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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Etymologie

Was bedeutet Gott?

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Religions- und Sprachvergleich

Die Vokabeln

Asien

Chinesisch

Ägyptisch

Semitisch

Indogermanisch

Lateinisch

Griechisch

Germanisch

Arisch

Slawisch

Zusammenfassung

 

 

I. Religions- und Sprachvergleich

 

Schrift: ARIAL UNICODE MS

Sonderzeichen

Abkürzungen

 

 

II. Die Vokabeln

Für einen Vergleich kommen eigentlich nur die Sprachen der Hochkulturen in Frage, bei denen der personale Gottesbegriff beprägt wurde und altererbte Äquivalente für unser "Gott" vorhanden sind. Indien ist noch vergleichbar, China nicht mehr. Über die Sprachen der anbderen Kulturen weiß ich auch zu wenig, um Vergleich anstellen zu können.

Im Folgenden geht es mir nicht darum, die überlieferten Aussagen zusammenzustellen, sondern Vorstellungen auf die Spur zu kommen, die viel weiter in die Vergangenheit zurück reichen. Wir fragen uns: Welche Vorstellungen hatten die Menschen, als sie die Vokabeln für 'Gott' prägten? Damit können wir das Gedankengut einer Zeit erschließen, von der wir keine schriftlichen Zeugnisse haben und die Tausende von Jahren älter als die ersten Aufzeichnungen sein können.
Unser Wort Gott lässt sich z.B. nicht aus dem Germanischen erklären, von dem es seit etwa 2000 Jahren schriftliche Zeugnisse gibt. Das Germanische ist wohl im Laufe des ersten vorchristlichen Jahrtausends entstanden. Also ist das Wort Gott mindestens 3000 Jahre alt.

 
 

Asien:

'der Himmel'

Das Keilschriftzeichen für 'Gott' ist ein Stern, mit dem auch der Himmelsgott An geschrieben wird. Die sumerische Vokabel lautet dingir.

Der Himmel spielt in den alten Religionen Eurasiens eine große Rolle; die Wörter für 'Himmel' und 'Gott sind oft austauschbar.

   


Keilschrift "Gott"

Asisch

Altaisch

tängri

Uralisch

Isten

 

Asisch

Altaisch

tängri 'Himmel, Gott'

Die altaischen Völker hatten von alters her eine schamanistische Religion und glaubten an einen Obergott, der sich nicht in Bildern darstellen ließ. Er hieß

  • mong. klass. tängri êčige, chalcha тэнгэр эцэг tenger eceg 'Vater Himmel'

    entsprechend :

  • idg. *diēʊs-petḗr, lat. Iuppiter 'Vater Himmel'

Die Urindogermanen waren wie die Altaier nomadische Steppenbewohner und scheinen eine ähnliche Religion gehabt zu haben, die eng mit dieser Lebensweise verknüpft war. Als die Indogermanen sesshaft wurden, wurden sie zu Polytheisten, viele ihrer Nachkommen bekehrten sich zu monotheistischen Religionen, die Altaier ebenfalls oder zum Buddhismus. Im Iran begründete Zarathustra eine weitere nicht-polytheistische Religion.

Uralisch

*dıu-mu 'Tag, Himmel, Gott'

Die dem Finnischen verwandten Sprachen an der Ostsee nennen das höchste Wesen jumala (finnisch) oder jumû (tscheremissisch), offenbar eine Weiterbildung aus *jum, das das *dju.m mit dem japhetitischen Wort děus / Zeus / Jup-piter 'Himmelsgott' verwandt sein könnte.

In den anderen uralischen Sprachen lautet das Wort für 'Gott, Himmel' num-, offenbar eine Anlautvariante.

   

Ostasisch

Himmel

Geist

Chinesische Umschreibungen

Japanische Umschreibungen

 

Ostasisch

'Himmel'

Der Himmel als solcher (chin. 天, tiān, jap てん ten) ist in Ostasien ein wichtiges religiöses Symbol und meint nicht ein personhaftes Wesen ("Gott"), sondern die Überwelt. Der Himmel bestimmt die Ordnung der Welt (道 klass. lhū́, modern dào 'Weg, Methode') und das Schicksal. Der Kaiser galt als Sohn des Himmels (天子 chin. tiānzǐ,  jap. てんし tenshi).

