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Heinrich Tischner Fehlheimer Straße 63 64625 Bensheim |
Die Buchstabennamen |
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I. Geschichte der Buchstabenschrift II. semitische und griechische Buchstabennamen 1. Die alte Theorie: Buchstabennamen = Bilder |
I. Geschichte der BuchstabenschriftSeit etwa 2000 v. Chr. bildeten sich entlang der östlichen Mittelmeerküste mehrere Konsonantenschriften aus, von denen die Sinai-Schrift (ab 1900) die phönikische Schrift (ab 1700) und die etwa gleichzeitige Keilschrift von Ugarit am bekanntesten sind. Bereits die Hieroglyphen kannten Zeichen, die nur einen Konsonanten darstellten. Viele ägyptische Wörter wurden tatsächlich in einer Art Konsonantenschrift geschrieben, aber jedes Mal ergänzt durch ein Deutezeichen, um gleich geschriebene Wörter unterscheiden zu können. Außerdem gab es ja auch noch andere Schreibweisen mit Zeichen für mehrere Konsonanten und für Begriffe. Zweifellos haben einige phönikische Zeichen Ähnlichkeit mit ägyptischen. Auch die kretischen Silbenschriften Linear A (ca. 1900-1450) und B (ca. 1500-1100) haben Zeichen, die den phönikischen ähneln. Das neue Alphabet scheint also von vorhandenen Zeichenformen beeinflusst zu sein. Von den Phönikiern haben die Griechen ab etwa 900 ihr Alphabet übernommen. Die ältesten griechischen Schriftzeichen ähneln noch sehr den phönikischen und wurden wie diese von rechts nach links geschrieben. Die griechische Neuerung war, dass jetzt auch die Vokale geschrieben wurden, u. zw. mit den Zeichen für die schwachen semitischen Konsonanten, welche die Griechen als Vokalzeichen übernahmen:
Die Buchstabennamen aber sind nicht phönikisch, sondern aramäisch. Die Aramäer treten etwa zeitgleich mit den Israeliten im 12er-Jahrhundert auf und haben Schriftliches ab etwa 900 hinterlassen. Wenn viele griechische Buchstabennamen auf -a enden (alpha, bêta, gamma…), so entspricht das dem aramäischen Artikel, der an das Wort angehängt wird: bait / bêt-â 'ein Haus / das Haus'. Auf Phönikisch hätten die Namen ähnlich wie im Hebräischen ohne -a geendet: alpu, baitu, gamlu… (-u ist Flexionsendung). Die aramäisch-griechischen Buchstabennamen scheinen also jünger zu sein als die phönikischen Buchstabenzeichen. Vergleich der Alphabete: א-מ | נ-ת | Kyrillische und koptische Zusatzbuchstaben
II. Die semitischen und griechischen Buchstabennamen1. Die alte Theorie: Die Buchstabennamen benennen Bildera) Buchstaben als BilderDie
ägyptischen Hieroglyphen sind tatsächlich Bilder, die ganze
Begriffe, Gruppen von Konsonanten und einzelne Konsonanten darstellen:
b) Gegenargumentei. Abstrakte Zeichen, keine Bilder Nun ist ja nicht zu
leugnen, dass die altsemitischen Zeichen reichlich abstrakt sind und
nicht immer erkennen lassen, was sie darstellen sollten:
ii. Nicht alle Buchstabennamen sind geläufige Wörter Für héʾ, ḥéṭ und ṭêt gibt es überhaupt keine vergleichbaren semitischen Wörter; andere weichen in Lautung (Buchstabe gîmäl – Wort gamlu) und Schreibung (mém – majim) von den geläufigen Wörtern ab. iii. Andere Alphabete haben mitunter einfachere Buchstabennamen,
All das stellt doch sehr in Frage, dass die phönikischen Schriftzeichen ursprünglich Ideogramme und ihre Namen Akrophone waren. b. Trotzdem:
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péʔ |
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bêt |
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| *ga |
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*ḳat |
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tâʔ |
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ṭêt |
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héʔ |
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ḥét |
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| zai |
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sat |
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| *sa |
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ṣádê |
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ny |
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my |
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Ähnliche Laute haben also nicht nur ähnliche Zeichen, sondern auch ähnliche Namen. Das kompliziertere Zeichen hat einen Strich mehr als das einfache und an den komplizierteren Namen wurde meist ein <t> angefügt. Die ursprünglichen semitischen Buchstabennamen scheinen also zum Teil reine Lautbezeichnungen und keine Vokabeln gewesen zu sein, die als Bilder dargestellt wurden.
