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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Was uns südhessische Siedlungsnamen verraten

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Gliederung

Unsere Heimat im frühen Mittelalter

Römer

Alemannen

Burgunder

Franken

Frühe Christen

Unbekannte Siedlungen

Wüstungen

Vororte und Teilsiedlungen

Umbenennungen

Unverständliche Namen

Frauennamen

Keltische Spuren

noachitische Namen

 

Nicht alle Siedlungsnamen sind auf Anhieb so leicht zu verstehen wie Crumstadt 'krumme Statt, Stätte an der Krümmung' oder Nordheim 'Heim im Norden'. Andere wie Bürstadt oder Leeheim erschließen sich nicht gleich auf den ersten Blick und geben auch Fachleuten harte Nüsse zu knacken. Wer sich aber die Mühe macht, sich eingehender damit zu beschäftigen, dem erschließt sich nicht nur die Bedeutung der Namen, sondern er erfährt auch eine ganze Menge über die Geschichte.

Unsere Heimat im frühen Mittelalter

Eine zusammenhängende Geschichte der Bewohner unserer Heimat lässt sich erst seit etwa 500 schreiben. Kurz vorher hatten die Franken einen entscheidenden Sieg über die Alemannen errungen. Sie besetzten in den folgenden Jahrzehnten auch das Land zwischen Rhein, Main und Neckar. Seitdem gab es in unsrer Gegend keine weiteren dramatischen Völkerverschiebungen mehr. Auch wenn in der Folgezeit größere Gruppen zuwanderten, so passten sie sich an und gingen in der einheimischen Bevölkerung auf. Davon zeugt unsere Mundart, die sich aus dem fränkisch-alemannischen Mischdialekt des 5er-Jahrhunderts weiter entwickelt hat.

Vor 500 dagegen muss hier das totale Chaos gewesen sein. Die Alemannen hatten sich seit 250 in Südhessen niedergelassen, nachdem sie die römischen Truppen und Behörden über den Rhein vertrieben hatten. Das hinderte aber römische Zivilisten nicht, weiter im Land zu bleiben als Handwerker, Bauern und Händler. Der römische Steinbruch auf dem Felsenmeer blieb auch im 3er-Jahrhundert in Betrieb und die Römer leiteten sogar in dieser Zeit noch die Weschnitz nach Westen ab, um einen Wasserweg für ihre Steintransporte zu haben. Dennoch ging es in dieser Zeit nicht friedlich zu. Denn Römer und Alemannen lieferten sich ständig blutige Schlachten auf beiden Seiten des Rheins.

Um 400 änderten sich die Verhältnisse vollkommen. Von den Hunnen aus Osteuropa vertrieben, drangen ostgermanische Stämme in mehreren Schüben über den Rhein und verheerten Gallien. Ihnen folgten die Hunnen, welche schließlich 451 von einem römisch-germanischen Heer vernichtend geschlagen wurden.

Mit diesen Ostgermanen kamen auch die Burgunder und ließen sich im heutigen Rheinland-Pfalz nieder. Sie hatten vorher östlich des Odenwalds im Bauland und Taubertal gelebt und schon mehrfach versucht, nach Westen zu wandern. Ihre Aktivitäten haben anscheinend schon im 4er-Jahrhundert den alemannischen Einfluss in Südhessen nachhaltig gestört, viele Alemannen nach Süden ausweichen lassen und damit fränkischen Siedlern einen Anreiz gegeben, sich in unsrer Heimat niederzulassen.

Das wissen wir nicht nur aus schriftlichen Überlieferungen, sondern das können wir auch aus den alten Siedlungsnamen erkennen:

Römer

Obwohl es in Südhessen schon in römischer Zeit eine ganze Menge von Siedlungen gab, und obwohl die Alemannen einen Teil der römischen Höfe und Städte weiter bewohnten, sind uns doch nur wenige römische Namen überliefert:

  • Lopodunum = Ladenburg, die Hauptstadt der Civitas Sueborum Nicretorum 'Landkreis der Neckar-Sweben'
  • Vicus V(etus) = Dieburg-Altenstadt, die Hauptstadt der Civitas Auderiensium 'Landkreis der Auderier'
  • Nemaningenses = Leute von der Mömling, eine Truppeneinheit in Obernburg.

Davon hat allein Ladenburg (alt: Lobedenburg) seinen alten Namen behalten.

Alemannen

Die Alemannen haben die alten Orte neu benannt, wenn auch ab und zu in Anlehnung an ältere Namen:

