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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Redensarten

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

Email:

auf den letzten Drücker

über die Stränge schlagen

Zügel fest in der Hand

Vogel

kleinen Mann im Ohr

 

auf den letzten Drücker

Wer „auf den letzten Drücker“ kommt, ist ziemlich spät dran.
Die alte Taschenuhr war durch einen Deckel verschlossen. Wenn man bei manchen Modellen einen „Drücker“ betätigte, sprang der Deckel auf und zeigte die Uhrzeit. Ich stelle mir einen Schulleiter vor 100 Jahren vor, der die Schüler erst kurz vor Unterrichtsbeginn ins Schulgebäude ließ. Er stand da, holte immer wieder seine Uhr aus der Tasche und wartete, bis es Zeit zum Einlass ist. Fritzchen kam gerade noch „auf den letzten Drücker“ angesaust, mit dem sich der Rektor überzeugte, dass es genau halb acht war.
Man sollte erwarten „beim letzten Drücker“. Das „auf“ stammt wohl aus einer Vermengung mit „auf die letzte Sekunde“, was ja schließlich mit dem Ausdruck gemeint ist.

über die Stränge schlagen

Wenn ein paar junge Leute beisammen sind, werden sie manchmal übermütig, tun verrückte Dinge und gehen dabei mitunter zu weit. Sie „schlagen über die Stränge“.
Ähnlich machen es junge Pferde aus Übermut oder aus Angst. Ich saß als Kind einmal bei der ersten Ausfahrt zweier junger Pferde im Wagen. Jedes Mal, wenn ein Auto kam, sprangen sie vor Schreck hoch. Dabei bestand die Gefahr, dass die Seile (Stränge), mit denen sie den Wagen zogen, zwischen ihre Hinterbeine kamen. Oder dass sie durchgingen und in den Straßengraben fuhren. Zum Glück war nicht viel Verkehr und mein Vater hatte „die Zügel fest in der Hand, das heißt die Lederriemen, mit denen die Pferde gelenkt werden. Wir kamen wieder heil nach Hause.

„Du hast einen Vogel
südhessisch

Ein überaus beliebtes Bild in mehreren Variationen: „Du hast einen Vogel. Du hast eine Meise. Bei die piept’s wohl!“ Dazu die Geste, dass wir mit dem Finger an die Stirn tippen und jemand „den Vogel zeigen“. Mit alle dem wollen wir sagen: „Du bist verrückt.“
Gemeint war ursprünglich: „Du hast einen Vogel im Hirn.“ Der Vogel ist ein uraltes Symbol für Geist: der heilige Geist wird als Taube, das Geistwesen Engel mit Flügeln dargestellt. „Du bist verrückt“, du hast also einen falschen, zusätzlichen Geist im Kopf. Oder wie wir auch sagen: „Du hast einen kleinen Mann im Ohr“, der dir lauter dumme Gedanken einflüstert.
Vielleicht ist das Bild vom Vogel auch davon beeinflusst, dass manche Menschen unter Tinnitus leiden und Geräusche, Pfeifen, Klingeln hören, die andere Menschen nicht wahrnehmen können. Wer das nicht weiß, könnte auf die Idee kommen, dass die Betroffenen verrückt sind.
Dagegen kommt die Redensart vom „kleinen Mann im Ohr“ wohl daher, dass manche Leute „Stimmen hören“, also akustische Wahnvorstellungen (Halluzinationen) haben.
Statt des „Vogelzeigens“ bürgert sich in jüngerer Zeit immer mehr ein, dass wir mit der Faust vor der Stirn eine Drehbewegung machen und damit andeuten: „Bei dir ist ein Schräubchen locker“, dein Gehirn funktioniert nicht richtig. Dieses moderne Bild von einer mechanischen Uhr drückt aus, wie viele heute „Geist“ verstehen: als etwas, was im Gehirn entsteht. Wenn dort „ein Schräubchen locker ist“, kann ja nichts Gescheites herauskommen.

   

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Datum: 10.08.2004

Aktuell: 16.07.2010