Die Idee könnte aus dem Ägyptischen stammen, wie das Nebeneinander von ägypt.
h 'Hof' und
ḥt 'Gehöft' zeigt, die wohl als Buchstabennamen für
andere Zeichen übernommen wurden. Das kompliziertere Zeichen
/h/
wurde Vorlage für
bêt
'Haus', während das einfachere
ohne Querstrich, neuäygptisch pe 'Haus' die Vorlage für semitisch
péʔ
wurde.
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Bedeutung |
Haken |
Hand |
Hand |
Wasser |
Mund |
Seite |
Kopf |
Zahn |
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Buchstabe |
gîmäl |
jôd |
káp |
mém |
péʔ |
ṣádê |
rêš |
šîn |
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Vokabel |
osemit. gamlu |
jád |
kap |
maim |
päh |
ṣad |
rôʔš |
šén |
Die Schreibung der Vokabeln und Buchstabennamen sind manchmal künstlich unterschieden, vor allem durch Lautdehnung. Ähnlich machen wir das ja auch bei unseren Namen, vgl. Schmied / Schmidt, Schmitt.
Das altsemitische Alphabet hat einen Kern
von vier Konsonantengruppen, deren Buchstaben in derselben Reihenfolge
aufgeführt werden. Die Reihenfolge der Buchstaben orientiert sich also
nicht an der Form der Buchstaben, sondern am Klang der dargestellten
Laute. Das unterstützt die Vermutung, dass die Buchstabennamen
ursprünglich Lautbezeichnungen und keine Namen von Bildern waren.
Es sieht also so aus, als liege dem heutigen Alphabet ein kürzeres
zugrunde:
1. Verschlusslaute: (Vokalanlaut), b=p (= ṗ); g=k (=ḳ) ; d=t (=ṭ)
2. Reibelaute: h; z=s=š (=ṣ); w, ḥ
3. Fließlaute l=r; m; n
4. Nachtrag: emphatische Konsonanten ʕ, ṗ, ṣ, ḳ, ṭ
Das emphatische ṗ ist noch im Äthiopischen erhalten (ṗait). Ṭ hätte ordnungsgemäß hinter ḳ gehört.
Es sieht also aus, als sei das semitische
Alphabet ursprünglich kürzer gewesen und später durch schwache und
emphatische Konsonanten sowie כסשרת
ergänzt worden.
Auch andere Buchstaben passen nicht so recht ins Schema: Weder aus Ägypten
noch nach dem periodischen System lassen sich die Buchstabenpaare
אע
und כק
erklären.
Die Buchstabennamen von Ugarit, bestanden wie heute nur aus Konsonant + Hilfsvokal
Das periodische System hat zwischen männlichen, harten, und weiblichen, weichen Buchstaben unterschieden.
Später wurden die Buchstabennamen als Akrophone umgedeutet.
Hebr. Áläp
bedeutet 'Rind'. Der Buchstabenname versucht wohl, das Zeichen
als
Rinderkopf mit Hörnern zu deuten.
Káp hat in
der
Reihenfolge der Buchstaben zwischen den Reibelauten
(Reihe 2) und den Fließlauten (Reihe 3) keinen rechten Platz und ḳôp
steht in der nachgetragenen 4. Reihe. Der Laut /g = k = ḳ/ war wohl
ursprünglich mit
abgedeckt. Als man später das Bedürfnis hatte, den stimmhaften und
stimmlosen Laut zu unterscheiden, fügte man einen Strich hinzu und erhielt
.
Vielleicht hieß
ursprünglich ka und
ḳat.
In den semitischen Alphabeten fehlen aber die beiden Namen.
