Diskussion Rasen / Wasen

Befund

  • Rasen

    • spmhd. 14" rase vel torf, cespes (Rasen oder Torf, lat. caespes) BMZ 2.1.556

      • nhd. Rasen 'gepflegter Grasplatz'

  • Wasen

    • ahd. 8" waso 'feuchtes Ödland'
      lü lat. caespes 'Rasen', gleba 'Ackerscholle', nemus 'Gehölz', paluster 'Sumpf-', scrobis 'Grube', seges 'Feld', ulva 'Schilf' (Köbler Ahd. W62)

      • mhd. wase 'mit Gras, Klee, Blumen und Kräutern bewachsenes Stück Land' Lexer 3,702

        • änhd. Wasen 'Rasen, Schindanger'

    • and. waso 'Rasen, Scholle' HoltAs 85 

      • mnd. wase 'Marschboden, Schlamm, Schlick; Erdscholle mit Graswuchs' lübben 558 

        • Hamburg 17" Wase 'Erdscholle mit dem Kraute' Richey 334

        • Waldeck 17" wasen (†) 'Rasen' BauerWal 180 

          • sonst in den neueren ndt. Wörterbüchern nicht nachweisbar

  • Wrasen

    • mnd. wrase 'Rasen, Sode, cespes' lübben | 5,778 (nur 2 Belege um 1200 und 1409)

      • Waldeck 17" wasen- =  wrasenmeister 'Schinder, Abdecker' BauerWal 180.183

Theorien

  • BMZ (1854/1866) 2.1.556

    • RASE swm.? oder rasen stm.? rase vel torf, cespes voc. vratisl. cespes ein rasen Diefenb. gl. 66. auch wrase, wrasen kommen vor. vgl. Diefenb. supplem. 116. a.

  • Grimm

    • 14,130 (1893) Rasen

      • 1) der hochdeutsche ausdruck ist ahd. waso, mhd. wase, was sich in unserm wasen fortsetzt; der niederdeutsche wrase (Schiller-lübben 5, 778b), der auf ein altsächs. unbezeugtes wraso weist. es wird angenommen, dasz die beiden lautlich sich so nahe stehenden, begrifflich übereinstimmenden worte im grunde éins seien, derart, dasz im hochdeutschen das r ausfiel .... seit nachweislich dem 14. jahrh. hat sich die niederdeutsche form wrase nach Mitteldeutschland verbreitet, unter vereinfachung der für den nicht niederdeutschen mund unbequemen anlautverbindung zu r (soweit nicht fr dafür eintrat, wie im hess. frasen Vilmar 108, oder annäherung an gras gesucht wurde wie in cespes, grase Dief. 116a...

    • 27,2276 (1922) Wasen

      • 2) das auf das deutsche beschränkte wort führt auf den grundbegriff des feuchtseins (vgl. bei Isidor ærdhwaso 'feuchte erdmasse'); auszerhalb des germ. gehört hierher lett. wasa 'feuchtigkeit des bodens', î-wasa 'feuchtigkeit in der erde, saft in bäumen' Fick 34, 404. ob ein weiterer zusammenhang mit der in wasser steckenden wurzel besteht, ist unsicher. im germ. gehört dazu ahd. wasal 'feuchte erdmasse', dat. pl. wasulun 'pluviis', afries. mnd. mndl. ...

      • das verhältnis von wase zu dem gleichbedeutenden mnd. wrase, das als rasen in die schriftsprache drang (nnd. auch frasen), ist zweifelhaft. früher wurde meist identität angenommen (so noch Noreen urgerm. lautlehre 221), wofür spricht, dasz die formen sich geographisch ungefähr ergänzen, aber die entstehung von w- aus wr- läszt sich nicht begründen, auch wird der anlaut w- durch die etymologisch nahestehenden formen als alt erwiesen. es wird daher neben der indogerm. wurzel *vas eine gleichbedeutende wurzel *vras anzunehmen sein, für die ir. frass (aus *vrastā) 'regen' und weiter skr. várṣati 'regnet', varṣá- 'regen' spricht Fick 34, 417.

      • zu erwägen ist aber auch, ob nicht wrase durch irgendwelche lautliche analogiebildung für wase eingetreten ist...

    • 30,6080 (1960) Wrasen

      • 1) feuchter boden, rasenstück, rasenfläche; mnd. wrase, m. (Schiller-lübben 5, 778a; Diefenbach gl. 116a und nov. gl. 87b s. v. cespes);

      • aus neuerer zeit vgl.

        • wrôse, frôse 'ein stück ausgeschnittene grasnarbe, rasenstück' Frischbier pr. wb. 2, 481

        • wrausen Mi mecklenb. 109a

        • vrâsen Woeste westf. 308; Schambach Göttingen 278

        • frāse, f. Bauer-Collitz Waldeck 35; Martin Rhoden 215

        • frasen, m. Leithäuser Barmen 55; Elberf. ma. 54; Hasenclever Wermelskirchen 81; rhein. wb. 2, 735; Vilmar Kurhessen 108

        • brās, f. Heinzerling-Reuter Siegerland 29b.

