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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Kultur des Rasierens

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Warum hat der Mensch lange Haare und einen Bart?

1. Bart

2. Rasieren

 

Warum hat der Mensch lange Haare und einen Bart?    

1. Bart und eine dichte Mähne sind ein zusätzlicher Schutz der Kehle und des Schädels vor Verletzungen. Vgl. den Löwen und den Pavian, die sich bei Kämpfen untereinander schwere Verletzungen beibringen könnten.

2. Lange Haare sind ein Luxus, den sich Waldtiere nicht leisten können, wohl aber Steppentiere, vgl. wiederum Löwe und Tiger, Pavian und andere Affen oder das Pferd. Ein Waldtier wäre durch eine Mähne oder lange Haare in seiner Bewegung behindert.

Welchen Nutzen die langen Haare beim Pferd und beim Menschen haben könnten, ist schwer einzusehen. Vielleicht sind sie wirklich ein Luxus, den sich andere nicht leisten können.

3. Beim Menschen kommt zusätzlich die Möglichkeit dazu, die Haare abzuschneiden; d.h. es besteht für ihn kein Auslesevorteil, wenn er kurze Haare hat.

4. Ausgesprochen langer Haarwuchs scheint ein Kennzeichen speziell der europiden Rasse zu sein, die ja wohl in kälteren Gebieten entstanden ist: ein zusätzlicher Wärmeschutz als Ersatz für die sonst fehlende Körperbehaarung?

5. Hinzu kommt, dass langes Kopfhaar als ein weibliches Kennzeichen gilt, während der Mann eher zur Glatzenbildung neigt. Das mag hormonell bedingt sein, spricht aber gegen die Annahme, dass das Haupthaar eine Schutzfunktion hat (die hat sie auch nur, wenn die Haare nicht glatt runterhängen, sondern nach oben stehen und eine Art Polster bilden). War der Mann mit Glatze oder relativ kurzen Haaren von der Natur begünstigt, weil er bei der Jagd weniger behindert wurde? Dieses Auslesekriterium würde bei der Frau wegfallen.

Dagegen spricht aber, dass die Glatze erst im Alter auftritt, also zu einer Zeit, in der der Mann nicht mehr so leistungsfähig ist. Vielleicht war sie ursprünglich ein soziales Kennzeichen: der Glatzenträger ist einer mit Erfahrung, der Verantwortung trägt, aber keine besonderen körperlichen Leistungen mehr erbringen kann. In historischer Zeit gelten aber nicht die Glatze, sondern langer Bart und weiße Haare als Kennzeichen des ehrwürdigen Alten.

6. Auch der Bart ist ein soziales Kennzeichen: Er kennzeichnet den erwachsenen Mann, besonders, da er erst mit der Geschlechtsreife anfängt zu wachsen.

Ursprünglich mag er die Kieferpartie optisch vergrößert haben, unterstreicht also die aggressive Bereitschaft (ursprünglich zu beißen). Die drohende Wirkung eines Bartes ist uns heute noch bewusst und mag dazu geführt haben, dass man sich rasiert. Andrerseits verbirgt ein dichter Bart aber auch das Mienenspiel, so dass das Rasieren auch darin seine Ursache haben könnte, das Mienenspiel deutlicher zu machen.

Die drohende Wirkung eines Bartes hält solange an, wie er in etwa die Konturen der Kiefer beibehält. Sobald er aber mit zunehmendem Alter länger wird und beginnt herabzuhängen, bietet sich ein anderes Bild. Man wird also zwischen dem kurzen Jungmännerbart und dem langen des alten Mannes unterscheiden müssen.

Die Kultur des Rasierens aus etymologischer Sicht

1. Bart

Unser Wort Bart ist nur westgermanisch (althochdeutsch bart, alt- und neuenglisch beard). Das Altnordische kannte zwar auch barð, normalerweise aber sagte man skegg, ähnlich die heutigen nordischen Sprachen. Verwandte Wörter gibt es aber im Lateinischen (barba), Slawischen (altslawisch brada) und Baltischen (lettisch barda), alles aus einem indogermanischen bhardha, verwandt mit Borste.

Das nordische skegg 'Bart' ist verwandet mit skógr 'Wald' und altenglisch sceaga 'Gebüsch', sceacga 'Haupthaar'.

Sehr alt ist die übertragene Bedeutung von germanisch barda, altnordisch skeggja 'Streitaxt' mit etwa derselben Vorstellung, die in unserem Bart des Schlüssels steckt.

Bei den Kelten ist bardos zu einer Berufsbezeichnung geworden. Der Barde war der fahrende, hoch angesehene Sänger, ursprünglich wohl ein Stamm oder eine Kaste, die sich nicht rasierte. Die übrigen Kelten trugen wie Asterix meist nur einen Schnurrbart.

Barde kommt auch als germanischer Stammesname vor bei den Langobarden, die erstmals an der unteren Elbe nachweisbar sind und sich schließlich in Oberitalien niederließen. Die Lombardei ist nach ihnen benannt. Nach einer Stammessage hatten sich die Frauen vor einer Schlacht ihre langen Haare wie Bärte drapiert, so dass sich der Kriegsgott über die vielen "Langbärte" wunderte und diesem Stamm den Sieg und den neuen Namen gab. Diese Bärte haben wohl nicht nur bei dem Gott, sondern auch bei den Feinden Eindruck gemacht und ihnen die Entscheidung zur Flucht erleichtert.

