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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Der keltische Kalender

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I. Grundlagen des Kalenders

1. Keltische Namen der Jahreszeiten

2. Irischer Kalender: vier jahreszeitliche Feste

II. Der Kalender von Coligny

1. Die Monatsnamen

2. Die Gliederung der Monate

a. Halbmond

b. Mitte der Monatshälfte

c. Letzter Tag der kurzen Monate

d. Sonnentage

3. Gute und schlechte Tage

 4. Der Kalender in vereinfachter Form

Vergleich der keltischen Kalendersysteme

1. Übersicht

2. Namensdeutung

 

I. Grundlagen des Kalenders

1. Astronomisches

   a. Die Rotation der Erde

   b. Die Mondbahn

   c. Die Erdbahn

   d. Die Neigung der Erdachse

2. Schwierigkeiten

   a. die Jahreslänge

      i ein reines Mondjahr mit 354 Tagen,

      ii ein Sonnenjahr mit 12 Mondzyklen, Ausgleich durch Schaltmonate.

      iii Ein reines Sonnenjahr, Ausgleich durch Schalttage

b. die Monatslänge

3. Fixpunkte im Kalender

a. Mondphasen

b. Jahreszeiten

i Keltische Namen der Jahreszeiten

 

altirisch

irisch

gaelisch

Manx

cymrisch

cornisch

bretonisch

Frühling

errach

earrach

earrach

arragh

gwanwyn

gwaynten

nevezamzer

Sommer

sam(rad)

samhradh

sàmhradh

sourey

haf

háf

hañv

Herbst

fogamur

fómhar

foghar

fouyr

hydref

kynyaf

diskaramzer

Winter

gaimred

geimhreadh

geamhradh

geurey

gaeaf

gwáf

goañv

Wie in den germanischen Sprachen stimmen auch bei den Kelten nur die Wörter für 'Sommer' und 'Winter' überein.

ii Der irische Kalender ist geprägt von vier jahreszeitlichen Festen

Man sollte annehmen, dass diese Feste ursprünglich an den Zwischenterminen (ZwT) gefeiert wurden.

Fest

Deutung

ZwT

christlich

Samhain
(1. November)

'Sommerende'

06.11.

Allerheiligen (01.11.)
Martini (11.11.)
[5]

Imbolc
(1. Februar)

angeblich < air. *óimelg 'Schafsmilch'

04.02.

Mariae Lichtmess (02.02.) [6]
Brigida (01.02.)
[7]

Bealtaine
(1. Mai)

'glühendes Feuer'

06.05.

Walpurgis (01.05.) [8]

Lughnasadh
(1. August)

'Fest des Lug'

07.08.

Petri Kettenfeier (01.08.)
engl. Lammas Day [9]

Im Kalender von Coligny entsprechen dem lediglich die beiden Monatsnamen Samon(ios) und Giamoni(os)

   

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

[5] Der Tag des fränkischen Nationalheiligen ist im deutschen Brauchtum viel wichtiger als das aus Rom stammende Allerheiligen. Martini ist heute noch Pachttermin (ursprünglich Abschluss des bäuerlichen Jahrs).

   

[6] eigentlich Gedenktag an die Reinigung der Maria nach ihrer Schwangerschaft und Jesu „Darstellung im Tempel“. Der Name Lichtmess (engl. candlemas, aengl. candelmæssedæg). Der Name spielt auf einen mittelalterlichen Brauch der Kerzenweihe und Lichterprozession an (ursprünglich am 14.02.). Mit Lichtmess endet die bäuerliche Winterruhe und beginnt wieder die Arbeit auf dem Feld.

[7] irische Heilige

[8] Walburga war eine Mitarbeiterin des Bonifatius. Ihr Gedenktag ist in Deutschland am 25.02., in England am 01.05.
Nach dem Volksglauben treiben in der Walpurgisnacht zum 1. Mai die Hexen ihr Unwesen. Das dürfte noch ein Relikt aus dem keltischen Kalender sein, bei dem mit Bealtaine das Sommerhalbjahr beginnt. Wo zwei Zeiten zusammenstoßen, treiben die Geister ihr Unwesen (vgl. „zwischen den Jahren“ und die Geisterstunde um Mitternacht).