  • Seligenstadt hieß 819 Ober-Mühlheim und wurde kurz darauf von Einhard, dem Sekretär Karls des Großen, in Saligunstat 'zur seligen/ glücklichen Stätte' umbenannt. Einhard verbrachte dort seinen Lebensabend. Möglicherweise konnte er aber auf einen Zweitnamen des Ortes zurückgreifen, der so ähnlich wie "Seligenstadt" klang und auf ein romanische salige 'Salweide' zurückgeht. Einhard hätte also den Namen des alten 'Weidenorts' als 'glücklichen Ort' umgedeutet. Archäologische Funde zeigen übrigens, dass Seligenstadt seit der römischen Zeit bis heute ununterbrochen bewohnt war.
    Wahrscheinlich stammt also der phantasielose Name Ober-Mühlheim von einer staatlichen Siedlungsaktion der Merowinger, als eine fränkische Familie beim alten Seligenstadt eine Mühle gründete.
  • Auch die Namen von Darmstadt und Groß-Umstadt (alt: Darmundestat, Autmundistat) scheinen in die alemannische Zeit zurückzugehen. In beiden Städten wurden alemannische Funde gemacht.
    Autmund war zwar ein Personenname, in diesem Fall scheint aber der Name einen anderen Ursprung zu haben: Aut- erinnert an die Dieburger Auderier, die Bewohner des Aud...-Landes, von dem auch der Odenwald seinen Namen hat. -mund- ist keltisch monedon, romanisch monte 'Berg'. -stat ist noch allgemein 'Stätte, Ort', nicht 'Mittelpunktgemeinde'.
    Ähnlich ist der Name von Darmundestat zu erklären: Dar- ist ein keltisches Wort für 'Eiche', -mund- bedeutet 'Berg' und -stat 'Ort'.
    Beides scheinen also alte Geländenamen zu sein.
  • Auch Bürstadt und Bobstadt (Bisistat, Babestat) werden in die alemannische Zeit zurückgehen. Bise bedeutet im Althochdeutschen und in der Schweiz 'Nordwind' und bezeichnet hier wohl einfach die Himmelsrichtung. Die "Nordwindstätte" Bürstadt hebt sich damit aber deutlich vom nahe gelegenen "Nordheim" mit seinem fränkischen Namen ab.
    Dann aber trägt auch Bobstadt einen alemannischen Namen, abgeleitet vom Personennamen Bab, der auch im Namen von Babenhausen zu erkennen ist. Dieser Ort setzt aber ein älteres Babingen fort, das ebenfalls alemannisch sein könnte.
  • Auch der Name von Dieburg scheint alemannischen Ursprung zu haben: althochdeutsch di(w)o > die 'unfreier Knecht' + burg = 'Römerstadt': Nach 250 wohnten immer noch Römer in den Überresten von Vicus Vetus, jetzt aber nicht mehr als Herren, sondern als di(w)a 'Knechte'.

Aus alemannischer Zeit stammen also wohl die alten Namen auf -stadt und -burg, wobei zu bedenken ist, dass ja auch später noch Namen mit diesen Gliedern gebildet wurden (z.B. Riedstadt, Hainburg erst nach 1970).

Ostgermanen, besonders Burgunder

Dass die Burgunder auch auf unsrer Rheinseite waren, beweisen burgundische Gräber bei Lampertheim. Es gibt aber auch überraschend viele Siedlungsnamen, die an die Burgunder erinnern, auch wenn vieles unklar ist und anders erklärt werden kann:

  • Viernheim kann zwar auch von keltisch vernos 'Erle' oder althochdeutsch firni 'alt' (vgl. fern) kommen. Eher denkt man aber an einen Personennamen, z.B. an den burgundischen Mundschenk Fjörnir 'der Alte' aus der Edda.
  • Einhausen hieß ursprünglich nur Hausen und könnte mit einem 983 erwähnten Rara identisch sein. Im Gotischen hieß 'Haus' nicht hus oder ähnlich, sondern razn (mit stimmhaftem /s/). Dazu gehört mit andrer Endung rasa 'Haus', das genauso zu Rara werden konnte wie germanisch wâsum zu deutsch (wir) waren. Im Deutschen gibt es nur das Wort Rast mit abgewandelter Bedeutung. Ist Rara = Hausen ein ostgermanischer Name?

Franken

Nach traditioneller Meinung haben die Franken Orte auf -heim gegründet, die Alemannen dagegen Orte auf -ingen.

Das stimmt in unsrer Gegend allerdings nicht. Denn Bessungen (alt: Bezcingon) ist nach Ausweis archäologischer Funde eine fränkische Gründung vom Ende des 4er-Jahrhunderts, Suntilingen = Gundernhausen wohl sogar eine niedersächsische, gegründet von Leuten aus dem Süntel-Gebirge, die 804 von Karl dem Großen zwangsumgesiedelt wurden. Viernheim dagegen könnte auch schon von den Burgundern gegründet worden sein, wie wir oben gesehen haben.

In der Regel ist es aber richtig, dass die Orte auf -heim von Franken gegründet wurden. Wir müssen hier aber unterscheiden zwischen:

  1. den klassischen Namen, gebildet mit einem Personennamen, z.B. Bensheim (alt: Basinsheim zum Personennamen Basîn), Biebesheim (alt: Buosinesheim zum Personennamen Buosîn), beide mit Umlaut und der zwischen 500 und 700 beliebten Endung -în (mit langem /i/).
  2. Namen mit einer leichtverständlichen Sachbezeichnung wie Nordheim, Seeheim, Altheim.
  3. Namen mit nicht ohne weiteres verständlichen Namengliedern wie Habitzheim, Reinheim.

Die Namen der Gruppe 3 stammen aus dem Mittelalter und greifen wohl auf ältere Flurnamen zurück. Die Namen der Gruppe 1 mit sehr altertümlichen Personenamen dürften teilweise noch in die Zeit vor 500 zurückgehen.

