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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Laar, Lahr, Leer, Lohr, -lar

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Überlieferung

Form

Deutung

1. 'Zaun'

2. 'unbebautes Feld'

3. 'Wohnung'

4. nicht 'Fluss'

5. verschiedener Ursprung?

Fritzlar

Goslar

Lorsbach / Taunus

Wetzlar

Schluss

 

Überlieferung

  • 855 Villa Hlara > Laar / Niederlande [1]

  • 890 Hleri > Leer / Ostfriesland [2]

  • 9er Jh Frideslare > Fritzlar [3]

  • 922 Goslarie > Goslar [4]

  • 1141 Witflaria > Wetzlar [5]

  • 1215 Lare > Laar / Baden [6]

  • 1296 Lare > Lohr am Main [7]

  • Südhessische Flurnamen: Lehr, Lehrbach, Löhrbruch, Leerbruch, Lehrstraße, Lehrweg, die Lehrn [8]

Form

Es stehen also nebeneinander die Formen hlara, hleri, lare, laria und larie.

In altfriesisch Hleri könnte germanisches langes /ē/ erhalten sein, das sonst zu /ā/ wurde. Demgemäß müsste die Grundform germanisch nicht *hlār, sondern hlēr lauten. Auf einen ursprünglich langen Vokal weist auch Lare > Lohr, denn in der mitteldeutschen Mundart wurde nur ursprünglich langes /a/ zu /o/, während später gedehntes kurzes /a/ zu dem Zwischenlaut /å/ wurde.

Da nur bei der ostfriesischen Stadt und den Flurnamen <e> geschrieben wird, könnte auch ein durch i bedingter Umlaut vorliegen.

Deutung 

1. 'Zaun'

Dafür spricht vielleicht nfries. lērs ' Gattertor an einem Dorfzaun'. [9]

Etymologie

vielleicht zu deuten als 'zu einem *lēr 'Zaun' gehörig', da die Bedeutung 'Zaun' aber nicht direkt überliefert ist, unsicher.

Kaum zu akelt. clāron 'Brett', dem germanisch hlōr entsprechen müsste.

2. 'unbebautes Feld'

zu einem mnl. laar 'unbebautes Feld' (1296). [10] Dazu passt merkwürdig bask. larre 'Weideland, Wiese'

Auch die Flurnamen auf leer weisen auf eine Art Fläche.

Etymologie:

wegen des niederländischen Hlara > Laar (mit <h>) nicht zu leer 'ohne Inhalt' < lesen, got. lisan 'aufsammeln', auch nicht zu aengl. lǽs / lǽswes 'Weideland' [11] (beides ohne <h>)

Kaum zu aengl. hléor, and. hlior, anord. hlýr 'Wange', hier vielleicht im Sinn von 'Abhang'. Das Wort weist auf *hlē-wo-r, das althochdeutsch hlāwer oder wie altsächsisch hlior lauten müsste

Wenn wir uns von dem nur zweimal bezeugten anlautenden H- nicht irritieren lassen, könnte dieses Wort kelt. *lāros 'Boden' sein, das wie dt. Flur sowohl den Fußboden im Haus wie den Erdboden bezeichnen kann. /Hl/ könnte eine keltische Anlautmutation sein. Das Cymrische unterscheidet scharfes <ll> [ɬ] vom weichen <l> [l]. Das scharfe L hört sich an wie [hl].

3. 'Wohnung'

zu ahd. gi-lari 'Wohnsitz, Raum in einem Haus', [12] wohl zu roman. lar 'Herd, Heim'.

4. nicht 'Fluss'

Lohr heißt auch ein Nebenfluss des Mains [13], der aber auch nach der fränkischen Stadt genannt sein könnte.

Bei Wetzlar, Goslar ist lar mit einem Flussnamen verbunden. Das lässt sich eigentlich nur als unterscheidenden Zusatz verstehen: 'Lar an der Witifa' und 'Lar an der Gose'. Vgl. Neckar-Steinach

Auch bei den Flurnamen Lehrbach, Lehrbruch handelt es sich um unterscheidende Zusätze: 'der Bach, das Bruch an der Lehr'.

5. verschiedener Ursprung?

Gesichert ist das anlautende h nur bei den beiden nördlichsten und zugleich ältesten Belegen. Im 8er Jahrhundert schrieb man auch noch Hludewic und Hlothar, später nicht mehr. Die Belege ohne <h> stammen aus späterer Zeit.

Trotzdem muss die Möglichkeit offen bleiben, dass die Namen unterschiedlichen Ursprung haben.

Es könnten also die Flurnamen und mittelniederländisch laar 'unbebautes Feld zusammengehören' und nichts mit den Siedlungsnamen zu tun haben. Dann könnte man sie auch zu leer 'ohne Inhalt, abgeerntet' stellen.

Fritzlar

Dagegen scheint Frideslare > Fritzlar (Ursprung in einem Kloster) an Einfriedigung und damit an die Bedeutung 'Zaun' zu erinnern.

Das kann aber keine verdeutlichende Zusammensetzung sein wie Walfisch, Rentier, weil hier das schwierige Wort an erster Stelle und bei Frideslare an zweiter Stelle steht, außerdem hat eine verdeutlichende Zusammensetzung kein Genitivzeichen.

Vielmehr muss man übersetzen 'lar des Friedens', ein Wunschname, wie er auch in Seligenstadt vorliegt.

Goslar

ist benannt nach dem Fluss Gose < *Gusa, vgl. ahd. ur-gusi 'Überfluss' < japhet. *ƺʰeu- 'gießen' [14]

Lorsbach / Taunus

hieß 1043 Laresbach.

Wetzlar

liegt an der Wetzbach, 9er-Jahrhundert Wettifa, 1262 Wetsa, wohl zu aengl. wǽt 'nass'

daher der Familienname Wetzler

Schluss  

Die Flussnamen muss man wohl gesondert behandeln. Die Wohnstättennamen kommen wie ahd. gilari von roman. lār 'Herd, Heim. Das erklärt auch das ofries. ē und moderne ō.

 

Schrift: ARIAL UNICODE MS

Sonderzeichen

Abkürzungen

 

[1] De Vries, Etymologisch Woordenboek 220

[2] Duden, Geographische Namen in Deutschland ² 179

[3] Duden, Geographische Namen in Deutschland ² 114f

[4]  Kirsten Casimir, Unterlagen zu einem Flurnamenseminar bei Prof. Udolph 1995

[5] Duden, Geographische Namen in Deutschland ² 294

[6] Duden, Geographische Namen in Deutschland ²  173

[7] Duden, Geographische Namen in Deutschland ² 185

[8] Südhessisches Flurnamenbuch 636

[9] Jensen, Wörterbuch der nordfriesischen Sprache 322: lērs n. 'Hecktor (Tor am Dorfzaun)', pl. lǟre

[10] De Vries, Etymologisch Woordenboek 220

[11] Pokorny, Indogermanisches Etymologisches Wörterbuch 665

[12] nur vier Stellen bei Otfried: 1,11,11 'früherer Wohnsitz', 4,9,10 'Raum im Obergeschoss', 4,15,7; 5,23,2 'Wohnungen im Himmel'

[13] Duden, Geographische Namen in Deutschland ² 185

[14] Pokorny, Indogermanisches Wörterbuch 448

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Übersicht

 

 

 

Datum: 2005

Aktuell: 17.04.2014