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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

... sitz ich beim Schwager vorn

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Ein Schwager ist der Bruder des Ehegatten. In dem Lied vom „gelben Wagen“ ist aber der Postillon gemeint. Der Fahrer der Postkutsche war namentlich nicht bekannt; man sprach ihn mit Schwager an. Auch Studenten, Handwerker, Kollegen nannten seit etwa 1700 einander so. Die Studenten, die ja oft auf Reisen waren, übertrugen diesen Titel auf den Postkutscher.

Dass wir Verwandtschaftsbezeichnungen auf fremde Menschen anwenden, ist nicht ungewöhnlich:

Bruder, Schwester war schon im Altertum für Stammes- und Glaubensgenossen gebräuchlich. Heute ist Schwester offizieller Titel einer Krankenpflegerin; man spricht sie mit „Schwester + Vornamen“ an. Diese Sitte stammt von den katholischen Nonnen, die in der Krankenpflege tätig waren, später auch bei den evangelischen Diakonissen gebräuchlich. „Bruder + Nachname“ ist Anrede eines evangelischen Predigers. Ältere Geistliche reden einander mit diesem Titel an, wenn sie nicht Herr Amtsbruder sagen.
Vater, Mutter hat man schon im Altertum im übertragenen Sinn gebraucht, zum Beispiel in religiösen Gemeinschaften (Papst von lateinisch papa, Abt von aramäisch abba; Pater als Anrede für Mönche, Mutter Theresa).

Ganz aus der Mode gekommen ist in den letzten Jahrzehnten, dass Kinder fremde Erwachsene Onkel, Tante nennen, eigentlich Bezeichnung für die Geschwister der Eltern. Mit „Tante + Vornamen“ sprach man bis vor 30 Jahren eine Kindergärtnerin an. Man warnte die Kinder schon vor einem halben Jahrhundert, mit einem bösen Onkel (Kinderschänder) zu gehen, und wenn er noch so freundlich tut. Nach dem Krieg führten viele Kriegerwitwen eine Onkelehe, weil sie aus verschiedenen Gründen nicht heiraten konnten oder wollten. Onkel nannten die Kinder den Lebensgefährten ihrer Mutter.
Diese Sitte, Erwachsene Onkel, Tante zu nennen, ist kaum älter als 150 Jahre.
Onkel, Tante (aus dem Französischen) kam in Mode ab 1700 an Stelle von Vetter, Base (hier: Geschwister des Vaters) und Oheim, Muhme (Geschwister der Mutter) – Anzeichen vom Aufkommen der bürgerlichen Kleinfamilie, in der genauere Unterscheidungen nicht mehr notwendig waren.

Dagegen bezeichnen wir heute mit Oma, Opa nicht nur die Großeltern, sondern überhaupt alte Menschen. Manche Jugendliche nennen alle Erwachsenen so.
Die beiden Wörter sind noch keine hundert Jahre alt und wurden verkürzt aus Großpapa, Großmama an Stelle von Großvater, Großmutter (schon mittelalterlich an Stelle des älteren Ahn, Ahne).
Für Menschen über 60 haben wir heute keine überzeugende Bezeichnung mehr. Greis, Greisin ist nicht mehr gebräuchlich, als alt will niemand gelten, Senioren klingt nach einer behördlichen Sprachregelung und Oma, Opa sind nicht die elegantesten Ausdrücke.

   

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Datum: 0607..2004

Aktuell: 24.12.2009