Man glaubte auch an einen personhaften Himmelsgott 上帝 shàngdì 'der Kaiser droben'. Dieser Hochgottglauben findet sich auch in anderen urtümlichen Religionen. Er schließt den Kult anderer Götter nicht aus.

'Geist'

Die ostasiatischen Religionen sind mehr polytheistisch orientiert. Die heute mit 'Gott' übersetzten Wörter bedeuten eher 'Dämon, Geist' als das, was wir uns unter einem Gott vorstellen:

  • jap. 神, かみ kamí 'Gott'
    Ainu カムイ kamuy 'Bär, Gott' (Schöpfergott und animistischer "Geist", den alle Wesen in sich haben)
    zu asisch *kam 'Schamane'

  • chin. 神 alt lǝn, modern shén 'Geist, Seele, Psyche, Gespenst, Gott'
    Deutezeichen xiān 'Gott' + phonetisch shēn 'melden'

  • chin. 仙 alt san, neu xiān 'Gott, Geist, Unsterblicher', heute 'Genius, Schutzgeist, Engel'
    Deutezeichen rén 'Mensch' + phonetisch shān 'Berg'

  • kor. 하나님 hananim ['hanɨnim] 'Gott'
    zu adam. *hen- 'atmen', dazu  ['hanɨl] 'Himmel'

Chinesische Umschreibungen

  • 上帝 shàngdì 'der Kaiser droben, Gott'
    heute das geläufige Wort

  • 天主 tiānzhŭ 'Himmelsherr, Gott' [1]

    • Lehnübersetzung > Mandschu abkai ejen 'Himmelsherr, Gott'

    Alte Ausdrücke waren:

  • 上苍 (上蒼) shàngcāng 'Gott'
    wörtlich 'droben der Alte'

  • 老天爷 (老天爺)  lǎotiānyé 'Himmel, Gott'
    wörtlich: 'alter Himmelsgroßvater', wohl Lehnübersetzung aus dem Altaischen

Japanische Umschreibungen

  • 天, てん ten 'Himmel, Paradies, Gott, Vorsehung, oberster Teil. buddhistisches Himmelswesen' 
    < chin. tiān Himmel'

  • 上帝, じょうてい jōtei 'Gott, Kaiser, Schöpfer'
    < chin. shàngdì 'der Kaiser droben, Gott'

  • 上天, じょうてん  jōten 'Himmel, Himmelskaiser, Gott, Schöpfer'
    < chin. *shàngtiān 'Himmel droben'
  • 天主, てんしゅ  tenshu 'Himmelsherr, Gott'
    < chin. tiānzhŭ 'Himmelsherr'
 

Friedrich Heiler, Die Religionen der Menschheit 1980 S. 71 f

[1] C. Kainz, Praktische Grammatik der chinesischen Sprache 183: Gott (ev.) šang-tí, (kath.) t'iēn-čù

 

 

Ägyptisch: 'der Ehrwürdige'

Das ägyptische Wort für 'Gott' lautet nṯr [*nāčer], kopt. noute noute und gehört mit meroit. mk, nk, suaheli Mungu zu adamit. *n- 'ehrwürdig'
Ägypt. /ṯ/ ist palatales /k/ = /č/

Das Zeichen "Fahne" für 'Gott' wurde gewählt, weil das Wort nṯryt 'Kultfahne' ähnlich lautet. Es bezeichnet eher ein 'Stück Stoff' als 'etwas Heiliges' und ist abgeleitet von afroas. nk-, ägypt. nṯ- 'flechten, knoten, binden, weben'.

Die Ägypter verehrten zwar viele Götter; dennoch gibt es Texte, die einfach von 'Gott' oder 'dem Gott' reden, so als ob es bloß einen gäbe. Möglicherweise steckt dahinter die Überzeugung, dass die vielen Götter nur Erscheinungsformen eines einzigen göttlichen Wesens sind.

   

 

 

Schenkel a.a.O. 45 ff


Hieroglyphe "Gott"

 

   

Semitisch: Gott 'die Lebenskraft'

Im Semitischen gibt es grundsätzlich zwei verschiedene Vokabeln, die offenbar mit einander verwandt sind ilu und ilāhu. Im Hebräischen lauten die Wörter אל él und אלוה äaħ, dazu der Plural אלהים älohîm. Letzteres ist das normale hebräische Wort; die beiden ersten sind altertümlich und werden vor allem in poetischen Texten verwendet. Die Grundbedeutung ist wahrscheinlich 'Lebenskraft'; ähnliche Wörter bezeichnen einen großen 'Baum', den 'Widder' und den 'Hirsch'.