[9] aengl. hláfmæsse 'Brotmesse', erstes Brot aus dem neuen Getreide

   

II. Der Kalender von Coligny [10]

1897 wurden in den Ruinen eines Apollotempels in Coligny (Südost-Frankreich) Bruchstücke einer großen Bronzetafel mit tabellenartigen Eintragungen gefunden. Wahrscheinlich handelt es sich um einen Kalender, der über fünf Jahre geht. Die zwölf Monate haben eine Länge von abwechselnd 29 und 30 Tagen. Im 3. Jahre wir nach dem 6. Monat und im 6. Jahr nach dem 12. Monat ein Schaltmonat Ciallos mit je 30 Tagen eingeschaltet, die den Ausgleich mit dem Sonnenjahr herstellen.

Da der Kalender die römischen Buchstaben und Ziffern benutzt, muss er aus römischer Zeit stammen. Vorher schrieben die Kelten – wenn überhaupt – griechisch. Da man annehmen sollte, dass im Kaiserreich auch in Gallien der julianische Kalender galt, stammt der Coligny-Kalender wohl aus den Anfängen der römischen Provinz (ab 121 v. Chr.)

1. Die Monatsnamen

(unter der Voraussetzung, dass die aus den Bruchstücken rekonstruierte Reihenfolge richtig ist)

Name

Zeit

Tage

Deutung

Samon(ios)

Okt/Nov

30

'Sommerende'

Dumanni(os)

Nov/Dez

29

< *dub-annios < dubos 'dunkel'? Intervokalische -b- wird im Irischen < -bh > [v], im Cymrischen > f [v]

Riuros

Dez/Jan

30

'Frost'

Anagantio(s)

Jan/Feb

29 

< ana- 'nicht' + cant- ‘singen' 'der Monat, in dem man nicht singt', Gegenstück von Cantlos?

Ogroni(os)

Feb/Mär

30

< japhet. *oug- 'Eis'

Cutios 

Mär/Apr

30

cymr. cuta 'kurz' > 'Ende der kurzen Tage'

Giamoni(os)

Apr/Mai

29

'Winterende'

Simivis(onios)

Mai/Jun

30

auch Semi-, zu lat. sēmis 'halb' + dt. Wiese? In dieser Zeit ist die erste Heuernte (vgl. ahd. Hewimânôd 'Juli')

Equos 

Jun/Jul

30

'Monat der Pferdegöttin Epona'

Elembiv(os)

Jul/Aug

29

'Monat des Geweih tragenden Gottes Cernunnos'

Aedrini(os) 

Aug/Sep

30

griech. αθήρ (aithêr) 'Luft, heiterer Himmel'

Cantlos

Sep/Okt

29

kelt. cantlon 'Gesang'

Ciallos (Schaltmonat) 

'Randmonat'?

Die Namen sind meist nur als Abkürzung überliefert und scheinen alle auf os,
ios zu enden, teilweise mit einer Stammerweiterung auf -in-, -on-, -man- -mon-.

2. Die Gliederung der Monate

Da der Kalender nur in Bruchstücken überliefert ist, fehlen manche regelmäßigen Termine. Es ist auch mit Fehlern bei der Rekonstruktion zu rechnen.

a. Halbmond

Einer der ersten Tage und ein Tag in der Mitte der ersten Monatshälfte heißt Prinni Laget- oder Prinni Loudin-, vielleicht zu cymr. prin 'dürftig, karg' + bret. lagad, cymr. llygad, corn. lagas 'Auge' / cymr. lleuad 'Mond'. Gemeint ist wohl der zunehmende Mond (am Ende der 'dürftigen' Phase).

Der 15. Tag (Monatsmitte) heißt regelmäßig Atenoux, zu mir. athnughud 'Erneuerung' [11]. Gemeint ist wohl der zunehmende Mond. Da Samon(ios) 'Sommer', Giamon(ios) 'Winter', Cutios 'kurz(e Tage)' jeweils am Ende des Zeitabschnitts stehen, müsste Antenoux ebenfalls 'das Ende der Erneuerung' = den Vollmond bezeichnen.

b. Mitte der Monatshälfte

Manche Tage in der Mitte der Monatshälfte sind mit N INIS R gekennzeichnet; vielleicht zu ir. inis, gael. innis, cymr., corn. ynys 'Insel', bret. enez (vielleicht im Sinn von 'Mittmonat'). Im Winterhalbjahr kommt dieses Kennzeichen auch in der zweiten Monatshälfte vor.
Atenoux gliedert den Monat in zwei Teile, deren Tage getrennt gezählt werden.

c. Letzter Tag der kurzen Monate

Der letzte Tag des kurzen Monats heißt Divertomu… / Divortomu… < di- 'weg' + vert- 'umkehren'; das Wort bezeichnet also wohl die Zeit, wo der abnehmende Mond verschwindet (kurz vor Neumond).

