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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Etymologie

Gerechtigkeit

 dt. 'Verhalten oder Zustand, dem Recht entsprechend'

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I. Hebräer

1. משפט

2. צדקה

II. Griechen

III. Römer

1. Göttliches und menschliches Recht

2. Recht

3. Unrecht

IV. Germanisch

1. Recht

2. Ehre und Neid

 

I. Hebräer

Das Hebräische kennt zwei verschiedene Ausdrücke für 'Gerechtigkeit': משפט mišpaṭ und צדקה ṣɘdáqâ.

1. משפט

משפט Mišpaṭ 'Gericht' ist abgeleitet vom Verb שפט šápôṭ 'Recht sprechen', weniger im Sinne einer Entscheidung gegen die Bösen ('verurteilen'), sondern zu Gunsten der Guten ('zum Recht verhelfen'). Das hängt mit der früher allgemeinen Gerichtspraxis zusammen: Der Geschädigte musste Privatklage erheben und den Richter bitten, sein Recht wiederherzustellen.
Im Hintergrund steht die Auffassung, dass durch eine Rechtsverletzung das Heil der Gemeinschaft gestört ist und solange gestört bleibt, bis das Recht wieder hergestellt ist. Der Übeltäter wurde nicht dadurch bestraft, dass man ihm irgend ein Übel zufügte, sondern nach Möglichkeit genau das, was er selbst angerichtet hatte: Der Mörder wurde getötet, der Dieb bekam doppelt so viel abgenommen, wie er gestohlen hatte...: "Auge um Auge, Zahn um Zahn". Das war kein Ausdruck primitiver Rachsucht, wie wir es heute sehen, sondern durch diese genaue Entsprechung sollte der Ausgleich wiederhergestellt werden: Das Unheil fällt auf den zurück, der es angerichtet hat. So sahen es nicht nur die Hebräer, sondern alle frühen Kulturen, auch die Germanen, von denen noch die Rede sein wird.

2. צדקה

צדקה Ṣɘdáqâ dagegen ist, wenn man aktiv gerecht handelt und darum passiv als gerecht angesehen wird. Dem Gerechten kann man nichts vorwerfen. Er muss vor Gericht frei gesprochen, gerechtfertigt werden. Ja selbst Gott, der oberste Richter, lässt sich danach beurteilen, ob er gerecht ist: Psalm 51 bekennt der Beter: "Jawohl, ich habe gesündigt, daher steht Gott rein da, wenn er mich verurteilt." Man kann also Gott nichts vorwerfen, wenn er den Sünder verdammt. Es ist keine Willkür, sondern er handelt gerecht.
So ist es auch mit dem צדיק
ṣaddîq, dem gerechten Menschen. Man kann ihm keine Vorwürfe machen, weil er recht handelt. Seine Unbescholtenheit ist also nicht absolut, sondern davon abhängig, dass sie anerkannt wird. Das war ja das Problem von Ijob, dass er wirklich keine Sünde begangen hat und trotzdem Vorwürfe gemacht bekommt. Solange die Vorwürfe nicht widerlegt sind, ist Ijob nicht gerechtfertigt.
Um das Gegenteil von 'gerecht' auszudrücken, kann das Hebräische nicht ein Wort wie
ungerecht durch eine negierende Vorsilbe bilden, sondern es hat dafür eine Reihe positiver Ausdrücke, die 'Frevler, Sünder, Verbrecher' bedeuten – alles Menschen, die Böses tun und deshalb verurteilt werden.
Für die unparteiische Rechtsprechung hat das Hebräische zwar kein eigenes Wort, aber eine feste Redewendung: Der gerechte Richter "sieht nicht die Person an" und bei Gott gibt es "keinen Ansehen der Person". Der Richter, der so urteilt, ist צדיק
ṣaddîq, weil er es richtig macht und weil man ihm keinen Vorwurf machen kann.

