, dass alles so weitergeht, wie er's gewohnt ist. Er ist ein armer Mensch.
3. Unsere Welt braucht aber keine Realisten, von denen gibt's wirklich genug. Unsere Welt braucht Idealisten, Menschen, die weiter denken, die Möglichkeiten entdecken, wo andere keine sehen.
a) Erfinder machen es so. Bevor die Gebrüder Wright ihr erstes Flugzeug bauten, hatten die Menschen mehrere tausend Jahre lang den Traum, fliegen zu können. Bevor Wernher von Braun die erste Mondrakete baute, hatte er nicht nur e r Träume und Phantasien, wie es wäre, auf dem Mond zu landen, sondern auch schon der Lügenbaron Münchhausen und der Sciencefiction-Autor Jules Verne. Vor der Erfindung kam immer der weltfremde, realitätsferne Traum, das Ideal, für das der eine oder andere Erfinder zuerst einmal ausgelacht wurde.
b) So war es nicht nur in der Technik, sondern auch in der Politik. Unsere heutige demokratische und freie Gesellschaft gäbe es nicht, wenn man nur auf Realisten gehört hätte, die mit den Wölfen heulen wollten. Motor für die Weiterentwicklung waren aber keine Realisten, sondern Menschen, die sich nicht zufrieden geben wollten mit ihren Verhältnissen, sondern ihre Träumen von einer gerechteren und besseren Welt predigten. Auch wenn viele auf die Realisten gehört haben – die Zukunft gehörte nicht ihnen, sondern den Träumern und Idealisten.
4a. Auch Jesus war ein Idealist. Er träumte vom Reich Gottes auf der Erde, von einer Welt, in der nicht Gewalt, Unrecht und Hass, sondern die Liebe den Ton angeben. Zugegeben, wir sind heute noch weit davon entfernt. Aber könnt ihr euch vorstellen, wie unsere Welt heute aussehen würde, wenn es Jesus nicht gegeben hätte?
b. Was bedeutet in diesem Zusammenhang unser Glaube, dass Jesus wiederkommt? Das bedeutet doch: Jesus muss Wirklichkeit werden nicht nur in unseren Gottesdiensten, nicht nur in unserem Leben, sondern auch in unserer Welt. Sein Traum von einer gerechten Welt, in der die Liebe regiert, muss Wirklichkeit werden. Das haben leider die meisten von uns aufgegeben.
c. Dieses Ziel lässt sich aber immer nur schrittweise verwirklichen. Das hat uns Jesus im Gleichnis vom Senfkorn gezeigt, das klein anfängt und wächst und wächst, bis es so groß wie ein Baum ist. Ich weiß nicht, wie groß im Orient der Senf wird; dass aus einem Senfkorn ein Baum wächst, ist sicher eine unrealistische Übertreibung. Warum muss Jesus übertreiben und warum bleibt er nicht mit den Füßen auf dem Boden der Tatsachen? Weil wir uns nie mit dem zufrieden geben dürfen, was wir erreicht haben. Der Senfbaumzüchter kann sich bemühen wie er will und immer größere Senfstauden züchten. Selbst wenn sie so groß geworden sind wie ein Baum, kann man sich immer noch größere vorstellen. So ist es auch mit der Liebe und dem Frieden. Wir werden nicht damit fertig und können uns nie befriedigt in den Sessel setzen und sagen: "Wir haben unser Ziel erreicht." Wir können uns bemühen, wie wir wollen, wir werden einander immer etwas schuldig bleiben. Das ist aber kein Grund zu resignieren und zu sagen: "Das schaffen wir ja doch nicht." Schon im kleinsten Liebesdienst wird Jesu Traum vom Reich Gottes Wirklichkeit, so wie im Senfkorn schon der ausgewachsene Baum vorhanden ist.

IV. In der Nachkriegszeit hat jemand den Spruch geprägt: "Die Herren der Welt gehen. Unser Herr kommt." Wer geht, gehört der Vergangenhgeit an, wer erwartet wird, der Zukunft. Liebe Schwestern und Brüder, es wird uns nicht nur jeder Tag neu geschenkt, sondern wir haben eine Zukunft. Lasst uns die im Auge behalten und vergesst nicht: Unser Herr kommt.
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Datum: 2008

Aktuell: 21.12.2008