  • Gruppe 2 dagegen sieht mehr nach einer planmäßigen staatlichen Siedlungsaktion aus mit genauso phantasielosen Namen (Altheim, Nau- = Neuheim, Ostheim, Nordheim) wie bei unseren modernen Schöpfungen Modautal, Fischbachtal, Mossautal usw. Davon zu unterscheiden sind Namen wie Rohrheim (im Rohr = Ried), Seeheim (an einem See), Griesheim (an einer Düne; Grieß 'Sand'), die wohl etwas älter sind. Der fränkische Friedhof von Griesheim beginnt ziemlich genau mit dem Jahr 500.

Frühe Christen

Die Toten auf dem Griesheimer Friedhof sind von Anfang an mit dem Gesicht nach Osten, also auf christliche Art beigesetzt. Wenigstens die Gründer des Ortes werden also Christen gewesen sein. Wir erinnern uns: 498 ließ sich Chlodwig, der Gründer des fränkischen Reiches, taufen. Damit begann die Christianisierung eines ganzen Volkes, die sich allerdings noch bis ins 7er-Jahrhundert hinzog. Der Griesheimer Friedhof ist ein schönes Beispiel dafür: In seinen nach Osten ausgerichteten "christlichen" Gräbern finden sich immer wieder auch heidnische Beigaben, ja sogar Christliches und Heidnisches gemischt.

  • Ein frühes christliches Denkmal wurde in Goddelau gefunden: ein mit christlichen Symbolen geschmückter Grabstein einer Remico und ihrer Kinder aus der Zeit um 500.
    Christlich scheint auch der Name des Ortes zu sein: 834 in terminis Gotalohono 'in den Grenzen der Gotalohen', wobei -lôhôno Genitiv Plural von lôho ist und wahrscheinlich 'der nassen Wiesen' bedeutet. Gota dagegen ist unser Dialektwort Gote 'Patin' (eigentlich: "Mutter in Gott"). - Das männliche Gegenstück, den Petter finden wir bei Worms im Namen von Pfeddersheim. Noch in unsrer Zeit kann "die Gote" oder "der Petter" den Namen ersetzen. War die christliche Remico die "Gote" von Goddelau?
  • Dazu gehört auch der Name von Götzenhain, dem ein älteres Gotzfeld = Göttesfeld zugrundeliegt. Dahinter stecken weder der spätmittelalterliche Name Götz noch das spätmittelalterliche Wort Götze (ursprünglich: 'Heiligenbild'), sondern das heidnisch-germanische gudja 'Priester', das im Deutschen zu Götte 'christlicher Pate' wurde.
  • Arheilgen (alt: Araheiligon) lässt auch einen Laien einen religiösen Hintergrund vermuten. Die alte Arheilger Kirche war dem heiligen Kilian geweiht, einem irischen Wanderprediger, der den Herzog von Würzburg bekehrt und mit zwei Gefährten den Märtyrertod erlitten hatte. Vielleicht erinnert der Name von Arheilgen an diese wandernden "heiligen" Glaubensboten: zu westgermanisch âr 'Bote', Plural âra, also Araheiligon (Dativ Plural) 'zu den Botenheiligen'.
  • Die Leeheimer Kirche dagegen ist dem heiligen Alban geweiht, einem Mainzer Märtyrer. Vielleicht leitet sich der Name von Leeheim ab von althochdeutsch hlewo, später einfach 'Erdhügel, auch: Grabhügel': Lag auch hier ein "Heiliger" begraben, den man später mit dem bekannteren Alban verwechselte?

Unbekannte Siedlungen

Manchmal werden in alten Urkunden Siedlungsnamen erwähnt, die heute auf keiner Landkarte zu finden sind, nämlich

Wüstungen,

das sind verlassene Siedlungsplätze wie das Allmendfelder Frankenfeld (alt Frenkenfeld, wohl nicht zu dem Stammesnamen, sondern zu pfrengen 'einzwängen, einfriedigen'), ein Hof, der im 16er-Jahrhundert aufgegeben und nach dem 1. Weltkrieg wieder neu gegründet wurde.

Andere gingen bei Katastrophen zugrunde wie Lochheim bei Biebesheim oder Herulfesheim und Poppenheim bei Erfelden. Die drei Orte gingen im Rhein unter. Seilfurt bei Rüsselsheim brannte 1476 ab und wurde nicht wieder aufgebaut. Hüppelnheim bei Lengfeld wurde 1504 im Krieg zerstört. Heute steht dort nur noch eine Mühle.

Namen anders geschrieben

Hier wissen wir genau, dass diese Orte zerstört wurden und dass es sie heute nicht mehr gibt. Aber auch bei anderen müssen wir annehmen, dass sie nach einem Krieg eine Zeitlang unbewohnt waren, bevor sich dort wieder Menschen niedergelassen haben. Aktenkundig ist davon nichts; wir können das nur daraus erschließen, dass sich auf einmal der Name geändert hat.