II. Griechen

In der Götterlehre Hesiods ist Δίκη Dikē 'das Recht' eine Göttin. Dahinter steht die Auffassung, dass Recht unabhängig von unserem menschlichen Urteil und Handeln ist, nicht nur das, was ein Gesetzgeber verordnet und ein Richter für Recht erkannt hat.
Das Wort δίκη
dikē hat später eine doppelte Bedeutung: Es bezeichnet erstens einen vorgegebenen Zustand, die 'Norm', nach der wir etwas beurteilen, und zweitens das Urteil des Richters, der etwas für Recht oder Unrecht erklärt und den Schuldigen bestraft.
Gerecht, δίκαιος
díkaios ist, was der vorgegebenen Norm entspricht. Ein gerechter Mensch tut seine Pflicht und muss nicht erst seine Unschuld beweisen und sich rechtfertigen. Gerechtigkeit, δικαιοσύνη dikaiosýnē ist eine Tugend und kein offiziell festgestellter Zustand.
In diesem Sinne ist natürlich auch ein Richter "gerecht", der unparteiisch die Grundsätze des Gesetzes anwendet und den Schuldigen nach dem Maß seiner Taten bestraft. Aber dieser Gedanke steht nicht im Vordergrund. Der "gerechte" Richter tut auch sonst seine Pflicht als Staatsbürger und Familienmitglied.
Das Gegenteil ist ἄδικος
ádikos 'nicht der Norm entsprechend, verbrecherisch' bzw. ἀδικία adikía 'Unrecht, Rechtsbruch, Verbrechen'.

III. Römer

1. Göttliches und menschliches Recht

Die Römer unterschieden zwischen göttlichem (fās) und menschlichem Recht (iūs). Das göttliche Recht äußert sich mehr im allgemeinen Rechtsempfinden ("es gehört sich so"), während das menschliche Recht in Gesetzen niedergelegt und Gegenstand des Gerichtswesens ist.
Diese Unterscheidung hat sich tief im abendländischen Denken eingeprägt, bis hinein in unser modernes Rechtsempfinden. Eine noch so scheußliche Tat kann nur verurteilt werden, wenn sie gesetzlich verboten ist. Ein Übeltäter, der eine ungeahnte Art von Verbrechen erfindet, kann nicht bestraft werden, wenn es keine gesetzliche Handhabe dafür gibt.
Umgekehrt kann ein Gesetz als ungerecht empfunden werden, weil es dem Rechtsempfinden widerspricht. Ein "Gesinnungstäter" ist also kein Verbrecher, weil er in dem Bewusstsein handelt, einer höheren Gerechtigkeit Genüge zu tun, auch wenn er damit die bestehenden Gesetze verletzt.

2. Recht

Das lateinische iūs bezeichnet nicht nur die allgemeinen Normen, die in den Gesetzen verankert sind, sondern auch die Rechtsstellung, die ein Einzelner oder eine Gruppe hat, etwa die Vorteile, die sich aus dem Bürgerrecht ergeben; den Anspruch, den jemand erheben kann (z.B. auf sein Eigentum) und die Befugnisse, die sich aus einer Rechtsstellung ergeben.
Das Adjektiv
iūstus bedeutet sowohl 'rechtschaffen' (von Menschen) als auch 'rechtmäßig' (von Sachen), das zugehörige Nomen iūstĭtĭa 'Rechtmäßigkeit, Rechtsgefühl, Rechtsordnung'. Die Bedeutung 'Justiz, Rechtspflege' kam erst im Mittelalter auf. Dafür sagten die Römer iūrisdictio 'Rechtsprechung'.
Was wir als gerecht empfinden, wenn ein Richter keine Partei bevorzugt, nannten die Römer
aequus 'gleich', dazu aequitās 'Gleichbehandlung, Gleichheit vor dem Gesetz'.

3. Unrecht

Das Gegenteil von iūs ist iniūria 'Unrecht, widerrechtliche Handlung, Gewalt, Beleidigung'. Hier liegt der Ton darauf, dass jemand seine Interessen nicht mit gesetzmäßigen Mitteln durchsetzt (etwa durch einen Prozess oder durch Beschränkung auf das zugelassene Strafmaß), sondern eigenmächtig dadurch, dass er sich in seinen Mitteln vergreift und Schaden anrichtet. Ähnlich bezeichnet inīquitās 'Ungleichheit' die 'übertriebene Forderung, übertriebene Härte'. Dazu iniūstus und inīquus 'ungerecht, übertrieben streng'. In ihrem Gegenteil kommen sich also die beiden Begriffe ziemlich nahe.