Ähnlich Wörter in anderen Sprachgemeinschaften: mhd. ellen 'Kraft'. finn. elo, ung. elet 'leben' - Gegenwort: türk. öl- 'sterben'

Merkwürdig ist, dass אלהים älohîm sowohl den einen Gott als auch die vielen Götter bezeichnet, etwa im ersten Gebot: »Ich bin Jahwe, dein אלהים älohîm 'Gott'. Du sollst keine anderen אלהים älohîm 'Götter' neben mir haben.« Vielleicht hat das Wort ursprünglich in seiner ersten Bedeutung den 'himmlischen Hofstaat' bezeichnet, bestehend aus Jahwe und ihm untergeordneten Himmelswesen. Später hätte sich dann der Sprachgebrauch verfestigt, sodass der Plural zur Bezeichnung des einen Gottes geworden ist. Ähnlich hat man früher vom Hof gesprochen und damit nicht das gesamte Palastpersonal, sondern nur den Fürsten gemeint.[2]
Dass die Juden den Plural für 'Gott' gebrauchen, soll wohl auch verhindern, dass man sich Gott zu massiv als ein menschenähnliches Wesen vorstellt. אלהים Älohîm ist eher ein Abstraktum ('Gottheit') oder Kollektivum ('himmlische Mächte'). Dabei ist zu bedenken, dass es im Hebräischen kein Neutrum gibt.
Es ist eigenartig, dass man für die heidnischen Götter keine andere Bezeichnung gesucht hat. Ich kann mir das nur so erklären, dass die Vorstellung vom polytheistischen Hofstaat die Wahl des Plurals begünstigt hat.
Das Arabische unterscheidet in Schrift und Aussprache genau zwischen der Gattungsbezeichnung
إله ilāh Gott', إلهة ilāha 'Göttin' und dem Namen des einzigen Gottes الله Ałłāh < الإله al-ilāh 'der Gott'.

  [2] Vgl. germ. regin 'himmlische Ratsversammlung'

Indorgermanisch

Lateinisch

Dĕus

Nūmen

 

Indogermanisch

Lateinisch

Dĕus

Dem lateinischen dĕus 'Gott', dīvus 'göttlich' liegt das japhetitische Wort für den 'strahlend blauen Himmel' zugrunde. Wie beim Hebräischen wechseln auch in den japhetitischen Sprachen Bezeichnung und Name.

Nūmen

Abgeleitet von lat. nŭěre 'nicken' bedeutet nūmen zunächst 'Wille', dann 'göttliche Schickung', und schließlich 'göttliches Wesen, Gott'. Das Wort entspricht damit dem griech. δαίμων daímōn 'Schicksalsmacht'.

   

Griechisch

Θεός theós

Δαίμων

Daímōn

 

Griechisch

Θεός tʰeós

Griech. Θεός tʰeós 'Gott' gehört wohl zu japhet. *dʰeʊḫ- 'selische Erregugung' und ist verwandt mit alban. hyj 'Gott', aslaw. дѹхъ duchŭ 'Geist', lit. dvasa 'Atem, Geist'.

Das Wort bezeichnet jede Art von überirdischem Wesen, auch den monotheistischen Gott. Das ist angesichts der reich ausgeprägten griechischen Mythologie mit unterschiedlichen Götterklassen erstaunlich.
 

Δαίμων Daímōn

Eine konkurrierende Bezeichnung war ursprünglich δαίμων daímōn oder δαιμόνιον daimónion 'göttliches Wesen; Schicksalsmacht', abgeleitet wohl von δαίεσθαι daíesthai 'teilen, verteilen'. Die Gottheit wäre demnach gekennzeichnet als 'Zuteilerin' des Schicksals. Δαιμόνιον daimónion nennt Sokrates die innere Stimme, die ihn berät und warnt. Später bekommen die beiden Wörter die Bedeutung 'untergeordnete Gottheit' und schließlich 'böser Geist, Teufel'.