  • Ein schönes Beispiel dafür ist Gadernheim, das ursprünglich Geidenheim hieß, mundartlich Gaarene. Im 15er-Jahrhundert wird die Schreibung unsicher. Mal schrieb man Geidenau, mal Gadern und seit 1605 Gadernheim. Diese merkwürdige Unsicherheit lässt sich nur dadurch erklären, dass der Ort eine Zeitlang unbewohnt war (wohl im selben Krieg wie Hüppelnheim zerstört). Die Menschen, die in ihn zurückkehrten, kannten zwar noch den Namen, wussten aber nicht mehr, wie man ihn schreibt.
  • Ähnlich wird es in Hähnlein gewesen sein, das 1333 Hennechen bzw. 1405 Hennech, heute Hehne heißt: zu althochdeutsch hegin > hen 'mit Hecken eingefriedeter Platz'. Daran wurde die Anfügung -eche gehängt: Hen-eche 'ein Platz, wo Einfriedigungshecken wachsen'. Das ganze wurde 1333 noch dekliniert und mit der Endung -en versehen: Henn-ech-en 'an einem Platz, wo Einfriedigungshecken wachsen'. Das war den Bewohnern doch zu kompliziert; sie blieben beim einfachen Hennech, woraus heutiges Hehne geworden ist. Dann kam 1504 (!) jemand auf die Idee, das müsste doch Heyn-chen 'kleiner Hain' heißen. Ein süddeutscher Schulmeister wollte es noch besser machen und schrieb 1578 Hainle, Hainlin mit süddeutschen Verkleinerungssilben. Da inzwischen das benachbarte Hain zu Hahn geworden war, wollten die Hehner nicht zurückstehen und bildeten 1640 Hänlein. Das lässt sich doch nur so verstehen, dass da im 15er-Jahrhundert Leute am Werk waren, die keine Ahnung hatten, Zugezogene. Und es gab niemand, der sie korrigieren konnte, weil der Ort ausgestorben war.

Vororte und Teilsiedlungen,

die entweder nie selbständig waren oder später in benachbarten Orten eingemeindet wurden. Letzteres haben wir ja in den siebziger Jahren bei der Gebietsreform erlebt. Ähnliches gab's auch schon früher; z.B. ging Bessungen 1888 in Darmstadt auf und erscheint heute kaum noch auf einer Karte. Einhausen wurde 1937 aus Groß- und Kleinhausen zusammengelegt, Rai-Breitenbach 1858 aus Raibach und Breitenbach.

Umgekehrt kam es auch vor, dass weit auseinander gelegene Siedlungen in mehrere selbständige Teile zerfielen, wie es bei den meisten Groß-/ Klein-, Ober-/ Nieder-Orten der Fall ist. Bei Reichelsheim wird 1321 der Ort Gumpen erwähnt, der schon aus den Teilen Nieder- und Obergumpen besteht (heute: Groß- und Klein-Gumpen). Von letzterem wurde 1827 Ober-Klein-Gumpen abgetrennt. Heute gehört alles zu Reichelsheim.

Aber auch schon in alter Zeit gab es Siedlungen, die nicht selbständig, sondern Teil eines größeren Ganzen waren. Dazu müssen wir wissen, dass es im frühen Mittelalter nur wenige geschlossene Ortschaften gab. Die Menschen wohnten vielmehr auf verstreuten Einzelhöfen. Diese trugen zwar wie heute eigene Namen, gehörten aber zu einer großen Gemarkung, die von einem zentralen Ort oder Hof aus verwaltet wurde. Ein solcher Einzelhof war z.B. das alte Frenkenfeld, das schon 1166 erwähnt wird, oder Geroldeshûsa (Einzahl) in der Pfungstädter Gemarkung (1011). In Dossenheim gab es 801 ein Bernhardteshûsun (Mehrzahl). Viele dieser Teilsiedlungen lassen sich heute nicht mehr identifizieren, weil sie im Weichbild des größer gewordenen zentralen Ortes verschwunden sind.

Umbenennungen

Bei Mühlen ist es heute oft noch so, dass sie nach ihrem jeweiligen Besitzer benannt werden. Die Neumühle am Westende von Pfungstadt heißt im Volksmund nach ihrem Besitzer Zehe-Mühl. 1854 wird in Pfungstadt eine Mühle erwähnt, die gleichzeitig Clöschesmühle, Appelsmühle und Hextorsmühle heißt.

Wir müssen annehmen, dass in früher Zeit auch viele Einzelhöfe mit dem Besitzer ihren Namen wechselten. Wir haben oben Suntilingen kennen gelernt, das in karolingischer Zeit in Gundernhausen umbenannt wurde, nach einem adeligen Grundbesitzer Gunterât. Leutershausen hieß 877 einfach Hûsa, 897 dagegen Liutereshusen nach einem geistlichen Grundbesitzer Liuthêre. Mit anderen Orten im Bergsträßer Raum wird 803 Bettenheim erwähnt, das nichts anderes sein kann als das heutige Beedenkirchen (Namensänderung nach dem Kirchbau). Wolfskehlen hieß 1002 Bibiloz, später Nieder-Biblis und erhielt seinen heutigen Namen nach einer dort ansässigen Adelsfamilie. Einen Doppelnamen führt heute noch Hering = Otzberg, wobei das Städtchen und der Berg Hering, die Feste und die Verbandsgemeinde Otzberg heißen.

