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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Eszett

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1. Geschichte des Lautes

2. Geschichte des Zeichens

3. Das neuhochdeutsche Rechtschreibproblem

 

1. Geschichte des Lautes

Wie das Nebeneinander von englisch to, ate und deutsch zu, aß zeigt, ist hochdeutsches /z, ß/ durch die 2. Lautverschiebung (um 600) aus germanischem /t/ entstanden.

Noch um 1200 schrieb man allgemein zu, az. Aber schon in dieser Zeit kommen im selben Text beslossen, sluzzelin 'beschlossen, Schüsselein' vor. Das zeigt, dass bereits um 1200 dieses <z> im Wortinnern so ähnlich wie /s/ gesprochen wurde. Trotzdem behielt man die Schreibung <z> im Wortinnern noch über 150 Jahre bei, ging aber immer mehr dazu über, am Wortanfang <tz> zu schreiben. Diese Schreibänderung zeigt, das vor 1200 <z> am Wortanfang wie im Innern wie /ts/ gesprochen wurde.

Dagegen werden ab 1300 immer häufiger <s> und <z, ß> verwechselt, beide Buchstaben wurden also ähnlich ausgesprochen.

Wahrscheinlich hat man ursprünglich bei /s/ die Zunge etwas weiter zurückgezogen, sodass der Laut je nach lautlicher Umgebung mehr oder weniger wie <sch> klang. Dieser Unterschied hat sich im Laufe der Zeit verschärft, so dass wir heute sang, Schlange  schreiben, wo im Mittelalter noch sanc, slange stand.

2. Geschichte des Zeichens

In mittelalterlichen lateinischen Handschriften gab es bereits ß-ähnliche Zeichen als

Abkürzung für lateinische Wörter: [1], dazu kommt noch das Zeichen für solidus = Schilling.
Ab 1400 taucht unvermittelt für altes /z/ im Wortinnern das Zeichen

 
'6 Pfund, 6 Schilling' [2]

auf [3] Es sah also schon aus wie unser Buchstabe. Wie das Symbol für "Schilling" zeigt, ist dieses Zeichen entstanden aus langem <ſ > + Fraktur-<ʒ>. Dieses Eszett kommt nicht nur in spätmittealterlichen deutschen Handschriften, sondern auch in Drucken der Reformationszeit vor: [4]

Daneben gab es einen ähnlichen Buchstaben der Antiqua-Schrift , der in lateinischen Drucken der Reformationszeit zu finden ist, wo er für /ss/ steht, z.B. fuiſset = fuisset  'sei gewesen' [5]. Es geht möglicherweise zurück auf den mittelalterlichen Kürzel für lateinisch sis 'seist' (oben).

In der deutschen Schreibschrift steht im Barock für <ß> und <ss> oft <ſs> = . Erst nach der Rechtschreibreform von 1901unterschied man wieder <ß> = von <ſſ> = und den Schlussbuchstaben <ſs> = .

3. Das neuhochdeutsche Rechtschreibproblem

Nicht nur bei den s-Lauten hat sich ab etwa 1300 die Rechtschreibung geändert. Auffallend oft werden Buchstaben doppelt geschrieben statt einfach wie im Hochmittelalter und heute. Das gilt vor allem für <f>: kunfftig, hilff, helffen. Das war wohl Ausdruck dafür, dass das /f/ an diesen Stellen schärfer ausgesprochen wurde als im Anlaut  (churfursten, frid; von, ver-) [6].

So ist wohl auch die Schreibung <ss> (hassen für mittelhochdeutsch <z, zz> (hazzen) zu verstehen: Der Laut wurde schärfer gesprochen als in Hasen, mittelhochdeutsch hasen.  Philipp von Zesen (1618-89) kam bereits auf die Lösung, die erst in der neuen Rechtschreibereform verwirklicht wurde:

  • weiches /s/ = <s>

  • scharfes /s( nach kurzem Vokal = <ss>,

  • nach langem Vokal = <ß>. [7]

Warum hat es so lange gedauert, bis sich diese einleuchtende Lösung durchgesetzte hat? Es gab dafür wohl zwei Gründe:

  1. Die s-Laute werden in den deutschen Dialekten sehr unterschiedlich gehandhabt (stimmhaft / stimmlos - Artikulationsstelle - Artikulationsstärke). Auch die Längen und Kürzen der Vokale sind nicht einheitlich (Standard Maß mit langem /a/ gegenüber bairisch Mass mit kurzem /a/). Da lässt sich also die Aussprache kaum als Norm für die Schreibung festlegen.

  2. In der deutschen Rechtschreibung konkurrieren zwei Grundsätze: "historisch richtig" gegen "lautgetreu": in diesem Fall "lautverschobenes t > ß" gegen "scharfes s".
    So kommt es zu Ungereimtheiten wie
         aus / außen
    (germanisch ût / ûtan)
    oder zu Unsicherheiten bei Fremwörtern:
         französisch face [fas] > deutsch Fase [fa:zɘ] 'Schleifkante'
         neben
         französisch façon [fa'sõ:] > deutsch Fasson [fa'sõ:] 'Form'.
             
    Das frz. Zeichen <ç> soll nur verhindern, dass [k] gelesen wird.

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[1] Carl Faulmann, Das Buch der Schrift 198.199

[2] Rechnung Wertheim für Herrschaft Breuberg 1409/10 fol 9'
(Winfried Wackerfuß, Kultur- Wirtschafts- und Sozialgeschichte im Odenwald im 15.

[3] aus einer Handschrift des 14er Jahrhunderts "Über den Meineid"

[4] in den Lutherschriften

[5] in einem lateinischen Psalterium von 1546

 

 

 

[6] Beispiele aus einer Urkunde Maximilians I. von 1502 (Virgil Moser, Einführung in die frühneuhochdeut-schen Schriftdialekte 239)


 

[7] Moser a.a.O. 98

 

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Sprachecke "Eszett"

 

Datum: 2004 / 2005

Aktuell: 14.11.2010