Die heutigen keltischen Sprachen haben unterschiedliche Wörter: Altirisch fésóc, neuirisch féasóg, gaelisch feusag, Manx faasaag. Die Britannier dagegen haben das lateinische Wort als walisisch barf, bretonisch barv übernommen. Auf ein irisches ul 'Bart' soll der Stammesname Ulati, irisch Ulaid, Bewohner von Ulster zurückgehen. Ul ist wohl verwandt mit lateinisch pilus Haar' (im Keltischen ist grundsätzlich das p- ausgefallen).

Die Kelten und Germanen haben sich also normalerweise rasiert, sonst hätten sie alle das alte bharbha beibehalten und wären nicht auf die Idee gekommen, die Barden und Langobarden und Bewohner von Ulster nach ihren Bärten zu benennen. Dass nicht gerade die tägliche Rasur, aber wenigstens der Dreitagebart üblich war, erkennen wir auch an den Moorleichen, von denen keine einen Rauschebart hatte, wie man sich das vor 100 Jahren vorgestellt hat.

Die Griechen nannten die Manneszier géneion (génys 'Wange') oder pôgon (dasselbe mit po 'an'). Der 'Schnurrbart' hieß mýstax, wohl zu unserm Mund, Maul (Stamm mu-). Daraus französisch moustache.

2. Rasieren

Zuerst bronzene, dann eiserne und stählerne Rasiermesser hat man bis in die heutige Zeit gebraucht. Rasierklingen gab's wohl schon in der Steinzeit in Form schmaler steinerner Schneiden. Sie gerieten aber in der Metallzeit in Vergessenheit und mussten vor etwas mehr als 100 Jahren neu erfunden werden. Seitdem haben sie das Rasiermesser ganz aus dem häuslichen Gebrauch verdrängt. Klinge (seit dem 13. Jahrhundert) war ursprünglich ein poetischer Name des Schwertes, benannt nach dem Ton, den es beim Auftreffen erzeugte. Später nannte man auch den Blatt eines Messers so und schließlich das neu erfundene Rasiergerät,

Das Rasiermesser hieß lateinisch novacula, streng unterschieden vom Küchen- und Tafelmesser namens culter. Die Herkunft beider Wörter ist nicht geklärt.

Bei den Germanen hieß ein Schneidinstrument generell sahs (verwandt mit Säge und lateinisch secare 'schneiden'). Besonders bezeichnete man damit ein einschneidiges Kurzschwert, das den Sachsen ihren Namen gab. Genauer unterschied man dieses 'Verwundungsmesser' (scramasahs) vom 'Speisemesser' (mezzisahs, daher unser Wort Messer) und dem 'Rasiermesser' (scarasahs, mittelhochdeutsch schermezzer). Das einfache Wort dazu war scar, scara 'Pflugschar, Klinge' scâr, scâra 'Schere', davon abgeleitet ist unser scheren. Dieses bedeutet ursprünglich allgemein 'abschneiden' und wurde sowohl fürs Haarschneiden mit der Schere wie fürs Rasieren mit dem Messer gebraucht. Die Schere besaß ursprünglich nicht zwei gekreuzte Klingen wie heute, sondern bestand aus zwei Messern, die am Ende der Griffe mit einem federnden Eisen verbunden waren.

Zum Verschönern ging man im Mittelalter zum Bader, der das Bad bereitete und sich auch um Frisur und Bart kümmerte, oder zum Scherer, der Haare schnitt und rasierte und wie der Bader auch Wunden versorgen konnte. Im 14. Jahrhundert kam dafür das Wort Barbierer auf, aus altfranzösisch barbier zu lateinisch barba 'Bart'. Dieses Wort mit seinen vielen Rs wurde mundartlich abgewandelt zu Balbierer und davon abgeleitet barbieren, balbieren. Um eine glatte Fläche zu bekommen steckte der Bartscherer alten, zahnlosen Männern einen Löffel in den Mund und hat sie dann "über den Löffel balbiert". Das Wort Balbierer war noch vor einem halben Jahrhundert gebräuchlich, als man ein- oder zweimal in der Woche sich von ihm den "Bart putzen" ließ.

Unter Einfluss der französischen Mode kam im 17. Jahrhundert das Wort rasieren auf, aus französisch raser und dies aus mittellateinisch rasare, klassisch radere 'kratzen schaben'.

Beim Rasieren setzt man das Messer oder die Klinge nicht waagrecht an wie eine Sense, sondern senkrecht, und mäht die Bartstoppeln nicht ab, sondern schabt sie weg. Deshalb hat das altenglische skafan 'schaben, kratzen' seit dem 13. Jahrhundert die Bedeutung 'rasieren' angenommen (mittel- und neuenglisch shave).

   

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Datum: 1983 / 2006

Aktuell: 17.05.2013