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Heinrich Tischner Fehlheimer Straße 63 64625 Bensheim |
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I. "Der Mond ist aufgegangen" gilt als eins der schönsten deutschen Gedichte. 1. Es beschreibt in der ersten Strophe kurz und knapp den äußeren Eindruck: Mond und Sterne, dunkler Wald, mondbeschienene Wiesen mit aufsteigendem Nebel.Seid ihr schon mal im Vollmond spazieren gegangen, ohne künstliche Beleuchtung? Ein diffuses Licht, geheimnisvoll, man sieht und sieht doch nichts, auch ohne Nebelschwaden, regelrecht gespenstisch. 2. Die zweite Strophe gibt genauso knapp und mit treffenden Worten die Abendstimmung wieder: Die dunkle Welt ist keineswegs gespenstisch, sondern traulich und hold, wie das Schlafzimmer daheim. Die Dunkelheit verhüllt für ein paar Stunden "des Tages Jammer", seine Mühsal und Plagen und lädt uns ein, ein paar Stunden zu vergessen und zu schlafen. 3. Die dritte Strophe leitet über zum besinnlichen Teil, ausgehend vom Anblick des Halbmondes, von dem jeder weiß, dass er doch "rund und schön ist." Und damit beginnt meine eigentliche Predigt.
II. "So sind wohl manche Sachen, die wir getrost belachen, weil unsre Augen sie nicht sehn."1. Ich habe vorhin das Wort "gespenstisch" gebraucht. Damit fängt's an mit den Dingen, die wir nicht sehen können und über die wir deshalb getrost lachen.a) Gespenster sind Ausgeburten unsrer Angst und Phantasie. Wer sich im Dunkeln fürchtet, sieht überall Gespenster, die ihm Böses wollen und wittert überall Gefahren, wo keine sind. Ich kann mich an manche Nachtwanderungen erinnern, bei der ein ängstliches Kind sich ganz nahe an mich drängte und nach meiner Hand griff. Dabei war das ein ganz normaler Weg, den wir auch am Tag gegangen sind.b) Ich habe auch Kinder erlebt, die eigentlich schlafen sollten. Aber um halb zwölf kommt eins und sagt: "Komm mal mit, die Anja heult." Anja saß mit weit aufgerissenen Augen schluchzend im Bett und hatte ganz große Pupillen. Die Angst stand ihr ins Gesicht geschrieben. Darüber kann man nicht lachen, das muss man ernst nehmen.c) Als Erwachsene sind wir darüber erhaben. Aber geht's uns nicht manchmal auch so? In der Nacht sind wir mit unsern Gedanken und Träumen allein. Wir gucken ganz tief in uns hinein und wachen manchmal erschrocken auf. Das sind die Gespenster in unsrer Seele, die uns erschrecken. Wohl dem, der gleich wieder weiterschlafen kann! Die Älteren wissen auch, wie das ist, wenn man um halb drei wach wird und anfängt zu grübeln und um halb sechs immer noch am Grübeln ist.2. Der Dichter meint aber nicht die Gespenster in unsrer Seele, die wir getrost belachen, sondern die Gegenstände unsres Glaubens. Ich weiß nicht, wer von euch auch darüber erhaben ist und darüber getrost lachen kann. Hat Gott die Welt erschaffen oder ist sie zufällig entstanden? Hat der Mensch eine unsterbliche Seele? Gibt es ein Jenseits? Hat uns Jesus erlöst? Ein Atheist würde laut darüber lachen, wenn das nicht der Anstand verböte. Ein aufgeklärter Christ wird zwar nicht lachen, aber keinen Hehl daraus machen, dass er nur glauben kann, was wissenschaftlich beweisbar ist. Manchmal bin ich in Gefahr, genauso zu denken, aber tief in meinem Herzen weiß ich, dass es Wahrheiten gibt, die sich nicht unserm Verstand erschließen.3. Das war schon zur Zeit von Matthias Claudius vor über 200 Jahren so und ist heute nicht viel anders. Das Vertrauen auf die Wissenschaft ist unerschütterlich. Aber der Dichter ist skeptisch gegenüber dieser Wissenschaftsgläubigkeit. Das führt er in der nächsten Strophe weiter aus:
III. "Wir stolzen Menschenkinder sind eitel arme Sünder und wissen gar nicht viel."a) Damals vor 200 Jahren hat man ja wirklich noch nicht viel gewusst. Noch vor 70 Jahren wusste man noch nicht mal die Hälfte von dem, was wir heute wissen. Eigentlich dürften wir an dieser Stelle gar nicht mitsingen oder? Wir wissen doch mindestens viermal so viel! Ist das nichts?Meint ihr wirklich, der Dichter wäre so naiv gewesen, dass er nur beklagt hätte, dass er so wenig wusste? Es ist doch so, dass wir durch unser größeres Wissen kein bisschen gescheiter geworden sind. Nur ein Narr glaubt, dass er alles versteht, wenn er alles weiß. Der Weise merkt, dass eine neue Erkenntnis mehr Fragen aufwirft, als sie beantwortet.