   

Germanisch

Gott

Asen und Wanen

Regin

Zio

Wodan

 

Germanisch

Gott, 'das angerufene Wesen'

Das gemeingermanische *ḡuða ist wahrscheinlich ein Partizip Passiv 'das kultisch verehrte Wesen.' Gotisch guþ hat keine maskuline Endung -s, ist also Neutrum, wird aber wie ein Maskulinum konstruiert: Mt 27,46 guþ meins 'mein Gott', Luk 5,21 ains guþ 'allein Gott'. Im Altnordischen ist das christliche guð maskulin, das heidnische goð Neutrum (meist Plural).

Das Nebeneinander der beiden Vokale erklärt sich wohl dadurch, das der Singular guð keine Endung hatte, während die Endung -a im Plural das umgelautete goða bewirkte. Nachdem der Singular guð für den einen christlichen Gott verwendet wurde, hat man aus dem Plural einen neuen Singular goð für einen einzelnen heidnischen Gott rückgebildet. Die alte Umlautregel war zu dieser Zeit nicht mehr wirksam.

Da die schriftliche Überlieferung erst nach der Christianisierung einsetzt, wissen wir nicht, ob das westgermanische Wort ursprünglich ebenfalls Neutrum war.

Der ahd. Plural gota ist jedenfalls eindeutig maskulin (dagegen das Neutrum wort, Pl. wort). Der heutige Plural Götter // Wörter ist erst später entstanden.

Als sprachliche Wurzel kommt eher japhet. *ƺʰau- 'rufen' als *ƺʰeu- 'gießen' in Betracht:

  • japhet. *ƺʰaʊ- 'rufen'

    • idg. ƺʰūtóm 'gerufen'

  • japhet. *ƺʰeu- 'gießen, opfern'

    • idg. *ƺʰutóm 'gegossen', arisch 'durch Opfer verehrt'

Lautlich (kurzer Vokal) passt zwar 'durch Opfer verehrt' besser. Dies ist aber eine Sonderbedeutung, die nur im Arischen nachweisbar ist. 'Gerufen' dagegen ist im kultischen und magischen Sinn im ganzen japhet. Sprachgebiet bezeugt. Das kurze /u/ lässt sich erklären als Schwächung in unbetonter Silbe.

Germ. *ḡuða bezeichnete eher ein Abstraktum wie 'Gottheit, Allmacht, Vorsehung' als ein einzelnes überirdisches Wesen und eignete sich daher für die christliche Mission.

Wichtig ist, dass die Gottheit nicht objektiv definiert wird durch Eigenschaften, die man ihr zuschreibt, oder Funktionen, die sie ausübt, sondern subjektiv durch das, was der Mensch mit ihr tut ('die magisch beschworene, durch Rezitation verehrte oder persönlich angerufene Macht').

Damit wird Luthers Definition vorweggenommen:

Worauf du nu (sag ich) dein Herz hängest und verlässest, das ist eigentlich dein Gott. [3]

Das germanische Wort lässt sich jedenfalls nicht aus dem Germanischen erklären und gehört zum japhetitischen Erbe. Warum hat sich aber bei unsern Vorfahren gerade dieses Wort mit seiner unpersönlichen Sonderbedeutung 'das Angerufene' durchgesetzt? Weil im Germanischen das normale japhetitische Wort (aind. देव dēvá, Latein dĕus) 'Himmel, Gott' zu einem Götternamen Tyr, Zio geworden ist. Da wurde eine neue Gattungsbezeichnung nötig, nämlich Gott.

Asen und Wanen, 'die Lieben' und 'Vertrauten'