Nun gibt es im Akkadischen das passende Wort ḳâtu 'Hand', das im
West- und Südsemitischen fehlt. Vielleicht wurde also der als akkadisch
empfundene Name *ḳât durch das gebräuchlichere kap
'Hand' ersetzt, dessen Anlaut aber etwas anders ausgesprochen wurde als
bei
ḳâtu. So erhielt also
(bisher
/k = ḳ/) mit dem Namen káp den eindeutigen Wert /k/ ; für /ḳ/ schuf
man das neue Zeichen
und
durch Überdehnung den neuen Namen ḳôp.
Dies alles gehört aber in die Vorgeschichte des phönikischen Alphabets.
Die Griechen lernten die beiden Buchstaben K und Ϟ bereits unter den Namen
kappa und koppa kennen. Letzteres kam schnell außer Gebrauch
und diente später nur noch als Zahlzeichen für 90.
Gamma,
ğîm zeigen die Form gaл. Gîmäl ist daraus
erweitert.
Vielleicht dachte man bei der Buchstabenform
an einen
Haken (vgl. osemit. gamlu,
später wohl auf hbr. gámál 'Kamel' umgedeutet). Die Lautung erinnert an den arabischen Plural
ğimâl 'Kamele'. Die andere Lautform soll wohl den Buchstaben vom Tier
unterscheiden.
Wie die griechischen und arabischen Namen rhô, râʔ zeigen, ist rêš ziemlich jung. Die Umdeutung als 'Kopf' wird wegen der ostsemitischen Lautung mit /e/ in Mesopotamien entstanden sein (osemit. rêšu). Westsemitisch heißt dieser Körperteil arab. râʔs, hbr. rôʔš..
Die Griechen
lernten von den Aramäern den Buchstaben
ז
= Z als
zêtâ kennen, das bedeutet 'die Olive' (bzw. hbr. zait
'Ölbaum'). Im Hebräischen heißt der Buchstabe aber zain, ein Wort,
das uns sonst nur aus dem Aramäischen in der Bedeutung 'Waffe' bekannt und
wohl besser als Lautbezeichnung zaл zu verstehen ist.
Im hebräischen Psalm 119 beginnt jeder Vers einer Strophe mit demselben
Buchstaben in der Reihenfolge des Alphabets. In der griechischen
Übersetzung, die das nicht nachmachen kann, steht jeweils der hebräische
Buchstabenname vor der Strophe. Dort steht für
ז = zai. Das
ist wohl die älteste Lautform.
י = I heißt griech. iôta. Das wäre nach dem periodischen System die erweiterte Form von wáw = *jât bzw. *jôt. Der hebräische Buchstabe schreibt sich aber jôd, wurde also als 'Hand', hbr. jád gedeutet. Die Äthiopier kennen zwar auch dieses Wort für 'Hand', nennen den Buchstaben aber jaman, was 'rechte Hand' bedeutet.
Ṣádê hat die erweiterte Form ṣat, wurde aber verstanden als hbr. ṣad 'Seite' mit differenzierender Lautung..
Was könnte der Grund gewesen sein, Buchstaben überhaupt zu benennen und später umzubenennen? "Sitz im Leben" der Buchstabennamen waren Schule und Schreibstube. Der Lehrer oder der Schreibmeister muss beim Diktat die Schreibweise schwieriger Wörter erklären, d.h. die Wörter buchstabieren können. Wie die modernen akrophonischen Buchstabennamen zeigen, hat das überhaupt nichts mit der Gestalt der Schriftzeichen zu tun. Das semitische Bêt gleicht keinem 'Haus', die Rune Úr keinem 'Auerochsen', das kyrillische Buki keiner 'Buche' und das gaelische Beith keiner 'Birke'. Das sind willkürlich gewählte Vokabeln, die mit diesen Buchstaben anfangen.
Bei den Runen, in den slawischen Schriften und im gaelischen Alphabet wurden scheinbar willkürlich den Buchstaben Sachbezeichnungen mit gleichem Anlaut (Akrophone) zugeordnet.
Die Runen dienten nicht nur zum Schreiben, sondern auch zum Wahrsagen und Zaubern. Daher war es wichtig, dass jedem Zeichen ein Begriff zugeordnet war, aus dem der Wahrsager seine Schlüsse ziehen konnte. Die Vokabeln sind zwar in angelsächsischer Schreibweise wiedergegeben, gehen aber aufs Altgermanische zurück und sind nicht alle aus dem Angelsächsischen zu erklären.