In diesen Fällen sind die Namensänderungen historisch belegt oder wenigstens einleuchtend. In anderen Fällen dagegen kann man nur Vermutungen anstellen, so zum Beispiel dass Rara = Einhausen. 782 wird ein Hof (lateinisch villa) Oncular erwähnt, von dem ich vermutete, dass das der alte Name von Crumstadt ist. Der Name kommt aus dem Lateinischen (Uncularium 'Hakenort') oder Keltischen (ongl- 'krumm' + lâros 'Grund und Boden'), erinnert also nicht nur an den heutigen Namen des Ortes, sondern auch an die 1423 erwähnte Engelstat (an der Modaumündung, vielleicht zum "Angel"haken) und an den Kammerhof bei Leeheim (865 villa Camben, zu keltisch cambos 'krumm').

Unverständliche Namen

Die Namen von Rohrheim, Nordheim, Einhausen oder Crumstadt verstehen sich von selbst. Bei anderen wie Leeheim (althochdeutsch hlêwo, lê 'Grabhügel'), Pfungstadt (althochdeutsch pfung 'Geldbeutel', vielleicht Ansiedlung eines Kaufmanns) oder Handschuhsheim (Lehensverleihung durch Übergabe eines Handschuhs oder nach einem benannt, der nach seiner Mode "Handschuh" hieß) kommen wir mit Hilfe eines Wörterbuchs oder einem bisschen Nachdenken auf die Bedeutung. Manche Namen dagegen erweisen sich als harte Nüsse, die sich nicht so einfach knacken lassen:

  • Biblis (alt Bibiloz) hat die Endung -iss wie in Hornisse < hornuz. Aber was ist bibil? Davon lässt sich wiederum die Endung -il abtrennen (vgl. Hebel, Stempel 'etwas, was hebt, stampft'). Das übrig gebliebene bib- kann eigentlich nur mit beben zusammenhängen: 'etwas, was bebt' - vielleicht ein verschollenes Wort für 'Schilf' oder 'Ried'. Dazu passt nicht nur griechisch býblos, bíblos 'Papyrus', sondern auch die Namen Rohrheim und Ried. Biblis ist in Südhessen ein häufiger Flurname und kommt auch in den verschollenen Ortsnamen Nieder-Biblis = Wolfskehlen und Alten-Biblis (unbekannt, vielleicht bei Groß-Rohrheim) vor.
  • Wasser-Biblos (auch Wasserhof) bei Crumstadt hieß 764 Wassen Bibeloz, wohl eine ehemals verdeutlichende Zusammensetzung mit einem anderen untergegangenen Wort, das die Schweden als vass 'Schilf' erhalten haben, also etwa "Schilfen-Ried". Dieses Wort ist wiederum abgeleitet von germanisch wat- 'feucht' (englisch wet, österreichisch wass). Im 13er-Jahrhundert ist auch Wachsen- und Waschen-Bibeloß überliefert, wohl von ortsfremden Notaren, die den Namen nur nach dem Gehör schrieben. Die Bewohner selbst blieben seit 1200 Jahren bei <ss>, ein Zeichen, dass der Hof seit 764 ununterbrochen besiedelt ist. Heutiges Wasser- erinnert zwar an die Flüssigkeit, hat aber wohl nur die starke Endung von wass, so wie man ja auch "Schilfer Ried" sagen könnte.
  • Lorsch (786 Laurissa, später Lorse). Da man zur gleichen Zeit schon Rorheim neben dem altertümlichen Raureheim schrieb, wird man tatsächlich 786 [Lohressa] (mit Ton auf dem langen /o/) gesprochen haben. Der Name könnte wie der von Lorch im Rheingau (alt Lauriacum) vom römischen Personennamen Laurus kommen. Nun heißt der Ort aber seit 764 jahrhundertelang auch Lauresham (nicht zu Heim, sondern zu Hamm 'Ufer'), so dass wohl eher ein keltischer Flussname zugrunde liegt (vgl. irisch leor 'genügend, reichlich').
  • Trebur (alt Tribur- mit verschiedenen Endungen) erinnert an das keltische Trefor auf der Insel Anglesey bei Wales: zu cymrisch tref (sprich [trew]), irisch treb 'Wohnung', urverwandt mit deutsch Dorf.
  • Messel (800 Masilla) ist ein alter Flussname wie in römisch Mosa 'Maas' und Mosella 'Mosel', vgl. auch das Odenwalddorf Mossau und das französische Marseille (alt Masalla, Massilia). Der Messeler Mörsbach ist verunstaltet aus Miuesbach (800 Meuuuesbach geschrieben), also eine Variation des Flussnamens.
    Die unterschiedlichen kurzen Vokale entspringen nicht der Dummheit oder Phantasie der Schreiber, sondern dahinter steckt ein System: Vor 2500 Jahren hießen die Wasserläufe Mus-, daraus machten die Kelten im einheimischen Dialekt Mos-; so hörten es auch die Römer. Bei den Germanen wurde daraus Mas- mit dumpfem /a/. Bei Masilla wurde die Verkleinerungssilbe -illa dran gehängt, so dass schließlich ganz regelmäßig aus dem /a/ der Umlaut /e/ wurde. Nach den neuen Rechtschreiberegeln müssten wir heute Mässel schreiben, mit /ss/, weil es ja ein kurzer Vokal ist.
    Miues- müsste regulär heute Mies- oder Meuesbach heißen und steht im selben Ablautverhältnis wie althochdeutsch biugan / gibogen = biegen (beugen) / gebogen.
    Das Wort mus, das dahinter steckt, kannten auch unsere germanischen Vorfahren. Sie machten daraus althochdeutsch mos 'Sumpf, Moospflanze', heute Moos.

