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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Siedlungsnamen zwischen Rhein, Main, Neckar und Itter

Lautgeschichte
der südhessischen Ortsnamen

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1. Einleitung

a) Schreibung und Aussprache

b) Frühere Gepflogenheiten

2. Schreibarten

a) Selbstlaute

b) Mitlaute:

Lippenlaute

c) Zahn-  und Gaumenlaute

d) Rachenlaute

3. Rückschlüsse auf die gesprochene Sprache

a) Betonung

b) Selbstlaute

c) Mitlaute:

Verschluss- und Reibelaute

d) Lippenlaute

e) Zahnlaute

f) Gaumenlaute

g) Rachenlaute

/ g / k / qu / ks / h / ŋ

 

3. Rückschlüsse auf die gesprochene Sprache

g) Rachenlaute

i. Verschlusslaute

Entspanntes /g/

/g/ bleibt im Anlaut erhalten

  • 834 Gotalohono > 1223 = 1436 = 1536 Gode-

Fnhd. Erweichung vor hellem Selbstlaut: [g-] > [j-]

Im Fnhd. muss im Anlaut [je] statt [ge] häufiger gewesen sein, als es der äußere Anschein vermuten lässt, ließ sich doch das gehörte [je] auch für einen Ortsfremdem leicht als mundartliche Abart von [ge] erkennen: 1483 Jernesem = Gerns-; 1398 Jergenhusen = älter-mda. [jɝjə'hausə] = Georgenhausen

Der geriebene Laut /- ǥ -/

In der heutigen Mundart wird /g/ im Inlaut und oft auch im Auslaut nicht als Verschlusslaut, sondern als Reibelaut gesprochen und je nach lautlicher Umgebung unterschiedlich hervorgebracht:

vollmundartlich:  nach dunklem Selbstlaut:

  • /- ǥ -/ = /-u-/

    • der wagen = ['vɔuə]

nach hellem Selbstlaut

  • /- ǥ -/ = /y/

    • wiegen = ['viːjə]

im Auslaut: /-ğ/ = [g, ɣ, ʒ]

  • tag = [dɔːg / dɔːɣ]

  • krieg = [griːʒ]

halbmundartlich: = [ɣ, ʒ]

  • ['vɔːɣə; 'viːʒə; dɔː ɣ; griː ʒ]
    nach den obigen Beispielen

Bei der Schreibung von Siedlungsnamen kommt diese weiche Aussprache nur gelegentlich zum Ausdruck:

Lautgesetzliche Entwicklung /age/ > /ai/ > /a:/

  • Richtig:

    • 1208 Hagen > 1354 Hayn > 1377 Hane

  • falsch

    • 1282 Nalsbach > 1451 Neils- = 1593 Nagels-.

Verwechslung von /ǥ/ mit /h/

  • 1335 Dagesberg = 1339 Das-

  • 1398 Kintzege = 1480 Kinczich

Andeutung von /ǥ/ durch <gh>?

  • 1246 Weneghgerahe

  • 1496 Schiemettenwagh

Im Auslaut stehen von Alters her die harte und weiche Aussprache nebeneinander. Eine Regel lässt sich nicht feststellen: [1]  

  • 1208 Ditburg = 1207 -burch = 1291 -burk

Gespanntes /k/

/k/ bleibt im Anlaut erhalten.

/k/ wird im ererbten Bestand der heutigen Mundart wie in der Hochlautung im Anlaut als behauchtes [kh] gesprochen

  • [khalp, khuː, khint].

Die Behauchung wird aber in der Schrift nicht angedeutet. Gelegentliches <ch-> ist oberdeutsche Schreibart:

  • 795 Kasenowa / 8" Chinzichen; 1130 Kirsehusen; 1347 Kohlhauwe; 1829 Kortelshütte.

