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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Jerusalem

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Überlieferung
Nebenform

Hauptform

Form

Andere Namen

Morija

Zion

Jebus

Ariel

Colonia Aelia Capitolina

'die heilige Stadt'

Namenserklärung von Jerusalem

Meine Erklärung

Herkömmliche Erklärungen

 

Überlieferung

Nebenform

  • hebr. (Gen 14,18: Ps 76,3) שלם (Šálém)
    griech. (Josephus Ant 1,10,2 ) "Σόλυμα (Sólyma), das später Jerusalem genannt wurde"
    Nach Hieronymus soll es sich um eine andere Stadt
    südlich vom See Genezareth gehandelt haben.

Hauptform

  • Amarna: Urusalim, assyrisch Uruslimmu
    nabatäisch אורשלם (Ûrišalimu?), syr. Ûrišlam
    altarabisch أرىشلم (Urîšalim), أرشلىم (Uršalîm)
  • hebr. ירושלם, seltener ירושלים, nach späterer Tradition Jerûšála(j)im gesprochen
    jüd.-aram. Jerûšáläm

  • griech. Septuaginta Iερουσαλήμ (Ierūsalḗm), hellenistisch Iεροσόλυμα (Iero- oder Hierosólyma). Das Neue Testament hat beide Formen.

  • lat. Vulgata:  Hierusalem, Ierusalem, Hierosólyma und Ierosolyma

Form

  • Anlautendes Û- < Wa- ist die ältere Form von hbr. Je-, die übliche Sprachentwicklung. Die Schreibungen mit Aleph, Alif (ohne Hamza) sollen zeigen, dass der Name mit einem Vokal, nicht mit einem Konsonanten beginnt.
    Auch bei hbr. ירדן (Jardén) und arab. الاردن (al-Urdunn) 'Jordan' entspricht hbr. Jod einfachem Vokalanlaut U- (Alif ohne Hamza) im Arabischen.
  • Der zweite Vokal /u, i/ ist wohl eher Bindevokal als Teil des Stammes.

  • Die heutige hbr. Aussprache Jerûšálaijim kennzeichnet den Namen als heilig.
    Ähnlich die künstliche Differenzierung von אדני adonî 'mein Herr' (ursprünglich) und Adonáj 'der Herr = Jahwe' (eigentlich Plural 'meine Herren')
  • Bei griechisch -sólyma steht Omikron für Ḳámäṣ (offenes /o/) und Ypsilon für /i/, also griech. [solima] = antik-hbr. [ʃɔlimu].
    Auch bei griech Βαιτυλος (Baitylos) < phön. בתאל *Baitilu (Euseb praep. evg.) entspricht griechisches Ypsilon semitischem /i/.

  • Der griechische Anlaut mit H- erinnert an ἱερός (hierós) 'heilig' und beruht wohl auf einer jüdischen Umformung des hellenistischen Namens.

Eine Namenserklärung

kann ich erst versuchen, nachdem die anderen Namen behandelt sind.

Andere Namen

Morija

  • Gen 22,2 Abraham soll zu ארץ המריה (äräṣ ha-Morîjâ) 'dem Land Morija' gehen und dort Isaak opfern auf einem Berg, den Gott nennen wollte. Der Name wird in Vers 14 erklärt: "Jahwe wird sehen / sich ausersehen" (יראה jarʔäh) oder "auf dem Berg, auf dem Jahwe sich sehen lässt"  (יראה jéráʔäh).

  • '2. Chr 3,1 Salomo baut den Tempel in Jerusalem auf dem הר מוריה (har ha-Môrîjâ) 'Berg Morija', wo Gott seinem Vater David erschienen war (נראה nirʔáh, zu ראה ráʔôh 'sehen').

In der Genesis ist ha-Morîja ein Landesname und erinnert an osemit. Amurru, sum. MAR.TU 'Westland, Syrien und Phönikien' und den biblischen Volksnamen אמרי (Ämorî) 'Amoriter'. Der fragliche Berg ist etwas mehr als zwei Tagereisen von Abrahams Wohnsitz bei Hebron entfernt (Luftlinie Hebron - Jerusalem: 30 km = 1 Tagereise, Hebron - Samaria / Garizim 75 km = 2 ½ Tagereisen).

Erst in der späten Chronik wird der Berg eindeutig mit dem Jerusalemer Tempelberg identifiziert, so auch Josephus, bei dem Μώριονρος (Mṓrion óros) der Berg der Opferung Isaaks ist (Ant. I, 13, 1 f).

Die Rabbiner bringen die vermutliche Wurzel des Bergnamens, ירה < ורי (j-r-h < w-r-j) mit dem ersten Teil von Jeru-salem zusammen. Sie greifen auch die biblische Erklärung auf als יראה (jarʔäh)  'Er wird sich ausersehen' , die aber nicht haltbar ist. In griechischen und lateinischen Namenserklärungen bedeutet Jerusalem dem entsprechend ὅρασις εἰρήνης (hórasis eirḗnēs), visio pacis 'Schau des Friedens'.