IV. Germanisch

1. Recht

Unser Nomen Recht ist das substantivierte Adjektiv recht. Dieses lässt sich am besten verstehen, wenn wir es mit seiner lateinischen Entsprechung rēctus vergleichen, Partizip Passiv zu rĕgĕre 'gerade machen, lenken, regieren'. Rēctus und recht hat also die Grundbedeutung 'gerade gerichtet (nicht mehr krumm), richtig, gut'. Dazu gehört also auch die Wortgruppe richten '(technisch) gerade machen, in die Reihe bringen, zubereiten' und richtig 'in Ordnung'. Richten hatte früher auch die Bedeutung von 'lenken, herrschen'; der Richter war der 'Lenker, Herrscher' und hatte damit kraft seines Amtes auch juristische Urteile zu fällen.

Recht 'was richtig ist' hat damit die Bedeutung von lat. iūs bekommen und wurde in seiner Bedeutung wohl stark vom römischen Recht beeinflusst, das zu Beginn der Neuzeit in Deutschland eingeführt wurde.

Ursprüngliche Bedeutung von gerecht

Gerecht hatte lange Zeit nicht nur '(sachlich) richtig, (juristisch) rechtmäßig' bedeutet, sondern auch '(technisch) gerade ausgerichtet'. Ein gerechter Baum war gerade gewachsen, ein gerechter Weg hatte keine Kurven. Dann auch übertragen: Ein gerechter Schuh passte ohne zu drücken. Noch heute versuchen wir, jemand gerecht zu werden, d.h. uns ihm gegenüber richtig zu verhalten.
Im juristischen Sinn konnte etwa ein Herrscher
gerecht, d.h. legitim eingesetzt sein. Man glaubte, einen gerechten Krieg zu führen, wenn man vernünftige Gründe oder sogar Rechtstitel dafür anführen konnte. Gerecht war auch einer, der von einer Anklage freigesprochen wurde oder einen Prozess gewonnen hatte, also "im Recht war". Von daher konnte auch ein 'rechtschaffener' Mensch als gerecht bezeichnet werden. Gerecht konnte also auch ein Richter sein, wenn er sich an die Gesetze hielt und unparteiisch urteilte (= lateinisch iūstus und aequus).

Bei alledem lassen sich ursprünglich germanische Gedanken von den römischen und biblischen kaum trennen, weil das Deutsche da sehr stark von juristischen und theologischen Diskussionen geprägt ist.

2. Ehre und Neid

a. Ehre

Dem germanischen Gerechtigkeitsgefühl kommen wir vielleicht näher mit dem Wort Ehre. Nicht nur durch Beleidigung, sondern auch durch Diebstahl oder Mord wurde die Ehre eines Menschen oder einer Familie verletzt und forderte Rache. Die Bestrafung des Täters durch den Geschädigten stellte die verletzte Ehre wieder her. Der Ehre entspricht also im heutigen Denken der Rechtsanspruch, den jemand hat und den er vor Gericht gelten machen kann. Wer seiner Ehre entsprechend handelt und Recht tut, also 'gerecht' ist, nennen wir im heutigen Sprachgebrauch ehrlich oder ehrenhaft, wer dagegen Unrecht tut, ist ehrlos.

b. Neid

Ehrloses Handeln nannte man Neid. Das Wort bezeichnet heute die Missgunst, die dem anderen nicht gönnt, was er hat; oder versucht, ihm sein Eigentum wegzunehmen. Ursprünglich war damit ein feindseliges Handeln gemeint, das in tätlichen Angriffen oder Beleidigungen bestehen konnte. Bei den Nordleuten nannte man einen ehrlosen Menschen níðingr.

 

Schrift: ARIAL UNICODE MS

Sonderzeichen

Abkürzungen

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Übersicht

 

Sprachecke 24.12.2007

 

Datum: 1998 / 2005

Aktuell: 07.04.2016