Ein weiterer Grund für den Gebrauch von Gott könnte sein, dass wenigstens die Nordgermanen zwei Göttergruppen unterschieden haben, für die sie einen Oberbegriff brauchten: die Asen und die Wanen (altnordisch Æsir / Vanir). Diese Unterscheidung ist zwar nur für die Nordgermanen belegt, scheint aber in ältere Zeit zurückzugehen, denn auch andere germanische Sprachen kannten die Gottesbezeichnung Ase, u. zw. nicht aus dem Nordischen übernommen, sondern in einheimischer Sprachgestalt. Wir können z.B. ein althochdeutsches ans 'Ase' aus Personennamen wie Ansgar erschließen. In alten Personennamen finden wir auch die Wanen (z.B. althochdeutsch Wanburg, das sich aber auch anders deuten lässt).
Germ. *ansiż  'Gott' gehört wohl zu altnordisch ást 'Liebe', althochdeutsch anst 'Zuneigung'.
Ähnlich könnte altnordisch vanr 'Wane' zusammenhängen mit vanr 'gewohnt'.
Die beiden Gruppen würden also die 'Lieben' und 'Vertrauten' benannt (vergleiche den deutschen Geisternamen die Holden, dazu Unhold 'Teufel'). Das muss nicht unbedingt heißen, dass die Germanen ein besonders inniges Verhältnis zu ihren Göttern hatten; die Bezeichnungen könnten dazu gedient haben, den Göttern zu schmeicheln und sie freundlich zu stimmen. Ich nehme aber trotzdem an, dass die beiden Wörter eine freundliches Beziehung zwischen Göttern und Menschen voraussetzen. Schließlich gibt es gerade bei den Nordgermanen eindrucksvolle Belege von einem sehr persönlichen Verhältnis zur Gottheit.

Regin, 'die himmlische Ratsversammlung' [4]

Eine Kollektivbezeichnung für die Himmlischen ist anord. regin, das im Sinne von 'die Götter' gebraucht wird. Mit Rücksicht auf got. ragin 'Rat: menschliche Empfehlung, Einwilligung, göttlicher Ratschluss, schriftliche Verfügung' sollte man das altnordischen Wort im Sinne von 'himmlische Ratsversammlung' verstehen:

Þá gengu regin öll á rökstóla, ginnheilög goð, ok um þat gættuz...
Zum Richterstuhl gingen die Rater alle, heilige Götter und hielten Rat...
[5]

Zio, 'der Himmel'

Er trägt den Namen des alten indogermanischen Himmelgottes (griechisch Zeus) und spielt in der uns bekannten Überlieferung nur noch eine geringe Rolle; er geriet offenbar in Vergessenheit, weil man anderen Göttern größere Aufmerksamkeit zuwandte. Aus dem Deutschen ist nicht mehr als sein Name bekannt. In der Edda heißt er Tyr. Von ihm wird erzählt, er habe seinen Arm einem dämonischen Wolf geopfert, der die Welt verschlingen wollte, und dadurch die Welt vor dem Chaos gerettet.

Wodan, 'der Geist'

Sein Name hängt zusammen mit lateinisch vātēs 'Prophet'; er hieß bei den Nordleuten Óðinn und wurde als Gott der Inspiration, der Weisheit und der Magie verehrt. Von ihm wird erzählt, er habe ein Auge geopfert [6] und sich als Selbstopfer an einem Baum aufgehängt [7], um Weisheit zu erlangen. Er war im volkstümlichen Glauben aber auch der Führer des 'wütenden Heers' der Toten, die im Sturm durch die Luft fahren. Von daher wird die Beziehung zum indischen Windgott वात Vâta deutlich. Sein grauer Mantel symbolisierte den wolkenverhangenen Himmel.

Ich erkenne in der Gestalt Wodans einen germanischen Versuch, 'Geist' zu denken: der spiritus, der den menschlichen Geist inspiriert und der Herr der Totengeister ist (vgl. Spiritismus). Die christlichen Missionare haben aber dann das lateinische spiritus mit Atem und Geist [8] und nicht mit Wodan übersetzt, weil diese Vokabel zu stark mit heidnischer Mythologie befrachtet und zu einem Gottesnamen geworden war.

 

[3] Großer Katechismus 1529 (WA 30,1,132)

[4] vgl. die semit. Vorstellung vom der himmlischen Hofstaat

[5] Völuspa 25

[6] Das Motiv hat eine eigene Vorgeschichte: Der Himmelsgott hat nur ein Auge: die Sonne.

[7] eine Methode, um in Trance zu fallen. Die Erhängten wurden Wodan und seinen heiligen Tieren, dem Raben und dem Wolf geopfert. – christliches Motiv: 'der gekreuzigte Gott'?

[8] Das Wort bezeichnete ursprünglich die Gemütsbewegung, vergleiche entgeistert, begeistert und hessisch vergeistert 'verängstigt'.