Damit hat der Kalender von Coligny Ähnlichkeiten mit dem römischen, der außer den Kalendae (am 1.) und Idus als Zwischentermin in der ersten Monatshälfte die Nonae markierte, während es in der 2. Hälfte keinen Zwischentermin gab.

Anders als die Römer zählt dieser Kalender aber die Tage nicht rückwärts, sondern vorwärts wie wir.

d. Sonnentage

Am Atenoux des Dumannios ist zusätzlich der Tag Mapanos. Ein ähnliches Maponos (zu cymr. mab, irisch mac 'Sohn') war ein britannischer Göttername, wohl der jugendliche „Apollo“. Der Tag in der Mitte des 2. Wintermonats könnte die Wintersonnenwende bezeichnen, vielleicht im Sinne von „Wiedergeburt der jungen Sonne“.

Andere Sonnentage lassen sich nicht erkennen

3. Gute und schlechte Tage

Die langen Monate tragen das Kennzeichen MAT < matos 'gut', die kurzen ANM < *an-matos 'ungut'. Nach altem magischem Denken bringen bestimmte Tage Glück oder Unglück (vgl. Freitag, der 13.). MAT oder ANM sind auch bestimmte Monatstage.

Als Kennzeichen bestimmter Tage dient auch ivos 'Eibe' (cymr. yw, air. éo, ein heiliger Baum [12]), ferner die Abkürzungen D, MD, N, NSDS sowie die Monatsnamen. All das scheinen mir Symbole zu sein von Lebensbereichen, für die diese Tage günstig oder ungünstig sind (vgl. unsre Sternzeichen).

4. Der Kalender in vereinfachter Form

III. Vergleich der keltischen Kalendersysteme

1. Übersicht

Die kursiven Namen stammen aus dem römischen Kalender.

a. Goidelisch

Monat

Coligny

irisch

gaelisch

Manx

Jan

Riuros

Eanáir

am Faoilteach

Jerrey Gheuree

Feb

Anagantios

Feabhra

an Gearran

Toshiaght Arree

Mär

Ogronios

Márta

am Màrt

Mayrnt

Apr

Cutios

Aibreán

an Giblean

Averil

Mai

Giamonios

Bealtaine [13]

an Céitein [13]
Bealltainn 
[14]

Boaldyn [13]

Jun

Semivisonios

Meitheamh

an t-Òg-mhios

Mean Souree

Jul

Equos

Iúil

an t-Iuchar / Uthar

Jerrey Souree

Aug

Elembivos

Lunasa

an Lùnasdal

Luanistyn

Sep

Aedrinios

Meán Fómhair

an t-Sultain

Mean Fouyir

Okt

Cantlos

Deireadh Fómhair

an Damhar

Jerrey Fouyir

Nov

Samon(ios)

Samhain

an t-Samhainn

Mee Houney

Dez

Dumanni

Nollaig

an Dùdlachd

Mee Ny Nollick

b. Britannisch

Monat

Coligny

cymrisch

cornisch

bretonisch

Jan

Riuros

Ioanawr

Genver

Genver

Feb

Anagantios

Chwefror

Hwevrer

C'hwevrer

Mär

Ogronios

Mawrth

Meurth

Meurzh

Apr

Cutios

Ebrill

Ebryl

Ebrel

Mai

Giamonios

Mai

Me

Mae

Jun

Semivisonios

Mehefin

Metheven

Mezheven

Jul

Equos

Gorffennaf

Gortheren

Gouhere

Aug

Elembivos

Awst

Est

Eost

Sep

Aedrinios

Medi

Gwynngala

Gwengolo

Okt

Cantlos

Hydref

Hedra

Here

Nov

Samonios

Tachwedd

Du

Du

Dez

Dumanni

Rhagfyr

Kevardhu

Kerzu

Der Kalender von Coligny hat also wenig Ähnlichkeiten mit den modernen keltischen Systemen. Er ist nicht gemeinkeltisch, sondern galt nur in Gallien oder gar in Südostgallien.

