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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Vorgeschichte der Finnen

rekonstruiert an Hand ihrer Sprache

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1. Frühe Kontakte mit den Germanen

2. Landwirtschaft von den Germanen übernommen

Sprachliche Hinweise:

a) Hausbau

b) Ackerbau

c) Viehzucht

 

1. Frühe Kontakte mit den Germanen

Die Finnen sollen im 1er-Jahrhundert n. Chr. in Finnland eingewandert sein (MS Encarta).
Ihre Sprache zeigt, dass sie frühen Kontakt mit den Germanen hatten. Einige Lehnwörter aus dem Germanischen weisen ältere Formen auf als sonst überliefert. So ist z.B. die Endung -as < -os noch voll erhalten, z.B. kuningas 'König' (anord. konungr), rengas 'Ring' (anord. hringr, hier sogar noch ohne Umlaut).
Wörter wie kana 'Henne', kansa 'Volk' (got. hansa 'Schar, Gruppe') lassen eine ältere Aussprache mit /ħ/ nebem jüngerem /h/ erkennen (Lautsubstitution für den dem Finnischen fremden Reibelaut). Das Wort für das Geflügel wurde also zweimal entlehnt, erst mit der alten und dann mit der heutigen Aussprache.

2. Landwirtschaft von den Germanen übernommen

Die sesshafte Lebensweise mit Landwirtschaft und allem, was dazugehört, scheinen die Finnen von den Germanen übernommen zu haben. Bei Tacitus 46 sind die Fenni noch steinzeitliche Jäger, die auf dem Boden schlafen und sich nur durch Schutzdächer aus Zweigen vor Wind und Wetter bergen und in Felle kleiden:

Fennis mira feritas, foeda paupertas: non arma, non equi, non penates; victui herba, vestitui pelles, cubile humus: solae in sagittis spes, quas inopia ferri ossibus asperant. Idemque venatus viros pariter ac feminas alit; passim enim comitantur partemque praedae petunt. Nec aliud infantibus ferarum imbriumque suffugium quam ut in aliquo ramorum nexu contegantur: huc redeunt iuvenes, hoc senum receptaculum. Sed beatius arbitrantur quam ingemere agris, inlaborare domibus, suas alienasque fortunas spe metuque versare: securi adversus homines, securi adversus deos rem difficillimam adsecuti sunt, ut illis ne voto quidem opus esset.

Die Fennen leben ungemein roh, in abstoßender Dürftigkeit. Sie kennen keine Waffen, keine Pferde, kein Heim; Kräuter dienen zur Nahrung, Felle zur Kleidung und der Erdboden als Lagerstätte. Ihre einzige Hoffnung sind Pfeile, die sie aus Mangel an Eisen mit Knochenspitzen versehen. Und von derselben Jagd nähren sich die Frauen ebenso wie die Männer; denn überall sind sie dabei und fordern ihren Anteil an der Beute. Auch gibt es für die Kinder keinen anderen Schutz vor wilden Tieren und Regengüssen, als dass man sie in einem Geflecht von Zweigen birgt; dort suchen auch die Männer ihr Heim, dort haben die Greise ein Obdach. Sie halten jedoch dieses Leben für glücklicher, als ächzend das Feld zu bestellen, sich mit Häuserbau zu plagen, in Furcht oder Hoffnung über eigenen und fremden Wohlstand nachzudenken.

Sprachliche Hinweise:

a) Hausbau

Finn. talo 'Haus' scheint durch Abklang geschieden von talli 'Stall' < germ. stall: Die Finnen lernten die festen Häuser bei den Germanen kennen.

  • sápmi lávvu 'Spitzzelt', luovvi, Holzgestell zum Lagern von Gegenständen' = finn. laavu 'Unterstand, Schutzdach' erinnert an die Schutzdächer bei Tacitus. Das Spitzzelt scheint also eine neuere Errungenschaft zu sein.