Die slawischen Namen gehen zurück auf die ältere glagolitische Schrift, die von der kyrillischen abgelöst wurde. Die merkwürdige Auswahl der Vokabeln erweckt den Eindruck, als handle es sich um Wörter aus einem bestimmten Buch, die mit den entsprechenden Buchstaben begannen. Der zweiten Teil dagegen enthält Lautbezeichnungen oder die griechischen Buchstabennamen. Die Namen lassen sich nicht alle aus den modernen slawischen Sprachen erklären und stammen aus dem Altslawischen.
Das Gaelische (Irland und Schottland) hat hauptsächlich Baumnamen gewählt, auch wenn nicht mehr alle Bezeichnungen verständlich sind. Auch hier scheinen also die Namen sehr alt zu sein.
In den modernen Alphabeten sind die meisten Buchstabennamen reine Lautbezeichnungen. Einzig der Name für <H> in den romanischen Sprachen, hacca, ist ein Akrophon, das nötig wurde, weil die Romanen nicht mehr [a:] und [ha:] unterscheiden können.
Das lateinische Alphabet wurde in römischer Zeit durch die griechischen Buchstaben <Y, Z> ergänzt, im frühen Mittelalter durch das germanische <W> und zu Beginn der Neuzeit durch die Differenzierung von <I - J> und <U - V>.
<Y, Z> behielten im Lateinischen ihre griechischen Namen. <Y> wurde im Romanischen in i Graecum 'griechisches i' umbenannt. Die deutschen Namen wurden wohl erst in der Renaissance aus dem Griechischen übernommen.
<W> Seit im Spätlateinischen /v/ nicht mehr [w], sondern [v] gesprochen wurde, brauchte man ein neues Lautzeichen für das germanische [w] und schrieb dafür doppeltes <uu, vv>, daher der romanische Name 'doppeltes U / V'.
<J, V> waren im Mittelalter im Deutschen Schreibvarianten von <I, U>. Man schrieb am Wortanfang <J, V>, im Wortinnern <I, U> unabhängig von der Aussprache.
Erst zu Beginn der Neuzeit führte man die lautliche Unterscheidung ein und gab den neuen Konsonantenzeichen die hebräischen Namen: Jôd, wáw wurden in deutscher Aussprache [jot, fau]. Ursprünglich hießen sie [i:, u:].
In Italien dagegen unterschied man normales und "langes" <i> und gab dem neuen Konsonanten <V> den differenzierenden Namen [vu].
<H> Nachdem der Laut [h] im Romanischen verloren gegangen war, gab man dem Buchstaben <H> nach dem akrophonischen Prinzip den Namen hacca, frz. hache = dt. Hacke.
<K> Dafür gibt es im Italienischen keinen Bedarf. Der Buchstabe aus dem griechischen Alphabet bekam den griechischen Namen kappa.
Die englischen Buchstabennamen wurden mit englischer Aussprache aus dem Französischen übernommen. <Y> = [wai] könnte von einer abweichenden französischen Aussprache (etwa von oui 'ja') übernommen sein.
Um am Telephon einen Namen zu buchstabieren, sind die traditionellen Buchstabennamen nicht eindeutig genug (ha oder ka? be, de, ge, pe oder te?) Deshalb haben wir uns angewöhnt, statt der Buchstabennamen Personennamen oder Vokabeln mit dem entsprechenden Anlaut zu verwenden. Also buchstabiere ich meinen Namen nicht
te – i – es – ce – ha – en – e – er
sondern
Theodor – Ida – Schule – Nordpol –
Emil – Richard.
Diese Buchstabiermethode ist also rein aus praktischen Erwägungen entstanden und hat nichts mit einer sinnlichen Bedeutung des Buchstabenzeichens zu tun. Dies könnte wiederum ein Hinweis sein, dass auch die semitischen Buchstabennamen ursprünglich tatsächlich reine Lautbezeichnungen waren, wie oben dargelegt.
Sie benötigen die Schriftart ARIAL UNICODE MS.
Datum: 1999 / 2005
Aktuell: 14.07.2006