Es gab und gibt keinen einheitlichen keltischen Kalender. Selbst innerhalb der Sprachgruppen Goidelisch und Britannisch gibt es auffallende Differenzen.

Merkwürdig ist auch die anscheinend willkürliche Vermischung mit den römischen Monatsnamen. Der schottische Kalender hat anscheinend nur einen der römischen Namen, alles andere scheint original keltisch zu sein.

2. Namensdeutung

Januar

gael. am Faoilteach < gael. faol 'Wolf'

Manx Jerrey Gheuree < Manx jerrey 'Ende' + geurey 'Winter'

Februar

gael. an Gearran < *giam-radh.an 'Winter'

Manx Toshiaght Arree < toshiaght ''Anfang' + arragh 'Frühling'

März

trägt überall den lateinischen Namen.

April

gael. an Giblean < gael. gibean 'Fett, Schmalz', gibein 'Stück Fleisch', giblion 'Innereien einer Gans' [16]

Mai

ir. Bealtaine, Manx Boaldyn  'Mai', gael. Bealltainn '1. Mai' < bel -'hell, glühend' + tene 'Feuer'
gael. an Céitein < air. cét 'der erste (Sommermonat)'
[17]

Juni

ir. Meitheamh, cymr. Mehefin, corn. Metheven, bret. Mezheven < cymr. mehin 'Fett, Speck'
gael. an t-Òg-mhios, der Schreibung nach < gael. òg
'jung' + mios 'Monat' [18], wohl Missdeutung des Gottesnamens Ogmios

Manx Mean Souree < Manx mean 'mittlerer'  + souree 'Sommerwetter'

Juli

gall. Equos, gael. an t-Iuchar / Uthar < gall. eqos, ir., gael. each 'Pferd'
cymr. Gorffennaf
< cymr. gorffen 'beenden' - cymr. haf 'Sommer' (letzter Sommermonat)
corn. Gortheren, bret. Gouhere  < bret.. gor 'überaus' + here 'Herbst'

Manx Jerrey Souree < Manx jerrey'Ende' + souree 'Sommerwetter'

August

gael. an Lùnasdal < ir. Lúgnasad, Manx Luanistyn 'Fest des Lug mac Ethlend (1.8.)

September

ir. Méan Fómhair, Manx Mean Fouyir < ir. méan ‘mittlerer' + fómhair ‘Herbst'
gael. an t-Sultain 'September' < gael. sul 'Sonne' + teine 'Feuer' = Ende der hellen Jahreszeit?
cymr. Medi < cymr. medi 'Getreideernte'
corn. Gwynngala, bret. Gwengolo < cymr. gwyn 'weiß' + goleu Licht' = Ende der hellen Jahreszeit?

Oktober

ir. Deireadh Fómhair, Manx JerreyFouyir < ir. dheireadh ‘Ende' + fómhair ‘Herbst'
gael. an Damhar < mir. dam-gair 'Röhren der Hirsche'
cymr. Hydref, corn. Hedra, bret.
Here < cymr. hydref 'Herbst'

November

cymr. Tachwedd = cymr. tachwedd 'Ausrottung'
corn., bret. Du < corn., bret. du 'schwarz'

Dezember

gall. Dumanni(os), gael. an Dùdlachd 'Dezember'< gael. dùbhlachd < kelt. dubos 'dunkel'
ir. Nollaig, Manx Mee Ny Nollick 'Dezember', gael. nollaig 'Weihnachten' < notlaic < lat. natalicia 'Geburtstag (Christi)'
cymr. Rhagfyr < cymr. rhag 'vor' + byr 'kurz' = 'vor den kurzen (Tagen)'
corn. Kevardhu, bret. Kerzu  < corn. kev- 'mit' (lat., gall. com-) + ...

 

10] Rekonstruktion:
http://www.roman-britain.org/celtic/coligny.htm

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


 

[11] < ate 'wieder' + novios 'neu'

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

[12] Für die Bedeutung 'Fest' sehe ich keine Anhaltspunkte.

 

 


 

 



 


[13] Monat
[14] 1. Mai

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

[16] also der Monat nach der Fastenzeit, wo man wieder Fleisch essen darf?

[17] vgl. air. cétsoman

 

[18] vgl. lat. Iunius < iunior 'jünger'

     

 

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Übersicht

 

Die Grundlagen des Kalenders

Der Kalender von Cologny in vereinfachter Form

 

Datum: 2015

Aktuell: 26.03.2016