  • sápmi goahti 'Wohnung, Zelt, Erdhütte', finn. koti 'Heim, Haus', kota 'Zelt, Lappenhütte' [1] – also ein ugrofinn. Erbwort mit der allgemeinen Bedeutung 'Wohnung'.

b) Ackerbau

(Nur finnische Vokabeln)

  • Pflug: aura, vgl. lat. aratrum

  • Hacke: kuokka < *kâka mit Lautsubstitution /k/ für /χ/) = got. hoha 'Pflug'

  • Sichel: sirppi zu japhetit. *karp- 'ernten' (mit ostjaphetit. Lautung, vgl. lit. sirpti 'reifen')

  • Feld: pelto = germ. feld (mit Lautsubstitution /p/  für /f/), vgl. aber ung. föld 'Erde'

  • Hirse: hirssi = germ. *hirsi

  • Roggen: ruis < germ. *rugis (anord. rugr)

  • Gerste: ohra, vgl. Ähre

  • Hafer: kaura < germ. *ħaƀro

  • Weizen: vehnä < germ *wesna- 'Mahlzeit',  vgl. got. waila-wizns 'gutes Essen'

c) Viehzucht

Da die Urfinnen Jäger waren, ist anzunehmen, dass die meisten Tierbezeichnungen Erbwörter sind. Die Viehzucht haben die Finnen von den Indogermanen übernommen.

i. noachitische Erbwörter

  • Stier: sonni [2] erinnert an sem. צאן (ṣôn) 'Kleinvieh'

  • Lamm: vuona, vgl. ndl. oonen 'Junge werfen' (aus dem Keltischen), mong. üniyʔe  'Kuh'

  • Ziege: vuohi, wohl ein noach. Erbwort, vgl. lat. ovis

  • Hengst: ori, vgl. germ. ūrus 'Auerochs'. Das ugrofinn. Wort erinnert an finn. uros 'Männchen', ung. óriás 'Riese' [3]

  • Rentier: poro und peura (wohl Dialektformen), die an dt. Farren 'junger Stier', griech. πόρις (póris) 'Kuh', hbr. פר (par) 'Stier' erinnern. Die Finnen haben das Tier wohl erst in Skandinavien kennen gelernt. [4]

ii. ural-altaische Erbwörter

  • Herde, Vieh: karja [4a], atürk. qara 'Vieh'
    dazu karitsa, klass. mong. qurağʔa  'Lamm'

  • Kuh: lehmä [5]

  • Kuh: Sápmi gussa [6]

  • Stier: Das ugrofinn. Erbwort ist härkä [7].

iii. Lehnwörter japhetitisch

iv. Lehnwörter germanisch

  • Hirte: paimen mit germ. /ai < oi/ und Lautsubstitution /p/ für /f/, vgl. griech. ποιμήν (poimên) und VN Paemani. Vielleicht aus einer ostgerm. Sprache.

  • Schaf: lammas, in dieser Bedeutung nur got. lamb, gutn. lambi

  • Ziegenbock: pukki aus germ. *buk

  • Rind: nauta aus anord. naut

 

Schrift: ARIAL UNICODE MS

Sonderzeichen

Abkürzungen

[1] Verwandte bei Kate

[2] estn. sõnn

[3] estn. täkk (= türk. teke 'Bock), liv. erzöl

[4] Sápmi. heißt es boazu, vielleicht mit "Zetazismus" /z < r/, karel. petra, weps. pedr, estn. pöhja-pöder, liv. púoi ma pdr 'Nordland-Ren' (mit vorgesetztem Verschlusslaut wie Sápmi < Sami).

[4a] < finn. karjua 'brüllen' > karju 'Eber', karhu 'Bär'

[5] karel. wotjak. lehmä, weps., estn. lehm. liv. niem, ung. tehén (mit Anlaut-Entgleitungen)

[6] vgl. russ. коза (kożá), türk. kuzu 'Ziege'

[7] estn. härg, lif. ǟrga, karel. häkki, weps. häčoi, wotjak. ärtšä 'Stier'; Sápmi heargi 'männliches Ren'. Ob
ung: ökör, türk. öküz  dazugehören?.

[8] karel. heponi, estn. hobune, liv. bbi, weps hebo, wotjak  opön

Sápmi heasta (< anord. hestr), ung.

 

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Übersicht

 

 

 

Datum: 2005

Aktuell: 08.03.2014