Andrerseits wechseln in der Schreibung <g> und <k, c>, so dass man annehmen muss, dass /k/ in früheren Sprachzuständen unbehaucht war. Darauf weist auch der unterschiedliche Schreibgebrauch bei /p/ und /k/.

germ /p/ > aRhfr. <ph>,
aber germ. /k/ = aRhfr. <k, c, g>

  • 718 Caspenze = 1012 Gaspenza

  • 800/1000 Gunterateshusen = 1250 Cunterates-

  • 830/50 Gelsterbach = 1275 Kelster-

Im Inlaut heute entspannt und unbehaucht

Wo in der heutigen Mundart im Inlaut [-g-] gesprochen wird, handelt es sich um ursprüngliches /k, kk/; inlautendes /-g-/ ist dagegen zu /-ǥ-/ geworden, siehe oben:

stecken

= mda.

['ʃtɛgə]

wegen

= mda.

['vɛjə]

balken

= mda.

['balgə]

balg

= mda.

[balʒ]

Bickenbach

= mda.

['begəbax]

Egelsbach

= mda.

*[ɛjəls-]

Balkhausen

= mda.

[balk'hausə]

Arheilgen

= mda.

['ɔːRhɛljə]

Inlautendes <-k->

Wie im Wortschatz ist auch im Namenschatz einfaches <k> zwischen Selbstlauten selten, weil im Hochdeutschen germanisches /k/ zu /x/ geworden ist und nach kurzem Selbstlaut heute <ck> stehen muss:

  • 10" Flokenbah = 1012 Fluchenbah > heute: Flockenbach [2]

Nach Fließlaut: <k, c, ck>

  • 795 Birkenowa; 1206 Starkimberg; 1357 Balkhûsen; 1567 Starckhenburg

Doppeltes /k/ = <ck, cc, kk>

Doppeltes /k/ ist entstanden

  • entweder aus germ. /g, k/ vor /y, l, r/

    • got. hugjan = ahd. hucken 'denken'

    • got. akrs = ahd. ackar 'Acker'

  • oder verschärftem /g, k/ in Personennamen

    • *Biga > verschärft *Bicca > 874 Bicchumbach - Sigo > verschäft Siggo > 830 Sicgenhouon.

<ck> dient heute als Zeichen dafür, dass der vorhergehende Selbstlaut kurz ist - unabhängig von der Herkunft. Das macht sich auch bei der Schreibung der Ortsnamen bemerkbar:

  • Rüdiger? > 1252 Regershusen (kurzes /e/) > 1538 Ruckers- > 1697 Rückers-.

Auslautendes [-k] = ursprüngliches /k/

  • 1095 Stoc.heim = 1283 Stock- = 1341 Stog-

= ursprüngliches /-g/ (Auslauterhärtung)

Ursprüngliches /-g/ wurde schon im Ahd. unterschiedlich ausgesprochen, wie die verschiedenen Schreibungen zeigen. So ist es heute noch. Es überschneiden sich im Rhein-Main-Gebiet offenbar norddeutsches weiches /-ǥ/ und süddeutsches hartes /-g/

  • 822 Aberinesburg/ -berk - um 1200 Bruberc
    = 1409 -berg / 1378 = 1543 -burk

  • heute: tag = [dɔːg / dɔːɣ]; Lichtenberg = [-bɝːg];

  • Heubergshaus = 1854 <Haberichs->

Die Lauteinheit <qu> = /ǩ/

Das japhetitische unterschied drei Arten von Verschlusslauten, die mit dem Zungenrücken gebildet wurden:

 

1. am mittleren Gaumen

/c, j, ch, jh/

> [kj…] > [tç…]

 

2. am hinteren Gaumen

/k, kh, g, gh/

> [k…]

 

3. am Gaumensegel

/ǩ, ğ, ǩh, ğh/

> [kw…]

Bei der ersten Reihe wurde der folgende Selbstlaut mit gehobener Zunge, bei der dritten mit gerundeten Lippen ausgesprochen.

Die weu. Sprachen kennen in ihren ältesten Beständen aber nur die 2. und 3. Reihe, die auch im Gotischen erhalten ist:

 

 

japhetitisch

gotisch

deutsch

 

2.