      • dieses nd. wort ist in seiner md. lautform rasen (teil 8, sp. 130) in die hd. schriftsprache aufgenommen worden. auf dem gesamten dt. sprachgebiet begegnet (daneben bzw. im obd. alleinherrschend) das inhaltlich übereinstimmende und lautlich nahestehende wasen

  •  Kluge (1894)

    • 294 Rasen M. aus spät mhd. rase M. "Rasen", vgl. mndd. wrase, ndd. frasen. Es fehlt in den übrigen Dialekten (got. *wrasa wäre vorauszusetzen); dafür im Obd. volksüblicher Wasen, das mit jener Grdf. wrasa urverwandt ist.

    • 397 Wasen M. aus mhd, wase, ahd. waso M. 'Rasen, feuchter Erdgrund, feuchte Erdmasse'; daneben ahd, wasal N. 'feuchte Erdmasse'. Das Wort ist identisch mit Rasen, so gut wie sprechen mit engl. to speak; vgl. angls. węččęan wręččęan 'wecken', angls. wríxl mit Wechsel; es gab also idg. Wurzeln mit und ohne r. Daher ist wraso, waso als germ. Grdf. zu betrachten;... Aus dem Ahd. stammt frz. gazon 'Rasen'

  • Pokorny (1959/2002)

    • 1171 f 3. ṷes- 'feuchten, naß'... ahd. waso 'Rasen'...

      • keine überzeugenden Parallelen

  • Kluge 2002

    • Rasen (13. Jh.), mhd. rase, mndd. wrase Ursprünglich mitteldeutsch. Herkunft Unklar.

    • Wasen "Rasen" (10. Jh., erdwaso 8. Jh.), mhd. wase, ahd. waso, as. waso Herkunft unklar. Denkbar ist Herkunftsgleichheit mit Rasen, aus einer Ausgangsform *wrasōn mit unregelmäßigem Ausfall des r (wie in nhd. sprechen - ne. speak).

    • Wrasen "Dampf, Dunst" ndd. (18. Jh.). Neben Wasen, das besser vergleichbar ist, vgl. nndl. wassem, waas, vielleicht ahd. wasal n., waso "feuchte Erde" (Wasen), dehnstufig ae. wōs n. "Feuchtigkeit, Saft". Herkunft und Lautstand unklar; Abgrenzung von Wasen, Rasen unbestimmt.

  • Pfeifer (1995 / 2005)

    • 1083 Rasen

      • Mhd. rase... ist vielleicht eine Form (mit aussprachebedingter Vereinfachung des Anlauts) von mnd. wrase... Im Obd. gilt dafür nicht verwandtes waso...

    • 1567 Wiese

      • ... Herkunft ungeklärt... Unsicher... eine Verbindung mit ... (ablautend) ahd. waso 'Rasen, feuchter Erdboden (9. Jh.)...

    • 1581 Wrasen

      • (Bedeutung 'Wasserdampf = feuchtes Land)... Anschluss an eine Wurzel ie. *ṷes- 'feuchten, nass'...

      • Möglicherweise hat sich das r-lose Wasen 'Wasserdampf' mit Brodem 'Dampf. Dunst' vermischt... so daß Wrasen 'Wasserdampf, Brodem' entsteht'.

Diskussion

  • Wasen

    • < ṷes- 'feuchten, nass'

      • siehe unten

    • ablautend < zu Wiese

      • kaum wahrscheinlich, da die Grundbedeutung 'feuchtes Ödland' ist.

  • Wrasen

    • Das merkwürdige Nebeneinander von wr-, vr-, fr-, br- in den ndt. Dialekten findet sich z. B. auch bei wringen (Grimm).

    • Mnd. wase mit der Sonderbedeutung 'Erdscholle mit Graswuchs' = wrase 'Rasen, Sode'.

      • Es ist kaum wahrscheinlich, dass das relativ junge mnd. wrase die ältere Form des germ. wasa ist. Damit scheidet ein Ausfall des r aus.

      • Ein unregelmäßiger Einschub von r ist möglich.

        • Vgl. die von Grimm genannten aengl. wⓇeccan 'wecken' und Wechsel / wrixl, dazu wecgan / wrecan 'antreiben' Hall 400. 422

        • Einfluss von Gras, mnd. brink 'Rand', auch 'Grasanger', lat. pratum 'Wiese'

      • Gehört Pokornys 1171 f 3. ṷes- 'feuchten, nass' zu 78 9. aṷe(e), aṷed, aṷer 'benetzen, befeuchten fließen', also mit einer vierten Wurzel aṷes?

        • Kaum wahrscheinlich, dass Wrasen so alt ist, daher doch mit eingeschobenem r.

    • wrase ǂ wase

      • wrase als 'Wurzelwerk' zu idg. *ʊër-äd- 'Zweig, Rute, Wurzel', dt. Wurzel?

        • *ʊrad-to(n) > wase : *ʊeidtós > weise
          oder *ʊrad-son > wase : *ʊeidsos > weise
          vgl. Pfeifer 1551

        unwahrscheinlich, da die Grundform nicht nachweisbar. Das gilt auch für andere Erklärungsversuche.

      • Es muss also wrase = wase sein.

  • Rasen < Wrasen

Erklärung

  • adam. *ʊæ- 'Wasser'

    • japhet. *ʊë-s- 'sprühen, gießen' P 1171 f

      • >> Wasen

        • W\r/asen

          • > WRasen

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Heinrich Tischner

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Aktuell: 16.02.2018