IV. "Wir spinnen Luftgespinste und treiben viele Künste und kommen weiter von dem Ziel."a) Da das Lied mit dem Mond beginnt und den Mond als Beispiel nennt, kommen wir wieder zum Mond zurück: Der Lügenbaron von Münchhausen war eine Generation älter als Claudius. Er hat sich schon mit dem Gedanken beschäftigt, wie der Mensch auf den Mond kommen könnte, und Märchen davon erzählt. Hundert Jahre später, 1873 hat Jules Verne eine realistische Mondreise in einem Roman beschrieben. 1969 waren Menschen wirklich auf dem Mond. Schon Jahrzehnte vorher hat man von Kolonien auf dem Mond gefaselt. Wenn das alles so gekommen wäre, müsste es jetzt tatsächlich solche Kolonien geben. Warum gibt es sie nicht? Aus einem einfachen Grund: Weil die Mondlandung zu teuer war und sich nicht rentiert hat. Aber immer noch gibt es Menschen, die von der Besiedlung des Mondes träumen. Wenn nicht heute, dann in ein paar Jahrzehnten.b) Wir können und wissen wirklich viel mehr als vor 200 Jahren. Wir können auf den Mond fliegen und sind überzeugt, dass es dort Wasser gibt. Aber mit den Problemen auf unsrer Erde werden wir nicht fertig. Sind wir wirklich gescheiter geworden oder gar vernünftig? Oder spinnen wir noch immer Luftgespinste?2. "und kommen weiter von dem Ziel". Ja, wohin wollen wir eigentlich? Was ist das Ziel unsres Forschens, Schaffens und Strebens? Die Antwort kommt in der 5. Strophe:V. "Gott, lass dein Heil uns schauen"1. Das Heil Gottes hat immer zwei Seiten: Es wird sichtbar in dieser Welt und in unserm irdischen Leben und weist zugleich über diese Welt hinaus. Sonst wäre es nicht das Heil Gottes. Nicht wir sind es, die uns Ziele vornehmen, uns darüber streiten und einander am Weitergehen hindern. Sondern Gott ist es, der sich mit seiner Schöpfung und jedem von uns ein Ziel vorgenommen hat. Was ist das denn? "Die Erhaltung und Bewahrung der Schöpfung" ist ein ehrenwertes Ziel, das wir Menschen anstreben können. Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass Gott sich damit zufrieden gibt, dass die Schmetterlinge nicht aussterben und die Schöpfung so bleibt, wie sie jetzt ist – mit ihren Tsunamis und Erdbeben, Kriegen und Verbrechen. Sein Ziel kann eigentlich nur sein, dass die Schöpfung und die Menschheit und jeder von uns so wird, wie er es sich gedacht hat. Also Vollendung und nicht nur Bewahrung der Schöpfung.2. Größenwahnsinnige glauben, sie könnten die Schöpfung kaputt machen. Das geht nicht. Es ist genauso größenwahnsinnig zu glauben, wir oder einer von uns könnten die Welt retten, die Klimaveränderung aufhalten oder alle Diktatoren vor Gericht stellen. Ich kann das nicht. Oder traut sich jemand von euch das zu?3. Wir können die Welt nicht verbessern oder retten. Aber wir können uns selbst verbessern:
VI. "auf nichts Vergänglichs trauen, nicht Eitelkeit uns freun. Lass uns einfältig werden und vor dir hier auf Erden wie Kinder fromm und fröhlich sein."Zur Zeit von Claudius hatten diese Wörter noch eine andere Bedeutung, werden also heute leicht missverstanden.a) Eitelkeit war nicht Selbstgefälligkeit, sondern Nichtigkeit. Eitelkeit ist also dasselbe wie Vergängliches: "Lass uns unser Herz nicht an etwas Vergängliches hängen wie Geld, Ehre, Macht oder Schönheit; sondern allein an dich."b) Einfältig ist heute ein bisschen dumm und leicht übers Ohr zu hauen. Gemeint aber ist: einfach, schlicht, ohne Hintergedanken: "Lass uns Menschen werden, die aus einem Guss sind, bei denen Denken, Reden und Tun übereinstimmen."c) Fromm hört sich an nach scheinheilig in die Kirche rennen, Bibelsprüche auf der Zunge und Bosheit im Herzen haben. Gemeint ist aber anständig, brav: "Lass uns Menschen werden, denen man nichts Böses nachsagen kann."
Schluss: Wir brauchen uns da keine Gewalt anzutun. Denn das Wesentliche, das Heil, hat uns Gott durch Jesus geschenkt. Wir brauchen die Welt nicht zu retten, weil sie schon längst gerettet ist. Wir können nur bitten: "Lass mich dein Heil in meinem Leben erfahren. Erfülle mich mit deiner Liebe und mit deinem Frieden." |
Hochzeit Trauung | |||||||||
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Datum: 2011 Aktuell: 19.09.2011 |
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