Frauenquote vor 1200 Jahren

Heute wird oft die Ansicht vertreten: In früheren Jahrhunderten galten die Frauen nichts. Da hatten nur die Männer das Sagen. Bei meiner Namensforschung bin ich aber auf Beispiele gestoßen, dass Ortschaften nach Frauen benannt wurden:

Dass Goddelau nach einer Gote 'Patin' benannt wurde, wurde bereits oben dargelegt. Schloss Heiligenberg bei Jugenheim erinnert an die Heiligen Felicitas und Perpetua, die dort oben in einem Kloster verehrt wurden. Frau-Nauses bei Höchst im Odenwald müsste eigentlich Frauen-Neusäß heißen und gehörte dem Nonnenkloster Höchst.

In einigen Fällen kann man nur an der althochdeutschen Endung erkennen, dass im Siedlungsnamen ein Frauenname enthalten ist: Bickenbach hieß 874 Bicchumbach, Zotzenbach 877 Zozunbach zu den heute nicht mehr gebräuchlichen Namen Bicka und Zotza mit der weiblichen Genitiv-Endung -un. Die entsprechende männliche Endung lautete -en.

Bei Heusenstamm (1210 Husenstam, 1211 Husilenstam) und dem untergegangenen Hildenhausen bei Harreshausen (1248 Hildenhusin) kann man nur noch ahnen, dass es sich um die mittelalterlichen Frauennamen Hûsa bzw. Hûsila und Hilda handelt; die einst so vielgestaltigen althochdeutschen Endungen sind inzwischen alle zu einem einheitlichen -en, -in verschliffen, so dass man nichts mehr unterscheiden kann.

Keltische Spuren

Wie die Menschen in vorchristlicher Zeit in unserer Heimat gesprochen haben, weiß ich nicht. Wir nennen sie zwar Kelten, aber ich bin mir nicht sicher, ob sie wirklich keltisch gesprochen haben, d.h. ähnlich wie die heutigen Iren, Schotten, Waliser und Bretonen. Es ist mir aber gelungen, mit meinen bescheidenen Keltisch-Kenntnissen ein paar Namen in unsrer Heimat ausfindig zu machen, die sich aus den bekannten keltischen Sprachen erklären lassen.

Dabei ist zu bedenken, dass keltische Namen genauso wenig aus keltischer Zeit stammen müssen wie lateinische Namen aus römischer Zeit. Und zwar deswegen, weil keltische Vokabeln unter der lateinischen Decke weiterlebten. Auf diese Art und Weise haben einige landwirtschaftliche Fachausdrücke aus vorrömischer Zeit sogar bis in die heutige Mundart überlebt, wie Brenk 'Bottich' (nicht lateinisch; Herkunft ungewiss) oder das keltische Mock, Moog 'Mutterschwein', vgl. cymrisch moch 'Schweine'. Die wüste Mockstadt (1350 Moxtat) bei Alsbach ist also trotz des keltischen Worts wohl erst von germanischen Bauern gegründet worden.

  • Das römische Mainz hieß Mogontiacum, nach einem inschriftlich bezeugten keltischen Gott Mogons und der keltischen Endung -iacum.
  • Worms trug zwar den römischen Namen Civitas Vangionum 'Bürgerschaft der (germanischen) Wangionen'. Auf die Dauer durchgesetzt hat sich aber der alte Name: "hochkeltisch" Borbetomagos, im einheimischen Dialekt Wormatia, Guormetia, mit dem keltischen Wort magos 'Feld' am Ende. Borbeto- war wohl eine Gottheit. Ähnlich heißt die dritte der "drei Jungfrauen" im Wormser Dom: (Embede, Willibede), Warbede.
  • Ladenburg hieß ursprünglich Lopodûnum, vielleicht zu einem Männernamen (lateinisch lupus 'Wolf') und keltisch dûnom 'Burg' (verwandt mit unserem Zaun und englisch town 'Stadt').

Das wär's eigentlich schon, was die Namen aus römischer Zeit anbetrifft.

Nun gibt's aber darüber hinaus noch eine Menge Geländenamen, die aus dem Keltischen stammen könnten und teilweise auch in Siedlungsnamen eingedrungen sind:

