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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Voll cool, das Wetter!

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Innerhalb weniger Stunden war der Schnee getaut, ein paar Tage lang herrschten frühlingshafte Temperaturen. Dann wischte ein Tief die Sonne weg. Ein Schneesturm ließ die Landschaft für ein paar Stunden wieder weiß werden. Wir haben's Ende Januar und Anfang Februar erlebt. "Voll cool, dieses Wetter!"

Wieso eigentlich cool? Na ja, es war ja zeitweilig kühl oder sogar kalt. Und wer's noch nicht weiß, dem sei's hiermit kundgetan: Englisch cool bedeutet 'kühl, ziemlich kalt' und als Wort der primitiven Umgangssprache auch 'cool, bewundernswert'. Es soll Schüler geben, die cool für ein deutsches Wort halten.

"Voll cool", wer so sagt, denkt nicht an Schnee und Gefrierschrank, sondern das soll eine Anerkennung sein: 'bewundernswert, großartig'. Gedacht war ursprünglich an eine menschliche Eigenschaft: Cool ist im Englischen auch einer, der sich nicht provozieren lässt, kaltblütig reagiert und sich nicht von seinen Gefühlen hinreißen lässt. Wenn einer das kann, ist er bewundernswert. Denn cool sein, das kann nicht jeder.

Solche bewundernden Auszeichnungen sind einem starken Wechsel unterworfen: In meiner Jugend fanden wir etwas toll (ursprünglich bedeutete das Wort 'verrückt') oder prima ('erstklassig'). Später lobten wir mit klasse ('erstklassig, zur besten Art gehörig'), spitze ('hervorragend'), super (überragend'). Heute konkurrieren geil ('üppig, ausgelassen, lüstern'), extrem ('äußerst') und fett ('fettig, dick') mit cool. Eine Leserin schreibt, Vorläufer von toll sei in den Dreißigerjahren spinnert ('verrückt') gewesen. Dazu kommen Verstärkungen wie voll ('gefüllt') und echt ('unverfälscht').

All das scheinen kurzlebige Modewörter zu sein, Ausdrücke vor allem aus der Sondersprache der Jugendlichen, die im Umgang untereinander eine ganz andere Sprache pflegen als die zu Hause und in der Schule gelernte. Damit grenzen sie sich gegen die Erwachsenen ab, die eine andere Sprache führen, und zeigen zugleich, dass sie zu ihrer Clique gehören. Es liegt nun einmal im Wesen der Jugend, dass sie zu viel überschüssige Kräfte hat und manchmal von ihren Gefühlen hin- und hergerissen wird. Das laute, provozierende Gehabe derer, die man früher "Halbstarke" nannte, kommt auch in ihrer Sprache zum Ausdruck: Man sucht nach kräftigen Wörtern. Wer will's den jungen Leuten verübeln? Wir waren früher genauso, auch wenn wir etwas 'verrückt' (toll) fanden und nicht 'kaltblütig' oder 'lüstern' (cool, geil).

Dass häufig gebrauchte Wörter in ihrer ursprünglichen Bedeutung verblassen, ist nichts Neues. Beispiele: Sehr bedeutete ursprünglich 'schmerzlich' (dazu versehren 'verletzen'). Fast 'beinahe' ist mit fest verwandt. Bald war ursprünglich nicht 'in Kürze', sondern 'aggressiv', daher kühn' (englisch bold), 'schnell'. "Der Frühling kommt bald", nämlich heranstürmend mit eilenden Schritten. Cool, gell ? Wirklich bewundernswert, diese Jahreszeit! Ich hoffe aber, dass sie nicht Kühle, sondern Sonnenschein und Wärme mit sich bringt.

   

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Datum: 17.02.2004

Aktuell: 24.12.2009