/c, ch, k, kh/

/h/

/h/

 

 

/j, g/

/k/

/k-/, /-x-/, /-x/

 

 

/jh, gh/

/g-/, /-ğ-/, /- ğ /

/g-/, /- ğ -/, /- ğ /

 

3.

/ǩ, ǩh/

<ƕ> = / h̆ /

/w-/, /-h/

 

 

ğ, ğh/

<q> = /ǩ/

/ǩ/ > [kw] > [kv]

Von der dritten Reihe blieb also im Deutschen nur /ǩ/ = <qu>: 1380/1400 Quadelbach = heute: Quattel-.

Vor hellen Selbstlauten ging dagegen /ǩ/ in /k/ über:

  • ahd. queman > nhd. kommen = mda. ['khumə] - ahd. quimit > nhd. kommt = mda. [khimt]

  • 806 Quinticha > 1095 Cunticha > 1321 Küntich > 1349 Künnich > mda. ['khiniç]

  • 16. Jh. Quirnberg > 1341 Kernhof

  • *Quillunbach > um 1100 Colun- > 1829 Kolm-

Dies erlaubt den Schluss, dass /ǩ/ noch im M.mda. als /k/ + Lippenrundung und nicht als [kw] ausgesprochen wurde. Die Aussprache [kv] ist mit Sicherheit erst neuzeitlich.

Die Lauteinheit <x> = /ks/
 

japhetit. [ks] > germ. [ħs] > ahd. [hs] >

norddeutsch [ś]

 

 

süddeutsch [xs] > nhd. [ks]

 

6 = lat. sex = got. saihs  [sɛħs] = ahd. sehs =

1. [sɛś] > m.mda <sess>

 

 

2. [sɛxs], vgl. 60 = [sɛçtsiç]

 

 

3. nhd., n.mda. [seks]

  • richtig: 

    • 779 Sahsenheim = 1367 Sassin-, heute: Sachsen, mda. = ['saːsə]

  • falsch: 

    • 801 Dossenheim > 1032 Dohssen-

    • 830/50 Wassen Bibeloz > 1318 Wachsen-; 15. Jhd. Wassenbach und Wachsen-

ii. Reibelaute

Die aus /k/ entstandene Lauteinheit /h/

/h/ ist in der deutschen Sprachgeschichte zweimal entstanden:

Lautverschiebung
japhetit. /k/ > germ. /h/ > dt. [h-], -ø-, -ø

  • lat. cornu = got. haurn [ħorn] > ahd., mhd., nhd. horn [horn]

  • lat. ducere = got. tiuhan ['thiuħan] > ahd. ziohan ['tśiohan] > nhd. ziehen ['tsiːən]

  • lat. lucus = ahd. lôh [loːħ > loːh > loː]

Lautverschiebung
japhetit. /g/ > germ. /k/ > dt. /x/ = [x, ç]

  • lat. gelidus = got. kalds [khalðs] = alem. chalt [kxalt]

  • lat. sagire = got. sokjan ['soːkjan] = ahd. suohhan ['suokxan] > nhd. suchen ['zuːxən]

  • lat. ego = got. ik = ahd. ich > nhd. ich [iç] / ahd. ih [ih] > ober-dt. [iː]

Entsprechend bei den Ortsnamen:

Lautverschiebung
japhetit. /k/ > germ. /h/ > dt. [h-], -ø-, -ø

  • lat. cornu = ahd. horn > 1366 Hornbach

  • lat. lucus = ahd. lôh > 1316 Ackyrloch = 1357 -loe

Ausfall des /h/ > Ersatzdehnung:

  • lat. mercatus > ahd. marht > mda. [mɔːRt] :: nhd. markt
    gall. Volcae > 9. Jh. Walahostat ['walaħo-] > 1184 Walhe- > 1426 Wayl- = [vaːl-]

germ. /ht/ nach /e, i/ > m.mda. <t> :: nhd., n.mda. [xt, çt]:

