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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Eier

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Weicheier

Eierkopf

Lehnübersetzungen

Zusammensetzung

 

 

Nein, diese Sprachecke soll keine verspäteten Betrachtungen über Ostern enthalten. Die Anregung kam von einem Leser, der sich über den Ausdruck Weicheier Gedanken gemacht hatte. Mit diesem wenig schmeichelhaften Wort bezeichnet man ‚Schwächlinge’, also ängstliche Menschen, die sich nicht wagen zu wehren und den Rückzieher machen, wenn man sie zur Rede stellt. Man denkt dabei vielleicht an weiche Frühstückseier, die viel empfindlicher sind als hart gekochte.

Tatsächlich sind aber die ‚Hoden’ gemeint. Im Französischen gibt es einen ähnlichen Ausdruck: Eine couille molle, wörtlich ‚weiche Hode’, ist einer, der nicht viel Zeugungskraft und sonstige Energie hat und daher feige ist. Der Ausdruck ist bei uns erst seit ein paar Jahren in Gebrauch. Im Französischen kommt er aber schon in dem 1912 erschienenen „La guerre des boutons“ („Der Krieg der Knöpfe“) von Louis Pergaud vor.

Auch ein anderes mit Ei zusammengesetztes Wort haben wir aus dem Ausland übernommen, den Eierkopf. Damit bezeichnen wir einen ‚weltfremden Intellektuellen’, aus unerfindlichen Gründen nach einer besonderen Kopfform genannt, die auch weniger gescheiten Leuten eigen ist. Der Ausdruck ist wohl aus dem Englischen übernommen. Dort nennt man den Gelehrten egghead. Das Wort fehlt noch in älteren Wörterbüchern.

Beiden Wörtern sehen wir nicht an, dass sie aus dem Ausland stammen. Sie wurden ins Deutsche übersetzt. Damit entstanden Wörter, die es vorher nicht gab oder unter denen man sich vorher etwas anderes vorstellte: ein weiches Frühstücksei, eine besondere Kopfform. Solche Ausdrücke heißen Lehnübersetzungen im Unterschied zu offensichtlichen Fremdwörtern (französisch Feuilleton ‚Kulturseite der Zeitung’, englisch Sandwich ‚Art belegtes Brot’) und eingedeutschten Lehnwörtern (Keks aus dem Englischen, Büro aus dem Französischen).

Wer nicht weiß, was ein Schmerbauch ist, kann vielleicht noch raten, dass das eine besondere Art von Bauch ist. In dieser Zusammensetzung sagt das Vorderglied (Schmer ‚Fett’) Genaueres über das Hinterglied aus (Bauch).

Bei Glatzkopf, Bleichgesicht, Rothaut kann man sich denken, dass damit nicht nur die Körperteile, sondern die Menschen gemeint sind. Hier steht der Teil (Kopf, Gesicht, Haut) für das Ganze (Mensch). Wir sagen ja auch an Bord gehen“ und meinen nicht „auf ein Brett“, sondern „auf das Schiff“. Oder wir denken beim „täglichen Brot“ nicht nur an ein bestimmtes Backwerk, sondern an alle Lebensmittel.

Bei Wörtern wie Weichei, Eierkopf, Dickkopf, Hasenfuß, Langfinger sind aber nicht Menschen mit den so bezeichneten Körperteilen gemeint, sondern Menschen mit Eigenschaften, die wir mit diesen Körperteilen in Verbindung bringen, also Schwächlinge, Gelehrte, Eigensinnige, Feiglinge, Diebe.

Im Krieg der Knöpfe ist Weicheier ein böses Schimpfwort. Dabei muss Weichheit oder Sanftheit kein Zeichen von Schwäche sein. Elefanten sind sehr stark und trotzdem sensibel. Sie brauchen keinen Löwen zu fürchten und können trotzdem rohe Eier vorsichtig behandeln.

   

 

 

 

 

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Datum:  20.04.2004

Aktuell: 24.12.2009