  • Breuberg (um 1200 Bruberc) zu cymrisch bru 'Bauch'
  • Die Gersprenz und das Dorf bei Reichelsheim hießen 786 Caspenze, richtiger nach späteren Belegen Gaspenze. Der erste Teil ist cymr. ias [jas] 'gären, sieden, sprudeln', verwandt mit althochdeutsch jesan > gären. Die Entwicklung /j > g/ lässt sich auch an anderen Beispielen belegen. Der zweite Teil ist cymrisch pant 'Tal'; das spätere -penze ist wohl aus -pantia abgeleitet.
    Später haben sich unter der Hand erst das erste /r/ und dann das zweite /r/ eingeschlichen, vermutlich weil man immer geahnt hat, dass der Namen mit gären zusammenhängt. Beim zweiten /r/ spielt wohl eine Deutung auf sprenzen 'spritzen' an, so dass wir den Namen nach Duden heute Gär-sprenz schreiben müssten.
  • Den Namen der Modau (804 Muotdaha) kann man genauso mit englisch mud 'Schlamm' erklären wie mit cymrisch mudo [müdo] 'gehen'.
  • Reinheim (1276/77 Rinheim) wurde im 12er-Jahrhundert in der Gersprenzaue neu gegründet. Es gab aber schon vorher in der Nähe eine alte Kapelle am Ende eines lang gezogenen Hügels und wohl auch einige Häuser, die auf dem Gelände der späteren "Vorstadt" standen. In Cornwall gibt es eine ähnlich gelegene Ansiedlung am Ende eines lang gestreckten Hügels mit dem keltischen Namen Penrhyn 'Kopf (pen) des Bergs (rhyn)', so dass der erste Namensbestandteil von Reinheim wohl auch keltisch ist.
  • Rossdorf liegt am Fuß des ehemaligen Basaltkegels Rossberg und hat einen Bruder in Oberhessen, der in der Nähe eines ähnlichen Basaltkegels mit einer keltischen Festung (heute: Amöneburg) liegt. Der Nachbarort in Oberhessen heißt Mardorf und erinnert an den Ober-Ramstädter Namen des Berges: Måhrberg. Man kann natürlich alle vier Namen mit zwei alten Wörtern für 'Pferd' in Verbindung bringen: Ross und Mähre; eher wahrscheinlich ist aber eine Verbindung zu irisch ros 'Vorgebirge' und mór 'groß'. Oder man hat den Bergnamen ros auf 'Pferd' gedeutet und ihm eine Mähre zur Seite gestellt.
  • Die Tromm zu cymrisch trum [trüm], irisch droim [drim] 'Rücken'
  • Winterkasten (Wintercasten) war 773 der Name der Neunkircher Höhe: zu altkeltisch vindos 'weiß', weil es dort oben im Winter am längsten "weiß" ist, und zu cymrisch cest [kest] 'Kasten, Bauch', das auch in Bergnamen vorkommt. Der Name lässt sich aber mit derselben Deutung auch deutsch verstehen: Kasten ist nicht nur ein hohler Behälter, sondern auch ein Quader, der in die Höhe ragt.

Es lassen sich noch einige andere Beispiele hinzufügen, die zum Teil oben aufgeführt sind; insgesamt aber ist die Ausbeute bescheiden. Das ist um so merkwürdiger, als man annehmen sollte, dass die wichtigsten Fluss- und Bergnamen doch nicht erst von den Germanen gebildet wurden.

noachitische Namen

Tatsächlich kannten schon die Römer die Flussnamen Rhenus, Moenus [Moinus], Nicer [Niker] 'Rhein, Main, Neckar'. Zu diesen Namen finden sich zwar Parallelen im Keltischen: altirisch rían 'Wellen, Flut, Meer'; ein irischer Fluss Maoin und altirisch nig- 'waschen', aber es ist eher anzunehmen, dass diese Namen nicht keltisch, sondern noch älter sind. Tatsächlich lassen sie sich von den Wurzelwörtern rei (griechisch rheî 'fließt'), mei (lateinisch meare 'gehen') und niğ (altirisch nig- 'waschen') ableiten, die nicht nur in den genannten Ausdrücken, sondern in vielen europäischen Sprachen weiterleben, z.B. rei auch in lateinisch ri-vus, slawisch rje-ka, gotisch ri-nno 'Fluss, Bach', mit anderen Endungen.

Diese Ausdrücke stammen nicht aus dem Indogermanischen. Die Indogermanen waren meiner Meinung nach die Streitaxtleute, die vor mehr als 4000 Jahren von Südrussland aus Ost- und Mitteleuropa sowie den Orient überschwemmten und außer ihren typischen durchbohrten und geschliffenen Steinäxten auch Pferde und Streitwagen mit sich führten, ihre Fürsten unter hohen Grabhügeln beisetzten und überall, wohin sie kamen, die patriarchalische Gesellschaftsordnung durchsetzten. Es handelte sich wohl nur um eine kleine Oberschicht, die bald mit der einheimischen Bevölkerung verschmolz und dem schon damals bunten europäischen Völkergemisch ein paar neue Farbtupfer aufsetzte. Sie haben darin nicht nur kulturelle und technische Neuerungen eingebracht, sondern auch ihre Sprache. Aber nicht wie die Römer, deren mittelitalischer Dialekt schließlich in ganz Westeuropa gesprochen wurde, sondern wie die Normannen, die nach der Eroberung Englands die rein germanischen Dialekte dieses Landes mit einer Anzahl französischer Vokabeln würzten.
Die so genannten indogermanischen Sprachen Europas und Asiens sind also keine Abkömmlinge von der Sprache der Streitaxtleute, sondern dem jeweiligen Sprachgemisch der verschiedenen Gegenden entwachsen. Viele Vokabeln, die man als "indogermanisch" bezeichnet, stammen wohl eher aus den Sprachen der Vorbevölkerung, die wiederum ihre eigene Vorgeschichte haben und erst vor mehr als 10.000 Jahren in eine gemeinsame Grundsprache zurückführen, die ich noachitisch nennen möchte. Sie ist nicht mehr in fertigen Vokabeln, sondern nur noch in den Wortwurzeln greifbar.

