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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Vom Läppchen ins Tüchelchen gewickelt

Misslungene Rechtschreibreform

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1. ss / ß

2. Drei Buchstaben

3. Stammerhaltung bei englischen Wörtern

4. Umlaut von a = ä

5. Groß- und Kleinschreibung

6. Zusammen.- und Getrenntschreibung

7. Änderung der Aussprache

8. Trennung von ck

9. Vergessene Reformpunkte

10. Gemäßigte Kleinschreibung

11. Dehnzeichen

 

 

Die Rechtschreibreform hat wenig Gegenliebe gefunden.  Die neuen Regeln sind zum Teil nicht einfacher und auch nicht konsequenter als bisher und schaffen nur Verwirrung bei geübten Schreibern. Manche Regeln lassen sich nicht sinnvoll anwenden. Die Änderungen bei einzelnen Wörtern ist willkürlich und sprachwissenschaftlich fragwürdig. Einiges ist aber auch besser als vorher.
Eine wirklich übersichtliche und folgerichtige deutsche Orthographie lässt sich nicht durchführen. Das sollten alle Kritiker bedenken. Bei einer radikalen Reform müssten alle neu schreiben und lesen lernen.
Die Anhänger der alten Rechtschreibung sollten aber auch bedenken, dass auch die bisherigen Regeln unbefriedigend waren und eine gründliche und durchdachte Reform schon seit über 100 Jahren, schon vor Konrad Duden überfällig ist.
Die alte wie die neue Orthographie waren das Ergebnis politischer Kompromisse. Besser wäre gewesen, einen erfahrenen Deutschlehrer zu beauftragen, ein neues Rechtschreibewörterbuch und Regelwerk auszuarbeiten, das wirklich aus einem Guss ist und kein Flickwerk wie bisher.

Was ist gut und was ist schlecht an den den neuen Regeln?

1. ss / ß

Die neue ss- / ß-Regelung handhabe ich genau so schon seit 1989, bin selbst darauf gekommen und finde sie konsequent und einsichtig.

Obwohl ich mich frage, warum wir überhaupt noch ein <ß> brauchen. Dieser Buchstabe ist mindestens in Südhessen seit etwa 1300 ständig mit /s/ verwechselt worden, wurde also auch gleich gesprochen. Das "scharfe" und "weiche s" sind doch nur noch stellungsbedingte Aussprachevarianten wie bei den beiden "ch". Wir könnten also gut auf "ß" verzichten. Die Schweizer können es ja auch.

2. Drei Buchstaben

Die neue Drei-Buchstaben-Regelung (Schifffahrt) ist zwar konsequenter als die alte, aber unpraktisch. Ich muss jedes Mal zählen, damit ich nicht zu viel oder zu wenig tippe. Aber wozu dann die Ausnahmen dennoch, Drittel, Mittag?

3. Stammerhaltung bei englischen Wörtern

Der Versuch, das deutsche Stammerhaltungsprinzip auch bei englischen Wörtern anzuwenden (Tipp, da tippen), ist ebenfalls nicht konsequent durchgehalten. Warum dann Bus (trotz Busse)? An den alten Ausnahmen aus / außen, -nis / -nisse, -in / -innen wurde auch nicht gerüttelt. Wahrscheinlich hat keiner dran gedacht.

4. Umlaut von a = ä

Die neue Regelung "Umlaut von a = ä" lässt sich überhaupt nicht durchführen, weil davon etwa die Hälfte aller deutschen betonten "e" betroffen wäre. So aber bleiben Gämse, Stängel, aufwändig = aufwendig usw. willkürliche Einzelfälle. Was der Gämse (da Gams) recht ist, müsste dem Männschen (da Mann) und den Ältern (da alt) billig sein.

5. Groß- und Kleinschreibung

Die neuen Regeln für Groß- und Kleinschreibung und Zusammen- und Getrenntschreibung sind anders, aber nicht besser, und verwirren nur einen geübten Schreiber.

Ja, es entstehen sogar neue Probleme: Rad fahren und Auto fahren sind jetzt endlich auch orthographisch gleichberechtigt. Aber was geschieht, wenn ich diese Wendungen substantiviere? Das Rad fahren ist sicher falsch. Das Rad Fahren sieht komisch aus. "Die neue Rechtschreibung" von Bertelsmann schweigt sich darüber aus. Den "Duden" hab ich nicht gekauft, weil Bertelsmann schneller war.

6. Zusammen.- und Getrenntschreibung

Nach meinem Sprachgefühl hat Zusammen- und Getrenntschreibung auch etwas mit der Betonung zu tun. Bei kennenlernen liegt der Ton auf kennen, bei kennen lernen auf lernen. Kennenlernen nach der alten Schreibung bedeutet ‚anfangen zu kennen’, kennen lernen könnte bedeuten ‚lernen, wie man etwas kennt, erkennt, kennenlernt’. Mir fallen jetzt keine Beispiele ein, aber es gibt Wörter, da ist tatsächlich ein Bedeutungsunterschied, je nachdem, wie man betont.

7. Änderung der Aussprache

Die neue Rechtschreibung könnte auch die Aussprache verändern, da wir ja sprechen, wie wir schreiben. Wird man in 20 Jahren tatsächlich selbst-ständig, kennen lérnen, Gämse (mit "ä") sagen?

8. Trennung von ck

Die alte Trennregel bak-ken, aber Kat-ze habe ich nie verstanden. Die neue Trennung ba-cken verstehe ich noch weniger. Warum denn nicht bac-ken? Das wäre für den automatischen Schriftsatz viel einfacher.

9. Vergessene Reformpunkte

Ein paar heilige Kühe sind schon durch die Reform vor 100 Jahren geschlüpft und laufen immer noch unangetastet herum:

a) zum "ß" habe ich mich oben schon geäußert.

b) warum Boot, aber Bötchen?

c) warum Fass, aber Vater? Da hat es schon zu Beginn der Neuzeit nicht mit der Umstellung von mittelhochdeutsch "v > f" funktioniert. Dabei wäre eine Umstellung wirklich einfach. Nach 2-3 Seiten hat man sich an die neue Schreibung gewöhnt. Ich hab’s selbst ausprobiert.

10. Gemäßigte Kleinschreibung

Eine gemäßigte Kleinschreibung wäre genauso einfach zu lernen und würde eine Menge Rechtschreibprobleme mit einem Schlag beseitigen. Sie hätte ferner den Vorteil, dass wir dadurch die Möglichkeit hätten, nach Gutdünken Wörter zu betonen (sie hat ein Kind / sie hat Ein kind) oder Schwerpunkte im Satz hervorzuheben. Das war ja wohl auch der Grund, weshalb man angefangen hat, einige Wörter groß zu schreiben.

11. Dehnzeichen

An die vielfältigen Dehnungszeichen traut sich keiner heran. Das war vor 100 Jahren nicht anders. Da in offener Silbe die Vokale lang, in geschlossener kurz sind, bräuchten wir gar keine Längenzeichen.

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Datum: 2003

Aktuell: 26.03.2016