{Biblisch-historisches Handwörterbuch, S. 3121 (vgl. BHH Bd. 2, S. 823)}

Das Land Morija und der Schauplatz der Opferung scheint also ursprünglich in Mittelpalästina gelegen zu haben, der Berg könnte der Garizim bei Samaria sein. Erst in nachexilischer Zeit wurde er mit dem Jerusalemer Tempelberg identifiziert.

Zion

  • ציון (Ṣîjôn), griech. Σίων (Síōn), lat. Sion

  • nhd. seit Luther Zion (in askenasischer Aussprache)

wohl zu ציה (ṣîjáh) 'Trockenheit'

Zion war ursprünglicher Name der alten Burg (so genannte Davidsstadt) auf der Felsnase im Südosten und im Zuge der Stadterweiterung auf den daran anschließenden Tempelberg und die ganze Stadt übertragen, schließlich poetischer Name von Jerusalem.

Jebus

  • יבוס (Jebûs)

war der Name der Stadt vor David (Ri 19,10 1. Ch 11,4). Weitaus häufiger erscheint der Einwohnername

  • יבוסי (Jebûsî) 'Jebusiter'.

Wenn die obige Deutung von Zion als 'trockener Ort' richtig ist, könnte Jebus eine ähnliche Bedeutung haben: eine Dialektvariante des geläufigen Stadtnamens

  • יבש (Jábéš), als Adjektiv 'trocken'
    Die Dialektvariante ס /s/ für ש /š/ ist Ri 12,6 bezeugt.

Ariel

Dieser Ausdruck kommt im Alten Testament in unterschiedlicher Gestalt und Verwendung vor:

  • אריאל، הראל (arîʔél, harʔél)  in Hes 43
    Das Wort bezeichnet hier den oberste Stufe des Brandopferaltars, auf dem die Opfer verbrannt wurden. Der Altar bestand aus 3 Stufen, unten 8 m lang und breit, und war 5 m hoch. Es handelt sich wohl um einen priesterlichen Fachausdruck, der mit phönik. אור (ûru) 'Feuer', arab. إرىة (ʔirujā) 'Feuerherd' zusammenhängt.
    Die Nebenform (harʔél) deutet wahrscheinlich als 'Berg Gottes': Der riesige Altar Hesekiels war ja eine Art künstlicher Berg.
    -el könnte ein Bildungselement sein. Vgl. hbr. כרם (käräm) 'Weinberg' und כרמל (karm-äl) Baumgarten'. Die Schreibung אל (-él) verweist aber auf das Wort für 'Gott' - wohl eine alte Deutung?

  • אריאל (arîʔél)
    In Jes 29 ist Ariel ein Name von Jerusalem, vielleicht zu verbinden mit dem Wort für 'Opferherd' bei Hesekiel: Wie die Opferstätte der wichtigste Teil des Tempels war, so war der Tempel der wichtigste Teil der Stadt.
  • אראל (ariʔél)
    In 2. Sam. 23,20, 1. Chr 11,22 handelt es sich um einen Personennamen oder Ehrentitel mit der Bedeutung 'Gotteslöwe', also nur eine zufällige Namensgleichheit, die vielleicht die Vokalisierung der anderen beiden Ariel beeinflusst hat.

Colonia Aelia Capitolina

Im ersten Jüdischen Krieg wurden Jerusalem und der Tempel unter Führung des späteren Kaisers Titus 70 n. Chr. zerstört. Kaiser Pius Aelius Hadrianus wollte dort 130 einen Tempel für den Jupiter Capitolinus errichten lassen, was den 2. Jüdischen Aufstand auslöste (132-135). Nach Niederschlagung der Revolte führte Hadrian seine Pläne aus und baute die Stadt als römische Kolonie wieder auf mit dem Namen

  • Colonia Aelia Capitolina 'die von Aelius Hadrianus gegründete Stadt des Jupiter Capitolinus mit besonderen Privilegien'

Überlieferte Kurzformen waren

  • Αλία (Ailía, Euseb), Aelia (Hieronymus)
  • Καπιτωλίας (Kapitōlias, Ptolemaios)

{Biblisch-historisches Handwörterbuch wie oben und S. 333 (vgl. BHH Bd. 1, S. 60)}

'die heilige Stadt'

Jerusalem ist seit dem Exil für die Juden, seit Jesu Kreuzigung für die Christen und seit Mohammeds Gebet und Himmelsreise für die Muslime eine heilige Stadt (erstmals Jesaja 52,1). Daher

  • ερόπολις (Hierópolis) 'Heiligstadt' bei Philon (Flaccus 46)