Hier werden wir also wieder fündig, wenn wir nach Ortsnamen aus der Zeit vor den Römern suchen. Dabei fällt auf, dass es weit gespannte Parallelen in der ganzen Alten Welt gibt:

  • Amorbach: zu einem noachitischen Wort für 'Graben, Kanal' (griechisch amáre). Merkwürdig gut passt dazu der Amur (Grenzfluss zwischen Russland und China).
  • Der Euter- oder Itterbach (773 Ivtra [Iutra] mit Zwielaut) verdankt seine doppelte Namensgestalt einer unterschiedlichen sprachlichen Entwicklung. Er ist der kleine Bruder des Nil, den die alten Ägypter j-t-r-w 'Fluss' nannten (die Vokale sind nicht überliefert). Dazu passt ein Nebenfluss der Kongo: Ituri.
    Wem das zu weit hergeholt ist, der möge sich vergegenwärtigen, dass auch der Neckar (römisch Nicer und Niger) im afrikanischen Niger einen großen Bruder hat oder dass der biblische Berg Morija Geschwister im Odenwald hat, die Moret bei Dieburg, der oben genannte Mohr- oder Rossberg u.a.
    Und wer's immer noch nicht glaubt, sei daran erinnert, dass ein "weißes" Kalkgebirge in ganz Europa ähnlich heißt: Alpen, Alb (neben dem Schwarzwald), Albion (keltisch für die Insel Großbritannien), Albanien (neben Monte Negro 'schwarzer Berg'), ja sogar der Libanon (zu hebräisch laban 'weiß', das doch wohl irgendwie mit lateinisch albus 'weiß' verwandt ist).
    Möglicherweise steht aber der Itter- bzw. Euterbach doch näher mit einem anderen Namen in Verbindung, nämlich mit dem des Odenwalds. Hier herrscht nämlich ein ähnliches Ablautverhältnis wie bei biegen/ beugen/ gebogen. Berücksichtigen wir noch die verschiedenen Endungen -en und -er, so kommen wir auf ein indogermanisches Wort, das uns am besten die alten Hethiter erhalten haben: 'das Wasser' = watar, 'des Wassers' = weténas. Wo ist aber beim Odenwald das anlautende /w/ hingekommen? Genau dahin, wo auch das w von (Fisch-)Otter hingekommen ist: Es fiel nämlich einer anderen Ablautreihe zum Opfer, die aus dem indogermanischen wodar 'Wasser' ein udar 'Wassertier' werden ließ.

Weiterhin sind noachitische Namen an gewissen gemeinsamen Bildungselementen zu erkennen: Zum Beispiel enden eine Reihe alter Bachnamen auf -ina:

  • Der Richer Bach (bei Groß Umstadt) hieß 766 Ricchina: zu slaw. rjeka 'Bach', eine Weiterbildung des noachitischen Wortes, aus dem auch der Name des Rheins gebildet wurde.
  • Die Semme (bei Semd) hieß im 8er-Jahrhundert Siemina: zu litauisch semiu 'schöpfen', altirisch sem- ausgießen.
  • Ihr Nebenfluss ist die Taubensemd, zu cymr. dwfr [duvr] 'Wasser', lettisch dubrà 'Sumpf', mit anderer Endung durch Umdeutung auf deutsch taub.
  • Olfenbach (773 Vluena [Ulvena]) und Uluina (772) bei Ilvesheim, vielleicht zu lateinisch ulva 'Schilfgras'.

 

Behandelte Namen

Alb, Alpen

Altheim

Amorbach

Arheilgen

Babenhausen
Beedenkirchen

Bensheim

Bernhardeshûsun
Bessungen

Biblis

Bickenbach

Biebesheim

Bobstadt

Breuberg

Bürstadt

Crumstadt

Darmstadt

Dieburg

Dreckhausen

Einhausen

Euterbach

Frankenfeld

Frau-Nauses

Gadernheim

Geroldeshûsa

Gersprenz

Goddelau

Götzenhain

Griesheim

Gumpen

Gundernhausen

Hähnlein

Handschuhsheim

Heiligenberg

Herulfesheim

Heusenstamm

Hildenhausen

Hüppelnheim

Ilvesheim

Itterbach

Kammerhof
Klotzenhausen

Ladenburg

Leeheim

Leutershausen

Lochheim

Lorsch

Main

Mainz

Messel

Mockstadt

Modau

Mühlennamen

Neckar

Nordheim

Odenwald

Olfenbach

Pfungstadt

Poppenheim

Rai-Breitenbach

Reinheim

Rhein

Richer Bach

Rohrheim

Rossberg

Rossdorf

Seeheim

Seeheim

Seilfurt

Seligenstadt

Semme

Taubensemd

Trebur

Tromm

Umstadt

Viernheim

Wasser-Biblos

Winterkasten

Wolfskehlen

Worms

Zotzenbach

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Übersicht

 

 

 

Datum: 1995 / 2005

Aktuell: 26.03.2016