  • engl. bright = ahd. beraht > 1428 Hombrechtenrode / Hombret-

  • engl. light = ahd. lioht > 1228 Lichtenberg / 1256 Lithen-

  • mhd. schiumeht > 1345 Schemmechtinwage > 1496 Schiemetten-

Lautverschiebung: japhetit. /g/ > germ. /k/ > dt. /x/ = [x, ç]

  • lat. fagus = and. bôka = ahd. buohha > 1829 Achtbuchen

  • griech. megálē  = got. mikila = ahd. mihhila > 741 Michilstat

iii. Fließlaute

Der Nasenlaut [ŋ]

Schon die alten japhetitischen Sprachen kannten diesen Laut; die indische Schriften haben dafür sogar ein eigenes Zeichen. Das Griechische und Gotische schreiben dafür <γγ, γκ= gg, gk> = [ŋg, ŋk], das Lateinische <ng, nc, gn> = [ŋg, ŋk, ŋn]

  • griech. ággelos ['aŋgɛlos] > got. aggilus [3] ['aŋgilus], lat. angelus 'Himmelsbote, Engel'.

Trotzdem ist [ŋ] wahrscheinlich auch schon in alter Zeit nur eine stellungsbedingte Abart von /n/, da es nicht im Anlaut vorkommt. Es hat wahrscheinlich folgende Grundlagen:

  • /n+g/ im Wort selbst

    • japhetit.: dt. nagel = lat. unguis = griech. ong-,
      also einmal mit Selbstlaut zwischen /n/ und /g/ und einmal ohne.

    • deutsch: wenig > mda. [viŋk]

  • /n+g/ in der Wortfuge

    • mhd. wîn+gart > nhd. wingert = ['viŋɝt]

  • verschäftes stimmhaftes /g/, wie die griechische Schreibung <gg> andeutet

    • griech. ag- 'treiben' wird verschärft > [aġː > aŋg] in aggareúein 'zwingen' und ággelos 'Gesandter, Engel' [4]

    • deutsch acker /anger < japhetit. [aġr- / aġːr-]

  • Nasaler Ablaut vor /g, k/: [ãk > aŋk]

    • japhetit. bhre:g / bhrãg > lat. frégi / frango = dt. breche / brach [5]

<ng> wurde auch im Deutschen ursprünglich [ŋ+g] gesprochen, wie etwa an mhd. singen / sanc zu erkennen ist. Die heutige Aussprache [ziŋən, zaŋ] ist wohl erst nhd. In Fremdwörtern und Namen sprechen wir immer noch [ŋ+g]

  • tangente = [thaŋ'genthə]; Ingo ['iŋgo], Bengalen [beŋ'gaːlən].

In Siedlungsnamen: /ng/ = [ŋg, ŋkh] (Auslauterhärtung)

  • 764 Lancquata = 773 Langwata

  • 1012 Getwinc > 1258 Zwingenberg

<-incheim, -inkheim, inkeim> = [iŋghɛim]

  • 794 Bibincheim = 1266 Bebinkheim = 1491 Bibinkeym

<nk, nc, nck> = [ŋkh-]

  • 773 Franconodal; 1166 Frankenvelt; 1558 Franckenthal

 

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[1] In Südhessen überschneiden sich offenbar das norddeutsche /ǥ/ und das süddeutsche /g/.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


 

[2] Grundlage unklar

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


[3] Ich schreibe sonst der Deutlichkeit halber <ng, nk>.

 

 

 

 

 

[4] Vgl. die neugriechische Schreibung < ντ, nt> = [ḋ], < μπ, mp> = [ḃ], <γκ.  gk> = [ ġ] im Anlaut. 

[5] Das /ŋ/ ist schon im Germanischen ausgefallen, vgl. bringen / brachte, denken / dachte

 

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Übersicht

 

 

 

Datum: 1995 / 2005

Aktuell: 16.02.2018