Der geläufige arabische Name ist

  •  القدس al-Ḳuds < hbr.  הקדש (ha-ḳodäš), syr. ḳudšâ 'die Heiligkeit' ,

daneben das ältere

  • بىت المقدس Bait al-Maḳdis < hbr. בית המקדש (bêt ha-miḳdáš), syr. bêt-maḳdešâ 'Haus des Heiligtums, Tempel'

Namenserklärung von Jerusalem

Meine Erklärung

  • Die semitischen Sprachen haben zwei Varianten derselben Wurzel *w-r 'leuchten, brennen', die das erste Glied von Jerusalem ergaben:
    Jerû-  mit Waw > hbr. Jod zu arab. ورى (warā) 'zünden'
    Uri- mit Aleph (verhärteter konsonantischer Anlaut) zu hbr. אור (ôr) 'leuchten, Licht', phönik. (ûru) 'Feuer', osemit. urru 'Licht', arab. أوّر (ʔ-ww-r) 'anzünden'

  • Jerû- ist die hebr. Weiterentwicklung aus *Wari-, eine substantivische Bildung wie לבוש lebûš 'Kleidung'
    Bedeutung etwa 'Feuerstätte' oder  'Opferstätte'.

  • hbr. שלם (šálém) könnte der aus Ugarit bekannte Gott Šalimu sein.
    In den Texten von Ugarit sind Šaḥaru und Šalimu zwei Sterngötter, wegen hbr. שחר šaḥar 'Morgenröte' gern auf den Morgen- und Abendstern gedeutet. Ob diese beiden einen Kult genossen oder nur mythologische Personifikationen von Naturerscheinungen waren, ist nicht zu erkennen und vor allem ungewiss, ob Šalimu auch in der Gegend von Jerusalem bekannt war und welche Funktion er dort hatte. Der Verweis auf den ugaritischen Gott, wie in vielen Namenserklärungen von Jerusalem, ist etwas voreilig.

    Es lassen sich noch nicht einmal aus dem Namen des Gottes Schlüsse ziehen. Seinem Namen nach war er eher ein Beschützer des Gemeinwesens als die Verkörperung einer Naturerscheinung:

    Der semitische Stamm š-l-m bedeutet 'ganz, heil sein, vergelten, vollenden, Wohlergehen, Hingabe, Art Opfer'.

    Welche Funktion eine Gottheit hatte, ergibt sich nur in den seltensten Fällen aus dem Namen. Vielmehr haben die Gläubigen diese Gottheit aus den verschiedensten Anlässen angerufen und die Dichter die phantastischsten Geschichten über sie erzählt. So gibt es kaum einen Gott, der sich mit wenigen Worten auf einen Nenner bringen lässt. Die alten Götter waren wie wir Menschen komplexe Persönlichkeiten.
    Da wir von dem mutmaßlichen Namengeber der heiligen Stadt nur den Namen -salem kennen, wissen wir so gut wie gar nichts über ihn.

Vor David hieß die Stadt - vielleicht nur für kurze Zeit - Jebus. David hat anscheinend wieder auf den alten Namen Jerusalem zurückgegriffen, der in damaliger Aussprache Jerušalimu lautete.

Ein nicht ungewöhnliches Verfahren. Worms hieß in keltischer Zeit Borbetomagos und bei den Römern meist Vangiones. Der deutsche Name greift wieder in die vorrömische Zeit zurück.

Nachdem man in nachexilischer Zeit den Namen Morija aus Gen 22 mit dem Jerusalemer Tempelplatz (und nicht etwa mit dem Garizim) identifiziert hatte, konnte man die in diesem Namen erkennbare Wurzel ורי (w-r-j) mit dem Stadtnamen verknüpfen, deutete aber fälschlich auf ראה (ráʔôh) 'sehen, ausersehen, erwählen'.

Herkömmliche Erklärungen

  • 'Schau des Friedens'
    die rabbinische Deutung

  • 'Gründung des Friedens'
    hbr. ירה (járôh) 1. 'werfen, schießen; benetzen; einen Grund legen'. Wie die Formen im Hiphʕil mit Waw zeigen (מורה môräh 'geworfen'), ist hbr. Jod aus Waw entstanden - die normale hbr. Entwicklung. Zu bedenken ist aber, dass die Bedeutung 'gründen' nur an einer Stelle (Hi 38,6) belegt ist, das macht diese Interpretation unwahrscheinlich.
  • 'Stadt des Friedens'
    wegen des anderen Anlauts kaum zu hbr. עיר (ʕîr), dessen Herkunft nicht geklärt ist.
    Auch das sumerische uru 'Stadt' (auch Stadtname) wird zur Erklärung herangezogen, kommt aber ebenfalls kaum in Frage. Zur Gründungszeit von Jerusalem war der mesopotamische Einfluss in Kanaan gering.
    Diese sumerische Stadt heißt hebr. אור (Ûr). Damit ließe sich allenfalls die außerjüdische Namensform erklären, nicht die Formen mit Je-.
     

 

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Übersicht

 

 

 

Datum: 2005

Aktuell: 09.08.2006