Arisch

Indisch

Vedische Religion

देवास् dēvās

असुरास् asurās

Hinduismus

ब्रह्मन् bráhman

Iranisch

Ahura  Mazdāh

daēva

ḫodâ

Zrvan

Mithras

yazd

 

 

 

Arisch

Gemeinsame arische Ausdrücke waren:

Indisch

Vedische Religion

Wie die Germanen unterschieden die Inder mehrere Göttergruppen. Die Wichtigsten waren:

  • देवास् Dēvās (Naturmächte)
    • अग्नि Agní 'Feuer'

    • इन्द्र Índra 'der Starke': kämpferischer Wettergott

    • सोम Sôma 'ein berauschender Pflanzensaft'

    • उषस Uṣás 'Morgenröte'

  • असुरास् Asurās (soziale Faktoren)

    • मित्र Mítra 'Bindung, Freundschaft': Wahrer des Rechts, später die Sonne

    • वरुण Váruṇa 'der bedeckte Himmel': Wahrer der Ordnung, später der Ozean

    • वृत्र Vr̥trá 'Feind': Chaosdrache, Gefährdung der Ordnung

Dēva und Asura bedeuten also nicht mehr 'ein einzelner Gott', sondern 'Mitglied einer bestimmten Göttergruppe'.

Hinduismus

Im heutigen Hinduismus haben die Asuras  mehr dämonischen Charakter, vielleicht als Reaktion auf die Weiterentwicklung im Iran.

  • Eine wichtige Neuerung ist der Begriff ब्रह्मन् bráhman, ursprünglich im Sinn von 'Religion' verwendet, heute Name des abstrakten philosophischen "Absoluten" bzw. als ब्रह्म Brahma der personhafte Schöpfergott.

Iranisch

Zarathustra schuf eine neue Religion, die mit dem alten Götterglauben aufräumte und nur einen Gott anerkannte:

  • awest. Ahura' Mazdāh, das 'göttliche Gedächtnis'

  • Daneben rechnen die Quellen mit einem guten und bösen Geist, die sich ewig bekämpfen, später unter dem Namen Ōhrmazd (gut) und Ahriman (böse) bekannt geworden.
    Es fällt auf, dass alle Namen aus Adjektiv + Substantiv zusammengesetzt sind. Das erweckt den Eindruck, dass diese Bezeichnungen zur selben Zeit entstanden sind. In der persischen Religion stehen Monismus (nur Ahura Mazda) und Dualismus unausgeglichen nebeneinander. Dem weiter nachzugehen sprengt den Rahmen dieser Untersuchung.

    • Auswirkungen auf andere Religionen

      • Die biblische Vorstellung vom Satan als Gegenspieler Gottes ist erst in den jüngsten Teilen des Alten Testaments erkennbar, also in persischer Zeit entstanden.

      • Die kurdischen Jesiden lehnen das Böse strikt ab und dürfen es noch nicht einmal nennen, offensichtliche eine Reaktion auf den persischen Duaslismus.

Im Awestischen ist daēva Bezeichnung für den von Zarathustra abgelehnten polytheistischen Gott =  देव dēvá 'himmlisch, göttlich, Gott'. Das Wort bekommt daher die Bedeutung 'Götze > Dämon'

In der Folgezeit entstanden im Iran mehrere neue Religionen, die zu unterschiedlichen Wörtern für 'Gott' führten:

  • odâ 'der Angehörige'
    Pers. خدا ḫodâ
    bedeutet eigentlich 'der Angehörige' und drückte das Verhältnis der Gottheit zur eigenen Gruppe zum Ausdruck, ähnlich wie der alttestamentliche "Gott Abrahams" oder der germanische Göttername Ing.

  • Zrvan 'Zeit'
    In einer späteren Version des Zoroastrismus war Zrvan der Vater des guten und bösen Prinzips.

  • Mithras 'Licht'
    Etwa zeitgleich mit dem Christentum entstand im Orient  der Mithraskult, der im römischen Reich rasche Verbreitung fand. Mithras war der Gott des Lichts.  Seine Verehrung wurde stark von den hellenistischen Mysterienkulten beeinflusst.

  • yazd 'der Anbetungswürdige'
    Das mittelpersische Wort ergab kurd. yezdan 'Gott' und ist ein Wort der vorislamischen kurdischen Religion.

   

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Übersicht

Systematik

 

Wortliste | Etymologie von nhd. Gott | Gott der Herr

 

Datum: 1998 / 2007

Aktuell: 28.07.2014